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Aktueller Online-Flyer vom 22. Oktober 2018  

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Globales
Aus "Welt ohne Leib" – erschienen in "Bumerang" (2)
Technischer "Fort"-Schritt und die Verhöhnung des Lebendigen
Von Claudia von Werlhof

"Bumerang" ist eine "Zeitschrift für Patriarchatskritik". Im Herbst 2017 ist Ausgabe 3 erschienen. Ihr Schwerpunkt ist "Patriarchat als Technik". Claudia von Werlhof hat dafür einen ca. 150 Seiten umfassenden Leitartikel geschrieben. Sein Titel lautet vollständig: "Welt ohne Leib – Die Maschine als das 'höhere Leben' – Auf der Einbahnstraße zum 'Omnizid' – Das utopische Projekt der modernen Technik und seine die irdischen Lebensbedingungen bewusst vernichtenden Folgen". Daraus gibt die NRhZ Auszüge wieder. Hier Auszug Nr. 2:

Es stellt sich die Frage, was mit dem technischen „Fort“-Schritt eigentlich gemeint ist, also wovon und wohin dabei geschritten wird, zu wessen Nutzen und eben auch Schaden das bisher stattfand, und welcher „Zweck“ mit dieser Technik in Wirklichkeit verfolgt wurde und trotz der am Horizont drohend erscheinenden Grenzen immer noch verfolgt wird. Das ist eigentlich das Erstaunlichste. Man sieht, ja misst ununterbrochen, was an Zerstörungen herauskommt, bleibt aber dabei! Das ist doch, von außen gesehen, irrational. Daher ist zu fragen, ob dieses ganze Unternehmen überhaupt „rational“ war, bzw. in wessen Sinne, und ob es „vernünftig“ oder gar etwas von der Welt „vernehmend“ vor sich ging und geht.

Aus der Perspektive der verbrauchten und vernichteten „Ressourcen“, zu denen immer mehr auch die Gesundheit der Menschen selbst in der industrialisierten Welt sowie ohnehin die Tier- und Pflanzenwelt und die verbliebenen indigenen Gesellschaften der Vormoderne gehören, ist dies jedenfalls nicht der Fall.

Insgesamt gesehen bewegen wir uns inzwischen in einer Zeit des Massensterbens auf diesem Planeten (z.B. Robischon 2012) und die Verwandlung der Erde in ein „Wrack“ (Bertell 2016, S. 464), die in ihrem Ausmaß und ihrer Geschwindigkeit ihresgleichen in der Erd-Vergangenheit suchen bzw. eine bisher in der Menschheits-Geschichte völlig unbekannte Dimension erreicht haben.

Das alles ist das Ergebnis des so genannten „Anthropozäns“ (Crutzen 2002, 2007), also des menschengemachten Erd-Zeitalters, auf das „man“ besonders stolz ist. Denn es ist das Zeitalter der durchgehend stattfindenden „Naturbeherrschung“, mit der die moderne Technik als Programm im 17. Jh. installiert wurde (Heidelberger/Thiessen 1981).

Damit kommen wir der Frage, warum die heutige Technik auf dem Globus wüten darf und niemand Einhalt gebietet, ja, warum das Problem selbst bisher im Allgemeinen gar nicht erkannt wird, einen großen Schritt näher. Als Beispiel von unendlich vielen sei hier nur ein Zitat aus „Die Weiterentwicklung des Menschen – Leitvision für das neue Jahrtausend“ aus dem Jahre 2007 gebracht:

„Der alte Traum der Menschen, sich nicht nur von materiellen und sozialen Fesseln zu befreien, sondern auch die von der Natur gesetzten biologischen Grenzen auszudehnen und zu überwinden, um auf diese Weise Krankheiten und den Tod zu überwinden und die physischen, geistigen und emotionalen Fähigkeiten in nicht gekanntem Masse zu verbessern, rückt in den kommenden Jahrzehnten in greifbare Nähe... Der Übergang vom zufälligen Spiel der natürlichen Evolution zur gesteuerten Autoevolution der Menschheit wird der wichtigste Schritt in der Emanzipation des Menschen von der Natur. Er ist geeignet, als vereinende Vision zu wirken... und (stellt) ein potentes Mittel gegen heute zu weit verbreitete Zukunftsangst und Fortschrittsfeindlichkeit (dar)“ (Prengel 2007, S. 363).

