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Aktueller Online-Flyer vom 26. Mai 2017  

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Literatur
Aus der Roman-Tetralogie "Die Kinder des Sisyfos" – Folge 8
Ein Besuch in Krupps Villa Hügel
Von Erasmus Schöfer

Am 4. Juni 1931 – vor 85 Jahren – ist er geboren. Seit 1962 ist er als freier Schriftsteller tätig. 1965 zieht er nach München, wo er sich gegen die Notstandsgesetze und später in der Ostermarschbewegung engagiert. 1969 ist er Mitgründer des "Werkkreises Literatur der Arbeitswelt". Zwischen 2001 und 2008 erscheint seine Sisyfos-Tetralogie, ein auf vier Bände angelegter Romanzyklus "Die Kinder des Sisyfos" (Ein Frühling irrer Hoffnung, 2001; Zwielicht, 2004; Sonnenflucht, 2005; Winterdämmerung, 2008) über die deutsche und europäische Geschichte zwischen 1968 und 1989, die die Erinnerung an eine Linke vergegenwärtigt und bewahrt, die zwar erhebliche Veränderungen in Gang setzte, ihr Ziel, ein humane sozialistische Gesellschaftsordnung, jedoch verfehlte. Die NRhZ bringt aus den vier, insgesamt mehr als 2000 Seiten umfassenden Bänden neun Auszüge – Folge 8 aus "Winterdämmerung". Für die profitable Neuordnung der europäischen Stahlkonzerne wurde in den achtziger Jahren mehreren deutschen Hütten das Todesurteil gesprochen. Den härtesten und längsten Abwehrkampf lieferten 1988 die Rheinhauser Stahlwerker und die mitbetroffene Bevölkerung. Ein Generalstreik an der Ruhr lag in der Luft.


Erasmus Schöfer mit seiner Roman-Tetralogie "Die Kinder des Sisyfos" (Foto aus dem Arbeiterfotografie-Projekt 68er Köpfe)

Welche wollten die Öfen verrecken lassen. Blinde Wut. Saubere Wut. Das hat die kruppsche Arbeiterehre verhindert. Die Maschinenstürmer sitzen heute hoch oben, in den Aufsichtsräten. Nennen sich scheinheilig Sanierer, was, sagte Vik mal, Gesundmacher heißt und meint immer die sieche Rendite, nicht die kaputten Malocher. Der Cromme(1) will uns das ganze Stahlwerk wegstürmen, samt zwei Hochöfen, zwei Konvertern, zwei Stranggießanlagen, Kokerei, Kraftwerk, Hafen, Kränen undsoweiter, samt fünftausend Stahlwerkern, samt fünftausend Rheinhauser Familien, samt achtzig Jahren Lebensgeschichte dieser Stadt. Jetzt sind sie alle dabei bei der großen Empörung, die Bürger, die Frauen, die Kinder. Die Pfarrer und Polizisten und Metzger. Selbst unsre Ingenjöre sind dabei, die Öfen sauber runterzufahren, dass kein Eisen mehr rausläuft bis – ja bis wann?

Erstaunlich wie das läuft, dass nichts läuft. Das ist der Streik, den keiner so nennt. Die Belegschaft hat die Hütte besetzt und bestimmt aus eigner Macht, ob was produziert wird oder nicht. Die Gewerkschaft guckt zu. Gesetzlich gezähmt.

Vorgestern in Bochum, bei den Herren der drei Ringe(2), haben die Jungs den Sitzungssaal geentert, elf Stockwerk hoch die Brötchen und Zigarren der Direktoren geerntet, warn schätzich die ersten und einzigen Havannas ihres Lebens, da haben sich die Hüttenbestatter verdrückt, verkrochen vor der proletarischen Empörung.

Wo sind wir eigentlich?

