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Aktueller Online-Flyer vom 28. März 2017  

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Literatur
Aus der Roman-Tetralogie "Die Kinder des Sisyfos" – Folge 6
Frauenteater
Von Erasmus Schöfer

Am 4. Juni 1931 – vor 85 Jahren – ist er geboren. Seit 1962 ist er als freier Schriftsteller tätig. 1965 zieht er nach München, wo er sich gegen die Notstandsgesetze und später in der Ostermarschbewegung engagiert. 1969 ist er Mitgründer des "Werkkreises Literatur der Arbeitswelt". Zwischen 2001 und 2008 erscheint seine Sisyfos-Tetralogie, ein auf vier Bände angelegter Romanzyklus "Die Kinder des Sisyfos" (Ein Frühling irrer Hoffnung, 2001; Zwielicht, 2004; Sonnenflucht, 2005; Winterdämmerung, 2008) über die deutsche und europäische Geschichte zwischen 1968 und 1989, die die Erinnerung an eine Linke vergegenwärtigt und bewahrt, die zwar erhebliche Veränderungen in Gang setzte, ihr Ziel, ein humane sozialistische Gesellschaftsordnung, jedoch verfehlte. Die NRhZ bringt aus den vier, insgesamt mehr als 2000 Seiten umfassenden Bänden neun Auszüge – Folge 6 aus "Winterdämmerung". In "Winterdämmerung" erhält die Kostümbildnerin Lena Bliss am Giessener Theater die Gelegenheit, Texte aus Maxie Wanders zuerst in der DDR erschienener Gesprächssammlung "Guten Morgen du Schöne" für die Bühne zu bearbeiten und aufzuführen.


Erasmus Schöfer mit seiner Roman-Tetralogie "Die Kinder des Sisyfos" (Foto aus dem Arbeiterfotografie-Projekt 68er Köpfe)

Kein Mensch kannte Maxie Wander

Aber, ach! Maxie Wander! Dieses Echo von drüben, aus einer andern Welt, so vertraut, so anrührend und tröstlich. Nein, kein Echo – es ist ein Ruf, der in mir widerhallt, der eine verborgene Saite in mir zum Schwingen gebracht hat. Vik hatte mir Guten Morgen du Schöne aus der DDR mitgebracht. Da war es grade erschienen, kein Mensch kannte Maxie Wander – er hat es nur wegen dem Titel für mich gekauft, ein ganz unscheinbares Büchelchen, und dann wars eine solche Explosion von Frauenpower, diese ungeschminkten, rücksichtslosen Protokolle von Gesprächen mit DDR Frauen.

Ich kannte die Meulenbelt, die Häutungen von Verena Stefan, das waren starke Ichexpeditionen in das unerforschte Binnenland Frau, aber meine Erfahrungen habe ich da nicht wiedergefunden. Dagegen hier! Alle offenbar normale Frauen, namenlos, also nur die Vornamen, Junge, Alte, Berufstätige, Ehefrauen, Mütter, Alleinstehende, mit heftigen Männervergangenheiten, die meisten, alle aber von einer solchen entschlossenen Ehrlichkeit sich selbst und den eignen Fehlern und Lebenserwartungen gegenüber, auch was die Gesellschaft angeht – ich habe gedacht: nie würde mich jemand zu solchen Geständnissen bringen! Mir war schleierhaft, wie Maxie Wander das geschafft hatte. Und das in der DDR! Wo doch jeder hier denkt, da ist alles Doktrin und graue sozialistische Eintönigkeit.

Zwei Jahre vorher, Alice Schwarzers Der kleine Unterschied, hatte auch einen erheblichen Wirbel verursacht und die Frauenbewegung angefeuert, aber die Schwarzer hat sich ständig eingemischt mit ihren Fragen und Kommentaren in die Aussagen der Frauen, deshalb wirkte das eher gelenkt und absichtsvoll, jedenfalls auf mich, während die Maxie Wander offenbar nur still zugehört hat und dadurch die reichen Lebensberichte der DDR Frauen zu Tage gefördert hat, so wie sie für sich selbst sprachen. Ohne jeden Kommentar und Zeigefinger. Wenn ich die beiden vergleichen will würde ich sagen: die Schwarzer hat einen eingerosteten Wasserhahn aufgedreht, aber die Wander hat einen lebendigen Wasserfall entdeckt.

