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Aktueller Online-Flyer vom 19. November 2017  

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Aus "Welt ohne Leib" – erschienen in "Bumerang" (5)
Die Alchemie als Verfahren zur „Höher-Schöpfung“ von Mensch und Materie seit der Antike
Von Claudia von Werlhof

"Bumerang" ist eine "Zeitschrift für Patriarchatskritik". Im Herbst 2017 ist Ausgabe 3 erschienen. Ihr Schwerpunkt ist "Patriarchat als Technik". Claudia von Werlhof hat dafür einen ca. 150 Seiten umfassenden Leitartikel geschrieben. Sein Titel lautet vollständig: "Welt ohne Leib – Die Maschine als das 'höhere Leben' – Auf der Einbahnstraße zum 'Omnizid' – Das utopische Projekt der modernen Technik und seine die irdischen Lebensbedingungen bewusst vernichtenden Folgen". Daraus gibt die NRhZ Auszüge wieder. Hier Auszug Nr. 5:

Was Goethe im Faust beschreibt, ist das, was ich die alchemistische „Schöpfung aus Zerstörung“ nenne, die in der düsteren Gestalt einer allgemeinen „Mortifikation“ geschieht, also Methoden, die den Tod bringen, die Unterwerfung, die Auflösung und das Nichts als Voraussetzung für die daran anschließende Operation des „Großen Werks“ (Werlhof 2010a).

Es handelt sich um das allgemeine „Standardverfahren“ der „Alchemie“, das allerdings schon in der Antike formuliert wurde, und nicht erst zu Beginn der Moderne (Schütt 2000). Dies hatte Goethe allerdings noch nicht gesehen. Sondern er hat die Verleugnung des Lebendigen erst durch das Prometheus-Projekt der Moderne - das aber schon in der Antike im Mythos vorweggenommen wurde - erfahren. Goethe hat uns aber unmissverständlich klargemacht, worum es bei der modernen Technik geht, nur hat er nicht gesehen, WARUM das so ist, und warum das Modell dafür bereits aus der Antike kam, und zwar aus dem hellenistischen Weltreich, insbesondere Ägypten mit seiner pharaonischen Vergangenheit. Als Verehrer der Antike hat er in seine Kritik der Moderne die historischen Wurzeln nicht miteinbezogen. Es hat dennoch bis heute noch niemand das Problem der Moderne als Destruktion der Welt so radikal gesehen wie er, obwohl 2 ½ Jahrhunderte seitdem vergangen sind.

Vor Goethe ist es zunächst Francis Bacon, der Begründer der modernen Wissenschaft im 17. Jh., der ein „wissenschaftliches Fortschrittszeitalter“ mit bereits all dem, was heute darunter verstanden wird, kommen sieht, und der in seiner Utopie von „Neu-Atlantis“ (geschrieben zwischen 1594 und 1623) bereits im Detail vorwegnimmt, was heute der Fall ist und überall gemacht wird (Bacon 1989). Es ist die systematische und programmatische Überschreitung der irdischen Lebenserscheinungen und -formen durch ihre beliebige Neukonstruktion und Vermischung, selbst über die Artgrenzen hinweg.

Der Kulturphilosoph und Wissenschaftssoziologe Friedrich Wagner analysiert (Wagner 1970, S. 71f):

Die „Machtstellung über ‚Gottes‘ Natur erwirbt der Mensch durch deren Veränderung und Verwandlung in Operationen der Wissenschaft... Da ‚Wissen‘ und ‚Macht‘ dasselbe ist, wird das ...  Ziel der Naturwissenschaft, ‚eine neue Natur zu erzeugen und aufzusteigern‘, indem man ‚die Quelle der Ausstrahlung findet‘ und ‚die Umwandlung der Elemente‘ und den ‚geheimen Prozess des Vorgangs und der Bewegung‘ entdeckt, gleichzeitig ein Weg zur Macht“ (Wagner 1970, S. 72).

Wagner sieht darin sogar schon „eine Vorwegnahme der Theorie der Kernumwandlung“ (Wagner 1970, S. 72), einer Art Nuklearalchemie (Wagner 1970, S. 36; genauer S. 150–176).

