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Aktueller Online-Flyer vom 22. April 2018  

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Globales
Aus "Welt ohne Leib" – erschienen in "Bumerang" (7)
Die Ideologie von der Maschine als einzigem Maßstab - Triumph über die besiegte Natur!
Von Claudia von Werlhof

"Bumerang" ist eine "Zeitschrift für Patriarchatskritik". Im Herbst 2017 ist Ausgabe 3 erschienen. Ihr Schwerpunkt ist "Patriarchat als Technik". Claudia von Werlhof hat dafür einen ca. 150 Seiten umfassenden Leitartikel geschrieben. Sein Titel lautet vollständig: "Welt ohne Leib – Die Maschine als das 'höhere Leben' – Auf der Einbahnstraße zum 'Omnizid' – Das utopische Projekt der modernen Technik und seine die irdischen Lebensbedingungen bewusst vernichtenden Folgen". Daraus gibt die NRhZ Auszüge wieder. Hier Auszug Nr. 7:

Die Ideologen und Propagandisten der Megamaschine sind auf dem Weg, die Massen zu begeistern, nach dem Motto: Ich erschaffe, also bin ich! Oder: Ich bin Gott, also bin ich! Oder: Ich töte, also bin ich! je nachdem, wo in der Megamaschine jemand sich befindet.

Der weitere Aufbau der Megamaschine ist ja nicht beendet, noch wird er infrage gestellt. Immer noch streben die meisten Menschen in sie hinein. Dabei gibt es neue ideologische Entwicklungen, die interpretiert werden müssen. Denn sie haben mit den weiterlaufenden Verbrechen der modernen Technik gegen die Natur und was von ihr noch übrig ist, zu tun sowie dem Versuch, diese Verbrechen quasi aus der „Schusslinie“ zu bringen, gerade auch emotional, und trotz „grüner“ Bewegungen unsichtbar zu machen sowie stattdessen und jenseits davon das entschiedene „Lob der Megamaschine“ und der angeblichen „Freiheit“, die sie uns jenseits der Natur bringt, zu singen.

Die Opfer des Prozesses sollen neuerdings aktiv verborgen werden. Es ist die Fortsetzung des Bemühens, einerseits die Gewalt der alltäglichen „Mortifikation“ nicht ins Bewusstsein der Menschen treten zu lassen, und andererseits die Überwindung der Natur vorwegnehmend und triumphierend als „vollzogen“ und „gelungen“ zu melden auch dort, wo eine solche bisher nur „prä-emptiv“, also vorwegnehmend behauptet werden kann.

Was die Megamaschine bestätigen soll, sind alle ihre Projekte und Politiken, die das Ende der Natur bereits jetzt voraussetzen, indem alles, was noch an sie erinnern könnte, aus dem Denken, Sprechen und Diskutieren verbannt, ja sogar legal verboten bzw. als „politisch inkorrekt“ diskriminiert werden soll - und wird. Der neue Maßstab ist die Maschine anstelle des alten Maßstabs, der Natur. Aber das wird nicht dazu gesagt, damit der Vergleich von vornherein gar nicht mehr stattfindet. Nur so kann interpretiert werden, was heute im Bereich von Medien, Politik und Wissenschaft geschieht, z. B.: Die Feier einer neuen „Toleranz“, „Gleichheit“, „Gleichstellung“, geschlechtlichen „Vielfalt“, eines „Anti-Kolonialismus“ und „Anti-Rassismus“ im Inneren der Gesellschaft, sowie generell der „Freiheit“. Alle diese neu verkündeten Tugenden haben – offenbar allgemein unbemerkt – die Maschine als alleinigen Maßstab und Orientierung. Es geht demnach nur noch um die Beliebigkeit der maschinellen Hervorbringungen, die formale Gleichheit im Sinne der Austauschbarkeit ihrer Bestand-Teile, deren Gleichwertigkeit als messbare „Werte“ im ökonomischen Sinne oder als Bestandteile des Funktionierens der Apparate, ihre vollzogene Unabhängigkeit von allen Natur-Vorgaben oder –Anhängseln, und die Freiheit, sich als entsprechend „toleranter, kosmopolitischer“ Mensch innerhalb dieser naturlosen Welt als Produzent oder/und Konsument zu bewegen.

