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Aktueller Online-Flyer vom 22. Juli 2018  

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Globales
Aus "Welt ohne Leib" – erschienen in "Bumerang" (11)
Die Antwort auf alles: Patriarchat als Technik. Schlussfolgerungen für andere zivilisatorische Verhältnisse
Von Claudia von Werlhof

"Bumerang" ist eine "Zeitschrift für Patriarchatskritik". Im Herbst 2017 ist Ausgabe 3 erschienen. Ihr Schwerpunkt ist "Patriarchat als Technik". Claudia von Werlhof hat dafür einen ca. 150 Seiten umfassenden Leitartikel geschrieben. Sein Titel lautet vollständig: "Welt ohne Leib – Die Maschine als das 'höhere Leben' – Auf der Einbahnstraße zum 'Omnizid' – Das utopische Projekt der modernen Technik und seine die irdischen Lebensbedingungen bewusst vernichtenden Folgen". Daraus gibt die NRhZ Auszüge wieder. Hier Auszug Nr. 11:

Erwischen wir den Faden der Ariadne, kommen wir durch das ganze Labyrinth, hier die moderne Zivilisation insgesamt. Die Frage nach der Technik hat sich als roter Faden durch das gegenwärtige „Weltsystem“ (Wallerstein 1979) erwiesen und überraschende Zusammenhänge aufgezeigt, die bisher in dieser Form nicht erkannt wurden, weil dieses Weltsystem nicht als im aufgezeigten Sinne „patriarchales“ verstanden wurde. Dadurch blieb unsichtbar, was sich jetzt nachgerade aufdrängt. Es ist eine neue Sicht auf die Bedeutung der am Patriarchat orientierten Technik für die Ausprägung und Entwicklung der übrigen zivilisatorischen Verhältnisse, ja nachgerade ihre Negation:

Das politische Verhältnis als Organisationsform des sozialen Zusammenlebens ist mit der Megamaschine dabei, in den Totalitarismus zu kippen, denn „demokratische“ Verhältnisse können an und in der Megamaschine nichts Wesentliches ändern. Sie sind daher eine Illusion und können, falls es sie gibt, nur solche Probleme lösen, die hinter dem Komma stehen. Das politische Verhältnis ist daher weiter denn je von einer möglichen demokratischen Gestaltung und Entwicklung entfernt. Es tendiert im Gegenteil immer mehr zu einem neuen und viel umfassenderen, nämlich globalen Totalitarismus und Faschismus, als es sie bisher gab, weil die Entwicklung der Gesellschaft zum alchemistischen Kriegssystem der globalen „Megamaschine“ gar keine andere Option lässt. Ja, die dadurch sich bildende „Omnipotenz“ an der Spitze dieses Systems ist noch dadurch geprägt, dass dort die Mittel zum laufenden „Omnizid“ befehligt und dieser jederzeit in einen endgültigen Gesamt-Tod verwandelt werden kann. Was bei den bisherigen Diskursen zum politischen Verhältnis also fehlte, war vor allem diese sukzessive Verwandlung der Gesellschaft und des Staates in eine technologische Gesellschaftsformation, sprich weltweite Megamaschine. Des weiteren wurde nicht bemerkt, welch lebensfeindlichen Charakter sie hatte, und warum daher die Todeslogik und der Nihilismus dieser Unternehmung ihr letztes Resultat ist. Dadurch wurde gar nicht bemerkt, dass die politischen Optionen von vornherein verschwanden, als die moderne Technik zu „greifen“ begonnen hatte. Vor allem aber wurde die technologische Einbahnstraße in den Omnizid weder gesehen, noch als ebenso politische verstanden. Naive Sätze wie: „Das können die doch nicht wollen, weil sie ja selber und ihre Kinder betroffen wären“ zeigen nur, wie vollkommen unerkannt das patriarchale Projekt geblieben ist.