Da taucht sie nach Francis Bacon und Isaac Newton, der ebenfalls Alchemist war und gegen dessen Experimente mit der Zerlegung des Lichts, also dessen „Mortifikation“, Goethe sein für ihn selbst besonders bedeutendes Werk zur Farbenlehre verfasst hatte (Goethe 1810; 2009), auch heute wieder auf, die Alchemie als Methode einer zweiten Schöpfung. Was hat es damit auf sich?

In der Tat habe ich selbst die Entdeckung gemacht, wenn auch aus anderen Gründen als Jaeger mit seiner Goethe-Analyse und etwa der Ökonom Christoph Binswanger, der den Faust als Parabel der modernen Geldschöpfung verstand (Binswanger 2005). Für Goethe selbst war „die moderne Wirtschaft ...eine Fortsetzung der Alchemie mit anderen Mitteln“ (zit. n. Jaeger 2015, S. 477). Und Marx erwies sich als alchemistischer Denker par excellence, aber er erkannte und kritisierte sie nicht, wie schon zu sehen war! (vgl. Marx 1974a, S.145 über die „Alchemie“ des Geldmachens).

Ich jedoch war einem anderen Phänomen auf der Spur, dem „Kern der Sache“. Deswegen bin ich auf die Alchemie gestoßen, und zwar die antike.

Die Alchemie als Methode und Verfahren ist seit langem überall in der Technikdiskussion präsent, ob als solche erkannt oder nicht, ob befürwortet oder kritisiert (Schütt 2000). Aber die Alchemie gilt als überholt, die Maschine hat sie angeblich spätestens im 18. Jh. verdrängt. Und doch sprechen alle Fortschrittspropheten nebst deren Kritikern in ihren Begriffen und Metaphern.... Frank Schirrmacher zeigt diese im Allgemeinen verleugnete Bezugnahme auf die Alchemie in Naturwissenschaft und Technik, insbesondere in der Atomphysik und später in der Ökonomie, gerade in Bezug auf die Finanzmärkte, beredt auf (Schirrmacher 2013, S. 219ff). “Intern“ scheut man sich offenbar nicht, sich als Alchemisten zu bezeichnen, ja, den alten alchemistischen Traum zu träumen! Nach den Erkenntnissen der modernen Chemie und vor allem der Atomphysik seit Beginn des 20. Jh. s entstand die Vorstellung, so zitiert Schirrmacher  Mark Morrisson (Morrisson 2007), “dass man  in der ´Transmutation´ eine ´Energie´ entdeckt zu haben glaubte, die ...direkt zur Urmaterie selbst führte und damit zur Möglichkeit, ´alle Energie zur Herstellung der Welt´ zur Verfügung zu haben“ (Schirrmacher 2013, S. 220f).

Aber die Fans der Alchemie wissen offenbar nicht, was diese Begriffe historisch bedeuten. Sie benutzen die alchemistische Sprache und kennen sie nicht als solche, geschweige denn den Grund ihrer Existenz, ihre Realität und Entwicklung sowie ihre Bedeutung für die gesamte uns bekannte Technikgeschichte. Denn WARUM soll denn eine Neuschöpfung der Welt eigentlich stattfinden – oder eben nicht? Hier hört das Denken wieder auf...

In der Tat gibt es bereits in der hellenistischen Antike eine Diskussion über eine sogenannte „Alchemie“ als „Standardverfahren“ für die „Überwindung“ der Natur und ihre Zyklen und Zeiten, die zu umgehen und zu beschleunigen wären, um am Ende eine Welt der Perfektion, des Überflusses und der Unsterblichkeit in Ewigkeit geschaffen zu haben (Schütt 2000). Ja, es sei die Aufgabe der Alchemie, die Hervorbringungen der Natur zu verbessern und zu Höherem zu vergöttlichen. Das gälte sowohl für die „höchste Materie“, das Gold, das „Fleisch der Götter“, wie auch das menschliche Leben selbst.