Solange die Menschen, Kulturen und Verhältnisse diesen abstrakten, inhaltsleeren Kriterien hierarchischer Organisation und „Fremdsteuerung“ entsprechen, können sie machen, was sie wollen – sie dürfen nur nicht „zurückfallen“ in den Vergleich mit naturgegebenen, qualitativen und aus einer ganz anderen Ordnung stammenden Gestalten. Denn die Naturerscheinung ist längst „ausgeschaltet“ (Wagner 1970, S. 50) und „Eigenschaftslosigkeit“ (Musil 1930, 1933,1943) ist an ihre Stelle getreten, z. B. der „homo vacuus“ (Greco 2000).

Es spielt also aus der Perspektive der Maschine als Maßstab keine Rolle mehr, wer vor ihr steht. Vor der Maschine sind alle gleich - wie „vor Gott“. Wer Mann oder Frau ist oder keins von beiden, wer hetero- oder homosexuell ist oder beides, wer schwarz oder weiß in der Hautfarbe ist, und wo er oder sie her- „stammt“, ja noch nicht einmal, wer wie alt ist. So kann schon Kindern die Frühsexualisierung zugemutet werden (Neubronner 2016) und älteren oder unfruchtbaren Frauen dennoch eine Schwangerschaft. Jede „Machbarkeit“ geht vor, eine verletzbare und verletzliche Ordnung oder auch konkrete Leiblichkeit ist nicht mehr vorhanden bzw. vorgesehen. Man hat sich weiträumig und großspurig von ihnen verabschiedet und feiert dies als Befreiung von Zwängen, als handele es sich beim Leib um einen Diktator, dem man entkam. Der Triumph über die Natur scheint perfekt. Man hat sie einfach abgehängt und „pfeift“ auf sie! Man „lacht sie aus“.

Die Toleranz, um die es hier geht, ist also äußerst aggressiv und brutal, ja im Kern typisch faschistisch. Denn diese Toleranz ist ihrerseits stets intolerant gegenüber der Benennung von älteren Kultur-, aber vor allem Naturerscheinungen, die sie höhnisch als zurückgeblieben und „politisch inkorrekt“ denunziert. Sie gilt überall da, wo es darum geht, die Natur als ausgeschaltete, nicht mehr zu berücksichtigende, längst „überwundene“ und nieder konkurrierte vorauszusetzen. Ein Hass auf sie braucht daher gar nicht mehr zu erscheinen. Er ist Vergangenheit. Aber der Triumph über sie ähnelt dem Hohn, der dem Hass noch immer folgte. Bei diesem Triumph der Freiheit geht es daher regelmäßig um den Beweis, dass die Natur fort ist, verschwunden mitsamt ihren sogenannten Schranken und Gewalten. Frei von Natur sein, „emanzipiert“ vom Geschlecht, vom Alter, von der Hautfarbe, das ist der zwar unausgesprochene, aber gemeinte Slogan von der neuen Toleranz als dem gelungenen Aufstand der Menschen gegen die - und vor allem auch ihre eigene – Natur. Wir haben nämlich die Wahl! Die Technik ist dabei, uns zu helfen! Und sie kann alles! Alles ist machbar.

Sie kann angeblich das Geschlecht umwandeln, „Designer-Babys“ produzieren, ja auch Männern zu Uterus und Kind verhelfen, wenn nicht Chimären und Cyborgs herstellen, den Leib mit Prothesen, Implantaten und anderen Maschinen zu „intelligenten“ und wehrhaften Körpern ausrüsten. Derweil sollte man diesen Körper auch neu-modisch verändern, indem man zeigt, dass man Haut auch durchbohren und tätowieren kann, als gäbe es z. B. keine Meridiane unter dieser Haut, und als sei die Haut nicht selbst ein Organ, das dadurch in Unordnung käme und verletzt würde. Es wird gehandelt, als hätte der Leib, gesehen als quasi toter, maschinenartiger Körper, wie in der Medizin, keine Antworten auf seine Verhöhnung oder gar Vergewaltigung. Niemand denkt an die Folgen dessen, was getan wird, weil das Handeln als beliebig, nämlich „frei“ von irgendwelchen Vorbedingungen verstanden wird, genauso, wie es auch sonst im Bereich der Maschinisierung der Fall ist. Dass es sich um einen Irrtum handelt, wird erst später bemerkt, aber vielleicht gar nicht als solcher interpretiert. Denn das Denken im Rahmen des Maschinen-Modells ist einäugig und undialektisch, also „positivistisch“, weil es die real bestehenden Widersprüche zwischen Maschine und Leib-Natur nicht mehr mitdenken kann bzw. will, und sich einem solchen Denken als angebliche Zumutung und Freiheitsbeschränkung verweigert. Auf diese Weise präsentiert sich die Megamaschine bisher erfolgreich als Reich der Freiheit, die „Natur“ wird dagegen als das der Unfreiheit unterstellt, während es in Wahrheit genau umgekehrt ist.

