NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 19. November 2017  

zurück  
Druckversion

Globales
Aus "Welt ohne Leib" – erschienen in "Bumerang" (6)
Gefühl und Verstand im maschinell-alchemistischen Verfahren (und) der Megamaschine
Von Claudia von Werlhof

"Bumerang" ist eine "Zeitschrift für Patriarchatskritik". Im Herbst 2017 ist Ausgabe 3 erschienen. Ihr Schwerpunkt ist "Patriarchat als Technik". Claudia von Werlhof hat dafür einen ca. 150 Seiten umfassenden Leitartikel geschrieben. Sein Titel lautet vollständig: "Welt ohne Leib – Die Maschine als das 'höhere Leben' – Auf der Einbahnstraße zum 'Omnizid' – Das utopische Projekt der modernen Technik und seine die irdischen Lebensbedingungen bewusst vernichtenden Folgen". Daraus gibt die NRhZ Auszüge wieder. Hier Auszug Nr. 6:

Es ist für mich eine erstaunliche Entdeckung gewesen, wie im Prozess des Verfassens dieses Aufsatzes immer deutlicher wurde, wie eng das Technik-Thema mit jenem des Fühlens bzw. seinem Verbot und Gebot verbunden ist. Während vormodern entstandene Techniken wie die Magie, das Handwerk und die Alchemie immer einhergehen mit einem großen Aufwand an Gefühlen vieler Art, hört das in der modernen Technik nach einer Anfangsphase, die Goethe noch beschreibt, auf einmal auf – und kehrt nur in bestimmten Zusammenhängen wieder: in Faschismus/Extremismus, Propaganda, Werbung, Krieg und sicher im Geheimen.

Was an Empfindungen wiederkehrt, ist dann also nur vorübergehend oder aus bestimmten Zusammenhängen verdrängt worden, nicht aber einfach verloren gegangen. Denn es muss ja Gründe geben, warum bestimmte Gefühle entstehen, und wenn die Gründe nicht verschwinden, verschwinden wahrscheinlich auch nicht die sie begleitenden Gefühle. Eins ist jedenfalls ganz klar: Eine Technik, die mit so viel Gewalt operiert wie die heutige, setzt entsprechende Gefühle voraus und/oder ruft sie hervor.

Bei Goethe haben wir sie kennengelernt: einen maßlosen Hass auf das Lebendige im Gegensatz zur Liebe zu ihm, seine Verachtung, Verhöhnung, Wut, Ungeduld, Ärger und Vernichtungswünsche ihm gegenüber sowie den entsprechend brutalen Angriff darauf, verbunden mit der Hoffnung auf das Paradies und den Wunderglauben an seine Erschaffung – aber als „Kolonie“, also nicht im Sinne des alten Paradieses. Aus der Kolonie wurde schließlich das Projekt der Megamaschine.

Im Laufe des Programms der Maschinisierung traten auch andere Gefühle auf: die „prometheische Scham“, die Faszination der Maschine, eine neue Aggression, die zu einer mimetischen Annäherung an die Maschine führt sowie das der Kyndiagnosia, die eher ein Nicht-Gefühl ist, wie auch generell von Gefühlen immer weniger die Rede ist. Ja, in der Megamaschine scheinen sie als solche, zumindest in ihrer alten Form, überhaupt unerwünscht und überflüssig zu sein – ähnlich wie das Denken.

Generell gilt in der Moderne, also letztlich mit dem Erscheinen der Maschine, die sogenannte Vernunft oder Ratio, und zwar in Form der „maschinenlogischen Rationalität“ (Genth 2002, S. 48) ohne jede Empfindung, aber auch ohne jedes „Vernehmen“ aus der Welt jenseits der Maschine überhaupt, auf das der Begriff der Vernunft ja noch verweist.

Die „Vernunft“, so der NS-Kritiker Finkielkraut, „behauptet und verkörpert die Existenz eines abgetrennten menschlichen Reiches“ (Finkielkraut 1998, S. 91), also eines jenseits der Natur oder getrennt von ihr. „Die Geschichte ist nicht mehr die Bühne, ...sondern ein einzigartiger Herstellungsprozess. Die Handlung wird architektonisch gedacht: Es geht nicht mehr darum, sich abzufinden, sondern darum, ein Werk zu schaffen, und diese Radikalisierung des Machens impliziert einen Idealismus der Grausamkeit und einen Puritanismus des Bösen.“ Und mit Bezug zum NS im Besonderen: „Die nationalsozialistische Gewalt darf nicht aus Neigung, sondern muss aus Pflicht vollbracht werden, nicht aus Sadismus, sondern aus Tugendhaftigkeit, nicht aus Freude, sondern methodisch...im Namen höherer Bedenken, mit beruflicher Sachkenntnis...“ (a. a. O., S. 84).