Der Alchemist galt mithin als hermaphroditischer Schöpfer, der durch lange Übung und Praxis als Adept schließlich zu einer besonderen Individuation finde, und am Ende religiös, spirituell, psychologisch, philosophisch und praktisch-handwerklich legitimiert sei, das „Große Werk“ der angeblich nötigen und möglichen Verbesserung der Schöpfung – quasi im Namen Gottes – zu vollbringen. Konkret bestand dies im Erreichen eines „höheren Seinszustandes der Materie“ (Schütt 2000, S. 12), insbesondere im „Gold“- und „Leben“-Machen. Eine solche Neuschöpfung beinhaltete aber zunächst den Akt der Tötung. Der Alchemist musste also jemand sein, der befugt war, das allgemeine Tötungstabu zu überschreiten, und dies auch selbst wollen. Schöpfer konnte er nur als Henker werden. Das ist eines der großen „Geheimnisse“ der Alchemie. Es wird meist „erklärt“ bzw. verborgen durch die Behauptung, auch der Alchemist müsse erst „sterben“, und er teile das Schicksal, dem er die Materie unterwirft, durch sein eigenes Leiden, durch das er ebenso wie die Materie im „Großen Werk“ ihrer Höherschöpfung schließlich zur „Erlösung“ komme, nämlich zu einem eigenen „höheren Seinszustand“ als Alchemist.

Da die antike Alchemie ihren historischen Hintergrund im Krieg hatte, und vor allem der späte Schamanismus, der Bergbau, die Metallurgie und die Schmiedekunst zu ihrer Entwicklung beigetragen haben (Eliade 1992), bestand ihr „Standardverfahren“ im Prinzip immer zunächst in der „Tötung“. Die sog. „Mortifikation“ (von mors, der Tod) war die Zerlegung, Zersetzung oder Auflösung, bzw. Inbesitznahme der jeweiligen, als lebendig verstandenen Materie, ihrer Erbeutung und der Unterwerfung ihrer Eigenmächtigkeit. Danach ging es um ihre Neu-Zusammensetzung als der nun zum angeblichen „Urstoff“ zurückgeführten „materia prima“ mit anderen, „reinen“ Stoffen, die zu einer schrittweisen Steigerung der Materie von etwa Blei zu Silber und schließlich Gold als dem „Großen Werk“ der Alchemie führen sollte.

War dies gelungen, sollte die Entdeckung des „Steins der Weisen“ folgen, nämlich einer Quintessenz-artigen Materie, die in der gelungenen Habhaftwerdung der „Quelle der Ausstrahlung“, also des „Geistes“ oder der Kraft des Lebendigen als solcher, vielleicht sogar als dessen „Seele“, also seiner „Energie“, bestehen sollte. Die Verfügung über diesen „Stein“ in Form einer Essenz oder Tinktur würde ein Gelingen des Werks immer und augenblicklich ohne Zeitverlust garantieren (genauer dazu in Werlhof 2010a, b, 2012).

Es ging also schon in der Antike, und nicht erst in der Moderne, um die Herstellung einer utopischen Welt jenseits der bestehenden, ja im offenen Gegensatz zu ihr (Werlhof 2010a, b). Zwar konnte von einem Gelingen keine Rede sein, aber das Gedankengut, der Wille, die Ziele, Motive und die Hoffnungen, die sich darauf richteten, waren allesamt schon damals vorhanden und haben sich bis in die Moderne und durch sie hindurch erhalten, ja gesteigert, vor allem auch praktisch ermöglicht durch die neue Technologie der Maschine.

Ja, die Erfindung der Maschine selbst ist ein alchemistischer Vorgang, besteht sie doch aus „mortifizierten“ Natur-Materialien, die mit weiteren Stoffen zu einem neuen Gebilde zusammengesetzt werden, das als das „höhere Leben“ erscheint, zumal ihm von außen eine „Energie“ zugeführt wird, die es „wie lebendig“ aussehen lässt (Genth´s „Animismus“ der Maschinen). So heißt die Energie, mit der ein Auto fährt, Sp(i)rit! Auch das alchemistische Verfahren blieb in der Neuzeit im Grunde gleich, was die Methode der Mortifikation – Friedrich Wagner nennt sie „die Zerstückelung der Natur“ (Wagner 1970, S. 67) – und Neuzusammensetzung zum Großen Werk angeht, aber ohne, dass dies bisher aufgefallen wäre. Im Gegenteil.