Der US-Import des Begriffs „Gender“ seit den 1980er Jahren (Bell u. a. 1996), neue Sexual-Techniken, „sexualities“ und beliebig viele Geschlechter, die sich daran orientieren – es werden derzeit etwa 60 aufgeführt – spielen derweil eine Hauptrolle im neuen Toleranzdiskurs der Megamaschine (Bumerang 0, 2015). Stolzer O-Ton des österreichischen “Transgender” und Sängers Conchita Wurst: „I am my own sexual creation!“ (Auftritt 12.5.2017, Festwochen Wien). Was beweist das? Denn es soll ja etwas beweisen. Während ich darauf reagiere, indem ich sage “Na und?”, ist diese „Schöpfung“ für die Megamaschine von enormer Bedeutung, beweist sie doch, dass bei einer breiten Akzeptanz solcher Erfindungen die Beliebigkeit in der Gesellschaft Einzug hält und diese die Ordnung der Natur – und früherer Kultur – prinzipiell auszuhebeln bereit ist. Quod erat demonstrandum! Denn der Maßstab ist die Maschine geworden. Motto: „Anything goes!“

In einem Wort: Die Regel muss fallen, dass die Natur der Maßstab ist und als Ordnung Orientierung bietet. Gerade die Ausnahme von der Natur, z. B. die Homosexualität, soll daher nicht nur anerkannt werden, was ja zu begrüßen ist. Sondern sie soll auch zur neuen Norm und Normalität erklärt werden, zur möglichen Regel generell aufsteigen (können). Es soll damit so getan werden, als gäbe es irgendeine Natur gar nicht (mehr), zumal sie ohnehin schon oder bald der Vergangenheit angehören werde. Es ist daran zu merken, dass jeder, der noch auf die alte Normalität verweist, sofort als politisch unkorrekt gilt und als jemand brüskiert wird, der angeblich die Homosexualität in intoleranter Weise weiterhin diffamiert. So geht es nicht mehr nur darum, die Rechte von Minderheiten und des Besonderen anzuerkennen, sondern diese zu etablieren, als ob sie Mehrheiten und das Allgemeine wären. Denn technisch ist alles machbar, also wird so getan, als sei dies bereits der Fall.

Nun kann man dazu übergehen, das „Neue“ als ebenso „natürlich“, möglich und generalisierbar auszugeben wie das Alte, und prompt wäre es eine Diskriminierung, nämlich jener neuen „Natur“, der Maschine, dies nicht zu tun. Denn alles, was dazu führt, dass die ursprüngliche Natur – und frühere Kultur – zugunsten der Maschine als Kultur – also als „Pflege“ der Maschine – hinter uns gelassen werden kann, gilt als neue Natur. Und die ist schwer beleidigt, wenn man sie nicht auf der Stelle als die sogar „bessere“, ja am Ende einzige anerkennt! Was dagegen sie, die „alte“ Natur, gar noch als Kultur, bestätigen würde, das muss – genau wie durch Mephisto in Goethe´ s Faust – nachgerade verfolgt und ausgerottet werden, lächerlich gemacht, verpönt und verhöhnt, als rückwärtsgewandt, ewig gestrig, ja angeblich gar faschistoid...diffamiert!

