NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

zurück  
Druckversion

Kultur und Wissen
Die Geschichte der Dada-Künstlerin Angelika Hoerle
Die Welt zerschlagen (3)
Von Ute Bales

Ute Bales hat einen biografischen Roman zur Lebensgeschichte der Dada-Künstlerin Angelika Hoerle geschrieben, die keine 24 Jahre alt wird. Ihr Schicksal ist Krieg, der Erste Weltkrieg, die Liebe, die Tuberkulose, die Künstlergruppe Dada. Mit Kunst die Welt verändern!? Die NRhZ bringt Auszüge aus dem Roman. Teil 3 beschreibt, wie Angelikas Bruder Willy aus dem Krieg zurückkehrt. Zusammen mit seiner Schwester stellt er sich auf die Seite der Sozialisten. Beide sind voller Hass auf den Krieg. "Ein Soldat, dem die Arme fehlen, reckt den Kopf nach einem Stück Brot. Sein gurgelndes Fluchen geht Angelika durch Mark und Bein."

Der Kaiser flieht im Salonwagen ins holländische Exil. Die Leute fühlen sich befreit und gedemütigt zugleich. Wut und Empörung machen sich breit, Rachegelüste auf den feigen Kaiser, Ernüchterung und Enttäuschung. Willy macht es so wie die Matrosen. Er erklärt sich solidarisch, verlässt seinen Dienst und schlägt sich zu Fuß nach Köln durch. Ein paar Kilometer verbringt er in einem stinkenden Viehwaggon. Chaos ist im Gange. Lebensmittel, Lederzeug, Kleidungsstücke, Wagen und sogar Pferde werden gestohlen. Überall wird Heeresgut verhökert. Die Truppen haben sich aufgelöst. Soldaten ziehen über verschlammte Wege, manche in kleinen Trupps, im Schlepp Ochsen und Kühe, Ziegen und Schafe. In den Bauernhäusern ist ein fortwährendes Kommen und Gehen. In allen Dörfern sind Scheunen und Ställe belagert. Hühner und Eier verschwinden, Wäschestücke werden von den Leinen geklaut, Kaiserbilder verbrannt.

Willy ist voller Ungeziefer und Dreck, als er zu Hause ankommt. Aber er ist gesund. Die Mutter backt ihm Reibekuchen. Er flucht über die vertane und verlorene Zeit, die bestialische Leere und Dummheit des Krieges, die große Lüge. Benutzt und missbraucht fühlt er sich.

Wie das neue Deutschland aussehen soll, weiß niemand. Alles ist möglich. Willy spekuliert: „Die deutsche Republik könnte eine demokratische werden. Besser noch eine sozialistische, ein Gemeinwesen, in dem die Ausbeutung der Menschen keine Chancen mehr hat. Wir müssen auf die Kapitalisten aufpassen. Für sie hat der Krieg die Produktion gewaltsam unterbrochen. Also ist es die dringendste Aufgabe, sie wieder in Schwung zu bringen. Wenn das aber geschieht, geht alles weiter wie es war. Dann wird der Mensch wieder geknebelt und ausgebeutet. Das müssen wir verhindern!“

Kaum dass er wieder zu Hause ist, schließt er sich mit Angelika einer Gruppe von Arbeitern an, die mit Plakaten durch die Stadt ziehen: „Alle Macht dem Volk!“  

In einem Hinterzimmer von Schmitz´ Gastwirtschaft in der Fleischmengergasse tagt der Soldatenrat, der schnellstmöglich die Ordnung wiederherstellen will. Dann ruft Scheidemann von der SPD die Deutsche Republik aus, wenig später verkündet Liebknecht die Freie Sozialistische Republik. Willy hat sich Auszüge aus der Rede Rosa Luxemburgs ausgeschnitten. Angelika klebt sie in ein schwarzes Heft, in dem sie auch andere Zeitungsartikel, die ihr gefallen, verwahrt: „Proletarier aller Länder! Dieser Krieg muss der letzte sein! Das sind wir den 12 Millionen hingemordeter Opfer, das sind wir der Menschheit schuldig! Die großen Verbrecher sind die herrschende Klasse! Das was von ihnen jetzt als Friede und Recht vorbereitet wird, ist nur ein neues Werk der brutalen Gewalt, aus dem neue Kriege hervorgehen werden. Deshalb auf zum Kampf! Wählt Arbeiter- und Soldatenräte, die die politische Macht ergreifen und zusammen mit uns den Frieden herstellen werden.“ Unter das Wort Frieden malt sie einen Clown, der mit Bällen jongliert und schreibt einen Spruch darunter, den das Geckenberndchen früher im Karnevalszug immer gesungen hat: Dieu protège les jongleurs.