So ging es nach dem Chemiehistoriker Hans Werner Schütt, der das bisher wohl umfassendste deutschsprachige Grundlagenwerk zur Geschichte der Alchemie verfasst hat, bei der Alchemie immer darum, sowohl die Materie wie den Alchemisten in eben jenen „höheren Seinszustand“ zu versetzen (Schütt 2000, S. 12). Das galt zwar auch nach der Übernahme der alchemistischen Weisheiten aus Arabien im mittelalterlich-frühneuzeitlichen Renaissance-Europa, aber endete angeblich mit der Entwicklung der modernen Technik, also der Maschinerie, im 18. Jh.

Für die Übergangszeit der frühen Neuzeit, in der die Gestalt des Paracelsus, der u. a. den Homunkulus herzustellen versuchte, eine besondere Rolle spielte, hat der Psychoanalytiker C.G. Jung sein von ihm selbst dazu erklärtes Hauptwerk verfasst: „Erlösungsvorstellungen in der Alchemie“ sowie „Paracelsus. Alchemie und die Psychologie des Unbewussten“ (Jung 1993; 2001). Darin erklärt er seine Anerkennung der Alchemie und erkennt in ihr eine „Vorstufe der heutigen Psychologie des Unbewussten“ (Jung 2001, S. 168). Allerdings geht er wie viele Alchemie-Experten davon aus, dass kein Alchemist je „klar gewusst“ habe, „worum es eigentlich in seiner Philosophie letzten Endes ging“ (a. a. O., S. 164)! Da ist es wieder, dieses... Unaussprechliche, das die ganze Technikentwicklung und offenbar auch die Psychologie begleitet. Die Symbole der Alchemie stimmten nämlich, so Jung zusammenfassend, in auffallender Weise mit den Symbolen der Bilderwelt des Unbewussten überein (a. a. O., Buchdeckel).

Jung sieht also einen enormen Einfluss der Alchemie auf das kollektiv-Unbewusste bis heute, aber als dessen Verschleierung und nicht als Aufklärung. Was ist es, das da wieder einmal nicht ausgesprochen und gesehen wird? Jung weiß es nicht, und seine Methode führt ihn auch nicht auf den Weg zu einer umfassenden Antwort, zumal er die Alchemie nicht als eine wirkliche Praxis versteht, die seit langer Zeit in konkreter, ja mechanistischer Tradition steht. So wird auch bei ihm, wie bei so vielen Denkern, etwas ausgeblendet. Es ist wie mit dem Tabu der Technik!

Aus meiner Forschung zum Thema ergibt sich, dass die Alchemie gerade mit der Maschine zwar ihre „immaterielle“, psychische, religiöse oder esoterische Seite zunächst hintanstellte, aber mit ihrer materiellen Seite zu ihrer vollen Entfaltung antrat – nämlich die der überall schon zitierten Formen- und Gestaltwandlungen der Welt von Bacon und Goethe über Marx bis heute. Davon, dass die modernen Alchemisten nicht wüssten, was sie wollten, kann keine Rede sein. Das war auch bei ihren antiken Vorfahren so. Sie wussten nur nie, ob sie ihr Ziel erreichen würden und ließen es daher absichtlich im Dunkeln, damit sie nicht erkennbar „scheiterten“, sich der Lächerlichkeit preisgaben oder gar Empörung hervorriefen. Sie sprachen es nicht aus, um eine Art von Geheimnis zu wahren, welches ihre Tätigkeit immer umgab, und das wir hier zu lüften gedenken!

