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Aktueller Online-Flyer vom 19. Juni 2018  

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Globales
Aus "Welt ohne Leib" – erschienen in "Bumerang" (10)
Die Antwort auf alles: Der neue im Gegensatz zum alten Patriarchats-Begriff – Das Verbrechen des Patriarchats – Das Patriarchat verstehen heißt, die Alternative dazu erkennen (können)
Von Claudia von Werlhof

"Bumerang" ist eine "Zeitschrift für Patriarchatskritik". Im Herbst 2017 ist Ausgabe 3 erschienen. Ihr Schwerpunkt ist "Patriarchat als Technik". Claudia von Werlhof hat dafür einen ca. 150 Seiten umfassenden Leitartikel geschrieben. Sein Titel lautet vollständig: "Welt ohne Leib – Die Maschine als das 'höhere Leben' – Auf der Einbahnstraße zum 'Omnizid' – Das utopische Projekt der modernen Technik und seine die irdischen Lebensbedingungen bewusst vernichtenden Folgen". Daraus gibt die NRhZ Auszüge wieder. Hier Auszug Nr. 10:

Erkenntnis ist heilend, und sie zeigt, wo es weitergeht, und was bisher übersehen wurde. Das Steckenbleiben in un-klärbaren Fragen, ja in Fragen, die noch gar nicht gestellt werden „können“, macht die Not vollkommen. Heute haben wir „unseren“ systematisch erweiterten, um den Matriarchats-Begriff ergänzten Patriarchats-Begriff, der die Frage nach der Utopie, dem Ziel und „Sinn“ des modernen Fortschrittsprojekts klärt, und die Alchemie als Methode, technisches Verfahren und Praxis einschließt, ja sogar den später entstandenen Monotheismus.

Er ist das Ergebnis der Kritischen Patriarchatstheorie, und wir können damit die bloßen „Patriarchat als Herrschaft“- Begriffe und ihre Beschränkungen hinter uns lassen. Denn alle diese bisherigen Begriffe haben ja gerade nicht den monströsen Angriff einer zur globalen Megamaschine gewordenen, nicht nur ökonomischen, sondern gerade auch „technologischen Gesellschaftsformation“ und Zivilisation auf das Gesamte der Natur, der „Schöpfung“ und des „Ewig-Weiblichen“ zum Inhalt. Im Gegenteil, sie verdecken und verhüllen das Patriarchat in seinem Charakter als „alchemistisches Kriegssystem“ gerade, indem sie weder sein Transformationsprogramm, noch dessen Inhalt eines gewaltsamen Umsturzes der Naturordnung selbst thematisieren, sondern dabei stehen bleiben, „Herrschaft“ nun – eigentlich diabolischerweise – auch für Frauen zu fordern, oder ihre Partizipation an der Beute, die in dem das Ganze begleitenden ökonomischen Prozess der Ausbeutung anfällt. Damit zeigen sie, dass überhaupt nicht verstanden wurde, worum es im Patriarchat, dem modernen ganz zu schweigen, geht, und dass es daher auch gerade nicht um eine „Partizipation“ dabei und darin gehen kann. Oder sie vertreten im Gegensatz zur ihrer Maske als „Frauen-Freunde“ von vornherein nichts als patriarchale Interessen schlechthin.

Die Patriarchats-Debatte der Moderne ist also von uns um die Alchemie, das heißt um die vormoderne Geschichte des Patriarchats und seine Technikgeschichte erweitert worden, die in die Moderne hineinragen und sie erst in dem verständlich machen, was sie eigentlich ausmacht: ein vorgegebenes Ziel, eine vorgestellte Utopie und eine vorausgesetzte Methode, wie das alles zu erreichen wäre. Der Kontrast zum Mythos der Moderne ist erst auf diese Weise wirklich definiert.

