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Aktueller Online-Flyer vom 24. Juli 2019  

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Krieg und Frieden
Ostermarsch-Musterrede zum Thema Syrien
Wunderbar! Ganz im Sinne des Imperiums!
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Liebe Freundinnen und Freunde, mehr als 400.000 Tote und 11 Millionen Menschen auf der Flucht sind die traurige Bilanz nach acht Jahren Krieg, den das US-Imperium – beginnend mit dem so genannten "Arabischen Frühling" vielfach mit Hilfe von Söldnertruppen – gegen den souveränen Staat Syrien führt, um dort einen Regime-Change herbeizuführen. Stopp! Stopp! Stopp! Das Imperium interveniert: So geht das nicht. Das muss anders formuliert werden, und zwar so: „Liebe Freundinnen und Freunde, mehr als 400.000 Tote und 11 Millionen Menschen auf der Flucht sind die traurige Bilanz nach acht Jahren Krieg in Syrien. Weit mehr als 20 Staaten sind direkt oder indirekt am Konflikt beteiligt. Mehr als 200 bewaffnete Gruppen kämpfen in wechselnden Konstellationen mit- und gegeneinander. Seit acht Jahren herrscht die Gewalt in weiten Teilen Syriens.“

Ja, so kommen wir der Sache schon näher. Die Gewalt "herrscht". Das ist eine fabelhafte Formulierung. Niemand wird als Täter benannt. So muss es sein! Wer die Gewalt verursacht hat, darf nicht klar zum Ausdruck gebracht werden. Die Urheber eines Verbrechens dürfen nicht genannt werden. Sie müssen in einer Weise verschleiert werden, dass das Auditorium der Rede es nicht bemerkt. Und das ist ein potentiell kritisches Auditorium. Es sind die Ostermarschierer des Jahres 2019. An sie richtet sich eine vom US-Imperium verfasste Musterrede – veröffentlicht Ende März 2019 von einer so genannten "Friedenskooperative". Die Kräfte des Krieges sollen in der Friedensbewegung ihre Erfüllungsgehilfen haben? Das klingt abstrus. Aber nein: es ist die bittere Realität! Das US-Imperium gibt in der deutschen Friedensbewegung schon lange den Ton an. Das geschieht allerdings in einer Weise, dass kaum jemand es bemerkt.

Lesen wir weiter in der Musterrede zum Thema Syrien für den Ostermarsch 2019: „Die Zivilbevölkerung, insbesondere Kinder, sind die Leidtragenden dieses langwierigen und komplexen Krieges: etwa 7500 Mädchen und Jungen wurden, laut eines Bericht der Vereinten Nationen, verstümmelt und getötet. Diese Kinder starben durch Fassbomben, Streubomben und Folter. Fast 3400 Kinder wurden zwischen 2013 und 2018 im Syrienkrieg als Soldaten eingesetzt. Das Ausmaß der Gewalt gegen Wehrlose und Unschuldige ist an Grausamkeit kaum zu überbieten.“ Sehr gut! Diese Passage enthält ein ganz wichtiges Wort. Es lautet "Fassbomben". Das ist ein Wort, das die richtigen Assoziationen weckt. Das Gros der Zuhörerschaft denkt da sofort an das "Assad-Regime". Schließlich ist sie durch unsere Medien entsprechend konditioniert. Das ist die Methode, wie man heutzutage Feindbilder weckt. Von einem "komplexen Krieg" wird gesprochen. Ja, so muss es sein! Die eindeutige Sachlage, wer Täter und wer Opfer ist – das hatten wir schon erkannt – darf nicht offenbar werden. Wunderbar, diese Rede!