Nur aus der Perspektive der Megamaschine als (paradoxe) „Inkarnation“ des Patriarchats und der von der Maschine diktierten Geschwindigkeit, mit der sie alle noch existierenden Reste von „Humanismus“ und „ästhetischer Formgebung“ (Genth) oder „Alternativen“ ebenso verschlingt wie die letzten Wälder, ist zu verstehen, was heute geschieht. Moralische Vorwürfe – wie oft von „Wertkonservativen“ erhoben – gehen hier ins Leere, denn die Maschine ist ein System und kein Mensch und hat ein Programm, das sie verfolgt und an das bei den Menschen eine “verdorbene“ Mimesis (Genth) durchgesetzt wird. Die „mimetische Sphäre“ der und um die Megamaschine hat bereits diejenige an die Natur weitgehend verdrängt. Ein anderes Empfinden und Verhalten als das der Maschine angemessene und gehorchende ist daher generell nicht (mehr) zu erwarten. „Politik“ als „vita activa“ im Sinne von Hannah Arendt findet daher dort, wo es um Entscheidungen geht, nicht mehr statt.

Das Geschlechterverhältnis wird mit der Mutter perspektivisch abgeschafft, denn die Re-Produktion der Gattung soll von Maschinen i.w.S. organisiert und übernommen werden. Das Ende des Geschlechterverhältnisses ist nicht das Ende des Patriarchats, sondern im Gegenteil die Verwirklichung seines Traums schlechthin: nicht mehr von Müttern geboren werden zu müssen. Frauen, die nicht mehr Mütter werden, sind von daher mit Männern „gleich“, so wie die Sexualität unter „Gleichen“ auch eher „homo“- als „hetero“ -sexuell ist. Die „Gender“-These wird zur Wirklichkeit, setzt aber auch voraus, dass der Frauenleib tatsächlich so unfruchtbar wird wie der Männerleib, bzw. der Kontrolle durch die Frauen selbst entzogen ist. Denn Frauen werden als solche geboren, es sei denn, es wird im Laufe der Zeit bzw. von vornherein auf technischem Wege verhindert, dass dies der Fall ist. Sonst müsste es im Nachhinein geschehen, etwa durch Operation. Dies Situation erinnert an die Beschneidung durch Schmiede-Alchemisten, eine Erfindung des pharaonischen Ägyptens.

Das Geschlechterverhältnis befindet sich also in seiner Auflösung, indem das weibliche Geschlecht vor seiner Abschaffung steht, insbesondere der Frauen als Mütter im bisherigen Sinne. Das wird mit dem „Gender“-Begriff überdeckt, der vorübergehend suggeriert, dass Frauen einmal mehr zu sagen haben, wobei ein völlig ungenügender und falscher Patriarchatsbegriff vorausgesetzt wird, wenn überhaupt. Auch die Normalisierung aller homosexuellen Beziehungen verdeckt das eigentliche Geschehen der laufenden technischen Ersetzung des Geschlechts – also von Mutterschaft, Vaterschaft und bisheriger Sexualität - und gilt als Befreiung von auch noch als „patriarchal“ definierten Zwängen, während es nur um den Übergang in eine völlig beliebige maschinell dominierte „Geschlechtlichkeit“ geht (Hart 2017, i.d.H.).

Ein Geschlechterverhältnis, das geprägt ist von der zivilisatorischen Aufgabe der Reproduktion der Gattung ist damit am Ende. Merkwürdigerweise ist in der gesamten Debatte das technische Element überhaupt nicht vorhanden und wird auf keiner Seite begriffen, was vor sich geht

Das bisherige Generationenverhältnis wird ebenfalls abgeschafft und aufgelöst, weil die Reproduktion der Gattung immer mehr in die Verfügung der Medizin gerät und damit in die arbeitsteilige globale industrielle Menschenproduktions-Maschinerie. Immer mehr Kinder werden keine natürlichen Eltern oder Mütter mehr haben, wenn sie industriell gezüchtet werden und damit wie Waren oder selbst schon Menschmaschinen zur Verfügung der Gesellschaft stehen. Dazu am deutlichsten Renate Genth: „Das Labor wird zum Ursprung. Das Patriarchat...(ist) eng mit der Maschinisierung...verbunden. Die Maschinisierung ist die Operationalisierung einer neuen, gegen die Natur gerichteten Genealogie“ (Genth 2002, S. 241). Das Verhältnis zu anderen Generationen wird daher auch anders organisiert, nicht unbedingt über die Familie, und selbst wenn, ist es nicht mehr die auf „Blutsbanden“ beruhende, d.h. die Verwandtschaft gibt es tendenziell nicht mehr. Damit fallen auch alle Traditionen der übergenerationalen Weitergabe von Wissen und Kultur fort, und die Erziehung und Bildung der Jungen wird von anderen Institutionen übernommen, die auch andere Interessen als etwaige Familien haben. Das hat längst begonnen. Die Familie wird dabei scheinbar von ihrem „patriarchalen“ Charakter befreit, um endgültig im Patriarchat aufzugehen.