Die Alchemie-Debatte aller Zeiten, wiederum, ist nun um den Patriarchats- und daher auch Matriarchatsbegriff erweitert worden. Denn beide gehören zusammen, und bei Goethe ist das matriarchale Verständnis der Welt noch präsent, ohne, dass er den Begriff dafür gehabt hätte. Er hat noch das alte „Metamorphose“-Verständnis des „symbiotischen Zusammenhangs von Vorübergehen und Beständigsein“. „Nichts geht verloren“ (Jaeger 2015, S. 467). Die Natur verwandelt alles, ohne es so zu vernichten, dass es nicht mehr wiederkehrte. Es ist das Wirken einer mütterlichen Natur, die in der matriarchalen als der vorpatriarchalen Welt im „mater arché“ ausgedrückt wird: am Anfang die Mutter, sie ist der leiblich-konkrete Ursprung aller Lebenserscheinungen (vgl. Göttner-Abendroth 1988). Um sie herum wird das Leben gestaltet, die Kultur der Matriarchate ist am Lebendigen, seinen Zyklen und Wandlungen sowie deren Pflege – cultura – und vor allem auch Feier orientiert. Matriarchat bedeutet daher nicht Mütterherrschaft, wie immer wieder behauptet wird, um diese Zivilisation zu diffamieren, ja die Mütter selber! - und aus der Diskussion, gar der Realität zu entfernen. Sondern es bedeutet, bis heute in noch lebenden Matriarchaten feststellbar, mütterlicher Ursprung, mütterliche Ordnung und Egalität zwischen allen ihren Mitgliedern, also eine an der umgebenden Natur und ihrer Kenntnis orientierte Zivilisation (Göttner-Abendroth 2009) sowie die „Sorge“ um sie, wie Goethe es sagt, also ein Verantwortungsbewusstsein, das in Patriarchaten vollständig verdrängt und verkehrt wird. Denn da fühlt mann sich verantwortlich für den Fort-Schritt aus der Natur...

...Der zivilisatorische Bruch, der mit der Entstehung von Patriarchaten, fast immer über den Weg des Krieges und der Eroberung matriarchaler Zivilisationen (Dieckvoss 2002; D. Wolf 1994), einhergeht, markiert daher den Beginn einer vollkommen konträren zivilisatorischen Entwicklung und vor allem auch Unterentwicklung in vielen Gegenden der Welt. Erst im systematischen Vergleich matriarchaler und patriarchaler zivilisatorischer Verhältnisse wird daher auch erklärbar, was seitdem und heute geschieht, sei es im Naturverhältnis, Technik und Ökonomie, sei es im Geschlechter- und Generationenverhältnis, sei es in der Politik oder im Verhältnis zur Bedeutung von Leben und Tod, Materie und Geist oder Seele, dem Transzendenzverhältnis, angeblich dem zu „Gott“. Die Moderne hat eben jene patriarchale „Tiefenstruktur“, die seit Jahrtausenden schon in der Abwehr des Lebendigen und darin insbesondere „Ewig-Weiblichen“, den Versuchen seiner Kontrolle, Plünderung, Tötung und gewaltsamen Transformation besteht, die den Ansatz des pater arché begleitet: nicht die Mutter, sondern ein „Vater“ sei demnach Ursprung und Schöpfer alles Lebendigen und Vorhandenen, des „Reichtums“ bzw. „Mammons“, der die Mama noch benennt. Und diese angebliche Tatsache ist im Nachhinein zu beweisen: daher die Alchemie in ihrer patriarchalisierten Variante, die seit der Antike das Denk-, Handlungs- und Empfindungsmodell abgibt, dieses zu erreichen – und daher auch beibehält!

Goethe kannte das Patriarchat nicht als historisches Thema, obwohl er ein noch quasi matriarchaler Denker und matriarchal Empfindender war. Aber eben wegen letzterem sah er die Aktualität des modernen Patriarchats und seinen Futurismus kommen, der die Welt zerstören würde – ohne seinen Namen zu kennen, seine Herkunft und seine Gründe. Und er spürte das Motiv dafür: den grenzenlosen Hass auf die Fülle und Selbstverständlichkeit herrschaftsfreier Existenz, wie ich sie nenne.

So ist der neue Patriarchatsbegriff entstanden, und nur er wäre für Goethe hilfreich gewesen, denn die bloße Vater-Herrschaft erklärt ja nicht, warum dabei alles kaputtgehen muss. Das muss es auch nur, wenn ein Vater-Ursprung gesetzt und dann entsprechend durchgesetzt werden soll und muss, um sich endgültig von allem mater arché, allem Mütterlichen und Matriarchalen, zu befreien. Genau das passiert ja die ganze Zeit und heute bis zum bitteren Ende. Erst da wird sichtbar, dass Patriarchat ein historischer Vorgang der sukzessiven Patriarchalisierung ist, also der gewaltsamen, „technischen“ Verwandlung von mater- in ein angeblich mögliches, aber von Natur aus nicht vorgesehenes pater-arché und die möglichst restlose Beseitigung des ersteren, des mater arché. Erst, indem das verstanden wird, kommt es zur Technikkritik! Denn plötzlich wird sichtbar, worum es eigentlich die ganze Zeit in Wirklichkeit gegangen ist und immer noch geht. Es handelt sich um ein so unfassbar großes Projekt, dass es viel Zeit und viel Kampf braucht! Das fällt ja in seinen Ergebnissen nicht vom Himmel, sondern darum muss pausenlos gerungen und Krieg geführt werden. Um „Gott“ und das pater arché zu beweisen und durchzusetzen, muss die Welt auf den Kopf gestellt und vernichtet werden.

