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Aktueller Online-Flyer vom 21. September 2017  

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Literatur
Aus der Roman-Tetralogie "Die Kinder des Sisyfos" – Folge 2
Machen wir heute, was morgen erst schön wird
Von Erasmus Schöfer

Am 4. Juni 1931 – vor jetzt nahezu 85 Jahren – ist er geboren. Seit 1962 ist er als freier Schriftsteller tätig. 1965 zieht er nach München, wo er sich gegen die Notstandsgesetze und später in der Ostermarschbewegung engagiert. 1969 ist er Mitgründer des "Werkkreises Literatur der Arbeitswelt". Zwischen 2001 und 2008 erscheint seine Sisyfos-Tetralogie, ein auf vier Bände angelegter Romanzyklus "Die Kinder des Sisyfos" (Ein Frühling irrer Hoffnung, 2001; Zwielicht, 2004; Sonnenflucht, 2005; Winterdämmerung, 2008) über die deutsche und europäische Geschichte zwischen 1968 und 1989, die die Erinnerung an eine Linke vergegenwärtigt und bewahrt, die zwar erhebliche Veränderungen in Gang setzte, ihr Ziel, ein humane sozialistische Gesellschaftsordnung, jedoch verfehlte. Die NRhZ bringt aus den vier, insgesamt mehr als 2000 Seiten umfassenden Bänden neun Auszüge – Folge 2 aus "Zwielicht". In Immenhausen bei Kassel hat in den frühen siebziger Jahren die Belegschaft der Glashütte Süßmuth, die von Stilllegung bedroht war, den Betrieb in eigene Regie übernommen und jahrzehntelang weitergeführt. Erasmus Schöfer hat sich lange bei den Glasarbeitern aufgehalten und von ihren Kämpfen vor und nach der Übernahme in zwei großen Hörspielen und in seinen Romanen berichtet.


Erasmus Schöfer mit seiner Roman-Tetralogie "Die Kinder des Sisyfos" (Foto aus dem Arbeiterfotografie-Projekt 68er Köpfe)

Wir tragen unsere Hoffnung zu Grabe

Im März 1970 trugen wir einen schwarzen Sarg durch die Bahnhofstraße von unsrer Glashütte bis zum Rathaus. Ich ging vornweg, neben unserm Betriebsratsvorsitzenden und dem Kollegen Franz Vater, der Bezirksleiter unsrer Gewerkschaft war und in der Eigenschaft besonders herzlich fluchen konnte – an diesem Morgen speziell darüber, daß es die halbe Nacht ohne seine Genehmigung geschneit hatte. »Revolution wollt ihr machen, aber mich in Frankfurt anrufen, daß ich mir Überschuh mitbring – daran denkt keiner von euch Backpflaumen! Wenn ich morgen auf der Nase liege, dann könnt ihr sehn, wie ihr den Betrieb in die Finger bekommt!«

»Fang du auch noch an mit Revolution! Dann geh ich gleich nach Haus. Meinst, ich hätt keine nassen Füße?«

So unser Herbert, Kaschinski-Herbert, der leicht schon mal nasse Füße kriegte, oder auch kalte, wie viele, die bei Richard Schöngut groß geworden waren. Aber in der ganzen Sache hat er uns doch sehr entschieden vertreten. Weil die Glasmacher auch alle hinter ihm standen. Ein Gewerkschafter, der Herbert, wie ihn die Organisation gern hat.

Der Franz machte trotz seiner nassen Füße und der saftigen Flüche ein sehr getragenes Gesicht – besonders wenn Pressefotografen am Straßenrand ihn imVisier hatten. Als Kandidat für den Hessischen Landtag, klar, da braucht man immer auch ein öffentliches Gesicht. Aber wir sahen nicht lustiger aus, dem Sarg und den schwarzen Pappzylindern angemessen. Ganz entsprechend unsern Gefühlen. Von Begeisterung keine Spur mehr – mies, ausgesprochen mies. Auf dem Sarg stand: Wir tragen unsre Hoffnung zu Grabe. Zweihundertfünfzig Mann, alte und junge Kollegen, Frauen und Kinder, wir trotteten hinter der schwarzen Fahne her, durch den Märzschnee, und der war auch ein Symbol, ja, auch wenn er in der Nachmittagssonne langsam zu Matsch wurde.