Da die Alten nicht mehr unter dem Schutz der Familien stehen, und weitgehend nicht mehr „gebraucht“ werden, ist ihr Schicksal der Medizin und anderen Institutionen überlassen, die nichts „Gutes“ mit ihnen im Sinn haben.

Auch beim Generationenverhältnis ist wieder dasselbe Phänomen einer vollkommenen Begriffs- und Orientierungslosigkeit der Debatte zu konstatieren. Die Leute scheinen den Wald vor Bäumen nicht zu sehen, denn das alles spielt sich vor unseren Nasen und mit uns als Akteuren ab.

Auch das Transzendenzverhältnis ist eigentlich abgeschafft, umso mehr Leben, Tod und Natur neu „erfunden“ werden und als technisch herstellbar, statt natur- oder Göttin-gegeben gelten. Eine buchstäblich maschinelle Form von angeblicher „Spiritualität“ kündigt sich an über die Gott-Maschine bzw. den Zustand der „Singularität“, zu der die Megamaschine sich weiterentwickeln soll. Das wirft schon seine Schatten voraus, indem die Mimesis an die Maschine (Genth 2002) weiter um sich greift. Eine globale „Religion“ dafür ist längst im Entstehen. Sie will den Beweis antreten, dass der patriarchale Gott wirklich existiert. Dieser ist aber gerade durch die vorhergehende Abschaffung des Transzendenzverhältnisses charakterisiert, das noch immer mit der Natur zu tun haben muss, um als solches zu gelten. Der Glaube an die Maschine ist daher einem Wahn vergleichbar.

Als Verbindung mit dem Unsichtbaren im Sinne des Rätsels im Wandel von Leben und Tod und einer spirituellen Verbindung mit dem Außermenschlichen ist das Transzendenzverhältnis mit dem Patriarchat eigentlich abgeschafft worden. Diese Erkenntnis ist (für mich) neu und müsste weiterverfolgt und überprüft werden (Assmann, Mulack etc.). Gott als monotheistischer ist offenbar eine Erfindung der frühen Patriarchen und politisch-militärischen Herren, die dazu diente, ihr Projekt so zu definieren, dass es nach außen als transzendent-göttliches erschien, um eine Legitimation vorweisen zu können. Gott ist in Wirklichkeit aber nur die propagandistische Maske, hinter der die Gewalttäter sich verstecken, und die sie vor sich hertragen konnten. Wenn sie Gott dienten, dann in Wahrheit sich selbst – ein von Beginn an tautologisches Verfahren, das am Ende in der Fiktion von der Singularität als Gott-Maschine wiederkehrt bzw. sich als Gott nun endlich im Diesseits realisiert hat. So ist Gott von Anfang an Gesetz und Ordnung, Befehl und Gehorsam gewesen, als Regel für die Gesellschaft, die damit begann, die wirkliche Transzendenz, nämlich das spirituelle Verhältnis zur Göttin als dem von ihr Geschöpften selbst, zu verbieten (Bilderverbot). Gott ist demnach als eine Art Gesamt-Patriarch zu verstehen, der eine Transzendenz nur vortäuscht und bloß Ausdruck dessen ist, was die Herren selbst, nämlich im Diesseits, wollen. Das ihm angedichtete „Jenseits“ wäre dann bloß eine Fiktion, die herhalten muss, um Glaubwürdigkeit zu verbreiten und den Glauben an das unirdische Projekt der Neuschöpfung zu befördern.