Das Verbrechen des Patriarchats und seine Unaussprechlichkeit. Folgen für die „Frauenpolitik“

Nun wird aber auch sichtbar, warum dieses Vorhaben unaussprechlich ist!

Wenn man die ganze Welt zum Feind erklärt, der – wie im totalen Krieg! - unbedingt besiegt werden muss, dann kann das nur im Geheimen getan werden. Denn ein solches Programm würde ja sofort als Wahnsinn erkannt. Die Formen, die diese Erklärung zum Feind annehmen, sind aber dennoch sichtbar geworden: Die Natur wird zur Gewalt, Gefahr, zum Ungeheuer und zur bösen Schwiegermutter erklärt (vgl. Böhme 1988), ähnlich wie die Frauen, besonders in Kriegszeiten oder denen der Inquisition, und sie werden generell diffamiert...als unfähig, sündig, hinterhältig, des Teufels etc., wie alle Kolonien: Frauen, die erste und letzte Kolonie (Werlhof u.a. 1983). Solche Propaganda wird am Ende noch geglaubt, und zwar von Beteiligten auf beiden Seiten! Es hat einfach nie jemand gefragt, wo diese Vorurteile eigentlich herkamen, und warum sie sich immer erhalten haben, durch die ganze – patriarchale – Geschichte hindurch. Aber da man von einer anderen, matriarchalen, nichts wusste, konnte der Vergleich nicht gezogen werden. So sah es aus, als sei es immer schon so gewesen!

Es ist das Panorama der Weltgeschichte, wenn auch nur der letzten Jahrtausende, was ja nicht viel ist, aber entscheidend war unter dem Gesichtspunkt der Frage: Worum ging es eigentlich die ganze Zeit wirklich? Und: Warum wird das nicht gesagt, aber auch nicht danach gefragt?

Wir wissen es nun: Weil das, worum es geht, das Begehen eines Verbrechens, ja des Verbrechens schlechthin ist. Es ist der laufende Omnizid am Lebendigen, aber auch der, der schon vorbereitet ist für den Fall, dass es mit der Politik des Patriarchats nicht weitergeht. Wie weit wird es noch gehen? Wer entscheidet darüber? Denn es dürfte aus der Sicht der Herrschenden nie aufgedeckt werden, was das ganze Projekt eigentlich gewesen ist. Es dürfte nie zur Anklage kommen, und es dürften nie Schuldige benannt werden (vgl. Girard in Werlhof 2010g). Daher: Scheitert das Ganze, dann kann und „darf“ es ein Danach aus der Sicht der Täter nicht geben.

Das ist der Kern des Problems mit dem Nicht-Verstehen-Wollen dessen, was das Patriarchat wirklich ist. Es darf einfach keine Alternative zu ihm geben, etwa ein neues „Matriarchat“.

Selbstverständlich ist es unaussprechlich und darf auf keinen Fall ausgeplaudert werden, was die Herren mit den Beherrschten, die Alchemisten mit dem Lebendigen und generell die Männer mit den Frauen vorhaben und vorhatten. Das muss wirklich unter ihnen bleiben, denn wenn die wüssten... Es wäre das Ende jeder Legitimation und Glaubwürdigkeit, die ein Herrschafts-System noch allemal braucht.

Unaussprechlich ist 1. das Ziel, 2. dass dafür allgemein Krieg gegen das Leben geführt wird, 3. dass es nicht erreicht wird/werden kann, 4. dass dann alles mitgenommen wird in den Untergang, es soll danach nichts mehr sein. Fazit: Es kann nicht zugegeben werden, dass das Ganze als Megaverbrechen überhaupt angepeilt, und trotz allem gescheitert ist, ein Irrtum war. Alles wird auf´s Spiel gesetzt – und alles wird vielleicht verloren. Die Spieler, Hasardeure, konnten „es“ natürlich nicht sagen. Wem denn? Ihren Frauen und Kindern etwa? Es ist der Männerbund. Heute hat er sich mit der „Globalisierung“ sein imperiales „level palying field“ der Zerstörung und Ab- bzw. Er-Schöpfung geschaffen.