Dabei geht es ja gerade umgekehrt zur Sache. Faschistoid ist der neue „Toleranzdiskurs“ selber. Wie schön das doch zu verdecken ist, indem der Begriff „faschistisch“ für die Gegner reserviert und „besetzt“ wird. Dann kennt sich niemand mehr aus. Es ist genauso wie mit der Okkupation des Begriffs „Natur“ für die Maschine selber, die ja gegensätzlicher zur Natur nicht sein kann. So kommt es, dass gerade z. B. Politiker der Grünen vehement für die „neue Natur“ und die weitere, auch ideologische Maschinisierung des Lebendigen eintreten, ohne überhaupt noch bemerkt zu haben, dass sie damit das Gegenteil einer „grünen“ Politik betreiben (falls sie das jemals wirklich gemeint haben sollten).

Daher kommt die Einäugigkeit der Debatte, ihr Strang geht nur in Richtung Beweisführung gegen die Natur und für die glanzvolle Realität der maschinellen Beliebigkeit. So geht auch die neue Toleranz immer nur in eine Richtung: zugunsten der Fiktion von der unbegrenzten und dabei glamourösen maschinellen Herstellbarkeit des Beliebigen.

Aber warum ist das überhaupt so attraktiv für so Viele, neuerdings auch immer mehr Frauen? Und warum verstehen die anderen, die damit nicht einverstanden sind, es nicht und wissen nicht, wie sie sich argumentativ zur Wehr setzen können? Ich habe immer wieder festgestellt, dass sie, die meist eher Konservativen, heute keine Argumente haben. Sie durchschauen die Ideologie nicht, und sie verstehen die Maschinenlogik – sprich das Technikproblem – nicht.

Für die utopischen Pläne und laufenden Projekte der life sciences, synthetischen Biologie, Robotik und KI sowie KL, für Gentechnik und Reproduktionstechnik aller Art braucht man die Zustimmung der Menschen, insbesondere der Frauen, und nicht nur jene der Ethikkommissionen, die eben dafür eingerichtet werden, sowie der Parlamentarier und Politiker, die sich als Funktionäre in den Dienst der Megamaschine stellen. Denn konkrete Menschen müssen sich ja als „Rohstoff“ und für die damit laufenden und vorgesehenen Menschenexperimente zur Verfügung stellen. Noch kann man sie nicht dazu zwingen (beim Impfen fängt es aber schon an, wie u. a. auch die kürzlich in Italien eingeführte Impfpflicht beweist). Es müssen die Skrupel beseitigt werden, die dem noch im Wege stehen, die vagen Erinnerungen daran, dass da etwas nicht richtig sein kann, vor allem aber das dabei störende Gewissen, sofern es die höhnische Attacke der Maschine – „Gutmensch!“ – überstanden hat.

Die Gleichheit, um die es hier geht, ist also die Gleich-Gültigkeit, die Indifferenz und das Keinen-Unterschied-mache-Dürfen in Bezug auf alle Besonderheiten und Qualitäten, die „noch“ aus der Natur kommen. Sie dürfen nicht mehr etwas bedeuten, sie können eliminiert oder als eliminiert und unwichtig betrachtet werden. Die Unterschiede, die dagegen maschinell hergestellt werden, gelten als Vielfalt! Es ist aber die Waren- und Konsumvielfalt, die sich am Ende als maschinelle Monokultur, als Schein und leere Einfalt entpuppt (Shiva 1998), wenn nicht gar Schlimmeres.