Es würde sich beim Monotheismus dann um die erste Form von echter Ideologiebildung und Propaganda handeln so, wie wir sie bis heute auch in anderen Bereichen als der Religion erleben. Gott ist jedenfalls so patriarchal wie seine Erfinder, sodass zu ihnen und ihren Verbrechen auch kein Widerspruch auftaucht. Gott hat nie etwas gegen die Zerstörung der Welt, den Krieg und die Vergewaltigung des Lebendigen getan, oder wirklich gesagt. Im Namen Gottes ist daher zu lesen als im Namen des Patriarchats – und sonst gar nichts. Alle, die an Gott glauben, glauben ans Patriarchat, ob sie es wollen oder nicht. Sie sind „schwarzmagisch“ vereinnahmt. Figuren wie Jesus haben dann nur die Funktion gehabt, so wie das angebliche Jenseits die Sache zu rechtfertigen und Gläubige heran zu schaffen. Nicht umsonst erinnert Jesus an die matriarchale Zeit und hat dazu gedient, auch diejenigen um das Patriarchat zu versammeln, die eigentlich dagegen waren. In den Hexenverfolgungen erinnerten die kirchlichen Beschreibungen der Hexensabbate genau daran: dass es eine matriarchale Zeit gegeben hatte, die nun in verkehrter From dargestellt und verhöhnt wird: denn der Teufel erscheint in der Gestalt eines Ziegenbocks und macht sich alle in diktatorischer Weise sexuell untertan. Dabei ist der Ziegenbock eine alte Darstellung des matriarchalen Hirten, der die Herde der Göttin behütet, der mütterliche, „wilde“ oder „grüne“ Mann, der das Leben bewahrt (vgl. Werlhof 2011d). Für die Patriarchen war er ihr Gegenteil – Apoll tötet den behaarten Marsias – und sie sahen in ihm den Teufel als ihren eigenen Gegenspieler (vgl. allg. f. d. Hexenverfolgung H-J. Wolf 1998). Später wurde er in doppelsinniger Weise ihr eigener Teufel, der übergelaufene pervertierte und zum Patriarchat konvertierte? - wie heute noch in satanischen Kulten der patriarchalen Elite erkennbar (zuletzt im Einweihungsspektakel 2016 am Gotthard-Tunnel in der Schweiz zu sehen). Solche Kulte sind offenbar „notwendig“, um die Erinnerung an das aufrechtzuerhalten und „ein“- und auszuüben, worum es im Patriarchat immer geht, nämlich die Macht als die über Leben und Tod.

Schließlich das Naturverhältnis Das Naturverhältnis als ökonomisches ist in der Moderne zum Kapitalismus geronnen, der dazu geführt hat, jeden Einzelnen ins moderne Patriarchat zu integrieren, insbesondere über das Geld, das – beginnend mit der Erhebung von Steuern in Geldform – jeden einzelnen Menschen ins System zwingt.

Allein dies macht gewissermaßen seine „Demokratie“ aus. Niemand kann sich der Ökonomie entziehen, selbst diejenigen nicht, die sich noch eigene Produktionsmittel und damit eine relative Unabhängigkeit bewahrt haben. Ein Ausscheren aus dem System ist über dessen Organisation als Kapitalismus daher so gut wie unmöglich. Kontraproduktiv für die moderne Wirtschaft ist allerdings, dass sie noch gar nicht gemerkt hat, wie sehr ihr die Integration ins Patriarchat aufgrund von dessen Programm und Utopie auch schadet. Denn hier werden systematisch all jene „Werte“ vernichtet, auf die eine Ökonomie letztlich nicht verzichten kann, nämlich die materielle Natur.

Das Naturverhältnis in Ökonomie und Technik, also der Umgang mit Natur, ist damit bereits grundlegend verändert. Natur insgesamt wird immer mehr überhaupt zerstört, gleichzeitig weitgehend transformiert, nämlich in Ware, Geld, Maschine/Maschinerie, allgemein „Kapital“, eben in ihr Gegenteil: künstliches „Leben“ und Maschine als „Natur“. Damit wird das Ziel der patriarchalen Alchemie einmal technisch verfolgt und einmal ökonomisch, indem die notwendige Mortifikation und Transformation profitabel verwertbar organisiert werden. Der Profit stammt damit aus der Zerstörung des Lebendigen, und nicht aus seiner Pflege, die es ja auch geben könnte. Die moderne Ökonomie ist also hineingezogen in das alchemistische Projekt und von ihm bestimmt. „Neutral“ ist also neben der modernen Technik auch das Kapital nicht, nicht in seiner Form als Technik, Maschinerie und „Kommando“, und nicht in der als Geld und Ware. Denn ohne Patriarchat wäre bzw. ist das Kapital nicht in dieser Form entstanden, und die Alchemie ist der Schlüssel zum Verständnis dieser Vorgänge.