Der rationale Umgang mit dem eigenen Irrationalen, hier dem Grausamen und Bösen, ist am Ende in fast der gesamten modernen Naturwissenschaft und Technik der Fall. Nur vergleichsweise wenige WissenschaftlerInnen scheren aus und wenden sich gegen die Einseitigkeit dieses Blicks, seine Gewaltverdrängung und seine Unkenntnis der Naturerscheinungen. Sie erkennen aber durchweg nicht, dass die letztere ja kein Zufall ist, sondern – aufgrund des alchemistischen Projekts – gerade gewollt, und dass der Einspruch dagegen deshalb bestenfalls Hohngelächter auslösen würde! (Ich habe das einmal erlebt, als ich an der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck auf deren Einladung hin vor mehreren Hundert Studierenden und Lehrenden einen Vortrag zur Kritik der naturwissenschaftlichen Methode gehalten habe. Ich glaubte danach den Saal angesichts des wütenden Geschreis und höhnischen Grölens der Mehrheit der Anwesenden kaum mehr unbehelligt verlassen zu können)...

... Faust und Mephisto hatten den Hass auf das Lebendige, der dem Moderne-Projekt zugrunde liegt, noch offen ausgedrückt, die Nekrophilie und den Hohn gegenüber der besiegten Natur. Sie wird „ausgelacht“. Diese Haltung kehrt als typisch faschistische Mischung aus Dummheit, Überheblichkeit und Brutalität, aufgebaut auf der Hybris des weltumspannenden Vernichtungs- und Transformationsprogramms, vor allem im Faschismus des 20. Jh. s wieder. Hass und Hohn waren also nur verdrängt. Als sie „politisch“ gebraucht wurden, ließ man sie wieder aus dem Untergrund hervorkommen. So geschieht es ja heute auch über den Extremismus und Terrorismus.

Die Apologeten der Megamaschine können den Hass auf das Lebendige also voraussetzen, ob er sich nun offen zeigt und zeigen soll oder nicht. Dass sie generell faschistisch argumentieren, also zugunsten des Vernichtungsgedankens und -projekts, auch wenn sie den dazugehörigen Hass nicht äußern, scheint niemand zu bemerken. Motto: Was nicht gesagt wird, existiert nicht.

Am Anfang des großen Umwandlungsprojekts der Neuzeit, auf der Schwelle zur Moderne und noch vor Goethe, war dieses Gefühl des Hasses auf das Lebendige noch offen vorhanden – es begleitete ja 600 Jahr Inquisition und Ketzer- sowie Hexenverfolgung vom 12. bis ins 18. Jh. So verfuhr die Inquisition als erste europäische Großinstitution der Neuzeit noch nach dem – höhnischen – Kriterium, dass es um das „Seelenheil“ der Gefolterten und auf dem Scheiterhaufen bei lebendigem Leibe Verbrannten ginge – so als mache man sich schuldig, wenn man, umgekehrt, nicht für diese Bestrafung eintrete! (H.J. Wolf 1998; Federici 2012) Auch Bacon formulierte noch, wie nötig es sei, die Natur auf die Folter zu spannen, um ihr ihre „Geheimnisse zu entreißen“, eben wie den naturkundigen Frauen, die als „Hexen“ verfolgt wurden (Bacon 1990). Und auch der erste Staatstheoretiker Europas, Jean Bodin, rühmte sich seiner Erfahrungen in Hexenprozessen seiner Zeit und zog daraus Schlüsse für die Organisation des National-Staates unter der Voraussetzung der generellen Unterwerfung der Frauen (Opitz-Belakhal 2006).

Erst nach den „Hexen“-Verfolgungen in der Zeit der „Aufklärung“ (!) geht der offene Hass auf das Lebendige wie automatisch in die Voraussetzungen des Handelns ein, wird zur Selbstverständlichkeit im „Verfahren“ und in es hineinintegriert, schließlich zur Indifferenz und Gleichgültigkeit gegenüber den im Verfahren erscheinenden Naturwesen, die keine Gefahr mehr darstellen, scheinbar auch nicht für das Gewissen. Der Historiker Gerd Kimmerle nennt die „Ratio der Gewalt“ dieser Zeit auch die „Gewalt der Ratio“, was entgegen dem allgemeinen Lob der Ratio als unverzichtbarem roten Faden durch die Neuzeit auf deren verborgene Kehrseite hinweist (Kimmerle 1980). Im NS kehrt, wie in allen faschistischen Gruppen und Politiken, die Mischung aus Ratio und Irrationalität auch offen ausgesprochen zurück, als wäre sie zwischendurch nur versteckt und verheimlicht worden: Nun in der Verhöhnung des „Lebensunwerten“ bei der gleichzeitigen Kälte und Rationalität seiner Beseitigung.