Werfen wir noch einen weiteren Blick in die Musterrede. Es heißt darin: „Auf der einen Seite werden Geflüchtete ermutigt nach Syrien zurückzukehren, indem man sie finanziell unterstützt. Auf der anderen Seite beschließt der Bundestag den Bundeswehreinsatz in Syrien bis Ende Oktober 2019 fortzusetzen. Das darf nicht sein! Mit den Tornados, die weiter Aufklärungsflüge unternehmen sollen, mit der Luftbetankung von Bomberflugzeugen beteiligt sich die Bundeswehr an einem Kriegseinsatz – an einem Krieg, der immer offensichtlicher Völkerrecht bricht. Es geht um strategische, um politische Interessen.“ Das klingt nach klaren Worten. Das dürfte die Ostermarschierer zufrieden stellen. So tritt man gegen Krieg auf! Der Antikriegskurs muss sich auf die Bundeswehr beschränken. Die USA dürfen als Kriegsakteur nicht genannt werden. Und dass Deutschland in Syrien als Vasall der treibenden Kraft, als Vasall des US-Imperiums operiert, darf nicht zum Thema gemacht werden. Dann kommt die Zuhörerschaft nicht so schnell auf "gefährliche" Gedanken, die da lauten: Kündigung des Truppenstationierungsvertrags! Austritt aus der NATO! Deutschland wird neutral!


Veröffentlichung aus der Quartalsschrift DAS KROKODIL, Ausgabe 28 (März 2019) – Grundsatzschrift über die Freiheit des Denkens – bissig – streitbar – schön und wahr und (manchmal) satirisch.



Mehr dazu und wie es sich bestellen lässt, hier: http://www.das-krokodil.com/



Anhang: komplette Musterrede der "Friedenskooperative" zum Thema Syrien

Liebe Freundinnen und Freunde, mehr als 400.000 Tote und 11 Millionen Menschen auf der Flucht sind die traurige Bilanz nach acht Jahren Krieg in Syrien. Weit mehr als 20 Staaten sind direkt oder indirekt am Konflikt beteiligt. Mehr als 200 bewaffnete Gruppen kämpfen in wechselnden Konstellationen mit- und gegeneinander.

Seit acht Jahren herrscht die Gewalt in weiten Teilen Syriens. Die Zivilbevölkerung, insbesondere Kinder, sind die Leidtragenden dieses langwierigen und komplexen Krieges: etwa 7500 Mädchen und Jungen wurden, laut eines Bericht der Vereinten Nationen, verstümmelt und getötet. Diese Kinder starben durch Fassbomben, Streubomben und Folter. Fast 3400 Kinder wurden zwischen 2013 und 2018 im Syrienkrieg als Soldaten eingesetzt. Das Ausmaß der Gewalt gegen Wehrlose und Unschuldige ist an Grausamkeit kaum zu überbieten.

Dass die Gewalt noch lange kein Ende gefunden hat, zeigen das Verschwinden zweier Männer in Damaskus und an der libanesisch-syrischen Grenze. Sie waren während des Krieges nach Deutschland geflüchtet und im letzten Jahr mit finanzieller Unterstützung deutscher Behörden freiwillig in ihre Heimat Syrien zurückgekehrt. Diese Beispiele zeigen, dass Syrien nicht sicher ist.

Wie passt das zusammen? Auf der einen Seite werden Geflüchtete ermutigt nach Syrien zurückzukehren, indem man sie finanziell unterstützt. Auf der anderen Seite beschließt der Bundestag den Bundeswehreinsatz in Syrien bis Ende Oktober 2019 fortzusetzen. Das darf nicht sein!

Mit den Tornados, die weiter Aufklärungsflüge unternehmen sollen, mit der Luftbetankung von Bomberflugzeugen beteiligt sich die Bundeswehr an einem Kriegseinsatz – an einem Krieg, der immer offensichtlicher Völkerrecht bricht. Es geht um strategische, um politische Interessen.

Anders lassen sich auch die deutschen Waffenexporte an die Türkei nicht erklären. Mit deutschen Panzern führten türkische Truppen die Invasion gegen die Kurden in Afrin durch. Nun stehen deutsche Panzer wieder an der syrischen Grenze bereit. Der türkische Präsident droht seit Monaten mit einem weiteren völkerrechtswidrigen Einmarsch und damit militärisch gegen die Kurden in Syrien vorzugehen.