Da hatte sie schon Krebs. Grade 44 Jahre alt. Und jetzt aber ist dieses zweite Buch von ihr erschienen, kurz nach Viks Verschwinden, genau richtig für mich. Ihr Mann hat es aus ihren hinterlaßnen Briefen und Tagebüchern zusammengestellt. Christa Wolf hat dazu geschrieben, es wäre das fehlende achtzehnte Protokoll, die Selbstauskunft der Autorin. Das stimmt. Die zwei Bücher sind im Grunde wie eins. Das zweite erklärt, warum Maxie Wander das erste zustande gebracht hat.

Ich habe Jo gefragt, ob es nicht möglich ist, daß wir dieses Buch unserm Publikum irgendwie vorstellen. Er hat gesagt, im Studio können wir vieles versuchen, aber nicht ein ganzes Buch vorlesen. Man müßte es bearbeiten, hab ich gesagt. Und er: Wer in unserm Ensemble wäre dazu in der Lage? Extra kosten darf es nichts. Und ich, kühn wie die Jungfrau von Orleans: Ich könnte es versuchen. Und er: Dann tus Lena. Zwei Schauspielerinnen hast du zur Verfügung. ...

In keinem Plan stand das.

Der Titel, den Fred Wander aus einem Brief seiner Frau genommen hat, ist meine ich nicht richtig. Leben wär eine prima Alternative. Trifft zwar irgendwie den Grundton ihrer Existenz, aber der Konjunktiv kann sich nur auf ihr Jahr mit dem Krebs beziehn. Ihre ursprüngliche, sinnliche Lebenslust, die Bejahung ihres Lebens ist es doch grade, was diese Frau auszeichnet! Sie liebt und genießt ihren Mann und ihre Kinder und gleichzeitig kämpft sie mit denen und sich um ihre selbstbestimmte Freiheit. Obwohl sie (oder weil sie?) freiwillig in die DDR gezogen ist, als Österreicherin, rebelliert sie gegen die bürokratischen Fesseln und Engstirnigkeiten, wo sie sie trifft, besteht einfach darauf, sich als mündiger Mensch zu verwirklichen. Trotz der Selbstzweifel, mit denen sie sich rumschlägt, weil sie sich als unfertig und unentwickelt empfindet, gegenüber den Ansprüchen, die sie an sich stellt.

Eine großartige Frau. Ich finde sie großartig. Auch deshalb, weil sie selbst sich überhaupt nicht so findet. Sie leidet an der Unvollkommenheit der Menschen wie an ihrer eignen, kritisiert sie und versteht sie doch. Ich könnte sie sein. Viele Frauen könnten sie sein, mit diesem Wunsch, etwas Wichtiges zu tun, um ihr Leben zu beglaubigen, etwas Größeres als nur das Normale – für die Erhaltung der Art zu sorgen (was ich nicht mal gewollt hab, bis jetzt). Es ist verrückt. Sie tut eigentlich etwas ganz Banales, Simples – sie hört ein paar Frauen zu, bringt sie zum Reden, schreibt das auf und heraus kommt ein Denkmal, eine Ruhmeshalle der Frauen in der DDR! Ohne jede Ideologie, ohne Schminke und Beschönigung, mit vielen dunklen, rostigen Stellen neben den schimmernden, und deshalb von erschütternder Wahrhaftigkeit. Und einem tiefen Optimismus. Vik hätte wahrscheinlich gesagt, das ist die Dialektik. In keinem Plan stand das, niemand hat sie beauftragt, diese Arbeit zu tun, aber kein Parteidokument und keine Honeckerrede könnte so zu Herzen gehn und so überzeugen wie dieses kleine Buch. Die SED sollte Maxie Wander posthum den höchsten Orden verleihen, den sie zu vergeben hat! ...