Auf der anderen Seite des Hasses auf das Lebendige steht aber immer noch die Liebe zu ihm, die z. B. Goethe selbst so nah war. Was geschieht also in dieser Zeit mit der Liebe zum Lebendigen? Was entsprach ihr, schließlich, auf der Seite der Technik?

Es ist sicher eines der größten Geheimnisse der Macht, wie sie es fertigbringt, die Täter von ihrem Gewissen, ja ihren positiven Gefühlen dem Lebendigen gegenüber, ihrer Liebe zum Leben, zu „befreien“ und damit erst zur Tat zu bewegen (Grossman 1996). Denn niemand wird ja mit dem Hass auf das Lebendige geboren. So folgen der Liebe und dem Mitgefühl mit dem Lebendigen erst einmal der Hohn und der Hass auf den jeweils dazu deklarierten „Feind“. Hier ist das Militär die erste Institution (Sunzi 1983), die sich damit systematisch befassen musste, wenn sie Kämpfer haben wollte, und der letzte Trick besteht darin, das Gefühl schließlich gänzlich auszuschalten, auch sich selbst als verwundbaren Wesen gegenüber (Gruen 1997). Der Kämpfer wird verwandelt in die seelenlose „Kampfmaschine“, buchstäblich bis zum Drohnenkrieg (Grossman 1996).

Es handelt sich um eine vom Militär ausgehende „Militarisierung“ des Zivilen wie auch der Menschen, ihre „weaponization“ (ETC-Group 2017). Diese bedeutet, dass alles und alle tendenziell in Waffen verwandelt werden, sodass entsteht, was Paul Virilio den „reinen Krieg“ nannte (Virilio/Lothringer 1984), also eine Gesellschaft, in der nach und nach nichts Ziviles mehr existiert: die Megamaschine als Megawaffe. In so einem System ist tendenziell jedes für das Lebendige positive Empfinden ausgeschaltet. „Zugelassen“ sind dann nur noch die negativen Empfindungen gegenüber dem Feind bzw. das Triumphgefühl über seine Niederlage, und sie werden systematisch „trainiert“ (Grossman 1996), oder sie weichen der allgemeinen Gefühllosigkeit der Kampfmaschine.

Das militärische Modell, das auch allgemein den ältesten Versuch darstellt, menschliches Verhalten in einer organisatorischen Megamaschine der totalen Kontrolle zu unterwerfen, wurde inzwischen auch für das zivile Leben in der Konkurrenz aller gegen alle adaptiert. Frank Schirrmacher beschreibt dies als Einführung einer Art von erweitertem „homo oeconomicus“, dem für alle Akteure im Alltag und dort, wo Entscheidungen zu treffen sind, vorausgesetzten, auf Ego-Interessen und entsprechende Reaktionen reduzierten Menschentyp, dessen Verhalten buchstäblich vor-programmiert ist. „Die Rechner erzogen die Menschen, die mit ihnen arbeiteten. Sie demonstrierten, wie man in der modernen Welt zu denken hatte“ (Schirrmacher 2013, S. 26). Dieses Modell „entwickelte sich zu einer schleichenden, jahrzehntelangen Schulung in Egoismus“ (a. a. O., S. 27). Und „die Qualifikation des Managers der neuen Zeit (bestand) darin, mit den sekündlich um ihre Vorteil feilschenden Maschinen...zu verschmelzen“ (a. a. O., S.38). Der „l´ homme machine“, die „Menschmaschine“, der „Homo transformator“, sie alle werden Realität als „aktive Objekte“ der Megamaschine und der weiteren Maschinisierung der Welt.

Wie konnten Marx und andere Befürworter des „technischen Fortschritts“ bis heute nur davon ausgehen, dass die Maschinisierung der Arbeits- und Lebenswelt die Menschen, ihr Denken, Fühlen und Handeln, nicht auch im Hinblick auf ihre „Freizeit“ grundlegend verändern würde, nach dem Motto: Wenn die Maschine die Arbeit macht, sind die Menschen frei zum Philosophieren, Dichten und Lieben? 

