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Aktueller Online-Flyer vom 23. Juli 2019  

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Literatur
Auszug aus "Ausbruch aus der Stille. Persönliche Lebensbilder" anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949 (13)
Contra Wortgeklingel: Der Autor als Politarbeiter
Von Harry Popow

Manchmal erwischt es Henry. Dann grübelt er über den Sinn der Überzeugungsarbeit, über die Art und Weise, wie man mehr zum politischen Nachdenken und zum bewussten Handeln anregen könnte. Die große Aphrodite, bildlich gesprochen, lässt ihm keine Ruhe. Wenn er sein bisschen Leben betrachtet – es wäre vielleicht nicht so geradlinig verlaufen, wäre er nicht innerlich überzeugt gewesen, das Richtige zu tun. Sicher, die Thesen sind gut, sind dem Humanismus verpflichtet, die Theorie ist schlüssig, vieles ist sehr logisch. Die Lektionen in den Gesellschaftswissenschaften - sie befriedigen besonders dann, wenn Probleme benannt werden, wenn sich ein Erkenntnisgewinn einstellt. Aber es häufen sich mitunter hergebetene Sprachformeln. Das schleift ab, tötet den Geist. Behauptungen ohne tiefgründige Beweise, ohne den widerspruchsvollen Weg zum Ergebnis aufzuzeigen – das verbreitet Unlust. Und Henry hält für sich fest: Man wünschte sich mehr Kritik und Offenheit bei gesellschaftlichen Fragen, hingegen stehen Kritik und Selbstkritik im kleinen Kreis (der Parteigruppe z. B.), hoch im Kurs. Aber wenn das große Ziel richtig ist, muss der Weg dahin noch lange nicht ergiebig sein. Kürzlich hörte ich eine bemerkenswerte Lektion von einem marxistischen Philosophen. Wenn wir von der Grundfrage der Philosophie ausgehen, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, dann müssen wir auch in der Praxis danach handeln. Mit anderen Worten: Nicht das große Wortgeklingel formt in erster Linie die Menschen, sondern vor allem das tägliche Erleben, die Praxis. Und was muss ich tun?

„Seelsorger“-Sorgen

Henrys Laufbahn in der NVA bekommt eine Wendung. Ein neuer und interessanter Pfad tut sich auf. Fast ohne Vorankündigung. Es ist Mitte November des Jahres 1962. Wehrpflichtige wurden soeben einberufen. Sie sollen eine vierwöchige zentrale Grundausbildung erhalten. Dazu werden sie in einer Kaserne in der Potsdamer Berliner Straße zusammengefasst. Und das Neue daran für Henry: In einer Kompanie soll er deren Politstellvertreter sein. Das ist Absicht. Man will ihn wohl in die politische Richtung schicken. Ist ihm recht. Er arbeitet gerne mit Leuten, wie bisher als Zugführer. Aber er kann mehr, als nur auszubilden und zu erziehen. Und nun trägt Oberleutnant Popow für alles, was die Menschen betrifft, die politische Mitverantwortung. Was da alles so zu beachten ist – eine zeitweilige Parteigruppe muss gegründet werden, die jungen Wehrpflichtigen sollen von Anfang an spüren, dass in unserer Armee der Mensch im Mittelpunkt steht, dass ihnen die vorgeschriebenen Zeiten für die Esseneinnahme gewährt werden, dass sie von den Unteroffizieren nicht vollgenölt werden, dass der Fahneneid auswendig gelernt und auch verstanden wird ... Kurz, ein Polit, wie er manchmal genannt wird, darf nicht träumen, sondern muss auch alle Termine wissen: dass der Kompaniechef täglich 16.30 Uhr zur Besprechung muss, dass der Frühsport im Dienstanzug durchzuführen ist, dass bis Montag die Ausgabe der Brustbeutel für Geld und Dokumente erfolgt, dass täglich bis 21.30 Uhr Aussprachen mit den neuen Soldaten zu organisieren sind. Henry notiert weiter: Baden am Sonnabend für die 4. Kompanie von 20.30 bis 22.00 Uhr. Mittwoch Wäschetausch, den Unteroffizier vom Dienst informieren: alle Kranken, die zum Divisions-Med.-Punkt müssen, sollen sich im Ausgangsanzug und Mantel um 6.15 Uhr vor dem Küchengebäude einfinden. Vereidigung (vormittags zwei Stunden Armeemuseum, abends Großveranstaltung) und Belobigung der Besten vorbereiten. Buchbesprechung, Lichtbildervortrag und Musikvortrag organisieren. Mit Unteroffizier R. sprechen. Während der Politschulung hatte er einem Soldaten gegenüber geäußert: „Sie sind wohl schief gewickelt.“ Darauf muss ich reagieren, auf diese dümmliche Bemerkung. Überhaupt, über manche Unklarheiten ganz offen und kameradschaftlich sprechen. Nicht erwarten, dass alle der gleichen Meinung sind. Toleranz üben. Geduld aufbringen. Zuhören können. Henry ist in seinem Element.