In der Tat sind Sprache, Metaphern, Denkweise, Ziele und das Standardverfahren der Alchemie im Prinzip erhalten geblieben – bis zur Nuklearalchemie (Wagner 1970), der „Algenie“ in der Gentechnik als „zweiter Genesis“ (Rifkin 1986, Chargaff 1988), ganz zu schweigen von der Nano-Alchemie, die überall nach ihrer Anwendung strebt (Shelley 2007; Hänsel 2017 i.d.H.), der Informatik und KI (Weizenbaum 1978), die auf der Zerstückelung und Neuzusammensetzung jedweder „Information“ und Sprache beruhen, sowie neuerdings der elektromagnetischen Alchemie im Mikro-wie Makrobereich (Bearden 2012; Bertell 2016, S. 494), bei der es um die Habhaftwerdung des irdischen (und auch außerirdisch wirkenden) Elektromagnetismus geht, der als lebendige „Quelle der Ausstrahlung“ der Erde als Lebewesen selbst gelten muss. Insofern ist die Verwendung dieser Energie eine Art neuer „Stein der Weisen“, nachdem die Atomenergie sich letztlich nur zum Omnizid, zur schnelleren oder langsameren Gesamtauslöschung des Lebens eignet, also dessen letzter Mortifikation ohne anschließendes „Werk“. Deshalb bezeichne ich die entsprechenden neuen Methoden des „Geoengineering“ als „Militär-Alchemie“ (Werlhof 2011a, S. 343ff).

Eine „alchemistische“ Sicht auf heutige Technik würde also ganz neuen Fragen provozieren, insbesondere zu ihrem überhaupt nicht-neutralen, irrational-unvernünftigen, grundsätzlich gewalttätig-zerstörerischen und auch noch illusionären Charakter. Denn von der Natur-Schöpfung als zyklisch-leiblich-geistig-seelischem Geschehen einer ständigen Metamorphose innerhalb der „Verbundenheit alles Seienden“ (Werlhof 2010d) wollen unsere Alchemisten ja gerade nichts mehr wissen. Im Gegenteil, sie wollen, dass das endlich aufhört. Sie wollen es anhalten, stoppen, unterbrechen, auseinanderreißen, zerstören und auflösen, und daraus dem ehemals oder immer noch Lebendigen ihr eigenes, letztlich kannibalisches „Werk“ entgegensetzen. Dieses Werk soll also genau umgekehrt zustande kommen, nämlich von einem künstlichen Jenseits der raumzeitlichen, ineinander verwobenen und „mit-fühlenden“ Bedingungen des Lebens auf der Erde her. Buchstäblich hinter dem Lebendigen, mit seinen Trümmern und durch die Fetzen seines Geistes hindurch soll das neue „Leben“ gemacht werden – bloß nicht mehr geboren! Aber das mechanische Prinzip, das aller Labor- „Schöpfung“ inhärent ist, wird den Namen „Leben“ immer nur abstrakt, in Absehung vom Natur-Lebendigen, tragen, selbst wenn Reste davon in ihm noch enthalten sein mögen, wie in Chimären, Cyborgs und anderen „Frankenstein“-schen Mischwesen, die immer zahlreicher werden, und insbesondere als Bakterien und Nanoroboter im Mikrobereich materieller Existenz erfunden werden.

Es sind Hazardeure am Werk, die das Ganze der Welt und Natur offenbar hassen und verachten und mit buchstäblich aller Gewalt aufs Spiel setzen – wozu sie selbstverständlich nie legitimiert wurden! Für so etwas KANN es gar keine Erlaubnis geben! ...

Das Militär „darf“ ohnehin alles tun, was es will, und in seinem Schlepptau die „zivile“ Wissenschaft auch. ...

Neben dem Makrogeschehen ist auch das Mikrogeschehen im alchemistischen Zangengriff: „algenische“ Eingriffe in das genetische Erbe sind irreversibel und zerstören dieses für immer (vgl. für die Landwirtschaft Engdahl 2013), ähnlich, wie es im Prinzip die Radioaktivität tut (Bertell 1985). So ist es „vorprogrammiert“, dass wir wegen der sich unaufhaltsam weitervererbenden Schäden tendenziell immer weniger intelligent sein werden und wahrscheinlich schon „die letzten Generationen“ auf der Erde sind (Bertell 2016, S. 476ff).