Die Erkenntnis des Leidens, das Herrschaft produziert, wird verboten, sagte Adorno. Aber das Leiden ist da, auch wenn nicht darüber gesprochen wird. Der Veteran leidet an den Folgen seines Tuns: Das ist wiederum das am meisten gehütete Geheimnis des Militärs, dass die Gewalt auch den Täter selbst trifft. Er hat ein „posttraumatisches Syndrom“, wie Grossman es untersucht hat. Das bedeutet, dass ihn seine Taten nicht loslassen, nicht im Wachen und nicht im Schlafen. Der Mensch ist für die Gewalt nicht gemacht, heißt das, es ist eines der ältesten Tabus menschlichen Seins in dieser Welt, dass er tötet. Die sogenannte „Tötungshemmung“ wird aber überall aufgebrochen, beim Militär und in Naturwissenschaft und moderner Technik, ja auch im Unterhaltungsbereich der Video-Spiele und des privaten Filmens und anschließenden Verbreitens von Gewalttaten. Wie gesagt: „Ich töte, also bin ich!“ – nämlich Schöpfer! „Väter der Vernichtung“ nennt Brian Easlea die Mitarbeiter des Manhattan-Projekts zur Erfindung der Atom-Bombe und ihren Abwurf über Hiroshima und Nagasaki. Man nennt sie nach dem wissenschaftlichen Direktor des Projektes „Oppenheimer‘s Baby“ und telegrafiert sich danach: „It‘s a boy!“ (Easlea 1986, vgl. Werlhof 2010e, S. 138).  Nicht zufällig gibt es unter den Atomkraftwerken den „Schnellen Brüter“, der mit dem gefährlichsten aller radioaktiven Stoffe, Plutonium, arbeitet, und die australische Ärztin und Atomgegnerin Helen Caldicott beschreibt, dass die Atom-Wissenschaftler regelrechte Sexual- und Gebärphantasien zu ihrer Arbeit haben und ihre tödlichen Erfindungen für „Hoffnung, Erneuerung und Leben“ halten, ja für einen Teil der Naturordnung. Gleichzeitig bedeutet ihnen das reale Leben nichts. Es ist lediglich abstrakte „Ressource“ oder „Komponente“, und es sind keine Gefühle damit assoziiert. Die Sprache in diesem Milieu der Verkehrungen offenbart eine vollständige „Ent-Humanisierung“ (Caldicott 2002, S. 15-17).  Der Computerexperte der 1. Stunde, Joseph Weizenbaum, wiederum, hat bei seinen Kollegen der „KI“ (Künstlichen Intelligenz-Forschung) ähnliche Entdeckungen gemacht. Sie sähen darin eine männliche Schöpfung besseren Lebens, ja, so wie Marvin Minsky vom MIT (Massachusetts Institute of Technology) es vorschlug: die Menschen seien nur Störfaktor und quasi Restrisiko, weil sie keine Maschinen seien und sollten deshalb Maschinen werden wollen oder den letzteren das Feld überlassen, denen nämlich, die die KI-Forscher als die bessere Rasse hervorbrächten (Weizenbaum 1990, Minsky zit. in Werlhof 1991a, S. 55). Auch hier finden wir also wieder das „Gefühl“ in Verbindung mit der Abstraktion vom Lebendigen, der Maschine als angeblicher Alternative dazu, bei gleichzeitiger Kälte, Negation und Gewaltbereitschaft gegenüber dem Lebendigen, so wie es „immer noch“ ist.

... Wenn die Liebe zum Lebendigen geht, stirbt der Mensch offenbar ab, desgleichen, wenn er sie wegschickt. Das ist im Kriegs- und Maschinenzeitalter sehr häufig der Fall. Die Veteranenbewegung kommt aber voran, und es gibt Beispiele unter ihnen, die es geschafft haben, ihre Vergangenheit zu verarbeiten und zum realen Leben und Lieben zurückzukehren (Thomas 2003). Nur, aus der Sicht der Megamaschine geht es darum gerade nicht!

Inzwischen geht die allgemeine Nüchternheit und Rationalität technischen Handelns bis hin zum Angriff auf den Planeten selber. Hie und da ist dabei das alte Motiv der „Hexen“-Verfolgung aber auch noch erkennbar, nämlich das vormoderne Bewusstsein, dass auch die Erde selbst wie alle übrige Natur keineswegs „tote Materie“, sondern höchst lebendig, ja ein weibliches Wesen ist, das allerdings bezwungen werden soll. (vgl. Hamilton 2013. Es geht um die Parabel von „Dr. Strangelove“, der die mächtige Mutter Erde zwingt, ihn zu hören und ernst zu nehmen, indem er sie bis in die Tiefe durchstößt und verletzt). Der Hohn, der zum Hass gehört, taucht hier hinterrücks wieder auf und zeigt, dass der Hass keineswegs verschwunden ist.

Es geht also auch immer wieder um ein weiteres Empfinden, nämlich das positive Gefühl des Triumphs, wenn die technische Bewältigung eines Problems der Natur- „Überwindung“ erfolgreich durchgeführt werden konnte. ...