Der Anti-Rassismus, im Übrigen, der neuerdings gepredigt wird, hat mit einer Abschaffung des Rassismus im kapitalistischen Weltsystem nicht das Geringste zu tun, denn diese findet ja gerade nicht statt. Im Gegenteil, als „rassistisch“ gilt heute, wer die Aktivitäten internationaler Großkonzerne im eigenen Land kritisiert. Er wird gefragt, ob er etwas „gegen Ausländer“ hätte! (Das passierte mir im Rahmen unserer Anti-MAI-Kampagne bereits 1998). Ja, der offizielle Anti-Rassismus verdeckt sogar, dass es sich bei der massenhaften Aufnahme von Flüchtlingen und Migranten aus den ehemaligen Kolonien Europas offensichtlich um ein Import-Projekt von neuen Sklaven bzw. einer „Reservearmee“ für das System handelt. Genau das würde jedenfalls der fortgesetzten neoliberalen Kolonisierungspolitik im neuen Gewande entsprechen, nämlich der Kolonisierung des Nordens selbst: Auch Europa wird zur Kolonie der Konzerne, inklusive der Schaffung innerer Kolonien im eigenen Lande und des ihnen entsprechenden Rassismus. Die angeblich humane, anti-rassistische „Gleichstellung“ mit der einheimischen Bevölkerung würde dabei lediglich der Vertuschung der Tendenz dienen, dass nicht die Einwanderer mit den Einheimischen gleichgestellt werden, was die Ersteren erhoffen, sondern die Einheimischen mit den Einwanderern, was beide befürchten (müssen). Inzwischen macht sich jedenfalls schon bemerkbar, dass mit den Kolonien auch Kolonialpolitik und Kolonialkrieg re-importiert werden. So kommt es zur internen wie externen Aufrüstung, und die „innere Sicherheit“ wird zum alles bestimmenden Thema des Ausbaus zum „Überwachungsstaat“, gerade ohne, dass diese widersprüchlichen Zusammenhänge und ihr historischer Hintergrund öffentlich deutlich (gemacht) würden (zur Politik der neoliberalen Globalisierung vgl. Werlhof 2010 b, S. 7–68).

Ebenso wenig geht es um die Abschaffung des üblichen Sexismus, den die Frauen erleben, Gleichgeschlechtlichkeit, Gleichstellung oder Gleichberechtigung, Quote und „Reißverschlussprinzip“ hin oder her. Wer vom bleibenden Sexismus spricht, wird zurechtgewiesen: Über „Opfer“ darf in einer freien Welt freier Individuen nicht gesprochen werden, denn das Opfer könnte, ja würde dadurch „diskriminiert“ werden! Denn, wer weiß, vielleicht ist eine Vergewaltigung ja auch ein „Erlebnis“ (Beispiel Genth 2017)!

Dem gesamten Diskurs sind seine Häme, sein Hohn und seine Verachtung der Natur und der von ihr geprägten Unterschiede sowie sein verborgener Hass auf alles Lebendige, also alles jenseits der Maschine, anzusehen, anzuhören und anzufühlen. Aber fast niemand scheint diese Gewalt des „Gleichstellens“ als eines abstrakten Gleichmachens von Verschiedenheiten und der Bedeutungen, die sie in Natur und Geschichte hatten, zu bemerken. Sie werden ohne Erklärung oder „Aufarbeitung“ einfach für null und nichtig erklärt, als seien sie und ihre Geschichte damit nicht mehr existent. Denn vor der Maschine sind alle „gleich“, ihr Ideal ist der Klon bzw. das allein „Quantitative“. Qualitäten, sofern noch vorhanden, werden von ihr geschleift.

Die heutige Megamaschine ist sowohl hardware als auch software, materielle wie immaterielle Maschine, praktische wie theoretische, und generell ein vielfältiges „Verhältnis“. Die kybernetische Rückkoppelung und Vernetzung macht aus ihr als einer Art „2.“ Natur nun bereits eine „3.“ Natur (Kurthen 2004). Die Gesellschaft ist also auch sonst dabei, immer mehr zur „alchemistischen“ Megamaschine zu werden, die alles derart umfassend und radikal verwandelt hat, dass vom Original nicht mehr viel übrig ist. Neben ihrer Produktion und Reproduktion gilt das auch für die Politik, die Ideologie, das Denken und Fühlen, die „Kommunikation“, den Kulturbetrieb, die Moden, den Reparaturbetrieb, die Medizin, die Kunst und das Bildungssystem (s. z. B. die staatlich einheitliche Reifeprüfung in Österreich, die nun ein abstrakt durchnormiertes, quasi maschinell funktionierendes Schul- und Lernsystem im ganzen Land voraussetzt), sowie das Militär. All diese Institutionen sind oder werden gerade im Sinne ihrer weiteren Maschinisierung und endgültigen Einbettung in die/als Megamaschine umgebaut: vom Roboter in der Altenpflege zum virtuellen Studium ohne leibhaftige Lehrkräfte, von der medizinischen Betreuung per Computer bis zum „social engineering“ mittels der Sozialberufe sowie schließlich den Individuen als eventuell trans- oder gar posthumanen selbst. Alles erscheint dabei als „ethisch zumindest erlaubt..., wenn dieses auf Verbesserung, Vervollkommnung, Leistungssteigerung und Fortschritt angelegt ist“ (Irrgang 2005).