Mit der militärischen Beteiligung Deutschlands nehmen wir zivile Opfer in Kauf. Wir nehmen in Kauf, dass wir als Aggressoren wahrgenommen werden. Wir nehmen in Kauf, dass sich dadurch das Feindbild des aggressiven Westens weiter verfestigt. Wir nehmen in Kauf, dass terroristische Organisationen gerade dies zur eigenen Legitimation und zur Rekrutierung neuer Kämpferinnen und Kämpfer nutzen. Wir nehmen in Kauf, dass unser Militäreinsatz, der den Terrorismus doch eigentlich bekämpfen soll, genau das Gegenteil bewirkt.

Zudem müssen die Sanktionen der USA und der EU gegen Syrien beendet werden. Die Sanktionen werden als die kompliziertesten und weitreichendsten Sanktionsmaßnahmen bezeichnet, die jemals verhängt wurden. Nichtregierungsorganisationen werden an der Ausübung ihres humanitären Auftrages behindert. Die Leidtragenden sind die Syrer und Syrerinnen.

Die Gewalt in Syrien muss endlich ein Ende haben! Dies gelingt nicht, indem man sich militärisch am Krieg beteiligt. Sondern indem Deutschland Verantwortung übernimmt, wenn es darum geht, Friedenslösungen für Syrien und den Irak zu unterstützen. Doch es kommt auf die Mittel und Methoden an. Wir sind überzeugt: Nicht durch den Aufbau militärischer Fähigkeiten und internationale militärische Interventionen, sondern allein durch den Aufbau und die Förderung ziviler Kompetenzen können Krieg und terroristische Gewalt nachhaltig überwunden werden. Frieden durch friedliche Mittel muss Ziel und Weg deutscher Außen- und Sicherheitspolitik sein.

Es darf nicht sein, dass unter dem Vorwand der Bekämpfung des IS das Völkerrecht und sein Gewaltverbot zur militärischen Durchsetzung globalstrategischer Interessen gebrochen wird. Das Kriegsleiden der Menschen in der Region muss beendet werden. Dazu wären neben einer Überprüfung der Sanktionen vor allem Maßnahmen der humanitären Hilfe, der Entwicklungshilfe und der Aufbau der dazu nötigen diplomatischen Beziehungen wichtig.

Auch dafür gehen wir heute auf die Straße!

Quelle: https://www.friedenskooperative.de/ostermarsch-2019/musterreden/syrien



Siehe dazu auch:


Netzwerk Friedenskooperative: "Musterrede" zum Thema Syrien für die anstehenden Ostermärsche
Nur sehr bedingt brauchbar
Von Peter Feininger, 6. April 2019
http://www.forumaugsburg.de/s_3themen/Syrien/190412_musterrede-netzwerk-friedenskooperative/index.html


Und siehe:

Fotogalerie
Ostermarsch 2019
Ja zum Frieden! Nein zur NATO! NATO raus!
Von Arbeiterfotografie
NRhZ 702 vom 24.04.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25848

Filmclips
Ostermarsch 2019 Bonn und Bremen
Völkerrechtsbrüche, Massenmorde nicht in unserem Namen
Von Arbeiterfotografie
NRhZ 702 vom 24.04.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25847

Erklärung von Florenz
Für eine internationale NATO-Austrittsfront
Vom Komitee "No War No NATO / Global Research"
NRhZ 702 vom 24.04.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25835

Bericht über die internationale Veranstaltung "An Evolving EU/NATO Military Alliance"
Die Notwendigkeit der Vernetzung
Von Markus und Eva Heizmann, Bündnis gegen den imperialistischen Krieg, Basel
NRhZ 702 vom 24.04.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25841

Psychologische Bemerkungen zu den deutschen Ostermärschen 2019
Der Staat ist gut gerüstet
Von Rudolf Hänsel
NRhZ 702 vom 24.04.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25844

Online-Flyer Nr. 702  vom 24.04.2019

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