Das Phänomen der Steuerung der Gefühle in der Megamaschine betrifft also nicht nur Fühlverbote, sondern zunehmend auch Fühl-Gebote, ... und dabei geht es um die „Erfolge“, die die Megamaschine sich zuschreibt bzw. propagiert, um die Menschen auch „positiv“ zum Mitmachen im Gewaltprojekt zu motivieren. Der faschistische Unter- und Hintergrund des Faust-Projektes taucht dabei unverblümt, aber unverstanden, wieder auf (s. u. Kap. Die Ideologie von der Maschine als einzigem Maßstab).

Insgesamt ist nicht erkennbar, dass aus den bisherigen Erfahrungen mit der „Großen Transformation“ (Polanyi) irgendetwas „gelernt“ wurde, im Gegenteil. Nun soll die Erde als Ganze selbst in eine Art planetare Megamaschine verwandelt werden, wobei wieder einmal überhaupt keine Rücksicht auf die bereits eintretenden katastrophalen Folgen genommen wird (Wigington 2017). Man „darf“ alles das tun und verbittet sich jede Einmischung (Fraile 2017). Wie käme man sonst weiter in Richtung Singularität? ...

Nach dem NS gilt nur mehr das „Rationale“, weit weg von jeder Empfindung, die dem „System“ per se als Irrationalismus erscheint, wie um die Verwandtschaft mit der unrühmlichen Vergangenheit zu verbergen oder gar Erinnerungen an vormoderne Gefühlswelten abzublocken. Aber das Ziel hat sich nicht verändert. Es bleibt bei der Verkehrung der Welt, dem Umsturz der Naturordnung, auch der des Planeten selber, und der Neuschöpfung einer „postnatürlichen“ und „posthumanen“ Zivilisation, nun auf einem „postirdischen“ Stern!

Angesichts der Megamaschine, in der wir alle mehr oder weniger schon stecken, mit mehr oder weniger prometheischer Scham, ob gewollt oder nicht, ist es klar, dass wir in Gefahr sind, unsere Liebe zum Lebendigen, etwa in Gestalt des Mitgefühls, auch jenseits des historischen Faschismus im naturwissenschaftlichen Weltbild von Mechanismus und Rationalismus zu verlieren:

„... eine Identifikation mit der Macht“, so der Psychoanalytiker Arno Gruen, „die aus dem Gefühl eigener Unzulänglichkeit resultiert, führt zu einem Verlust unseres Mitgefühls.“ Musterbeispiel hierfür sei der Faschismus von links oder rechts, aber dasselbe kann auch für eine sonstige „Identifikation mit dem Aggressor“ (Gruen 1997, S. 85ff) gelten: „Ein Menschsein, das die Verantwortung für sich selbst an übergeordnete Systeme delegiert, ist ein entfremdetes. Es ist gefangen in Emotionen, welche, losgelöst von ihren eigentlichen Ursprüngen, zu zusammenhanglosen Erfahrungen verkümmern. Menschen, die ihre Identität aus einer Identifikation mit Macht und ihren Symbolen beziehen, verlieren den Boden ihres Menschseins unter ihren Füßen, und ihr Selbstverständnis dient dann der Perpetuierung eines Gesellschaftssystems, das auf Macht basiert.... Doch das Mitgefühl ist die in uns eingebaute Schranke zum Unmenschlichen“ (a. a. O., S. 11).

Entweder sind also die Bedingungen für den Verlust des Mitgefühls auch außerhalb des Faschismus anzutreffen, oder aber die Entwicklung der Megamaschine geht ohnehin selbst in Richtung Faschismus und mehr. Dabei sind das Ausmaß dieser Entwicklung und ihre Generalisierung bedeutsam, denn es geht ja hier nicht nur um die Lebens- und „Gefühls“-Bedingungen Einzelner, sondern von unzähligen Millionen, wenn nicht Milliarden Menschen. Damit tritt ein, was der Psychoanalytiker Franz Renggli als „Soziosomatik“ erklärt, also eine Psychosomatik für eine ganze Zivilisation (Renggli 1992), die im negativen Falle Auslöser von Epidemien sein kann wie die Pest im Europa des 14. Jh.s. Solche Massenerkrankungen seien die Folge gesellschaftlicher Umbrüche, die nicht ohne weiteres verarbeitet werden können und auch entsprechende physische Reaktionen bewirken. Damals starb ein Drittel der europäischen Bevölkerung auf dem Weg in die Neuzeit. Für deren Krise heute sieht Renggli ein paralleles Phänomen schon am Horizont.

Vielleicht sind wir etwa mit dem Krebs schon mitten drin. Er könnte dann als eine Nemesis gelten, nämlich als eine Art Rache für unser herz- und liebloses Verhalten dem Lebendigen gegenüber, die uns in Form einer Quittung für das große Fortschrittsprojekt präsentiert wird. So würde das Bild des Krebses als unnatürliche und lebensvernichtende, ansteckende und zum Tode führende Zellwucherung auch noch dem entsprechen, was „Kolonisierung“ und Maschinisierung bewirkt haben – so wie übrigens die Schwarze Pest als Krankheitsbild dieselben physischen Symptome aufwies wie ein auf dem Scheiterhaufen verbrennender Mensch!