Und heute? Zehn Busse schlafende Arbeiter überqueren den Strom, der da unten im Dunkeln gurgelt und fließt wie das Kapital in den Kellern der Banken, nee Quatsch Manni Anklam – das Kapital fegt mit Lichtgeschwindigkeit und völlig geräuschlos um den Globus, dagegen ist der Rhein was Solides, wenn auch genau so flüssig und unaufhaltsam für uns. Jetzt fahrn zehn Busse müde Männer durch Duisburg im Konvoi gegen die Burg, auf dem Ruhrschnellweg zur Feste Krupp auf dem Essener Hügel, zum Frühdienst in der Kirche des Gottes, der Eisen wachsen lässt auf unserm Mist und Schweiß, mal fragen was die versammelten Bürdenträger und Ritter vom Stahl uns zu bieten haben außer dem Schlachtfest. Solln wissen dass wir nicht schlachtreif sind! Die autonomen Jungs von der Hafenstraße habens diesmal geschafft mit ihren Barrikaden, dass sie die zehntausend Bullen im Stall gelassen haben. Hat lieber Mietverträge mit ihnen geschlossen, der Dohnanyi(3), als ne neue Straßenschlacht mit Häuserkampf loszutreten. Obwohl – in Hamburg gings nur ums Prestige vom Senat, nicht um den Profit vonnem Großkonzern. Unvergleichbar, schätzich.

Wo sind wir eintlich Manfred?

Irndwie Oberhausen, schätzich. Halbe Stunde kannste noch ratzen.

Alle Kofferräume vollgepackt mit Paletten. In jedem Bus sagnwe zwei macht zwanzig Paletten, das gäb verdammt ein heißen Haufen für Herrn Beitz oder Cromme, die heilige Inquisition des Proletariats fragt die Hexenmeister des Kapitals: Stillegung – ja oder nein? Also ab ins Feuer mit den pferdefüßigen Dienern des Gottseibuns Profit, die uns arbeitsfrommen dienstbaren Malochern das Lebensblut aussaugen. Ihr Satansbrut ihr höllischen Kujone haben die schlesischen Weber gesungen bevor sie ihren Ausbeutern die Villen zerdeppert haben, vielleicht hat ja der olle Kanonenkönig Krupp seinen Protzkasten als Bastille des Ruhrgebiets auf den Essener Hügel geklotzt – die steinerne Drohung gegen seine dreckigen Untertanen, für den Fall dass sein Sozialzauber nicht mehr wirkt. Als die Revolution reif war in Frankreich hat der Pöbel auch die Bastille gestürmt, mit echten Kanonen. Damals standen die wohl noch öffentlich rum in Paris. Neunzehnachtzehn hätten die Kollegen im Essener Kruppwerk paar von den Haubitzen abzweigen können, für die deutsche Revolution gegen unsre Monarchen und Schlotbarone, Granaten haben sie auch produziert. Aber der Familiensinn der Kruppianer hat noch ausgereicht und das Verantwortungsbewusstsein fürs Jroßejanze, durch zwei elendige Kriege haben sie das gerettet bis in die Juppiezeit, was denkt so ein Milchgesicht wie der Cromme wenner die tausend wütenden Arbeitergesichter sieht, die Fäuste die ihn aber hoppla an die Kranbahn hängen könnten, keine Polizei weit und breit, nur ein friedensflüchtiger Betriebsrat. Hat der Mann die Frechheit keine Angst zu haben vor unsrer Übermacht im Vertraun auf die unsichtbare Macht über ihm, für die er uns das Urteil überbracht hat? Auge um Auge hab ich gebrüllt neben ihm, entfesselte Worte, aber hättich auch meine Arme entfesselt und den Mensch aus dem Anzug geschüttelt, wärn die Kollegen mir an die Gurgel gegangen, hätten den Totengräber der Hütte gerettet. Das ist die Lage.

Die IG Metall ruft zur Besonnenheit, der halbe Betriebsrat ist empört und organisiert der Belegschaft die Busse – jetzt fahren wir mit unsrer empörten Besonnenheit nach Essen, zum Sturm auf das Winterpalais des Kruppkonzerns.

He Rudi, komm aus dem Mus, wir sind vor der Festung!

Wat is los Manni knurrt der Nachtschichtler neben ihm, rappelt sich aber auf wie die andern verdösten oder verschlafnen Rheinhauser Stahlknechte. Sie klauben ihre Helme aus den Ablagen, die wetterfesten Jacken, schurren zu den Ausgängen, von denen ihnen dezemberkalte Luft entgegenströmt. Draußen düsterer, schneeschwangerer Himmel über den entlaubten Bäumen.