Wo lebt der Mann, der solches – immer noch – sagt? Und: wieso ist ihm und so vielen anderen so selbstverständlich, was er sagt? Woher kommt das? Er lebt in der „Vision“ einer gelingenden „Emanzipation des Menschen von der Natur“ und ihrer „Beherrschung“ durch Technik, die den Menschen zu noch ungeahnten Höhen des Denkens und Empfindens führen würde, als hätte gerade die Natur ihn bisher daran gehindert.

Dieser Vision macht es anscheinend nichts aus, dass die Natur dabei kaputtgeht und ihre Beherrschung faktisch ihre Zerstörung bedeutet. Denn „der Mensch“ soll ja aus der Natur heraustreten und sich von ihr „emanzipieren“. Es geht um ihn, nicht um sie. Was mit ihr passiert, spielt offenbar keine Rolle, und der von Natur emanzipierte Mensch gleicht einer neuen „Schöpfung“ jenseits der Natur...er scheint sie nicht mehr zu brauchen! Adé Natur, Leib, ja Erde? Und was ist seit den Zeiten der versuchten Emanzipation des Menschen von der Natur in Wahrheit mit dessen Denk- und Empfindungsvermögen geschehen?

In Goethes Faust ist es der Alchemist Dr. Wagner, Faust´ s ehemaliger Famulus, der als moderner Prometheus und emanzipiert von Natur auftritt. Der Berliner Philosoph Michael Jaeger hat sich in neuer und für uns heute extrem erhellender Weise mit Goethe auseinandergesetzt. Die „prometheische Utopie der Moderne“, so Jaeger im Sinne von Goethe, ist die Verwirklichung „des Projekts der zweiten Schöpfung“, das „Projekt der Moderne also, die Emanzipation des Menschen zu vollenden, insofern der Mensch nun selbst die Position des Schöpfergottes einnimmt, um fortan aus eigener Kraft und aus eigenem Willen die Welt und alles Sein, das Leben und zuletzt den Menschen selbst, herzustellen“ (Jaeger 2015, S. 100).

Das „Prometheus-Projekt“ ist das alchemistische „Große Werk“, das der Proklamation des Prometheus „Hier sitz´ ich, forme Menschen nach meinem Bilde, ein Geschlecht, das mir gleich sei“ nachfolgt als „der Machbarkeitsanspruch des...neuen Zeitalters der industriellen Produktion“ (a.a.O., S. 101). Dr. Wagner, Prototyp des modernen Wissenschaftlers, meint, es müsse „der Mensch mit seinen großen Gaben doch künftig höhern, höhern Ursprung haben“ – als bloß gezeugt und geboren worden zu sein wie im Tierreich. Ziel des großen Projekts ist, „die Macht über den ‚Ursprung‘ zu gewinnen“ (ebenda) und „zu den Lebensquellen vorzudringen“, damit „die Natur ihre Geheimnisse preisgeben muss“ (a.a.O., S. 102f). Die in „den Phiolen seines Laboratoriums hergestellte zweite Schöpfung“ sei nun „die bessere, optimierte und im Sinne der Rationalisierung vollkommen kolonisierte Natur“. Als solche habe die Natur nun „ihre Unendlichkeit eingebüßt“ und kenne keine „Geheimnisse“ mehr. Das „Projekt der absoluten Emanzipation“ wäre am Ziel (a.a.O., S. 104). Und Dr. Wagner, der neue Schöpfer, kann nun „den Sieg über die Natur“ proklamieren und die „überwältigte Natur“ einfach „auslachen“! (a.a.O., S. 103). Es ist das einzige Gefühl, das er aufbringt: seinen Hohn gegenüber dem besiegten Leben.

Was Goethe als Erster und in bisher einzigartiger Weise schon ganz zu Beginn der Moderne vor ca. 250 Jahren verstanden hatte, ist der Charakter dieser Zeit und ihrer Technik als alchemistisches Projekt der gewaltsamen Naturzerlegung und -ersetzung, ja der „Erfindung des Lebens“ als erst negiertem, dann vernichtetem und schließlich „neu“ gemachtem und dabei in ein „kolonisiertes“ verwandeltem! Diese Erfindung findet statt in einer Haltung der Hybris, der Negation, des Nihilismus und der Verhöhnung der Natur gegenüber. Goethe sah damit schon ganz an seinem Anfang die „irrationalen Züge des großen Rationalisierungsprojektes hervortreten“, wie der Goethespezialist Jaeger es formuliert (ebenda). Von irgendeiner Neutralität und Vernünftigkeit des technischen Projekts der Moderne kann von daher keine Rede sein!