Wenn die Symptome des Verbrennens auch auf die übergehen, die gar nicht verbrannt werden, dann zeigt das ein „geistiges“ Wirken, das unabhängig von uns stattfindet und uns unmittelbar darauf hinweist, was das Problem ist, damit wir begreifen, was wir falsch gemacht haben und damit aufhören! Nur so kann die Genesung stattfinden. Diese Lektion wurde bisher nicht gelernt. Denn in Zeiten der Ratio wird die Gewalt gegen das Lebendige voraus-gesetzt und durch nichts mehr gehemmt. So wird etwa der Krebs generell auch nicht erkannt als Sinnbild – oder Logos – dessen, was wir selber der Welt antun, sondern als äußerer Feind, der bekämpft werden muss – sozusagen als böse Natur. Dieser Kampf intendiert eine „Verbesserung“, während die vorhergehende Verschlechterung und ihre Ursachen gar nicht als mögliches Ergebnis eigenen Handelns untersucht werden, sei es als Ausdruck individuellen, sei es als Ausdruck gesellschaftlichen Handelns. Das mögliche Symbol und „Zeichen“ falschen Handelns – falsch im Sinne eines permanenten Verstoßes gegen die Naturordnung – wird einfach herausgeschnitten und entfernt. So brauchen wir es nicht mehr anzusehen.

Dabei wird die Chance verpasst, endlich aus dem alchemistischen Verbesserungsdenken herauszutreten, welches sich um die lebendigen Zusammenhänge nicht kümmern zu müssen glaubt, und die „Sprache der Natur“ wieder einmal anzuhören. Diese müsste allerdings neu erlernt werden. Mit der „Verteufelung“ der Krebsepidemie als Erscheinung einer bösen Natur, die immer noch nicht genügend beherrscht wird, wird also die Möglichkeit, mit dem Krebs anstatt gegen ihn zu fühlen und ihn damit erst zu erkennen zu beginnen, auf allen Ebenen erneut vertan. So formulierte die Ärztin Barbara Mac Clintock entgegen aller Regeln der modernen Medizin: „Wenn du wissen willst, was ein Tumor ist, musst du ein Tumor sein!“ (zit. in Keller 1986, S. 27).

Wie Renate Genth feststellt, bringt die Maschinisierung nicht nur eine Art mental-emotionaler Abstumpfung, etwa in Form des Verlusts des Mitgefühls, mit sich, die sie als „strukturelle Agnosie“ bezeichnet (Genth 2002, S. 168), sondern auch einen eigenen Aggressionskult hervor, der ein Resultat der Gewalt ist, die zur Herstellung des Maschinellen gehört (Genth 2002, S. 245). Es taucht damit auf der negativen Seite der Gefühlspalette also ein neues Empfinden auf, das der Maschine entspricht, und im Umgang mit Maschinen, vom Motorrad bis zur Waffe, deutlich wahrnehmbar ist, steigert doch die Maschine bei ihrem Besitzer den Eindruck, es selbst zu sein, der ihre Kräfte hat. Damit ginge die prometheische Scham in den Stolz des Maschinenbesitzers über seine neuen Möglichkeiten über, die ihn zur Demonstration von Macht verführen, über die er in Wirklichkeit nicht verfügt. Dies öffnet seinerseits den Weg zur Akzeptanz des Homo Protheticus, Cyborg oder Maschinenmenschen. Es ist die Illusion, dass die Neuschöpfung des „Lebens“ in Gestalt der Maschine eine Art „Lebensfunken“ produziere (Irrgang 2005, S. 21), der in die Maschine fahre und mit der Maschine übertragen würde. Von diesem Effekt ist wahrscheinlich auch die Gott-Maschinen-Vision Harari´s geprägt.

Der Verlust des Eros im ursprünglichen „götheanischen“ Sinne, also der Lebensfreude und Liebe zum Lebendigen, zugunsten einer Art von Thanatos (Freud 1975), dem Wunsch, das Leben anzuhalten und ins Anorganische zurückzuführen, es sozusagen zu „mortifizieren“, eine dazugehörende Todessehnsucht, Vernichtungswünsche, Aggression, Entfremdung oder Gleichgültigkeit gegenüber dem Lebendigen, all das ist inzwischen überall zu bemerken. Der Angriff auf die Lebensfreude begann mit dem Hass auf das Lebendige – bis die Maschine bzw. der Krieg anfing, mit der Lebensfreude buchstäblich Schluss zu machen. Heute ist auch bei den Frauen dieser Abstumpfungs- und Regressionsprozess zu beobachten, der mit der Maschinisierung des Lebens, Verhaltens, Denkens und Fühlens in allen Arbeitsbereichen wie auch im Privatbereich und Haushalt einhergeht.