»Scheint doch was genützt zu haben, daß der alt Schöngut jeden Sonntag in der Kirchbank sitzt! Prompt schenkt ihm der Herrgott seinen Schnee, auf meine dünnen Socken. Und ihr Flaschen laßt zu – «

»Mann, Franz!« Ich mußte doch lachen. »Kannst nachher Scherben einlegen an meinem Ofen – da kriegst deine Socken bei zwölfhundert Grad getrocknet.«

Wortbruch

»Der Ofen wird auch bald aus sein.«

Und Kaschinski-Herbert hatte recht – so war uns allen zumute nach der Betriebsversammlung vom Vormittag. Wut, Enttäuschung. Meine Frau war nicht die einzige, die an diesem Tag weinte. Bei mir wars auch nur noch Galgenhumor. Ein Dreivierteljahr hatten wir gearbeitet, als wäre die Hütte schon unser Betrieb gewesen. Wir hatten den ältesten Schmelzofen in unbezahlten Überstunden abgerissen, damit ein neuer möglichst billig gebaut werden konnte, wir hatten die Glasqualität erhöht, den Kühlbruch gesenkt, freiwillig auf die Tariferhöhung verzichtet, oft zwölf Stunden am Tag geschuftet – das alles war möglich gewesen, seit der Alte versprochen hatte, uns den Betrieb zu übertragen. Und jetzt plötzlich! Hat der Fuchs die Frechheit, sich vor uns hinzustellen in der Betriebsversammlung und das Versprechen rückgängig zu machen! Es ginge ja wieder aufwärts mit dem Betrieb, Kredite wärn in Aussicht, zusammenhalten, also eine richtige Unternehmerrede wie aus dem Gewerkschaftslehrbuch:

»Ich hoffe, Sie haben Verständnis, daß ich ohne Unterstützung meines Arbeitgeberverbandes eine Diskussion in diesem Rahmen ablehne. Damit Sie klarsehn: In einem Punkt kann ich Ihnen bereits heute eine Erklärung abgeben, nämlich, ich bin nicht bereit und sehe dazu auch keine zwingende Veranlassung, die von mir erwartete Verzichtserklärung abzugeben. Ich bin weiter überzeugt, daß bei einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen Belegschaft und mir eine Lösung der anstehenden Probleme gefunden werden kann.«

So weit die Erklärung von Richard Schöngut, unserm Chef, die er dann gleich Franz Vater schriftlich übergab. Franz hatte es schwer, sich in dem Tumult überhaupt Gehör zu verschaffen. Alle redeten und riefen durcheinander: Das ist das katholische Unternehmertum! Schweinerei! Wir haben schon lange genug gewartet! Auf den Mond schießen! Richard in Pension! Selbst die alten Schöngut-Leute, die schon in Schlesien bei ihm gearbeitet hatten, waren empört.

Aber da ging der Franz, unser Herzog, voll ran. »Kolleginnen und Kollegen! Ich stelle hier klar und unmißverständlich fest: Was Herr Schöngut eben gesagt hat, ist ein Wortbruch! Nichts andres. Man kann daraus sehn, wie leicht er's sich macht, über das Schicksal von dreihundert Arbeitern zu befinden. Am 9. Juli 1969 hat Herr Schöngut uns schriftlich erklärt, daß er bereit ist, auf den Betrieb zu verzichten, wenn er keine besseren Vorschläge für die Fortführung finden kann. Er hat keine gefunden – wir haben sie gefunden! Die Gelder für den Neubau und Umbau der Öfen stehen bereit. Herr Schöngut dagegen lebt von Hoffnung und Glauben und weiß heute so wenig wie vor einem Jahr, wie er den Betrieb weiterführen soll! Ihm wird niemand mehr Geld geben. Aber wir, wir haben ihm eine Lebensrente von monatlich zweitausend Mark geboten. Dazu Wohnrecht in seiner Wohnung – sein Lebensabend und der seiner Frau ist sichergestellt. Wir wollen Sie nicht ins Elend stürzen, Herr Schöngut. Wir wollen Ihnen auch nicht den Betrieb wegnehmen! Wir wollen nur unsre Arbeitsplätze erhalten. Ich kann nur sagen: Kollegen, das Nein von Herrn Schöngut ist unverantwortlich!«

Ich hatte eine Wut, ich fand auch den Schluß der Rede vom Franz zu sentimental, da mußte noch was ran, ich rief: »Herr Schöngut, können Sie das vor Ihrem Gewissen verantworten? Sie haben doch vom Papst einen Orden bekommen, und heut wollen Sie zweihundertachtzig Arbeiter verrecken lassen?«

