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Aktueller Online-Flyer vom 04. Juli 2020  

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Literatur
Kurzgeschichte
Eine Stunde
Von Ute Bales

Manches wird erst in der Erinnerung groß und farbig; vieles erhält erst sein materielles Gewicht, wenn wir zurückdenken. Die Erinnerung macht es auch, dass wir uns nach etwas sehnen, uns Verlorenes wieder herbei wünschen. Aber unsere Erinnerungen reichen nicht weit. Von denen, die vor uns hier gelebt haben, hätte sich keiner träumen lassen, dass unsere Berge irgendwann verschwinden und weg sein könnten. Schon gar nicht, dass jemand auf die Idee käme, sie nach China zu verkaufen. Das wäre ja so, als ob man den Mond versteigern oder einen Stern pachten würde. Der Berg weicht dem Bagger, steht in der Zeitung. Als ob der Berg ausweichen und an anderer Stelle weitergehen könnte. Es wird schon alles gut gehen, sagen die Leute, drehen sich um, wenn der Bagger kommt und gehen ins Haus.


Vulkaneifel (Foto: arbeiterfotografie.com)

Da steht an einem Mittwochnachmittag eine Frau auf unserem Berg. Berg und Frau sind alt. Natürlich ist die Frau jünger als der Berg. Aber was sind ihre Jahre schon gegen zehntausende, die der Berg auf dem Rücken hat? Die Frau steht dort, wo der Berg am höchsten ist. Es ist März, der Wind ist noch eisig und die Frau zu dünn angezogen. Sie trägt ein Strickkleid unter einer lilageblümten Kittelschürze, hat die Haare zum Dutt geknotet und Gummistiefel an den Füßen. Sie schiebt die Ärmel ihres Kleides hoch und schwenkt die Arme, als wolle sie jemandem winken. Der Wind lässt die Kittelschürze flattern, die Frau schwankt ein bisschen. Keine zwei Schritte von der Stelle entfernt, auf der sie steht, geht es in die Tiefe. Unten, im Krater des Berges, bewegt sich ein Bagger. Unermüdlich frisst er sich ins vulkanische Gestein. Eine Schaufel Lava  nach der anderen nimmt er fort. Die Grube ist schon halb ausgeräumt. Die Baggerzähne hinterlassen Wunden. Wie ein dunkelrotes Geäder leuchtet das frisch entblößte Gestein.

Ein Kipplaster kommt mit Schwung um die Ecke, bremst vor dem Bagger, der ihn mit Steinen belädt. Ununterbrochen lädt der Bagger Basalt und Lava auf den Kipper. Ständig fahren Lastwagen in der Grube ein und aus.

„Die Eingeweide rausreißen, ja, das könnt ihr!“, ruft die Frau den Fahrzeugen entgegen und schreit hinterher, dass sie den Hals nicht voll kriegen können. Sie bückt sich nach einem der schwarzen Lavakrotzen, den sie senkrecht in die Luft wirft und mit der gleichen Hand wieder auffängt. Dann wirft sie ihn in hohem Bogen von der rechten in die linke Hand und wieder zurück. Ein paar Mal fliegt der Stein hin und her. Jetzt bückt sich die Frau nach einem zweiten Krotzen, wirft beide über Kreuz und in schnellem Tempo von Hand zu Hand, hebt einen dritten auf und plötzlich wirbelt sie mit geschickten Händen drei Steine rund um ihren Kopf, dass es einem schwindelig werden könnte. Wie im Zirkus ist das. Die Krotzen kreisen und fliegen. Das hätte man der alten Frau wirklich nicht zugetraut.

„Ihr werdet alle noch sehn!“, schreit sie in diesen Wirbel und trippelt mit den Füßen, wohl um das Gleichgewicht zu halten. Dann lässt sie die Krotzen in die Schürzentasche gleiten, stellt sich dicht an die Klippe, winkt in Richtung Bagger und ruft durch die Muschel ihrer Hände, dass man sein Tafelsilber nicht verjubeln dürfe, dass alle noch dran denken, dass alle sich noch wundern werden. Sie hat eine Mädchenstimme, und die Kittelschürze flattert. Die Krotzen zeichnen sich ab unter dem geblümten Stoff. Wahrscheinlich reibt sie sich damit die Hornhaut von den Füßen.