Vielleicht ist das einer der Gründe, dass man die Alchemie für beendet erklären konnte, für abgeschafft. Denn ihr gehörte traditionellerweise das Empfinden noch an, und zwar auf allen Seiten. Aber nun wird das Empfinden im technischen Prozess für überhaupt obsolet erklärt. Die davon „befreite“ Alchemie ist demnach als solche angeblich nicht mehr zu erkennen, obwohl Ziele, Verfahren und Begriffe, die ganze Utopie der Neuschöpfung der Welt erhalten bleiben. Wo kein Gefühl, da herrscht angeblich der Verstand, und damit wäre alles in Ordnung, da „berechenbar“! Es ist aber nur die Ratio, die da herrscht, und mit ihr die ihr angehörende „Ir-Ratio“, wie schon Goethe uns belehrte, die dabei aber nicht mehr erkennbar ist, weil sie versteckt wird.

Das Ergebnis ist die Kyndiagnosia, also eine Unempfindlichkeit oder Instinktlosigkeit für Gefahren, gerade auch solche, die durch die Maschinisierung entstehen bzw. erst möglich werden. So verleitet die Maschine zum Eingehen von Risiken, die sonst unterbleiben würden, etwa zu hohen Geschwindigkeiten, zu großen Zusammenballungen oder extremen Gewalttaten, deren Folgen dem menschlichen Maß nicht mehr entsprechen. 100 Tote kann man sich noch vorstellen, sagte Anders, aber nicht Hunderttausende oder Millionen. Das Maß der Maschine ist ein anderes, dem wir als „Antiquierte“ hilflos, aber dennoch mit den Folgen belastet, gegenübertreten. Dieses Problem ist noch nirgendwo „mit Erfolg“ bearbeitet worden. Ihm entspricht daher der „Exorzismus“ der Gefühle, den die Megamaschine uns abverlangt. Andernfalls müsste es zu einer riesigen Ausweitung der emotionalen Potenz der Menschen kommen, die dann aber zum Ergebnis hätte, dass die Verwendung von Maschinen nicht mehr ertragen würde!

So bleibt bisher nur das Sich-Fügen unter die Bedingungen der Megamaschine, die etwa als neue Form des Staates „die Verantwortung“ hat, während ihre Mitglieder sie nicht mehr haben, und sich nur noch mit „politischen Forderungen“ und in „Wahlen“ zu Wort melden können. Oder aber es wird der Megamaschine in infantiler Manier und sozusagen “händchenhaltend“, singend und tanzend mit „friedlichen“ Mitteln begegnet, so als könnten diese irgendeine Antwort auf die Gewalt des alchemistisch-maschinellen Wütens des Apparats sein oder ihn gar in irgendeiner Weise „beeindrucken“. Ein „Empört Euch!“ (Hessel 2011), schließlich, muss verpuffen, denn was sollte es an den Bedingungen und „Verhaltensweisen“ der Megamaschine ändern? Die „Sachzwänge“ beherrschen das Geschehen. Eine „persönliche“ Machtausübung ist nicht mehr auszumachen, und wenn, dann ist sie ebenso austauschbar wie ein Eichmann. Denn sie ist Teil der „Objektivität“ der Megamaschine und hat nichts „Willkürliches“ und „Subjektives“ mehr an sich....

Stattdessen sehen wir nun: Die moderne Technik hat sich zum alchemistischen System der Megamaschine entwickelt, in dem die Menschen gefangen sind. Daher agieren und reagieren sie auch nicht wie Freie, sondern wie Gefangene: als Insassen! Sie sind aggressiv-materialistisch oder wie gelähmt, infantil oder idealistisch, denn eine wirkliche Verantwortung haben sie nicht mehr. Sie ist an die Maschine abgetreten worden, an den Staat und „nach oben“. Nur: Auch „oben“ gibt es keine Verantwortung. Sie wird gar nicht wahrgenommen, von niemandem! Die Maschine ist ein Apparat jenseits jeder Verantwortung, und diejenigen, die sie kontrollieren, wollen sich nicht verantwortlich machen lassen. Die Verantwortung fällt also letztlich und faktisch auf diejenigen zurück, die sie gerade nicht haben, indem sie die Leidtragenden sind und sein werden. (Nach dem GAU von Tschernobyl wurde das besonders deutlich, vgl. Gambaroff 1986). Als Insassen können die Menschen an ihrer Verantwortungslosigkeit und ihrem gleichzeitigen Verantwortlich-gemacht-Werden auch nichts ändern. Sie reagieren also mit einem Bewusstsein, das ihrem Sein entspricht – hilflos....