Durch das schmiedeeiserne Tor, über den geharkten Sandweg des Parks schleppen sie die schweren Holzpaletten zu dem Klotz, dem drohmächtigen Palast, vor dessen Säulenportal schon ein Protestfeuer meterhoch auflodert, genährt von den ausgetrockneten Paletten, auf die auch die Ankommenden ihre werfen – ein symbolisches Feuerwerk hochstiebender Funken. Zwei Transparente werden hochgehalten: Die Herrschenden sind mächtig weil wir uns auf den Knien bewegen Erheben wir uns massenhaft! Das andre: Rheinhausen muss leben!

Kronleuchter und Edelparkett

Ein Feuer kann Hunderte nicht wärmen. So entsteht, wie der Vorplatz sich füllt, eine langsame Bewegung der frierenden Menge Mensch zur kalten Masse Stein. Anklam findet es irgendwie enttäuschend, ja beleidigend, dass auch hier vorm Allerheiligsten des Konzerns weder Stadtpolizei noch Bereitschaft den Herrschaftsitz abriegelt, obwohl doch der Betriebsrat den Spaziergang auf dem Hügel im zweiten Wochenaktionsplan öffentlich angekündigt hat und sensationserpichte Journalisten nicht zu knapp herumscharwenzeln. Der deutsche Arbeiter muss in den Augen seiner Nutznießer ein Mastochse sein, kastriert und gezähmt, dem sie vorm Schlachten ein bisschen Protestschnauben und Entlastungsbrüllen gewähren. Vorm Springer achtunsechzig sah das ziemlich anders aus, kann sein, dass hier ein paar Studenten fehlen. Oder soll man annehmen, dass die Dirigenten den schlafenden Zyklopen nicht provoziern wolln durch den Anblick der uniformierten Staatsmacht? Oder sind gar die Essener Bullen mit den Rheinhauser Ochsen solidarisch? Das wäre – nein nein – das gibts nicht das wäre der Aufstand.

Der Druck der empörten Körper auf die verschlossne Eingangstür wächst. Ernst Breit, der große Hamburger mit der Prinz-Heinrich-Mütze, Chef aller Reußen im DGB, quetscht sich durch den Türspalt heraus, bläst in die elektrische Brülltüte Liebe Kollegen wir wollen – Wir wollen Arbeit! schreit einer vorn, stärker als der Verstärker, und viele raue Stimmen hämmern gemeinsam Arbeit! Arbeit! Arbeit!

Eine Delegation der Rheinhauser sei der Aufsichtsrat zu empfangen bereit, so viel bringt der massige Mann unter die Leute und erntet Pfiffe, Geschrei, wird zurückgedrängt, die Vordersten ihm nach, schieben den Türflügel von innen langsam auf gegen den Druck von außen, das Vestibül wird besetzt, betreten der weiße Marmor von schweren Stiefeln ohne Recht aber mit Grund. Noch nie gab es zwischen diesen edelholzgetäfelten Wänden weiße Stahlhelme auf Arbeiterköpfen, die sich nicht aufhalten lassen von den ängstlichen Worten des Sekretärs der Gewerkschaft, Disziplin Kollegen! Verkehrt nicht unser Recht durch Hausfriedensbruch in Unrecht! Mensch Kollege – wer hat denn angefangen mitter Kriegserklärung! Die Avantgarde drängt vorwärts, wird geschoben von den Hunderten Verzweifelter draußen, gegen die breite gläserne Tür, hinter der sich noch blauuniformierte Werkschützer gegen sie stemmen, aber weichen müssen, weggeschoben von der geballten Kraft. Die zwei Flügel springen weit auf und lassen nicht Kaiser Wilhelm ein und auch nicht die Magnaten der Schwerindustrie, die Klöckner und Thyssen und Reusch und Stinnes und Flick mit Gemahlinnen und Generalen zum Fest der siegreichen Freikorps über die Rote Ruhrarmee, sondern nun schwappt der unaufhaltbare Strom der Proleten mit befreitem Triumfgeschrei in den riesigen Saal der kruppschen Intimsfäre. Das, lacht Anklam, ist ja nun auch eine Form von Sturm auf das Winterpalais, und völlig waffenlos!