Premiere

Die Diskussion nach der Premiere im TIL unter dem halben Hundert Frauen und dem halben Dutzend Männern, so vielfältig und erregt sie passierte, zeigte Lena, dass ihre Erwartung, ihre Hoffnung nicht getrogen hatte: Die Schwierigkeiten der Frauen mit ihren Männern waren in der sozialistisch verfassten DDR kaum unterschieden von denen in der kapitalistisch begründeten Bundesrepublik. Die gesetzliche Gleichberechtigung hatte weder hier noch dort dazu geführt, dass Frauen Machtpositionen besetzen konnten.

Eine Lehrerin, die am Programmkongress der grünen Partei im März in Saarbrücken teilgenommen hatte, behauptete, dass die neue Partei die große Hoffnung auch für Frauen sei, weil sie als einzige die paritätische Besetzung aller Ämter und Gremien festgeschrieben habe. Da würde jetzt Ernst gemacht mit der Teilung der männlichen Macht.

Eine andre, Verwaltungsangestellte in der Universität, hielt das grüne Programm für eine schwärmerische Luftnummer, in dem der Hauptwiderspruch der Epoche, der zwischen Kapital und Arbeit, einfach wegeskamotiert worden sei, um mit den Rechten und Naturschützern zu einem Konsens zu kommen. Und mit wem will denn der grüne Mann die Macht teilen, die er selbst nicht hat? Ein Unding!

Typisch sei diese Verwirrung, widersprach ihr Lenas Kollegin. Diese Umkehrung der wirklichen Verhältnisse in den Köpfen! Erst wenn der Grundwiderspruch zwischen den Geschlechtern aufgehoben sei, könnten Frauen und Männer gemeinsam den Widerspruch zwischen Besitzenden und Habenichtsen zugunsten einer wirklichen Gleichberechtigung der Individuen abschaffen.

Eine Möbelrestoratörin hielt auch nichts von den grünen Ökofrieks und war stolz auf ihre solide Schreinerausbildung beim VEB Waggonbau in Görlitz. Sie wäre nie rübergemacht, wenn man sie ihren eignen Meisterbetrieb hätte führen lassen. Deshalb konnte sie diese sympatische Frau Wander nicht verstehn, dass sie von Wien in die DDR umgezogen war, wo doch leider für unabhängige Köpfe dort immer noch kein Platz sei. Nicht mal für Sozialisten. Siehe Bahro.

Eine Grauhaarige, die sich alte Arbeiterfrau nannte, wäre heilfroh gewesen, hätte sie in ihrer Jugend die Bildungsmöglichkeiten gehabt wie die Frauen in der DDR, wo ihnen alle Berufe offen stehn. In der DDR wäre sie oder eine ihrer Schwestern vielleicht die Köchin geworden, die Lenin als Staatschefin sich vorgestellt hatte.

Da stand Jo Mettmann auf, verbindlich lächelnd, und fragte, ob Lenin auch vorgesehen habe, dass Schauspieler Präsidenten werden, wie jetzt in den ganz unkommunistischen USA?

Aber die Alte, schlagfertig: Schauspieler spielen jeden Abend auf der Bühne, was die Regisseure ihnen beigebracht haben – das müssten Sie als Intendant doch schon gemerkt haben. Und wehe die sagen einen andern Text als den vom Regisseur vorgeschriebnen!

Unbestreitbar, gab Jo zurück, einstimmend in die Heiterkeit, aber dann möchte ich doch wissen, weshalb in zwanzig Jahren Chancengleichheit noch keine Frau, außer Margot Honecker, es bis in die DDR-Regierung gebracht hat? Und die vielleicht auch nur, weil sie, mit Lenins Ausspruch im Hinterkopf, so gut für ihren Mann gekocht hat?