Vom Kapitalismus als moderner Wirtschaft her gesehen handelt es sich beim heutigen Patriarchat um das „kapitalistische Patriarchat“, also um eine Form des Patriarchats und nicht um eine davon unabhängige eigenständige Ökonomie. Das Patriarchat ist als Tiefenstruktur der Moderne Motivations- und Ziel-Lieferant des Kapitals. Das Kapital als moderne kapitalistische Technik ist gleichzeitig als alchemistisch-patriarchale vorausgesetzt und verliert damit den Schein der Neutralität im Sinne des Dienstes am Gemeinwohl aller, den der Begriff Kapital im Gegensatz zu dem des Patriarchats immer für sich beanspruchte.

In der Ökonomie hat das noch gar niemand bemerkt. Warum muss Kapital unbedingt durch alchemistische Transformation und Zerstörung gebildet werden? Wer sagt, dass es nicht auch anders ginge? Karl Polanyi hat mit dem Begriff der „Great Transformation“ den Prozess erklärt, ist aber wie alle anderen nicht auf die Alchemie als patriarchale gekommen (Polanyi 1978).

Moderne Technik ist ein durchgehendes, verbrecherisches Zerstörungswerk an der Natur, was allein durch ihren kapitalistischen Charakter nicht erklärbar ist. Warum haben die Kapitalisten und vor allem auch die Arbeiter das nicht selber erkannt? Die durchgehende Vernichtung kann doch letztlich gar nicht ihr Ziel sein. Wo soll denn da am Ende das „Wachstum“ noch herkommen? Aus dem produktiven Bereich kommt es ja auch im Wesentlichen nicht mehr. Kapital ist längst Finanzkapital, Spekulation. Jeder Ökonom weiß, dass das auf die Dauer nicht gut geht. Aber das System, die Megamaschine, zwingt sie zu dieser Art der „Inwertsetzung“ und Profitmacherei.

Es gibt real keinen Patriarchats-freien Kapitalismus, so wie es kein Kapital-ismus-freies Patriarchat mehr gibt, außer vielleicht in Agrargebieten des bäuerlichen Südens, sofern sie nicht sogar noch matriarchal sind. Sondern der Kapitalismus als moderne Ökonomie ist ohne Patriarchat und patriarchale Alchemie und Technik nicht entstanden. „Ohne Maschinisierung hätte sich der Kapitalismus nicht entwickelt“ (Genth 2002, S. 239). Er muss sich daher fragen, ob er diesen Weg in den Abgrund mitsamt der Arbeiterschaft weiter mitgehen will. Und die letztere muss sich fragen, warum sie meint, die Übernahme der Fabrik oder der Sozialismus würden daran etwas ändern.

„Insgesamt ist erst so zu erkennen, dass die kapitalistische Wirtschaft ohne die moderne Technik, die Maschine, weder zu verstehen ist, noch – auch im buchstäblichen Sinne – es so weit gebracht hätte. Denn beide sind durch das alchemistische Transformationsprojekt miteinander untrennbar zu einer nicht nur ökonomischen, sondern gerade auch technologischen Gesellschaftsformation verkoppelt. Ja, die moderne Ökonomie wird dadurch mehr zum Bestandteil der Technik des alchemistischen Verfahrens als umgekehrt. Sonst wäre sie im Merkantilismus stecken geblieben. Wenn also diese Ökonomie vergehen sollte, dann bleibt ihre Technik womöglich noch bestehen, insofern sie i.w.S. „alchemistisch“ (und patriarchatsorientiert) bleibt. Oder: Alchemie gab/gibt es auch ohne Kapital, Kapital aber nicht ohne Alchemie. Das ist der Zusammenhang, der bisher nirgendwo benannt oder auch nur erkannt wird: das patriarchal-alchemistische Projekt ist das grundlegende. Es kann im Prinzip auch über die Moderne hinaus bestehen, so, wie es vor ihr schon bestanden hat.“ (aus Bumerang 0, 2015).

Oder aber: Die moderne Ökonomie befreit sich vom Patriarchat und seiner Alchemie. Was wäre sie dann, wenn nicht mehr „Kapital“-orientiert, bzw. was wäre das Kapital, wenn nicht mehr am Patriarchat, an „Gott“ orientiert? (Die Banken in der New Yorker Wallstreet sehen aus wie Kathedralen).