Wenn es so gesehen wird, ist das Ganze viel besser zu verstehen. Das Problem dabei ist nur, dass die Insassen ihre Gefangenschaft meist nicht zur Kenntnis nehmen, sondern – auch mangels realer Alternativen – verdrängen und für normal halten (müssen). Die Megamaschine soll ihnen wie eine väterlich-mütterliche Versorgungsinstanz erscheinen, die „gute“ Obrigkeit oder der „Sozialstaat“, während sie in Wahrheit ein sich alles als „Rohstoff“ einverleibendes, kannibalisch „verwertendes“ und in sein Gegenteil transformierendes aggressives Waffensystem ist.

... Die Insassen der Megamaschine haben demnach ein „doppeltes“ Bewusstsein: einerseits verhalten sie sich ihrem Sein entsprechend, nämlich wie Insassen. Andererseits halten sie an der Illusion fest, dass es die Megamaschine gar nicht gibt – Verweigerung der Technikkritik – ... 

Dieser Teil des Bewusstseins ist das falsche Bewusstsein.... und das bedeutet, dass sie sich eigentlich in einem Dämmerzustand oder Dauerschlaf, wenn nicht im Modus von Frustration-Aggression befinden. ... – vor allem hat keine Chance: die Liebe. Damit ist aber nicht, wie meist, ein vorübergehendes romantisches Geplänkel gemeint, sondern das Eingehen des Risikos, für etwas einzustehen mit Haut und Haar – und zwar für das, worum es geht. Und was ist das heute? Es ist das, was bedroht ist: die Natur und das Lebendige, ja die Erde als Planet und die Liebe selbst. Ob Insassen zum Umfang solcher Gefühle noch gelangen, sei dahingestellt. ...

... Heute geht es um die Abschaffung der Liebe als einem Phänomen, das wie die Natalität, die Geburt aus einer Mutter, die Conditio Humana schlechthin und größte Kraft ist, die uns als Menschen zur Verfügung steht. Diese Liebe ist das Einzige, was die Megamaschine wirklich nicht gebrauchen kann ... Nur diese Liebe zum und aus dem Lebendigen wäre imstande, die Megamaschine zu überwinden. ...

... Im Gegensatz zur Neuzeit und Moderne gibt es aber auch eine Tradition der Verbindung von Technik mit Liebe - statt Hass, mit Hinwendung - statt Abwendung und mit gemeinsamer „Anverwandlung“ – statt gegenseitiger Zerstörung...

... Die meiste Zeit der Geschichte haben Menschen mit diesen Techniken gelebt. Es sind die erfolgreichsten gewesen, denn sie haben langfristig gehalten, nichts systematisch zerstört, und das Leben auch unter schwierigen Bedingungen ermöglicht. Im Bereich des Fühlens und Denkens sind sie daher ebenso verschieden von den heutigen, und es ist nicht bekannt, dass ein Hass auf das Lebendige oder seine Verachtung und Auslöschung dabei irgendeine Rolle gespielt hätten, ganz im Gegenteil.

... Was also hat uns davon so weit entfernt? Arno Gruen: „...das Mitgefühl ist die uns eingebaute Schranke zum Unmenschlichen. Mit seiner Unterdrückung und Verzerrung ist die Geschichte unserer Zivilisation nicht nur verflochten, sie ist ihr Fundament“ (Gruen 1997, S. 11).


Der vollständige Artikel und die komplette Nummer 3 von "Bumerang – Zeitschrift für Patriarchatskritik" sind auf der website des Innsbrucker Forschungsinstituts für Patriarchatskritik und alternative Zivilisationen fipaz.at abrufbar


Siehe auch:

Auszug 1 (Nachwort)
NRhZ 632, 11.10.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24216

Auszug 2 (Technischer "Fort"-Schritt und die Verhöhnung des Lebendigen)
NRhZ 633, 18.10.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24234

Auszug 3 (Die moderne Technik als "blinder Fleck", "Kyndiagnosia" und die "prometheische Scham")
NRhZ 634, 25.10.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24259

Auszug 4 (Die Megamaschine: Die Utopie der "Singularität". "Maschinenmensch" und "Gott-Maschine")
NRhZ 635, 01.11.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24278

Auszug 5 (Die Alchemie als Verfahren zur „Höher-Schöpfung“ von Mensch und Materie seit der Antike)
NRhZ 636, 08.11.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24300

Online-Flyer Nr. 637  vom 15.11.2017

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP
FOTOGALERIE


Karneval fürs Klima
Von Arbeiterfotografie