Die schweren bronzenen Kronleuchter, die hundertflammig den unverschämten Besitz illuminieren, das strahlend gebohnerte Edelparkett, die schwere, drückende Kassettendecke über dem möbelfreien Saal, vor allem die heroischernsten, überlebensgroßen Porträs des Gründers der Dynastie Krupp und seiner Verwandten an den Wänden, erzeugten bei den Eingedrungenen eine erstaunte, fast andächtige Beruhigung ihrer eben noch schäumenden Empörung. Zwar war das Herrschaftsgebäude, wussten die meisten, seit dem Krieg, seit der letzte Krupp, dank Siegerjustiz, kurzzeitig hinter schwedische Gardinen geraten war, nicht mehr bewohnt worden, und wen von den schuftenden Kruppianern sollte es verlangt haben, den demütigenden Protzschuppen seiner wohltätigen Ausbeuter museal zu besichtigen – nur so: als Besatzer, war der ausgestellte Prunk zu ertragen und rief jetzt dennoch jene Art von kennerischem Respekt hervor, den Arbeiter vor jedem meisterlich gelungenen Werk ihrer Klassengenossen empfinden, sei es Hochofen, Talbrücke oder Palast. So schritt auch Herr Berthold Beitz unbehelligt, ganz Vorstandsvorsitzer und Generalbevollmächtigter, streng und machtbewusst, einen Kopf größer als die meisten, von zwei ängstlichen Hauswächtern begleitet, durch das Gedränge zu der Freitreppe, die zu den oberen Stockwerken führt. Meine Herren, sagte er von der dritten Stufe mit klar vernehmbarer Stimme: wir erwarten Ihre Delegation im Sitzungssaal. Ein halbes Dutzend der Uniformierten versperrte den zögernd Nachdrängenden den Zugang zur Treppe, auf der Berthold Beitz gelassen nach oben stieg.

Der Funktionär vom Bezirksvorstand mit megafonverstärkter Stimme verkündete: Kolleginnen und Kollegen, die fünf Mann unsrer gewählten Abordnung gehen jetzt hinauf und tragen dem Aufsichtsrat den Standpunkt der Belegschaft vor. Bitte haltet ihr Disziplin und begebt euch inzwischen zurück zu den Bussen.

Die Forderungen! schrie einer.

Wir bleiben! Eine Viertelstunde geben wir euch! Rief ein andrer den Männern hinterher, die von dem Wächtertrupp einzeln durchgelassen wurden.

Der Stillegungsbeschluss muss vom Tisch! schrie eine Frauenstimme, sehr schrill, sehr verzweifelt, der ist das Verbrechen!

Jawohl! Genau! So ist es! Vielstimmiger Kor der Empörung.

Los Manni, puffte ein Schmelzer aus seiner Ofenmannschaft den Vorgesetzten in die Seite, tön du noch mal wie inner Betriebsversammlung, du hast die richtje Sprache!

1) Vorstandsvorsitzender von Krupp
2) Firmenlogo von Krupp
3) Oberbürgermeister von Hamburg


Erasmus Schöfer: Die Kinder des Sisyfos





Roman-Tetralogie, Gesamtpreis 77 Euro
Dittrich Verlag (http://www.dittrich-verlag.de/)
Band 1: Ein Frühling irrer Hoffnung, 2001, 496 Seiten, 17,80 Euro
Band 2: Zwielicht, 2004, 600 Seiten, 19,80 Euro
Band 3: Sonnenflucht, 2005, 380 Seiten, 19,80 Euro
Band 4: Winterdämmerung, 2008, 632 Seiten, 24,80 Euro


Die NRhZ dankt dem Autor Erasmus Schöfer sowie dem Dittrich-Verlag für die Abdruckerlaubnis sowie der Redaktion von CONTRASTE, der Monatszeitung für Selbstorganisation, für die Bereitstellung der neun Auszüge.



Siehe auch:

Folge 1: 1968 – AktionsKomitee Kammerspiele München
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22817

Folge 2: Machen wir heute, was morgen erst schön wird
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22838

Folge 3: Die Brücke über den Rhein
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22850

Folge 4: Die Werkstatt hat Kopfschmerzen
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22871

Folge 5: Der Tod hat uns angesprungen
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22890

Folge 6: Frauenteater
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22913

Folge 7: Startbahn West
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22933

68er Köpfe
Portraits mit Statements zur 68er-Bewegung - Ausstellung der Arbeiterfotografie Köln
Erasmus Schöfer: Ein Frühling irrer Hoffnung
http://www.arbeiterfotografie.com/af-koeln/68er/exponat-02.html

Online-Flyer Nr. 570  vom 13.07.2016

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