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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Globales
Aus "Bumerang – Zeitschrift für Patriarchatskritik"
Welt ohne Leib
Von Claudia von Werlhof

"Der besondere Schachzug in fast allen Debatten über die moderne Gesellschaft, insbesondere aber ihre 'Technik', besteht darin, deren Entstehung und Entwicklung sowie ihre Zukunft als quasi 'natürliche' und vor allem 'neutrale', also nicht ideologisch bestimmte, sondern als für 'die Menschheit' und die moderne Zivilisation im Prinzip nützliche, positive und zu begrüßende, ja einzig mögliche vorauszusetzen. Diese im Voraus stattfindende 'Setzung' (Ernst 1993) wird so gut wie nie als eine solche benannt oder gar hinterfragt. Sie wird gar nicht bemerkt, sondern generell 'geteilt'. Das Denken der modernen Technik – und Gesellschaft – als grundsätzlich 'gute' ist damit quasi außer Streit gestellt, als ob darüber nicht (mehr) zu reden oder etwas daran zu ändern wäre." Mit diesen Sätzen beginnt Claudia von Werlhof in "Bumerang – Zeitschrift für Patriarchatskritik" Nummer 3. Schwerpunkt dieser Ausgabe ist "Patriarchat als Technik". Daraus geben wir das Nachwort des ca. 150 Seiten umfassenden Leitartikels wieder. Sein Titel lautet vollständig: "Welt ohne Leib – Die Maschine als das „höhere Leben“ – Auf der Einbahnstraße zum „Omnizid“ – Das utopische Projekt der modernen Technik und seine die irdischen Lebensbedingungen bewusst vernichtenden Folgen". Dem Artikel vorangestellt ist ein Zitat von Ingeborg Bachmann. Es stammt aus der Dankesrede für die Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden 1959 im Bundeshaus Bonn: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

Die Kritische Patriarchatstheorie ist eine neue „Große Erzählung“ jenseits bzw. eigentlich „diesseits“ der akademischen Disziplinen. Mit ihrem durchgehenden Realitätsbezug und ihren komplexen, aufeinander bezogenen Begriffen fordert sie dringend zum grundsätzlichen Umdenken von nahezu allem auf. Wir haben damit erst nur begonnen und das Meiste steht zu tun noch an.

Patriarchat als Zivilisation seit Jahrtausenden in Kriegen und gewaltsamen Auseinandersetzungen „gepflegt“

Wie schwierig das Umdenken ist, das die Kritische Patriarchatstheorie provoziert, hat sicher auch mit den starken „morphogenetischen“ Feldern (Sheldrake 2009) zu tun, die das Patriarchat als Zivilisation, die seit Jahrtausenden im Aufbau ist, wie mit einer Erinnerung, einem Gedächtnis seiner Energien umgeben, die ja täglich neu abgerufen und gerade auch in den vielen Kriegen und gewaltsamen Auseinandersetzungen „gepflegt“ werden. Das Patriarchat ist sozusagen die allgemeine „Hintergrundstrahlung“ der Gegenwart und taucht sie in die Färbung ihres Lichts als dem unheilvollen „Geist“, der in dieser Zivilisation waltet. Mit ihrer tendenziellen Vervollständigung in der Moderne ist diese globale, im Charakter neopharaonische Zivilisation aber auch an ihre materiellen sowie geistig-seelischen Grenzen gekommen. Sie wird mit den Lebensbedingungen auf der Erde, die sie laufend zerstört, als globale Utopie von einer paradoxerweise „besseren“ Welt auch selbst in irgendeiner Form kollabieren. An ihren Rändern, aber auch in ihrem Inneren als „Megamaschine“ ist ein solcher Kollaps partiell längst der Fall. Damit wird auch durchaus gerechnet. Aber ein von irdischen Bedingungen sich unabhängig wähnendes Gebilde ist eben eine Tautologie, ein nur auf sich selbst rückbezogener, um sich selbst kreisender Irrtum, der sich nicht auf die Dauer oder nicht im geplanten Umfang aufrechterhalten lässt. Ein vorzeitiges Einlenken ist aus dem Inneren dieser Zivilisation heraus jedoch im Moment nicht zu erwarten, weder Oben, noch in der Mitte, noch Unten, jedenfalls nicht früh genug. Denn das wäre jetzt notwendig, aber das Problem wird noch nicht einmal gesehen, geschweige denn erkannt und „begriff-en“, obschon ein tiefes Unbehagen deutlich zu spüren ist. Aber es kann sich keinen genuinen Ausdruck verschaffen.

Dabei geht es eigentlich nur darum, die – verdeckte – Voraussetzung der modernen Technik, die Natur vernichten und dann durch Besseres ersetzen zu „müssen“, fallen zu lassen. Es kann auf der Erde dauerhaft nur ein Leben sein, das ihr entspricht. Ein Leben, das ihr grundsätzlich nur widerspricht und am Ende diesen Widerspruch sogar „überwunden“ zu haben glaubt, indem sie ihn quasi übersprungen hat, und dabei komplett unirdische Bedingungen durchgesetzt hat, kann per definitionem nicht gelingen. Die Welt als Megamaschine ist eine Tautologie und keine Option. Deshalb geht es nun darum, sich mit den irdischen Lebensbedingungen einmal ernsthaft zu befassen, um ein ihnen wirklich gemäßes Leben zu organisieren. Dabei ginge es nicht einfach um die berühmte „Wiederverzauberung“ der Welt (M. Berman 1992), sondern um eine sehr nüchterne Bestandsaufnahme des Wissens über die irdische Natur, seines Fehlens und der Methoden, es (wieder) zu erlangen. Darüber hinaus müsste sofort an die Beseitigung der Schäden gegangen werden, soweit das überhaupt noch möglich ist, z. B. die Entfernung von Atommüll aus den Ozeanen, bevor ihre Behälter durchgerostet sind.