Er gleich frech zurück: »Das lassen Sie nur meine Sorge sein, Herr Bolku, was ich vor meinem Gewissen verantworten kann!«

Dann der alte Dohleck, mit zittriger Stimme, er hatte Angst: »Können Sie eine Antwort geben, wie Sie die Firma erhalten wollen?«

Schöngut stand wieder auf. »Es besteht durchaus noch eine Möglichkeit. Ich habe viele Verkaufsgespräche geführt. Aber Sie werden verstehn, daß ich meinen Betrieb nicht verschleudern will. Der Betrieb ist durchaus lebensfähig – im Gegenteil, die Lage hat sich seit 1969 wieder gebessert.« Duptal-Helmut dazwischen: »WIR haben sie gebessert!« Er: »Ich habe gehört, es soll eine Demonstration mit schwarzem Sarg und mit schwarzen Fahnen stattfinden – ich kann nur sagen, daß damit dem Werk schwerer Schaden zugefügt wird.«

Jetzt Franz Vater wieder: »Wir werden uns noch mehr an die Öffentlichkeit wenden! Wir leben doch hier nicht in einem Knast. Und Sie, Herr Schöngut, Sie sind ein unverbesserlicher Utopist!«

Das mit dem Knast bezog sich auf die Hofdemonstration vor zwei Tagen. Da warn wir mit schwarzen Schlipsen unter Schönguts Fenster immer im Kreis rumgelaufen wie auf einem Gefängnishof, als er mal wieder mit Herren von der Glasindustrie über unsre Köpfe weg kungelte.

Es war noch ein paarmal hin und her gegangen, und Schöngut blieb doch bei seinem Nein. Obwohl er wirklich nicht der Typ des hartgesottenen Unternehmers war, kein cleverer Manager, sondern Künstler. Stimmt schon – Künstler. Hat sich selbst 'Glaskünstler' genannt und wirklich schöne Stücke gemacht. Als alter Glasmacher, der zehn Hütten gesehn hat, kann ich das beurteilen. Das war auch der Grund, weshalb viele von uns irgendwie an ihm hingen.

Von manchem waren schon Vater und Großvater am Ofen gestanden oder am Schleifstein gesessen, ein richtiges Zunftbewußtsein gibt's bei uns noch, und die ganze Familie tritt morgens in der Hütte an. Vater bläst ein, der Sohn macht Kölbel, die Tochter geht als Einträger oder sprengt ab, und der Großvater, der die Hitze nicht mehr verträgt, poliert oder packt. Manche waren noch mit ihren Pfeifen gewandert, richtige Zigeuner, und je mehr Kinder sie mitbrachten, je lieber nahm sie die Hütte. Die Erfindung der Glasautomaten hat daran natürlich viel geändert, Mundglashütten sind selten geworden, die ganze Branche ist kipplig, und wer sich nicht auf hochwertiges Glas umgestellt hat, geht über die Wupper. Aber dieser Zunftgeist, der ist noch da unter den echten Glasleuten. Und deshalb hatten es viele schwer, unsern alten Richard als Boß zu sehn, dem man die Zähne zeigen muß.

Die Fahne vorn

Viele wollten aufgeben nach der Betriebsversammlung, zogen ab wie begossen. Die Front ging quer durch die Belegschaft, manchmal durch die Familien. Um unsern Herzog sammelte sich ein ganzer Trupp.

»Nee nee Franz, ich hab dir in die Hand versprochen hierzubleiben, aber jetzt reicht's. Morgen nehm ich Urlaub und bewerb mich in Triburg. Und ich garantier dir, da fährt noch mancher!«

Uwe Kegler haute in dieselbe Kerbe wie Schalli: »Keinen Tag wart ich länger! Bin nicht verrückt. Wenn vierzig arbeitslose Glasmacher auf einmal in Hessen rumlaufen, dann gute Nacht.«

Das Pulver vom Franz war naß: »Ich kann's euch nicht übelnehmen, Kollegen.«

Aber für den alten Dohleck sah die Sache anders aus: »Und was wird aus uns, wenn ihr abhaut? Ihr habt den Mund voll von Solidarität, aber nur für die Hütte. Wo die Schleiferei bleibt, das kommt euch nicht in den Kopf.«

Da war der Karl am wunden Punkt. Rehburg-Gerd ging gleich hoch: »Ach nee! So lange war euch der Schöngut der liebe Papa. Der immer nur das Beste gewollt hat. Und jetzt sind's die Glasmacher, die euch die Stange halten sollen?«