In „Global Player Faust“ zeigt Michael Jaeger, dass Goethe das Patriarchat als Prinzip begriffen hatte, als „Geist“, der da am Wirken war: Mephisto, und der in die Menschen/Männer fuhr, in Faust: es kommt der Blick auf die Welt als Kriegsbeute: 1. Vernichtung, Leere, Nichts, Nihilismus, Nekrophilie: mit dem Tod/dem Mord beginnt die „Schöpfung“, Mortifikation. 2. Großes Werk, Aufbau der Kolonie, Enklave, das Eingezäunte, „enclosures“, Privateigentum als Geraubtes, dann Ausbreitung, global, in alle Dimensionen, als System, als Maschine, Erweiterung zur Megamaschine, nichts im Draußen außer Prämaschinelles oder Postmaschinelles: Müll, Nichts, doppelt Totes, tote Zonen, die tot bleiben. Das Ziel, die Utopie kann nicht erreicht werden, nur für wenige und nur eine kurze Zeit (Anthropozän), aber alle und alles sind hineingezogen und dafür der Vernichtung preisgegeben...

Der Faschismus-, der Extremismus-, der Totalitarismus-, der Kriegs- und der Patriarchatsbegriff machen erst zusammen das aus, was hier sich zeigt: der Hass auf alles Lebendige und seine konsequente Zerstörung, das „alchemistische Kriegssystem“.

So hätte also der simple und falsche, weil absichtlich unvollständige und undialektische alte Patriarchatsbegriff Goethe auch nicht weitergeholfen, und also wurde er auch später nicht aufgegriffen. Die wenigen, die es dennoch taten, waren verschiedene „Feministinnen“, aber sie blieben entsprechend stehen bei der „Addition“ des Phänomens Patriarchat und gerieten nicht in seine Tiefe oder gar die Tiefe seiner dialektischen Verbindung mit Kapitalismus und Moderne (Mies, Merchant, Federici, Scheidler), weil sie alle die technische Brisanz der Moderne und des Patriarchats als PATRIARCHALE nicht sehen konnten. Ja, diese Blindheit hält immer noch an, weil dieser andere Zugang zum Problem, nämlich von der „alchemistischen“, also der technisch-transformatorischen Seite her, irgendwie versperrt ist. Er würde zumindest eine „Frauenpolitik“, die auf Gleichstellung als Grundforderung fußt, nicht mehr unterstützen und ein „Frauen an die Macht“ - Programm schon gar nicht. Ja, er würde auch die Klage, dass Frauen „wie Waren“ behandelt und als unter- oder unbezahlte Arbeitskräfte ausgebeutet werden (Trallori 2015), weit überschreiten. Denn real bleibt es ja nicht bei dieser Ausbeutung, sondern die Frauen sind als potentielle oder tatsächliche Mütter ja bereits in den Prozess ihrer nach und nach betriebenen, im Prinzip und am Ende restlos sein-sollenden Integration in die Megamaschine bzw. buchstäblichen Abschaffung geraten (Hart 2017, i.d.H.). Das heißt, hier nützt auch eine Politik der „Beteiligung der Betroffenen“ am Verfahren nichts. Sondern das Ganze ist restlos und ohne Wenn und Aber abzulehnen!

Welche Art von Politik für, mit und von Frauen auch immer, eine linke oder neoliberale, keine wäre mehr geeignet, überhaupt propagiert zu werden, und eine „grüne“ könnte theoretisch zwar näher an die Sache herankommen, tut das aber nicht. Im politischen Raum ist also nichts zu machen, und wen wundert´s, ist er doch selbst ein Opfer des alchemistischen Systems geworden und nur mehr Politik-Maschine, die von allem, was in sie eingespeist wird, nur Krümel übrig lässt. Eine gar „matriarchale“ Politik ist daher noch nicht einmal denkbar und findet daher auch nicht statt. Sie wird nur dort noch als Möglichkeit diskutiert, wo auch unter Matriarchatskennerinnen kein geeigneter Patriarchatsbegriff vorliegt, also immer noch lediglich die Herrschaft beklagt wird, aber nicht die Vernichtung, die durch eine Ablösung der Herren und ihre Ersetzung durch Damen ja nicht aufhören würde (Göttner-Abendroth ist dennoch bei der Partei DIE FRAUEN). Hier zeigt sich, dass auch unter angeblichen PatriarchatskritikerInnen immer noch nicht verstanden wird, dass die „Technik“ eine (Mega)Maschine auf dem Weg der Gottwerdung ist, die nicht einfach verschwindet, wenn der Boss ein anderer ist, s. das „feministische Atomkraftwerk“, ja, dass die Technik ein viel entscheidenderer und vor allem der mörderische Ausdruck des Patriarchats ist und das mehr als alles andere. Genau darum geht es ja heute. Wie dümmlich-naiv oder bösartig-kriminell ist es doch, Frauen unter diesen Umständen an die Macht bringen zu wollen! Das fehlte gerade noch, dass sich die Männer darauf berufen können werden, die Frauen hätten ja alles mitgemacht und wären auch nicht anders, ja wollten sogar dem Gott huldigen, der sie alle vernichtet!