Da ist sie wieder, die alchemistische Legitimation, die immer im gleichen Gewande daherkommt und nie hinterfragt, oder gar überprüft wird. Denn der vorausgesetzte Maßstab ist die Maschine, und in deren Sinn ist alles angelegt, selbst wenn es im Konkreten vollständig unsinnig erscheint. Genau das ist die allgemeine Wirkung im „Zeitalter der Systeme“ (Illich 2006, S. 183ff): Das Resultat ist immer das Gegenteil von dem, was zuvor behauptet wurde, dass es sein solle. Bildung macht dumm, Entwicklungshilfe trägt zur Unterentwicklung bei und Medizin macht krank (Illich insb. 1995).

Nur: Wer sagt, dass es nicht genau das ist, was die Megamaschine erreichen will?

Das gemeinsame Merkmal aller dieser Tendenzen ist: Sie werden in ihrem Charakter des abstrakt Maschinellen, Maschinenlogischen, und Natur- sowie Leib-Vergessenen von den Menschen meist nicht erkannt. Die Megamaschine will ja gerade keine „Intelligentsia“, keine „Gerechtigkeit“ und auch keine vor Gesundheit strotzenden Menschen! Ganz im Gegenteil!

Hierzu Marshall Berman, der Goethes Faust als „Tragödie der Entwicklung“ bezeichnet, die wir inzwischen alle erlebt haben. Berman hat beschrieben, was die Moderne mit und aus uns macht. Goethe wie Marx hätten diese Entwicklung gleichermaßen dargestellt, sagt er, und am Ende laute der Befund: „To be modern is to find ourselves in an environment that promises us adventure, power, joy, growth, transformation of ourselves and the world – and, at the same time, that threatens to destroy everything we have, everything we know, everything we are. Modern environment and experiences cut across all boundaries of geography and ethnicity, of class and nationality, of religion and ideology: in this sense, modernity can be said to unite all mankind. But it is a paradoxical unity, a unity of disunity: it pours us all into a maelstrom of perpetual disintegration and renewal, of struggle and contradiction, of ambiguity and anguish. To be modern is to be part of a universe in which, as Marx said, ‘all that is solid melts into air’” (Berman 1982, zit. n. Jaeger S. 562).

Also geht der Blick immer ins Jenseits, in eine utopische Zukunft. Die Gegenwart ist bereits „verschwunden“ (Jaeger 2008) – die Möglichkeiten der Zukunft aber auch.

Es zeigt sich wieder: Auch hier noch fehlt der andere Blick auf das, was geschieht, und warum es geschieht.


Der vollständige Artikel und die komplette Nummer 3 von "Bumerang – Zeitschrift für Patriarchatskritik" sind auf der website des Innsbrucker Forschungsinstituts für Patriarchatskritik und alternative Zivilisationen fipaz.at abrufbar


Siehe auch:

Auszug 1 (Nachwort)
NRhZ 632, 11.10.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24216

Auszug 2 (Technischer "Fort"-Schritt und die Verhöhnung des Lebendigen)
NRhZ 633, 18.10.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24234

Auszug 3 (Die moderne Technik als "blinder Fleck", "Kyndiagnosia" und die "prometheische Scham")
NRhZ 634, 25.10.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24259

Auszug 4 (Die Megamaschine: Die Utopie der "Singularität". "Maschinenmensch" und "Gott-Maschine")
NRhZ 635, 01.11.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24278

Auszug 5 (Die Alchemie als Verfahren zur „Höher-Schöpfung“ von Mensch und Materie seit der Antike)
NRhZ 636, 08.11.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24300

Auszug 6 (Gefühl und Verstand im maschinell-alchemistischen Verfahren (und) der Megamaschine)
NRhZ 637, 15.11.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24322

Online-Flyer Nr. 638  vom 22.11.2017

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Von Kostas Koufogiorgos
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