Tausende Verletzte ziehen vorbei: Männer in besudelten Uniformen mit entstellten Gesichtern und wirren, ausgelöschten Augen. Ihre Körper sind ausgemergelt und verbraucht, die Arme oder Beine oft nur noch Stümpfe. Den meisten bluten die Füße. Viele hängen zwischen Krücken, hieven sich über das Pflaster. Andere liegen zwischen verdreckten Militärmänteln und Pferdedecken auf Tragen, warten stöhnend und röchelnd auf Verbandswechsel. Eine Schwester geht herum. Wo sie ist, riecht es süßlich nach Karbol. Ansonsten liegt Schweißdunst in der Luft und der Geruch nach Wunden. Alle haben den gleichen leeren Blick, die gleichen erschöpften Gesichter mit diesem erloschenen Ausdruck. Konvois von Autos und Gespannen verkeilen sich auf den Straßen. Auf den Karren stapeln sich Koffer, Kisten, Decken, Brauchbares, Kaputtes, Zerstörtes. Das Faustrecht gilt. Der Stärkere nimmt sich, was er kriegen kann. Die meisten gehen leer aus. Viele der Verletzten werden mit Lazarettzügen der Straßenbahn vom Bahnhof zu den Krankenhäusern gefahren. Die Hauptstraßen sind beflaggt und mit Blumen und Tannengrün geschmückt. Auf dem Severinsplatz, wohin Angelika mit Willy eilt, weil sie beim Brotverteilen helfen wollen, hat einer ein Spruchband entrollt: „Willkommen ihr unbesiegten Helden! Willkommen! Willkommen!“ Die Soldaten greifen nach allem, was ihnen hingehalten wird: Tabak, Brot, Kleidung. Ein Soldat, dem die Arme fehlen, reckt den Kopf nach einem Stück Brot. Sein gurgelndes Fluchen geht Angelika durch Mark und Bein. Ein anderer Soldat liegt so flach unter einer Decke, als habe er keinen Körper mehr. Sein Kopf ist abgezehrt, die Nase spitz, die Augen liegen in tiefen Höhlen, bläulich schimmern die Adern durch eine Haut wie Papier.

Die Brotausgabestellen sind gut besetzt. Angelika und Willy werden nicht gebraucht. Sie stehen da und suchen nach bekannten Gesichtern. Viele der Soldaten werden übel empfangen.  Eine Schwangere reißt einem Hinkenden das Rangabzeichen von der Jacke: „Versager seid ihr, alles Versager! Und wo ist meiner? Keine zwei Jahre bin ich verheiratet. Und jetzt steh ich da. Zwei Kinder hab ich und das hier“, dabei trommelt sie mit den Fäusten auf ihren Bauch, „wird seinen Vater nie zu Gesicht bekommen! Tot ist er! Tot! Und ihr lebt!“ Andere liegen sich in den Armen, heulen und lachen. Frauen halten Pappschilder in die Höhe: Wer kennt Franz Daniels? Wer hat Nachricht von Hubert Reuter? Fotos sind auf die Pappen geklebt. Immer sind es Männer mit Feldmützen oder Pickelhauben. Neben den Frauen warten Kinder mit hohlen, eingefallenen Wangen und gelber, an den Knochen klebender Haut. Auch die Frauen und Kinder versuchen etwas vom Brot zu bekommen, werden aber weggescheucht.

Noch etwas grassiert in diesen unruhigen Monaten. Es ist eine tückische Grippe, die niemand einschätzen kann. Unzählige Kranke schleppen sich herum, werden gemieden von denen mit Bazillenangst. Der Vater macht Särge. Bestellt sind mehr, als er schaffen kann. „In vier Wochen 30 Leichen“, sagt er, „ich weiß nicht mehr, wo ich das Holz herholen soll. Die armen Soldaten, die bisher durchgehalten haben – jetzt rafft sie die Grippe hin.“




Ute Bales: Die Welt zerschlagen – Die Geschichte der Dada-Künstlerin Angelika Hoerle, Gebundene Ausgabe, 280 Seiten, Rhein-Mosel-Verlag, 2015, 19,80 Euro


Siehe auch:

Die Welt zerschlagen – Die Geschichte der Dada-Künstlerin Angelika Hoerle
Auszug 1: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22768
Auszug 2: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22791
Auszug 4: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22827
Auszug 5: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22845
Auszug 6: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22864

Filmclip
Lesung aus einem Roman zur Lebensgeschichte von Angelika Hoerle
Dada-Künstlerin Angelika Hoerle
NRhZ 552 vom 09. März 2016
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22599

Online-Flyer Nr. 562  vom 18.05.2016

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FOTOGALERIE