Forum mit Künstlern

Emil, der FDJnik vom Regiment, hat ein Forum organisiert. Mit der bekannten DDR-Schauspielerin Christine Laszar im „Seehof“ zu Teltow. Der Schriftsteller Paul Wiens stellt sie vor. Sie erzählt von einer Reise nach Westdeutschland. Dort gäbe es sehr viele Leute, aber bei uns gibt es Menschen, sagt sie. Wenn man dort etwas verkehrt gemacht habe, komme man nicht so schnell wieder hoch. Der Lebenskampf sitze einem ständig im Nacken. Henry mag überhaupt keine Autogramme, diesmal aber hat er sich eines geholt. Stichwort Emil. Er ist der Instrukteur für Jugendarbeit im Regiment. Er ist groß und schlank, sieht gut aus, ist offen, immer guter Laune und sprüht vor Ideen. Dreißig Jahre alt. Seine Worte, die geflügelten: „Denke daran, alles muss durch den Kopf. Alles geht nur über das Denken und Fühlen der Soldaten.“ Er plädiert z. B. dafür, kranke Soldaten oder die im Arrest sitzenden sonntags oder feiertags zu besuchen, ihnen Bücher oder Zeitungen zu besorgen. „Der Soldat muss immer das Gefühl haben, man kümmert sich um ihn“, sagt Emil, wie die Männer ihren obersten Jugendfunktionär im Regiment nennen. Was Emil sagt, ist dem Henry aus dem Herzen gesprochen. Mit Emil beginnt eine jahrelange gute Freundschaft.


Harry Popow: „Ausbruch aus der Stille. Persönliche Lebensbilder in Umbruchzeiten“



Druck und Verlag: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin, Erscheinungsdatum 18.02.2019, ISBN: 9783748512981, 500 Seiten, 26,99 Euro, Bestellen hier


Der Autor Harry Popow wurde 1936 in Berlin-Tegel geboren, wuchs in der DDR auf, arbeitete als Militärjournalist im Dienstgrad Oberstleutnant in der NVA und betätigt sich heute als Blogger, Buchrezensent und Autor. Er ist seit 1961 glücklich verheiratet.


Siehe auch:

Auszug aus "In die Stille gerettet. Persönliche Lebensbilder" anlässlich des 63. Jahrestags der Gründung der Nationalen Volksarmee am 1. März 1956 (1)
Ohrfeige für Henry
NRhZ 692 vom 13.02.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25625

Auszug aus "Ausbruch aus der Stille. Persönliche Lebensbilder" anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949 (2)
Weiße Armbinden
NRhZ 700 vom 10.04.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25802

Auszug aus "Ausbruch aus der Stille. Persönliche Lebensbilder" anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949 (3)
Träumender Trommler
NRhZ 701 vom 17.04.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25821

Auszug aus "Ausbruch aus der Stille. Persönliche Lebensbilder" anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949 (4)
Bei Präsident Pieck
NRhZ 702 vom 24.04.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25839

Auszug aus "Ausbruch aus der Stille. Persönliche Lebensbilder" anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949 (5)
Steinkohlen-Zeit: Der Autor als Berglehrling
NRhZ 703 vom 01.05.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25860

Auszug aus "Ausbruch aus der Stille. Persönliche Lebensbilder" anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949 (6)
Geologen-Zeit: Der Autor als Kollektor
NRhZ 704 vom 08.05.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25877

Auszug aus "Ausbruch aus der Stille. Persönliche Lebensbilder" anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949 (7)
Knobelbecher-Zeit
NRhZ 705 vom 15.05.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25903

Auszug aus "Ausbruch aus der Stille. Persönliche Lebensbilder" anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949 (9)
Tee mit Rum
NRhZ 706 vom 22.05.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25923

Auszug aus "Ausbruch aus der Stille. Persönliche Lebensbilder" anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949 (9)
Parade in Berlin: Der Autor als Offiziersschüler
NRhZ 707 vom 29.05.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25940

Auszug aus "Ausbruch aus der Stille. Persönliche Lebensbilder" anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949 (10)
Sekt in der Badewanne: Der Autor wird  Unterleutnant
NRhZ 708 vom 05.06.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25961

Auszug aus "Ausbruch aus der Stille. Persönliche Lebensbilder" anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949 (11)
Kopfarbeit gegen Herzschmerz
NRhZ 709 vom 12.06.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25979

Auszug aus "Ausbruch aus der Stille. Persönliche Lebensbilder" anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949 (12)
Nasse Füsse contra Kulturschande: Der Autor als Ausbilder
NRhZ 710 vom 19.06.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26002

Online-Flyer Nr. 711  vom 26.06.2019

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