Lenas wichtigste Erfahrung bei der Beschäftigung mit Maxie Wander, bekannte sie, war ihre Erkenntnis, dass die wirkliche Gleichberechtigung der Frauen noch nirgends, in keiner Gesellschaft durchgesetzt war gegen die Jahrtausende alten Strukturen des Patriarchats und dass sie, unabhängig von dem individuell milden oder rabiaten Vertreter der Kindermacher, an den sie durch die Fügungen der Liebe oder der materiellen Abhängigkeit geraten waren, ihre Persönlichkeit, ihre Eigenständigkeit entwickeln und geltend machen mussten im Bewusstsein, dass diese Aufgabe von ähnlicher Mächtigkeit war wie die, ein gerechtes Zusammenleben der Menschen gegen ihren Egoismus zu erreichen und die Gewalt aus ihren Beziehungen zu vertreiben. Eine Margret Thatcher oder eine Indira Gandhi waren so wenig Anzeichen von zunehmender Gleichberechtigung wie es eine Kaiserin Maria Theresia im neunzehnten und eine Queen Elizabeth im sechzehnten Jahrhundert gewesen waren. Die hatten eben doch, aus außergewöhnlicher persönlicher Kraft, Macht ausgeübt oder taten es noch, männliche Macht, tüchtige Stellvertreterinnen zufällig nicht vorhandener Mannsbilder, die nichts Besonderes zur Verbesserung der sozialen Lage ihrer Geschlechtsgenossinnen unternommen hatten.

Das eindringende Versenken in Wanders lebensvolle Texte hatte sie so erfüllt, in Hochspannung versetzt, dass sie ganz unangefochten von Ähs und Stottern am Schluss die Diskussion zusammenfassen, auf den Punkt bringen konnte. Das leicht skeptische aber freundliche Staunen in Jos Gesicht war eine zusätzliche Treibkraft für den Fluss ihrer Rede. Von den Mitgliedern des künstlerischen Ensembles waren nur wenige zur Premiere erschienen, dagegen fast vollzählig die Frauen aus der Technik und Verwaltung. Die geizten nicht mit Anerkennung für sie und die beiden Schauspielerinnen.

Premiere hatte die Aufführung der WanderTexte allerdings weder in der öffentlichen Ankündigung des Teaters noch intern geheißen, da Jo Mettmann die Verantwortung für mehrere Vorstellungen nicht vorweg und ins Blaue übernehmen wollte. Auch die drei Akteurinnen selbst hatten kaum auf eine so farbige und teilnehmende Reaktion des weitgehend teaterfremden Publikums zu hoffen gewagt. Als ihr Intendant ihnen nun zwei weitere Vorstellungen bis Weihnachten in Aussicht stellte, war ihnen dies die schönste Anerkennung ihrer Leistung.


Erasmus Schöfer: Die Kinder des Sisyfos





Roman-Tetralogie, Gesamtpreis 77 Euro
Dittrich Verlag (http://www.dittrich-verlag.de/)
Band 1: Ein Frühling irrer Hoffnung, 2001, 496 Seiten, 17,80 Euro
Band 2: Zwielicht, 2004, 600 Seiten, 19,80 Euro
Band 3: Sonnenflucht, 2005, 380 Seiten, 19,80 Euro
Band 4: Winterdämmerung, 2008, 632 Seiten, 24,80 Euro


Die NRhZ dankt dem Autor Erasmus Schöfer sowie dem Dittrich-Verlag für die Abdruckerlaubnis sowie der Redaktion von CONTRASTE, der Monatszeitung für Selbstorganisation, für die Bereitstellung der neun Auszüge.


Siehe auch:

Folge 1: 1968 – AktionsKomitee Kammerspiele München
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22817

Folge 2: Machen wir heute, was morgen erst schön wird
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22838

Folge 3: Die Brücke über den Rhein
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22850

Folge 4: Die Werkstatt hat Kopfschmerzen
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22871

Folge 5: Der Tod hat uns angesprungen
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22890

68er Köpfe
Portraits mit Statements zur 68er-Bewegung - Ausstellung der Arbeiterfotografie Köln
Erasmus Schöfer: Ein Frühling irrer Hoffnung
http://www.arbeiterfotografie.com/af-koeln/68er/exponat-02.html

Online-Flyer Nr. 568  vom 29.06.2016

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