Der Bagger gräbt weiter. Da geht die Frau einen guten Schritt nach vorne und jetzt ragen die Spitzen der Gummistiefel über den Abgrund hinaus. Es ist sonnig, aber kalt. Krähen und Dohlen sitzen im kahlen Schlehengesträuch. Mit misstönendem Geschrei schraubt sich ein Hühnervogel in den Himmel. Äcker braunen und laufen lang hinaus, fransen sich aus an Wiesen. Knorrige Apfelbäume treiben schon, stehen aber noch blattlos. In der Ferne und fast durchsichtig im Blau der Luft liegt ein Dorf. Ein Fluss schimmert durch Gebüsch. Vom Berg aus kann man ihn nur ahnen.

Als die Frau sich vorbeugt, stoppt der Bagger, ein Mann im Arbeitsanzug und mit gelbem Schutzhelm auf dem Kopf springt heraus, hält die Hände wie einen Trichter vor den Mund und ruft: „Zurück! Gehen Sie zurück!“ Die Frau lacht, verschränkt die Arme hinter dem Kopf, beugt und streckt das rechte Bein. Der Mann aus dem Bagger macht Anstalten, die Felswand hochzuklettern, aber das schafft er nicht. Die Frau lacht und lacht, verrenkt sich, beugt sich nach hinten, dann nach vorne, steht auf einem Bein, stemmt die Hände in die Hüften. Der Mann eilt zurück, gibt dem Kollegen im Lastwagen Zeichen, indem er die Arme hochreißt. Der Kollege hält an, öffnet die Fahrertür, springt vom Tritt, ruft etwas, was der Wind mitnimmt. Zusammen stehen die beiden Männer jetzt unten, heben die Hand über die Augen, werfen der Frau Befehle hinauf. „Stehenbleiben!“ „Sofort!“ Die Frau dreht sich mit grazilen Schritten, rudert mit den Armen und tut so, als ob sie auf den Windstößen schwimmt. Die Männer reden miteinander. Einer zieht ein Handy aus der Tasche, tippt auf die Tasten und malt, während er spricht, mit dem Fuß kleine Kreise in den Sand. Die Frau klatscht in die Hände, bückt sich nach neuen Steinen, die sie durch die Luft jongliert. Die Männer gehen hin und her, sehen auf die Uhr. Der mit dem Lastwagen versucht an einer anderen Stelle den Aufstieg, aber die Wände sind glatt und er schüttelt den Kopf. Rufen und Reden klingt durch die Luft. Die Hühnervögel und Krähen haben sich längst davon gemacht. Nur eine Elster hüpft heran auf ihren Silberfüßen, sieht mit geneigtem Kopf zu, wie die Frau auf die Knie geht, sich vorbeugt, sich auf beide Arme stützt und ein Bein himmelwärts hebt. 

Ein Polizeiwagen schießt heran, wirbelt rötlichen Staub auf und parkt hinter dem Bagger. Zwei Polizisten haben ein Sprachrohr dabei. „Bleiben Sie stehen! Gehen Sie keinen Schritt weiter!“ Die Frau hebt das rechte Bein über den Abgrund. „Zurück! Gehen Sie zurück!“ Da wechselt die Alte das Bein und dreht Pirouetten. Die Polizisten telefonieren. Eine gute Viertelstunde vergeht, die Frau lässt die Arme kreisen, als sich, von der anderen Seite des Berges, Stimmen nähern. Zwei junge Sanitäter in orangefarbenen Arbeitsanzügen kommen über den Kamm, gehen geradewegs auf die Alte zu, packen sie links und rechts am Arm, zerren sie vom Abgrund weg. „Was tun Sie da?“, fragt einer der Männer und lässt die Frau erst los, als der Boden unter den Füßen wieder sicher ist. Die Frau sagt nichts, hebt noch ein paar Krotzen vom Boden auf, dreht sich um und will gehen. Die Männer holen sie ein. „Geht es Ihnen gut? Sind Sie verletzt? Wir brauchen Ihre Personalien“, sagt einer und zieht sein Handy aus der Tasche. Die Frau sieht ihn kurz an und will wissen, wie spät es ist. „Gleich sechs“, sagt der Jüngere von beiden und fragt, ob sie aus dem Dorf kommt und ob er ihr helfen kann. Die Frau lächelt. „Gleich sechs. Seit halb fünf bin ich hier. Eine Stunde also. Fast eine Stunde hab ich den Bagger aufgehalten. Wie viele Ladungen sind das?“ Eine Antwort wartet sie nicht ab. Mit ihren schweren Gummistiefeln, die Tasche voller Krotzen, geht sie den Kamm hinunter. Im Weggehen dreht sie sich um: „Das sind mindestens zehn Ladungen!“ Dann macht sie einen ganz kleinen Luftsprung, so elegant, wie es in Gummistiefeln eben geht.