Als technisches, also in der Form des Umgangs mit dem Vorgefundenen zum Zwecke der Lebenserhaltung wurde das Naturverhältnis hier gesondert ausgeführt. Es ist im Patriarchat geprägt von den sich steigernden Versuchen, Natur zu „überwinden“, indem man sie sich als „Ressource“ aneignet, „tötet“ und in ihr Gegenteil transformiert mit dem Ziel, von ihr am Ende gänzlich unabhängig zu sein. Auf diese Weise wird unvorstellbarerweise eine tatsächliche Auflösung des Naturverhältnisses selbst angestrebt. Die Natur ist zur Feindin erklärt, und die patriarchale Alchemie hat sich als moderne weit über ihre antiken Vorläufer hinaus praktisch gesteigert. Als „Mutter Natur“ wird die Natur von einem männlichen „Vater“-Schöpfer gewaltsam verdrängt, desgleichen die sonstigen Mütter, inklusive der menschlichen, am Ende die Menschen selbst. Denn was sind sie ohne Mütter? Die angeblich „höhere Natur“ oder das „bessere Leben“ wird auf allen Ebenen als Maschine und Maschinisierung installiert mit dem Ziel der Schaffung der einen Maschine, die alles „vernetzt“, der Singularität.

Die Folgen zeigen sich an Leib, Geist und Seele als dem menschlichen Anteil an Natur in vielfacher Weise. Denken, Fühlen und Handeln werden einer Dauerpervertierung unterzogen, indem sie dem patriarchalen Projekt der Vernichtung unterworfen, „mortifiziert“ und angepasst werden. Darunter leiden sie auf eine Weise, die bisher weder gesehen, noch erklärt werden konnte: das Denken nimmt Schaden, weil es in die Tautologie der maschinenlogischen Rationalität gezwungen wird und seinen dialektischen Charakter als Fähigkeit des Denkens in lebendigen Bewegungen und Widersprüchen verliert.

Das Handeln für das patriarchale Zerstörungsprojekt macht alle zu VerbrecherInnen, muss also „rationalisiert“, und damit vor sich selbst gerechtfertigt werden, sodass eine ständige Verdrängung ins Unbewusste erfolgt. Gelänge diese nicht, würden die Täter ihre Tat nicht aushalten. Das Fühlen wird von der Liebe zum Lebendigen in den Hass auf alles Lebendige verwandelt, der dann als schriller, irrationaler Triumph über das Leben – als Faschismus – auftaucht oder aber als völlige Erkaltung alles Empfindens das Ende jeden Mitgefühls anzeigt. Das letztere aber gehört zur Conditio Humana, wie die Geburt aus einer Mutter. Indem diese Bedingungen des Menschseins nicht mehr gelebt werden können, verkümmern alle menschlichen Fähigkeiten und werden konzentriert und reduziert auf Kampf, Unterordnung oder Machtausübung bzw. perverse Bedürfnisse danach.

Unter diesen systematischen und dauerhaften Verkehrungen des Lebens und Lebendigseins leiden der Leib und seine Liebesfähigkeit. Er wird krank, physisch und psychisch. Krebs, andere Epidemien und „Zivilisationskrankheiten“, Psychosen, Schizophrenie, Autismus, Psychopathentum, Lethargie, Aggression.... sind die logischen Folgen, werden aber nicht als solche aufgefasst. Krankheit als Nemesis, also als Warnung und Chance auf eine mögliche Erkenntnis der Ursachen, gerade auch der gesellschaftlichen, ist daher bisher kein Thema, weil daran gar kein Interesse besteht. Mit der Abschaffung des Leibes und seiner Ersetzung durch eine Körper-Maschine wird dann perspektivisch das Problem durch seine Abschaffung gelöst, wobei vorübergehend noch Steigerungen innerhalb von Existenzen wie Cyborgs, Tier-Mensch – Chimären, Klonen etc. zu erwarten sein werden. Danach gibt es dem Programm nach „uns“ nicht mehr.

Am Ende würde das gesamte Naturverhältnis mangels Natur aufgelöst sein. Die „Eine Maschine“ wäre eine Welt ohne Leib.