Die prinzipielle Unterschreitung des Atoms, schließlich, eröffnet mit Gewalt eine bisher inexistente „neue Welt“ an Materie-Eigenschaften und Effekten, die sozusagen „vor“ der Schöpfung liegen und außer Kontrolle geraten könnten. Sie würden womöglich jene formlose Welt jenseits ihrer Gestalten hinterlassen, die als jener „grey goo“ (Joy 2001) beschrieben wird, der das Ergebnis einer sich verselbständigenden Mortifikation aller Materie wäre. Goethes Zauberlehrling ist schon das „Modell“ dafür.

Juristisch ist das alchemistische Megaverbrechen gegen alles Lebendige offenbar möglich und erlaubt, die Risiken daraus werden nicht formuliert. Klagen bei obersten Gerichten gegen die Nuklearindustrie und die Gentechnik scheiterten daher. ...

Merkmal aller alchemistischen Verfahren ist also, dass sie kein Verständnis des Lebendigen der Welt und Natur anstreben, denn dieses wollen sie ja gerade hinter sich lassen. Das Naturverständnis ist innerhalb der Alchemie, so wie sie uns überliefert und angewandt wurde und wird, immer extrem mangelhaft und „ideologisch“. Denn die Alchemie, wie wir sie schon aus der Antike kennen, strebt von Anfang bis Ende die „Ersetzung“ des Natur-Lebendigen durch etwas angeblich „Besseres“ und „Höheres“ an. Es kann daher ein umfassendes und adäquates Verstehen des irdischen Geschehens nicht in ihrem Interesse liegen, denn es würde ihnen vor Augen führen, wie sinnlos, kontraproduktiv und verbrecherisch ihr Vorhaben ist. Dennoch behauptet gerade die überlieferte Alchemie immer, gerade ein adäquates Verständnis der Natur und insbesondere ausgerechnet des Schöpfungsgeschehens zu haben, und rechtfertigt sich damit, selbst „wie die Natur“ vorzugehen bzw. dieses von ihr „gelernt“ zu haben. Motto: die Natur verändert, die Natur tötet, die Natur bringt hervor, die Natur will ihre Schöpfungen verbessern – wir auch! (vgl. Schütt 2000, S. 43). Es ist der pure Hohn und eine gewollte Ignoranz, die hier sprechen, ohne aber als solche bemerkt zu werden.

Wie wir wissen, ging das absichtliche Unverständnis der Natur in der Neuzeit soweit, dass die Existenz eines Lebendigen der und in der Natur überhaupt bestritten wurde und immer noch wird. Daher gilt der heutigen Naturwissenschaft nur das als „Leben“, was sie selbst an alchemistischen „Schöpfungen aus Zerstörung“ hervorbringt. Das dafür eingesetzte Experiment ist bereits eine Anordnung der Natur als „Maschine“, also nur von den dafür geeigneten „Teilen“ (Genth 2002, S. 28ff, Sutter 1988, S. 33). ...

Dass die Maschine als die „bessere Frau“ vorgestellt wird, gehört in der Tat schon zu ihren ältesten Begleiterscheinungen (Sutter 1988). Bisher scheint sich die Maschine immer noch besser zu verkaufen, wenn sie als „eigentliche“ Natur angepriesen wird. Die aggressive Anti-Natur, die sie in Wirklichkeit ist, kommt im zivilen Leben noch immer nicht so gut an, dafür umso mehr im militärischen oder futuristisch orientierten.

Es fällt bisher kaum auf, in welchem Sinne es schon lange nicht mehr um einen „Fortschritt“, „Nutzen“ und eine „Zweckrationalität“ oder „Sachlichkeit“ sowie die „Überlebenssicherung“ geht, bzw. auf wessen Kosten diese Entwicklung geht. Wie müssen diese Begriffe gelesen werden, um zu verstehen, was sie wirklich bedeuten? Für wen gelten sie jeweils und für wen gerade nicht, ja für wen oder was sind sie das Aus? Und wie kann der utopische Charakter der ganzen Unternehmung als „alchemistischem System“ überhaupt begründet werden? Wozu sollen wir das alles brauchen und anstreben?