Anmerkung: Bis Mitte dieses Jahrhunderts werden etwa 40-50 Eifelberge verschwunden sein. Basalt und Lava werden äußerst lukrativ bis nach China verkauft. Viele Berge sind schon jetzt verloren. Was bleibt, sind nicht nur zerstörte Landschaften und  zerstörte Ökosysteme. Mit jedem Berg vergeht ein Stück Heimat.




Ute Bales, 1961 in der Eifel geboren und dort aufgewachsen, studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Kunst in Giessen und Freiburg, wo sie seither lebt und arbeitet. Sie ist Mitglied im Literaturwerk Rheinland-Pfalz-Saar e.V., im Literarischen Verein der Pfalz, im Literatur Forum Südwest e.V. Freiburg, gehört dem Kunstverein Weißenseifen/Eifel an sowie der Künstlergruppe SternwARTe Daun. Sie hat bisher sieben Romane veröffentlich sowie zahlreiche Kurzgeschichten und Essays. Ihr 2018 erschienener Roman „Bitten der Vögel im Winter“ ist mit dem Martha-Saalfeld-Förderpreis 2018 des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet worden.


Siehe auch:

Kurzgeschichte
Herztöne
Von Ute Bales
NRhZ 747 vom 17.06.2020
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26872

Zum Roman "Bitten der Vögel im Winter" von Ute Bales
Keinerlei Hoffnung, dass sich das alles nicht wiederholen könnte
NRhZ 700 vom 10.04.2019
Rezension von Klaus Hansen
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25810

Aus dem Roman "Bitten der Vögel im Winter" (Auszug 3)
Polen, 1942
Von Ute Bales
NRhZ 698 vom 29.03.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25762

Aus dem Roman "Bitten der Vögel im Winter" (Auszug 2)
Berlin, 1936
Von Ute Bales
NRhZ 697 vom 20.03.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25747

Aus dem Roman "Bitten der Vögel im Winter" (Auszug 1)
Kinderheim Mulfingen, 1942
Von Ute Bales
NRhZ 696 vom 13.03.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25728

Kurzerzählung
Hilde doch nicht
Von Ute Bales
NRhZ 695 vom 06.03.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25702

Kurzgeschichte
Die Vögel werden weniger
Von Ute Bales
NRhZ 654 vom 11.04.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24758

Kurzgeschichte
Nur Wasser
Von Ute Bales
NRhZ 653 vom 04.04.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24739

Die Geschichte der Dada-Künstlerin Angelika Hoerle
Die Welt zerschlagen (6)
Von Ute Bales
NRhZ 565 vom 08.06.2016
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22864

Die Geschichte der Dada-Künstlerin Angelika Hoerle
Die Welt zerschlagen (5)
Von Ute Bales
NRhZ 564 vom 01.06.2016
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22845

Die Geschichte der Dada-Künstlerin Angelika Hoerle
Die Welt zerschlagen (4)
Von Ute Bales
NRhZ 563 vom 25.05.2016
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22827

Die Geschichte der Dada-Künstlerin Angelika Hoerle
Die Welt zerschlagen (3)
Von Ute Bales
NRhZ 562 vom 18.05.2016
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22808

Die Geschichte der Dada-Künstlerin Angelika Hoerle
Die Welt zerschlagen (2)
Von Ute Bales
NRhZ 561 vom 11.05.2016
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22791

Die Geschichte der Dada-Künstlerin Angelika Hoerle
Die Welt zerschlagen (1)
Von Ute Bales
NRhZ 560 vom 04.05.2016
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22768

Lesung aus einem Roman zur Lebensgeschichte von Angelika Hoerle
Dada-Künstlerin Angelika Hoerle
Von Arbeiterfotografie
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22599

Online-Flyer Nr. 748  vom 01.07.2020

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