Es ist schon passiert. Der gute Ruf der Frauen ist längst ruiniert. Wenn Frauen wie Hillary Clinton oder Theresa May öffentlich erklären, nichts gegen einen Einsatz von Atomwaffen zu haben, und sie dann immer noch von Frauen gewählt werden, ist es mit der relativen Unschuld unserer Gattung endgültig vorbei! (vgl. Bumerang 2, 2016, Editorial). Denn dass Frauen im System nur reüssieren, wenn sie besonders patriarchats-konform denken, handeln und fühlen, ist die eine Sache. Es ist aber eine andere, wenn Frauen an der Basis selbst die von manchen „führenden“ Frauen offen erklärte Bereitschaft zum nuklearen Massenmord auch noch fraglos unterstützen.

Das Patriarchat verstehen heißt, die Alternative dazu erkennen (können)

Nach all dem ist klar: Die Megamaschine ist ein historisches Projekt, das erst jetzt erkannt wird, wo es überwunden werden muss, falls nicht alle an ihm zugrunde gehen wollen.

Der Kern dieses Projektes, sein Name ist „Patri-archat“.

Warum, schließlich, kann dieses Projekt scheinbar nicht aufgegeben werden? Warum glauben fast alle daran, auch die von ihm Kolonisierten, obwohl es eine tödliche Illusion ist? Diese Frage kann nur beantwortet werden, nachdem der Patriarchtsbegriff durchgesickert und verstanden worden ist.

Was wir nicht denken, verstehen wir nicht, was wir nicht aussprechen können, haben wir nicht verstanden und können somit nicht damit umgehen, wie es ihm entsprechen würde. Und was wir nicht (mehr) fühlen, ist dem Denken, Sprechen und Handeln IM ZUSAMMENHANG schon gänzlich entglitten. Wir müssen wieder Fühlen lernen, sagt Arno Gruen (Gruen 1997). Dann lernen wir auch wieder denken!

Doch stehen wir dauernd unmittelbar vor der Realität des patriarchalen Projekts und seiner Utopie und wirken fast alle mit an seiner Verwirklichung! Aber wir sehen den Wald vor Bäumen nicht, sind wie blind, verblendet. Dabei werden die „Momente“ alle schon bemerkt und registriert, von Goethe über Anders und Illich bis Irrgang, aber nicht ihr Zusammenhang, ihr Sinn, der Hinter-Sinn, der Grund, der das Unaussprechliche benennt, ihm seinen Namen gibt.

Nach dem grauen Rauch der Scheiterhaufen droht nun der grey goo, der „grauen Schleim“, zu dem die Erscheinungen schrumpfen könnten. Von der Schwärzung durch das Feuer der Mortifikation, das „Nigredo“ der Asche, geht es zum Grau-en der Formlosigkeit, der Ent Schöpfung der Gestalten, der Rücknahme ihres Daseins in der Verpulverung, der Pulverisierung – der „dustification“ der MATERie – wie bei den Türmen am 11. September 2001, dem, wenn man so will, 2. Manhattan-Projekt nach der Atombombe (Wood 2014)!

Der Weltuntergang, das Armageddon, DAS ist der alchemistische Traum, den die Bibel schon verkündet in der Apokalypse, die nach dem Vergehen der alten Erde in Feuer, Fluten und Beben eine neue Erde enthüllt. Nur so konnte sie entstehen, durch ihre Mortifikation, und das Große Werk der neuen Erde erstrahlt vor unseren Augen. Aber nicht so in der Realität. Da ist die Erde bereits dabei, ein Wrack (Bertell) zu werden, und eine „neue Erde“ ist selbstverständlich nicht in Sicht, obwohl diverse Esoteriker davon schwärmen, als wäre es wirklich eine Erlösung, wenn unsere Erde vergeht! (Projektgruppe 2012). Jedoch: Wir haben nur diese eine!