Besonders bemerkenswert ist die Beibehaltung des O-Tons der antiken Alchemie in nahezu allen Diskursen über den technischen Fortschritt und seine Ziele sowie Methoden.... Der alchemistische Diskurs gehört nachgerade zu den Voraus-Setzungen des Sprechens über die moderne Technik, ihre Errungenschaften und ihre Utopien, ohne dass das den Sprechenden selbst jemals aufgefallen wäre. Das geht in schöner Regelmäßigkeit und Unbewusstheit immer auch bis zum klassisch alchemistischen Ideal der „Unsterblichkeit“ und „Ewigkeit“, die allen Erfahrungen irdischer Existenz widersprechen, und lediglich den unreifen und albernen Anspruch auf die Omnipotenz der alchemistisch-maschinenorientierten Weltanschauung widerspiegeln ...

Das ewige Leben wird schon bald vom ewigen Tod nicht mehr zu unterscheiden sein, wenn die alchemistischen Hazardeure nicht gestoppt werden und damit fortfahren, das Lebendige in künstlich Totes zu verwandeln, welches ich das „doppelt Tote“ nenne (Werlhof 2009). Das ist z. B. der Genmodifizierte Organismus, GMO, weil er nicht mehr ins Leben zurückschwingen kann und von allen Zyklen abgekoppelt ist, anstelle Samen für neues Leben zu sein. Die Unfruchtbarkeit ist beim „Terminator-Saatgut“ von Monsanto extra eingebaut, damit der Farmer nicht unabhängig vom Saatgutproduzenten arbeiten kann. Da steht der Erfindung des “Lebens“ bereits die des „Todes“ wie austauschbar, oder wie die andere Seite derselben Medaille zur Seite. Ebenso verhält es sich mit der neuen „Natur“ als Maschine, einem „Leben“, das ohne Sp(i)rit auf der Stelle stehen bleibt.

Selbst angeblich alternative Technik-Diskurse wie die von der Existenz des „Äthers“ nach Nikola Tesla, also der überall vorhandenen „Vakuum“-, „0-Punkt“- oder „Raumenergie“ (O´Leary 2010) oder „dunklen Materie“, reden in alchemistischer Manier von Methoden der „Habhaftwerdung“ dieser Energie. Sie scheint auch für sie im Sinne von Friedrich Wagners „Quelle der Ausstrahlung“ der neue „Stein der Weisen“ zu sein...

Daneben sind alternative soziale Bewegungen mit der „Veränderung“ der Welt zum sogenannten „Besseren“, der „Verbesserung der Welt“, ja ihrer „Transformation“ beschäftigt, als sei nicht genau diese das Problem, mit dem wir es heute zu tun haben (Sommer/Welzer 2014). So würde es jetzt darum gehen, mit diesen Verbesserungen und Veränderungen endlich einmal aufzuhören und zunächst den Schaden zu besichtigen, der dadurch entstanden ist. Nicht das Eilen von Veränderung zu Veränderung hilft weiter, sondern nur ein entschiedenes Innehalten – das alchemistische utopische Denken selbst muss erst einmal als Problem wahrgenommen werden. Denn bisher wird es bloß von praktisch allen voraus-gesetzt, und als solches gar nicht registriert, so selbstverständlich scheint es zu sein. Das Letztere liegt wahrscheinlich an seinem relativ hohen Alter. ...

Im Laufe der Moderne wurde zwar äußerlich einiges beseitigt, was an das tatsächliche Scheitern der Alchemie in der Geschichte erinnern würde. Denn es war klar, dass die Verbindung des Moderne-Projekts mit der Alchemie auf die Dauer nicht mehr in Erscheinung treten durfte. ...Man war ... am Ende in einer angeblich völlig neuen Phase der Geschichte angelangt, deren Scheitern ... ausgeschlossen wurde.