****

Bis heute dachte ich, nach und nach das Patriarchat endlich verstanden zu haben. Jetzt sehe ich, dass es wie ein Eisberg ist, der nur zu 20% über die Wasseroberfläche ragt, und der in seiner Gänze nicht nur gesehen, sondern auch vollends umgekehrt werden muss, um ihn wirklich zu erkennen und dann loslassen zu können. Mir ist, als hätte ich mit diesem Aufsatz Pandoras Büchse geöffnet, und zum ersten Mal alle Übel dieser Zivilisation sichtbar gemacht, die darin gipfeln, dass die moderne Zivilisation sich selbst und ihre wichtigsten zivilisatorischen Verhältnisse tatsächlich abschafft! Das entspricht ihrer Logik, dass nach ihr nichts mehr kommen soll...

Daraus folgt: Die „revolutionäre“ Tat heute besteht nicht einfach im Aufbau von „Alternativen“ außerhalb der Megamaschine, die den Blick vom „Große Fressen“ ablenken und den Menschen Illusionen machen, da es das “Andere“ ja „auch“ gibt. Das wird nur vorübergehend noch der Fall sein, genauso wie mit dem demokratischen Schein, dem Humanismus und der ästhetischen Formgebung, etwa in der „Hochkultur“, wenn nicht gleichzeitig und gerade inmitten der Megamaschine selbst ihr Stopp und Abbau beginnen. Sie muss angehalten und aufgehalten werden (z. B. bei der gegenwärtigen “Digitalisierung“ von allem und jedem). Schließlich muss sie „verschrottet“ werden. Dabei müssen parallel die Alternativen aufgebaut werden.

Wie das gehen soll, weiß ich vorläufig nicht. Es setzt erst einmal die Erkenntnis des Patriarchats als Megamaschine im Aufbau voraus, die es bisher nicht gibt. Ich weiß nur, dass es das ist, was wir zu tun haben, wenn wir das, was schon der Fall ist und noch kommt, überhaupt überleben wollen, von allem Lebendigen sonst noch und „Mutter Erde“ selbst ganz zu schweigen. „Wir“ haben faktisch die Verantwortung, ob wir wollen oder nicht, ob es gelingt oder nicht, und ob es überhaupt (noch) möglich ist oder nicht.


Der vollständige Artikel und die komplette Nummer 3 von "Bumerang – Zeitschrift für Patriarchatskritik" sind auf der website des Innsbrucker Forschungsinstituts für Patriarchatskritik und alternative Zivilisationen fipaz.at abrufbar


Siehe auch:

Auszug 1 (Nachwort)
NRhZ 632, 11.10.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24216

Auszug 2 (Technischer "Fort"-Schritt und die Verhöhnung des Lebendigen)
NRhZ 633, 18.10.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24234

Auszug 3 (Die moderne Technik als "blinder Fleck", "Kyndiagnosia" und die "prometheische Scham")
NRhZ 634, 25.10.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24259

Auszug 4 (Die Megamaschine: Die Utopie der "Singularität". "Maschinenmensch" und "Gott-Maschine")
NRhZ 635, 01.11.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24278

Auszug 5 (Die Alchemie als Verfahren zur „Höher-Schöpfung“ von Mensch und Materie seit der Antike)
NRhZ 636, 08.11.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24300

Auszug 6 (Gefühl und Verstand im maschinell-alchemistischen Verfahren (und) der Megamaschine)
NRhZ 637, 15.11.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24322

Auszug 7 (Die Ideologie von der Maschine als einzigem Maßstab - Triumph über die besiegte Natur!)
NRhZ 638, 22.11.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24349

Auszug 8 (Extrapolation der Megamaschine – Mutterlose Welt: die laufende Abschaffung der Mutter, der letzte "Muttermord")
NRhZ 639, 29.11.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24349

Auszug 9 (Die Antwort auf alles: Die Utopie der Moderne als globale Durch-Setzung des „Vater-Ursprungs“ – das „Patriarchat“ – Projekt der Neu-Schöpfung der Welt über die Vernichtung des Mutter-Ursprungs „Matri-archat“)
NRhZ 640, 06.12.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24404

Auszug 10 (Die Antwort auf alles: Der neue im Gegensatz zum alten Patriarchats-Begriff – Das Verbrechen des Patriarchats – Das Patriarchat verstehen heißt, die Alternative dazu erkennen (können))
NRhZ 641, 20.12.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24234

Online-Flyer Nr. 642  vom 27.12.2017

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Von Kostas Koufogiorgos
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