Die Mega-Maschine war zuerst ein pharaonisches Projekt (Kirchhoff 2010; Mumford 1974), also das eines patriarchalen Weltreiches, das durch die Eroberung und Vernichtung einer schwarzafrikanischen matriarchalen Hochkultur entstanden war (D. Wolf 1994). Das patriarchale Projekt ist die Methode und der historische Prozess der „Patriarchalisierung“ – Praxis und Weg zur Verwirklichung der Utopie von einer männergeschaffenen mutter- und naturlosen Kunst-Welt, der „göttlichen“ Mega-Maschine von heute.

Auch die besten DenkerInnen erkannten immer nur Teile des Geschehens, aber nicht ihren inneren Zusammenhang, den Kern der Sache, sie hatten dafür keinen Begriff. Auf diese Weise blieben sie in ihren Analysen und Kritiken in verschiedener Weise „immanent“ und ließen Entscheidendes ausgeblendet: Goethe, Marx, Luxemburg, Mumford, Adorno, Anders, Heidegger, Illich, Arendt, Wagner, Wallerstein, Irrgang, Gruen (der uns allerdings kurz vor seinem Tode uns versicherte, dass die KPT der richtige Erkenntnis-Ansatz sei!). Sie durchschauten nicht, was von einer umfassenderen Perspektive aus geschah, fragten nicht, WARUM, und zwar solange, bis das letzte Warum gefragt war. Sie dachten meist, das Kapital sei die letzte Antwort. Aber sie dachten nicht an seine Verbindung mit dem Patriarchat und mit einem Gott, der dessen Erfindung und damit bar jeder Transzendenz war.

Nicht jede Technik in der Geschichte ist eine patriarchale, also dem Patri-archat verpflichtete. Vom Faustkeil zum Computer ist es ein langer Weg. Er führt über magische Techniken, schamanische und solche des „Liebens“ – von magan, lieben, können, vermögen – zu denen des Handwerks und des Gartenbaus sowie der Landwirtschaft. Er führt zu allen diesen Künsten der Mütter in Bezug auf den Leib und sein Drumherum, von der Kleidung bis zur Archi-Tektur, vom Kochen und Brauen, den Geräten und dem Auf-Bewahren, den Liebes- „Techniken“ und Heilpraktiken, bis zum Umgang mit Geburt und Tod – sowie die Weitergabe dieser Kultur als einer „Pflege“ des Lebendigen.

All das war die „matriarchale“ Alchemie, ein Begriff, der gar nicht mehr existiert. Sie ist uralt, war eine Weltkultur und ist nur noch in ganz geringem Umfang erhalten. Denn seit den Eroberungen der sich patriarchalisierenden Kriegerhorden geriet ihr Wissen, ihre Weisheit, in den Prozess der patriarchalen Verkehrung. Ihre Kunst wurde angeeignet, umgedeutet, zerstört, verdreht, negiert, verwandelt, und erschien schließlich als „Alchemie“, die Wissenschaft und Praxis, „Technik“, der herrschenden Patriarchen.

Sie kam mit den Arabern nach Europa und wurde als „lateinische Alchemie“ Teil der Entwicklungen, die zur Neuzeit führten. Dass sie ein Ergebnis der patriarchalen „Hoch“-Kulturen war, wurde nie bedacht, weil andere Hochkulturen, nämlich matriarchale, nicht zum Erkenntnisschatz gehörten. Denn jedes Patriarchat hat noch die Erinnerung an die Zeit vor ihm auszulöschen versucht, bis vor kurzem mit Erfolg. Erst die jüngere Matriarchatsforschung hat das zu ändern begonnen. Aber sie wird von denen, die kritisch denken, bisher nicht erkannt und aufgegriffen. Und so ist es mit der Kritischen Patriarchatstheorie, die unter anderem von der Matriarchatsforschung ausgehend das Patriarchat neu zu denken vermag. Aber auch das wird nicht aufgegriffen, noch nicht einmal von der Matriarchatsforschung selbst.