Es ist wirklich erstaunlich, dass vor der Analyse durch Michael Jaeger die Faust-Interpretation generell gerade nicht, ja gar das Gegenteil von dem herausgearbeitet hat, was bereits Goethe für eine bis heute weder anerkannte, noch geteilte, vollständige und radikale Fortschritts- und Modernekritik entwickelt hatte, und wie sehr er, Goethe, übrigens unter dieser Erkenntnis gelitten hat. Aber weder Goethes Erkenntnis, noch sein Leiden an der Welt, die der Zerstörung preisgegeben wird, ist bis heute verstanden worden, ja würde heute, genau umgekehrt, als irrational gelten!

Faust, der erste „global Player“, wie Goethe ihn sah (Jaeger 2008), „verflucht“ die Welt (Jaeger 2015, S. 286ff). Eine „Emanzipation“ vom Gegebenen ist für ihn nur als “Seinsnegation“ vorstellbar, daher Fausts „Ontophobie“ (a.a.O., S. 286). Er flieht aus dem verhassten Sein.

Mephisto, der „Geist, der stets verneint“, und dem „alles, was entsteht, wert ist, dass es zugrunde geht“ (a.a.O., S. 287), vermisst bei Faust aber immer noch die „Entschlossenheit zum Lebenshass“, die dann aber Einzug hält als „Daseins- und Lebenshass“ (a.a.O., S. 284). „Der Tod erwünscht, das Leben mir verhasst“, gesteht Faust schließlich (a.a.O., S. 283). Es ist förmlich schon der Freudsche Thanatos zu hören, ursprünglich der „Gott des Todes“ (Freud 1975). Indem der Tod aber ein Naturgeschehen ist, das zum Leben und seinen Wandlungen dazugehört, handelt es sich hier um einen Begriff un-natürlicher Lebensverneinung, ja mörderischer Todes- und Tötungs(sehn)sucht, wie er heute, am Anfang vom Ende des Fortschrittsprojekts wiederkehrt (s.u. die Diskussion der „Megamaschine“).

Es geht, so Jaeger, um die „komplette Finsternis der absoluten Negativität“, die „Antigenesis Mephistos, seine Verherrlichung des Nichts“ und des „ins Nichts dahin zu fließen“. Mephisto präsentiert „die neue Utopie der totalen Abstraktion, das Wunschbild der absolut leeren Welt“ (Jaeger 2015, S. 278). Das heißt, die Welt muss „geleert“, von ihrem Topos befreit werden, bevor sie als U-topos, Un-Ort, Utopie neu entstehen kann - als Kolonie, dem zuvor entleerten Raum.

Woher aber kommt diese negative „Utopie“? Woher kommt das negative Empfinden des Hasses auf das Leben, das sie begleitet? Wir erfahren es nicht. Aber wir erfahren hier zumindest, dass es einen Zusammenhang zwischen dem modernen Fortschrittsprojekt und einer Reihe von Empfindungen gibt, von denen wir bisher nie etwas erfuhren, weil moderne Technik immer als neutrale, indifferente, rationale und „gleichgültige“, also als un-emotionale und in dieser Hinsicht „kalte“ daherkommt! Wo sind daher seit Goethe diese Empfindungen geblieben? In seiner Zeit muss es sie ja gegeben haben. Aber wir hören sonst nie von ihnen, weder für die Vergangenheit, noch in der Gegenwart. Der „Ingenieur“ fühlt angeblich nichts, es sei denn Positives, und er wendet sich sogar gegen Empfindungen wie die Zukunftsangst oder Fortschrittsfeindlichkeit, die er für irrational hält.

Wo also ist die Irrationalität des Fortschrittsprojekts als Empfindung selbst geblieben?

Eine Antwort darauf geben die neuen Philosophien der materialistischen und nihilistischen Ideen, der „Entgrenzung zum Tode“ (a.a.O., S. 279), die zum Prometheus-Projekt der Moderne gehören. Es geht um die „nihilistische Revolte“, die „radikale Umwertung der Werte“ und die Verkehrung des „Seins der Welt ins Nichts“ sowie die des „Nichts in jenes ganz und gar neue Sein“, die „das widerspruchsfreie Leben ´reiner Tätigkeit´ verspricht“.


Der vollständige Artikel und die komplette Nummer 3 von "Bumerang – Zeitschrift für Patriarchatskritik" sind auf der website des Innsbrucker Forschungsinstituts für Patriarchatskritik und alternative Zivilisationen fipaz.at abrufbar


Siehe auch:

Auszug 1 (Nachwort)
NRhZ 632, 11.10.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24216

Online-Flyer Nr. 633  vom 18.10.2017

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