Einlenken aus dem Inneren der Zivilisation heraus, wenn der laufende Omnizid noch vermieden werden soll

Neben dem Transformations-Motiv des „pater arché“ hätte das des Profits zu fallen. Und dann ginge es an die Arbeit. Arbeitslose gäbe es keine mehr. Es ist die einzige Möglichkeit, die besteht, wenn der laufende Omnizid noch vermieden werden soll. Es hört sich logisch an und ist es auch. Aber das letzte Hindernis wird darin bestehen, die Eigenmächtigkeit der irdischen Natur und ihre autonome, autopoetische Bewegung anzuerkennen und zu akzeptieren. Denn dieses „Gesetz“ der Natur wurde am meisten verdrängt. Dass es dennoch bekannt war, zeigt, dass das Gegenteil dazu erfunden wurde, nämlich die “Mortifkation“ in der Form des erzwungenen Anhaltens dieser Bewegung, der Lebendigkeit und Zyklizität aller Materie, und ihrer Ersetzung durch Starre, Setzung, Außensteuerung, Fremd-„Energie“ und Unterordnung, die Maschine. Die Überwindung dieses letzten, geistigen, Hindernisses als freie Hinwendung zu den irdischen Lebensbedingungen so, wie sie sind, wäre der springende Punkt. Erst dann könnte auch die Liebe zu diesem Leben wieder einschießen und als mächtiger Strom der Seele den ganzen Hass wegreißen, der die meisten von uns absurderweise so umfassend umnachtet und gefangen hält, ohne dass das im eigentlichen Sinne „bewusst“ wäre. So würde eine enorme Kreativität freigesetzt, die aus dem mimetischen Zusammenspiel von Mensch und Natur erwüchse, die Erde würde „jauchzen“, und der ganze Spuk des Patriarchats wäre vorbei, zunächst einmal geistig-seelisch. So wäre der Weg zu sehen, der als einziger infrage kommt.

Jedoch, abgesehen davon, dass die sog. Eliten einem solchen Projekt sicher nicht zustimmen würden, ist die moderne Zivilisation auch sonst gekennzeichnet von der Existenz jener gesellschaftlichen Krankheit, die Ausdruck der grundsätzlichen Verkehrung der Welt in ihr Gegenteil und der entsprechenden voraus-gesetzten Sicht auf sie sowie der Empfindungen für bzw. gegen sie ist. Das konnte auf die Dauer nicht folgenlos für Leib, Geist und Seele bleiben und betrifft im Prinzip alle, die für das kapitalistische Patriarchat arbeiten, und das ist heute die große Mehrheit. Die Einsicht darein, dass der ganze Weg falsch war, ist daher nicht so ohne Weiteres zu erwarten. Denn es müsste ja dazu die Selbstkritik möglich sein. So ist die Frage, ab wann der laufende Omnizid trotz aller Gehirnwäsche einen so großen Schrecken auslöst, dass eine Gegenbewegung in Gang kommt, weil die „Apokalypse“ zu einer wirklichen „Enthüllung“ wird – und ob es dann nicht schon zu spät ist. Ein solches „zu spät“ könnte sich auf verschiedene Weise ausdrücken, nicht zuletzt im „Umkippen“ der letzten Naturzusammenhänge, wie Wälder, Gewässer, Böden, Atmosphäre und Klimata, generell der Tier- und Pflanzenwelt. Nicht zuletzt wäre es dann „zu spät“, wenn der Omnizid etwa in Gestalt eines atomaren und/oder postatomaren Weltkrieges inszeniert würde, wie es jederzeit der Fall sein kann (siehe Chossudovsky 2015). Eine ernst zu nehmende Gegenbewegung, die sich dessen bewusst wäre, ist jedenfalls nicht in Sicht.

Nur ein völlig anderes Denken als das, das zum gegenwärtigen Desaster geführt hat, kann helfen

Dieser kritische Befund gilt natürlich auch für uns selbst, die wir die Kritische Patriarchatstheorie entwickelt haben und weiterentwickeln. Wir konnten vielleicht überhaupt nur deshalb damit beginnen, weil die patriarchale Zivilisation keine Zukunft hat, so, wie sie sich das selbst vorstellt. Daher ist sie auf einmal als Ganze und deshalb auch als historisch vorübergehende „von außen“ zu erkennen und verliert damit ihre Selbstverständlichkeit und „Natürlichkeit“.

Wir versuchen, unsere neue Sicht der Dinge möglichst weit zu verbreiten. Denn nur ein völlig anderes Denken als das, das zum gegenwärtigen Desaster geführt hat, kann dabei helfen, dieses zumindest zu bemerken und seine Ursachen zu verstehen. Wir verwenden dafür das unabhängige Forschungsinstitut FIPAZ und den BUMERANG, Zeitschrift für Patriarchatskritik. Denn ohne eine Diskussion zu entfachen, kann auch kein Bewusstsein, kann keine Bewegung entstehen, die dem Patriarchat überhaupt etwas entgegensetzt und zumindest erst einmal dazu führt, aus dem „alchemistischen Traum“ aufzuwachen, der immer noch die globale Zerstörung und ihre Ursachen verdeckt, die diese Zivilisation mit ihren Gott gewordenen Hasardeuren angerichtet hat und weiter anzurichten plant.


Der vollständige Artikel und die komplette Nummer 3 von "Bumerang – Zeitschrift für Patriarchatskritik" sind auf der website des Innsbrucker Forschungsinstituts für Patriarchatskritik und alternative Zivilisationen fipaz.at abrufbar

Online-Flyer Nr. 632  vom 11.10.2017

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