Die allgemeine Weigerung, das bisherige Denken zu erweitern und neu zu begründen, ist wie ein Fluch, der auf allen lastet. Das Tabu des Patriarchats wird immer noch nicht gebrochen: die Erkenntnis seines mephistofelischen Charakters und das Sagen dessen, was es ist und will: Es ist wie ein böser Geist, der die Welt vernichten und an seine Stelle ein „Jenseits“ setzen will, sozusagen den „Himmel auf Erden“ und den „Vater“ als göttlichen „Schöpfer“ von allem, hier und jetzt. Das ist es, was in der Tat geschieht. Das Ergebnis ist allerdings die Hölle auf Erden, die Megamaschine, der Massentod der Natur und die Bedrohung der Erde als Planet und kosmisches Lebewesen. Inzwischen scheint der Himmel sogar mit Feuer, Flut und Vernichtung auf die Erde herabzustürzen, wie es nach dem Fällen der heiligen Eiche Yggdrasil geweissagt wurde, weil mit ihr die Stütze des Himmels zusammenbrach. Denn genau dies beschert uns das militärische Geoengineering heute...

Wie lange wird an den Mythos vom Fortschritt noch geglaubt werden? Wie lange kann noch an ihn geglaubt werden? Und was ist, wenn es damit aufhört?

Die große Schlacht gegen das Lebendige, sie ist fast beendet. Gesiegt hat die patriarchale Technik, aber sie hat genauso eine Niederlage erlitten: sie hat bisher nicht beweisen können, dass sie ohne Mütter und lebendige Natur weiterbestehen kann. Sie hat den Gottesbeweis nicht erbracht. Nur führt das bisher nicht zum Abbruch des Wahnsinns, und ein solcher ist auch nicht in Sicht. Eher ist das Gegenteil der Fall.

Technik ist immer schon und auch heute das Herz des Patriarchats – sofern es eines hat: Krieg, Waffen-Schmiede, Metallurgie, Alchemie, Militäralchemie und erneut Krieg: alchemistisches Kriegssystem. Es ist seit Jahrtausenden eine ununterbrochene Entwicklung in Spiralform.

Daher: Ohne Technikkritik ist keine Patriarchatskritik möglich.

Im Besonderen: Seit Beginn des Patriachats und nicht erst seit der Neuzeit und Moderne kommt eine Entwicklung in Gang, die sowohl rückwirkend wie auch in die Zukunft extrapolierend als Anfang, Fortsetzung und Durchsetzung der allgemeinen Maschinisierung alles Vorhandenen verstanden werden muss, um es als Alternative zum Lebendigen, als „Leben“, zu etablieren. In diesem Sinne ist auch die Maschine keineswegs nur eine moderne Phantasie und Erfindung.

Wie kann man das heutige Geschehen eigentlich ohne Kritische Patriarchatstheorie verstehen? Es wurde bisher noch nicht einmal bemerkt, dass es gar nicht verstanden wurde!

Leben ohne Mutter, Mutter Erde als Waffe, der Planet ist dabei zu werden wie der Mars: Das Orgon (nach Wilhelm Reich, vgl. Senf 2003) und das Ozon, Lebenskraft und Lebensschutz des Planeten, werden immer mehr abgebaut, und die Atmosphäre hat schon angefangen zu verschwinden!

Die matriarchale Alchemie als Alternative zur patriarchalen Technik gehörte zur „Wiederentdeckung des Lebendigen“ (Senf 2003) heute. Da wäre ein Weg. Er würde sogar wieder zur Liebe für das Lebendige führen können, wenn es dann noch die Bedingungen vorfände, überhaupt zu sein. Ist eine Welt ohne Leib noch die Grundlage dafür? Das ist die Frage. Daher noch einmal ein Blick auf die Bewegung, die wir seit Goethe als Moderne verstehen, diesmal aus verschiedenen Perspektiven:

Das Prometheusprojekt und mit ihm die Moderne ist, mit Marx´ “Maschinenbegeisterung“ gesprochen, „ein Resultat der modernen Produktion und als solches ein Industrieprodukt, in dem sich...seine dialektische Emanzipationsbewegung materialisiert...Die industrielle Produktion fasziniert ihn (Marx, d. V.), weil sie in seinen Augen den dialektisch voranschreitenden Prozess der Geschichte verwirklicht und das Urteil gegen alles Hierseiende konsequent vollstreckt. Nicht anders als im Weltgericht der Weltgeschichte dient auch im modernen Produktionsprozess die gegenwärtige Realität – die Gegenständlichkeit der Menschenwelt und der Natur – als Rohstoff, der verbraucht wird bei der Herstellung der Zukunft, der zukünftigen Welt und ihrer Gegenstände... (Es ist) jene Moderne, die sich begreift als Zeit – und Geschichtsmodus des futuristischen Prozesses, den sie selbst erzeugt durch die permanente Negation des real Da-Seienden und des gegenwärtigen Augenblicks... Revolutionsprozess und industrieller Produktionsprozess vereinigen sich in der Perspektive des (Kommunistischen) Manifests zur Konsumtion der alten Welt, zuletzt alles schlechthin Da-Seienden, das in einen neuen Aggregatszustand versetzt wird, verdampft, verraucht als Brennstoff der unersättlichen Maschinen oder verbraucht wird als Baumaterial für die Neukonstruktion der Welt“ (Jaeger 2015, S. 565f).