Als die Emotionalität des antiken alchemistischen Oeuvres, der Obskurantismus seiner Religiosität, der Idealismus seiner Esoterik und die düstere Schwülstigkeit seines ignorant-mechanistischen und gewalttriefenden „Schöpfungs“-Diskurses gestrichen bzw. unkenntlich gemacht waren, galt das Verfahren auf einmal nicht mehr als „alchemistisch“, sondern als rein naturwissenschaftlich-rational und neutral. Die Form der Darstellung wurde verändert, der Inhalt blieb gleich. Wie das funktioniert, kennen wir bereits. Was nicht gefühlt wird, ist nicht verdächtig und macht kein Problem. Wenn das Gefühl verboten wird, ist die Bahn frei für jede Ungeheuerlichkeit. Ja, offenbar kann diese dann auch nicht mehr „gedacht“ oder denkend erkannt werden. Wo kein Gefühl, da kein Verstand! ...

Im NS wurde z. B. geradezu klassisch alchemistisch verfahren mit der “Neuschöpfung des deutschen Volkes“ durch die „Mortifikation“ der „jüdischen Rasse“ sowie das Große Werk der Neuentstehung der „arischen Rasse“ (Ruault 2006). Das wurde dem NS aber gar nicht als Festhalten an einer überholten „Alchemie“ oder als deren futuristische Neuauflage und Weiterverfolgung vorgeworfen. Es hat ja gar niemand bemerkt. Umso mehr konnte mit einer modernisierten Alchemie auch jenseits des NS in allen Bereichen, insbesondere der Medizin und bei allen „neuen“ Technologien, aber auch sonst in Politik und Gesellschaft fortgefahren werden, ohne dass Parallelen aufgefallen wären oder auffallen würden, z. B. wegen des „Rohstoff-Charakters“, den Menschen in den verschiedensten Verfahren zunehmend eingenommen haben. Ziele, Motive, Utopie und Methode, von der Zerlegung und Tötung über die Neuzusammensetzung zur Ware, zur Maschine, zur „Information“, zum Kapital, zum System – alles ist im Grundsatz gleichgeblieben, ja noch weit über den NS hinaus entwickelt worden. Auch der neue „Stein der Weisen“, Geld statt Gold, Ware statt Subsistenz, Tauschwert statt Gebrauchswert, Maschine statt Natur/Mensch, Megamaschine und Totalitarismus statt Demokratie, es ist alles im selben alchemistischen Programm und Projekt verankert geblieben. Die Singularität, schließlich, wäre die tatsächliche Realisierung des Großen Werks der Alchemie, nämlich eines Zustands jenseits aller Lebensbedingungen, die immer noch Ausdruck von Polarität und Pluralität, von Zyklen und Qualitäten – also einer aktiven Eigenmächtigkeit des Lebendigen – sind.

Nur, WAS ist dasselbe, WELCHES dieses „Projekt“? Es ist der Kern der Sache... und es ist ebenso das Scheitern dieser Utopie göttlichen Fortschreitens bis in alle Ewigkeit, die heute erneut zur Debatte steht, obgleich das absolute Gegenteil davon in der Singularität der Megamaschine Realität zu werden scheint, bzw. droht. ...

Die entscheidende Frage für die Megamaschine wird es sein, ob es ihr unter allen alchemistischen Verfahren und Versuchen zum 1. Mal gelingen wird, jenseits des Nachschubs an neuem Lebendigen, den sogenannten „Rohstoffen“, weiterexistieren zu können, die sie ständig in letztlich kannibalistischer Manier verbraucht....


Der vollständige Artikel und die komplette Nummer 3 von "Bumerang – Zeitschrift für Patriarchatskritik" sind auf der website des Innsbrucker Forschungsinstituts für Patriarchatskritik und alternative Zivilisationen fipaz.at abrufbar


Siehe auch:

Auszug 1 (Nachwort)
NRhZ 632, 11.10.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24216

Auszug 2 (Technischer "Fort"-Schritt und die Verhöhnung des Lebendigen)
NRhZ 633, 18.10.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24234

Auszug 3 (Die moderne Technik als "blinder Fleck", "Kyndiagnosia" und die "prometheische Scham")
NRhZ 634, 25.10.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24259

Auszug 4 (Die Megamaschine: Die Utopie der "Singularität". "Maschinenmensch" und "Gott-Maschine")
NRhZ 635, 01.11.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24278

Online-Flyer Nr. 636  vom 08.11.2017

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