»Die Glasmacher sind die Könige, das war immer so.«

»Könige! Ich hör immer Könige – was schleift denn ihr, wenn wir kein Glas machen? Eure Fingernägel vielleicht?«

»Nun halt aber die Luft an Gerd! Kollegen, wenn wir's bis hierher geschafft haben, dann lassen wir uns doch jetzt nicht vom alten Schöngut auseinanderdividieren. Der kriegt jetzt erst richtig Zunder. Jetzt geht unsre Mine hoch! Und das hören sie morgen in Frankfurt und im ganzen Land. Oder habt ihr die Transparente und den Sarg zum Zeitvertreib gemacht?«

Schpoks-Werner, unser Kasseler Bevollmächtigter, hat die Kollegen wieder mitgerissen. Die Vertrauensleute, so zwanzig Kollegen, beschlossen: Die Demonstration findet statt wie geplant. Und sagten der Belegschaft Bescheid. Um drei am Werkseingang sammelten sich nicht nur die Betriebsangehörigen, es waren auch viele Frauen und Kinder von Kollegen da. Wir also los, vorn die Fahne. ...

Literarische Feldforschung

Soweit der Anfang von Armin Kolendas Reportage. Nachdem er zu Ende gelesen hat, diskutiert er mit seinen Zuhörern Malina und Viktor. (die Red.)

Toll Armin, ehrlich. Malina sah begeistert aus. Ich kenn mich nicht besonders aus in der neuen Literatur, aber ich wüsste nicht, wo das geleistet worden ist, einen Arbeitskampf so differenziert zu beschreiben. Du Vik?

Das gibts nicht. Mit einem hochachtungsvollen Lachen: Sieht aus als wär der Historiker in Immenhausen zu spät gekommen Armin. Bei unsern Leuten heißt das Feldforschung, was du hier betrieben hast. Geschichte von unten, das Neuste aus der Zunft. Ist möglich geworden seit ein paar Achtundsechziger bei uns mitmischen. Die Runge hat da ne Bresche geschlagen, mit ihren Bottroper Protokollen. Insofern liegst du voll im Trend. Allerdings doch anders – literarische Feldforschung würd ich das nennen. Müsste Enzensberger intressieren, die KursbuchLeute, fortschrittliche Germanisten. Sollte.

Typisch Wissenschaftler, wie du das siehst Viktor, sagte Kolenda nicht unfreundlich. Ihr befasst euch mit dem was passiert ist, wollts festhalten, erkennen, okay, aber als Selbstzweck. Unser Intresse im Werkkreis [Literatur der Arbeitswelt] ist eingreifende Literatur, als Werkzeug der Veränderung. Stichwort Kunst als Waffe. Ist nicht so neu, haben sie in der Weimarer Republik schon erfunden, im Bund Proletarisch Revolutionärer Schriftsteller. Der Weinert, der Bredel. Der Turek, der Grünberg. Wenn dir die Namen was sagen. Sturm auf Essen. Brennende Ruhr. Das eignen wir uns an. War alles weg, verschüttet, durch die zwölf Jahre. Und die AdenauerZeit.


Erasmus Schöfer: Die Kinder des Sisyfos





Roman-Tetralogie, Gesamtpreis 77 Euro
Dittrich Verlag (http://www.dittrich-verlag.de/)
Band 1: Ein Frühling irrer Hoffnung, 2001, 496 Seiten, 17,80 Euro
Band 2: Zwielicht, 2004, 600 Seiten, 19,80 Euro
Band 3: Sonnenflucht, 2005, 380 Seiten, 19,80 Euro
Band 4: Winterdämmerung, 2008, 632 Seiten, 24,80 Euro


Die NRhZ dankt dem Autor Erasmus Schöfer sowie dem Dittrich-Verlag für die Abdruckerlaubnis sowie der Redaktion von CONTRASTE, der Monatszeitung für Selbstorganisation, für die Bereitstellung der neun Auszüge.


Siehe auch:

Folge 1: 1968 – AktionsKomitee Kammerspiele München
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22817

68er Köpfe
Portraits mit Statements zur 68er-Bewegung - Ausstellung der Arbeiterfotografie Köln
Erasmus Schöfer: Ein Frühling irrer Hoffnung
http://www.arbeiterfotografie.com/af-koeln/68er/exponat-02.html

Online-Flyer Nr. 564  vom 01.06.2016

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