Aber es ist darin kein Trost und keine Hoffnung, denn es handelt sich, wie Zygmunt Bauman dieses Transformationsverfahren nennt, um einen „Prozess der Verflüchtigung“, man könnte auch sagen der „Liquidierung“, der Verflüssigung. Nur „liquide“ Mittel bleiben übrig. Michael Jaeger ergänzt: „Die Geschichte selbst und mit ihr die Erinnerung verdampft zur ‚ewig-leeren‘ Gegenwart, zu Mephistos Utopie also“. Diese bringt aber nach Bauman nicht eine lebbare Alternative und Welt hervor, sondern: „All dies verdichtet sich zur negativen Utopie einer flüchtigen Moderne – zu einer Moderne, die geeignet ist, das Grauen, das wir aus Orwells und Huxleys Alpträumen kennen, in den Schatten zu stellen“ (Bauman 2003 in Jaeger, S. 563f).

Die Utopie mündet - notwendig - in die Dystopie. Die „schöne neue Welt“ erweist sich als Hölle statt Paradies, ja als das von Mephisto angestrebte Nichts. Nichts ist noch nie gewesen. Es ist der absolute, der „doppelte“ Tod, der zum Omnizid gehört.

Kann es sein, dass am Ende der „homo sapiens“ zu dumm gewesen sein wird, sein Leben auf der Erde zu bewahren, von dieser selbst ganz zu schweigen? Denn wieso soll es klug sein, die eigenen Lebensgrundlagen bis zum bitteren Ende und ohne Innehalten zu vernichten? Oder ist „der Mensch“ am Leben auf der Erde gar nicht interessiert? Wenn dem nicht so ist, dann ist es Zeit, es zu zeigen.

Doch vielleicht ist alles ganz einfach, und wir „ersparen“ uns die Erkenntnis des Patriarchats:

„Das Atomzeitalter ist das letzte“ (Günther Anders).


Der vollständige Artikel und die komplette Nummer 3 von "Bumerang – Zeitschrift für Patriarchatskritik" sind auf der website des Innsbrucker Forschungsinstituts für Patriarchatskritik und alternative Zivilisationen fipaz.at abrufbar


Siehe auch:

Auszug 1 (Nachwort)
NRhZ 632, 11.10.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24216

Auszug 2 (Technischer "Fort"-Schritt und die Verhöhnung des Lebendigen)
NRhZ 633, 18.10.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24234

Auszug 3 (Die moderne Technik als "blinder Fleck", "Kyndiagnosia" und die "prometheische Scham")
NRhZ 634, 25.10.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24259

Auszug 4 (Die Megamaschine: Die Utopie der "Singularität". "Maschinenmensch" und "Gott-Maschine")
NRhZ 635, 01.11.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24278

Auszug 5 (Die Alchemie als Verfahren zur „Höher-Schöpfung“ von Mensch und Materie seit der Antike)
NRhZ 636, 08.11.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24300

Auszug 6 (Gefühl und Verstand im maschinell-alchemistischen Verfahren (und) der Megamaschine)
NRhZ 637, 15.11.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24322

Auszug 7 (Die Ideologie von der Maschine als einzigem Maßstab - Triumph über die besiegte Natur!)
NRhZ 638, 22.11.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24349

Auszug 8 (Extrapolation der Megamaschine – Mutterlose Welt: die laufende Abschaffung der Mutter, der letzte "Muttermord")
NRhZ 639, 29.11.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24349

Auszug 9 (Die Antwort auf alles: Die Utopie der Moderne als globale Durch-Setzung des „Vater-Ursprungs“ – das „Patriarchat“ – Projekt der Neu-Schöpfung der Welt über die Vernichtung des Mutter-Ursprungs „Matri-archat“)
NRhZ 640, 06.12.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24404

Online-Flyer Nr. 641  vom 20.12.2017

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Von Kostas Koufogiorgos
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