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Aktueller Online-Flyer vom 21. Februar 2017  

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Literatur
Aus der Roman-Tetralogie "Die Kinder des Sisyfos" – Folge 7
Startbahn West
Von Erasmus Schöfer

Am 4. Juni 1931 – vor 85 Jahren – ist er geboren. Seit 1962 ist er als freier Schriftsteller tätig. 1965 zieht er nach München, wo er sich gegen die Notstandsgesetze und später in der Ostermarschbewegung engagiert. 1969 ist er Mitgründer des "Werkkreises Literatur der Arbeitswelt". Zwischen 2001 und 2008 erscheint seine Sisyfos-Tetralogie, ein auf vier Bände angelegter Romanzyklus "Die Kinder des Sisyfos" (Ein Frühling irrer Hoffnung, 2001; Zwielicht, 2004; Sonnenflucht, 2005; Winterdämmerung, 2008) über die deutsche und europäische Geschichte zwischen 1968 und 1989, die die Erinnerung an eine Linke vergegenwärtigt und bewahrt, die zwar erhebliche Veränderungen in Gang setzte, ihr Ziel, ein humane sozialistische Gesellschaftsordnung, jedoch verfehlte. Die NRhZ bringt aus den vier, insgesamt mehr als 2000 Seiten umfassenden Bänden neun Auszüge – Folge 7 aus "Winterdämmerung". Jahrelange Auseinandersetzungen zwischen der südhessischen Bevölkerung und der Regierung um den Schutz des Flörsheimer Waldes und der lärmgeplagten Menschen vor einer weiteren Startbahn für den Frankfurter Flughafen eskalierten im Herbst 1981. Die wyhlerfahrenen Sally Biechele und Armin Kolenda treffen sich unerwartet in den entscheidenden Kampftagen.


Erasmus Schöfer mit seiner Roman-Tetralogie "Die Kinder des Sisyfos" (Foto aus dem Arbeiterfotografie-Projekt 68er Köpfe)

Die Gerüchteküche brodelt seit Tagen, sagt Armin, sie werden kaum ankündigen, wann sie wirklich angreifen. Wir bewachen alle Zugangswege. Ich war auch zweimal auf Nachtwache. Es gibt einen Alarmplan der Bürgerinitiativen. Ich fürchte nur, sie sind zu allem entschlossen. Dass sie aus ihrer Niederlage in Wyhl gelernt haben, konnte man schon in Gorleben und Brockdorf erleben. Ein andres Hüttendorf, auf dem Damm wo die B8 in den Taunus zur Autobahn ausgebaut werden soll, haben sie neulich geräumt – nach einem Jahr! Über Nacht!

Landkommune Wyhl

Weißtu Armin, ich finds toll, dass die Leute ihren Wald verteidigen, ihre Luft, ihre Natur, wie wir am Kaiserstuhl und die Bauern im Wendland. Und die Friedensbewegung, auch ungeheuer wichtig. Gleichzeitig seh ich aber, wie die Landwirte bei uns und die Winzer hemmungslos Chemikalien und Insektizide auf die Äcker und Weinberge ausbringen. Warum? Um die Erträge zu steigern, klar. Der Bauernverband und die Raiffeisenkassen und die EWG mit ihren Subventionen treiben sie an. Auch an der Uni lernen wir nichts andres als diese Bedingungen zu bedienen – Effizienz und noch mal Effizienz! Die ganze Landwirtschaft wird verstanden als Produktionsmaschine, wie eine riesige Fabrik. Und kein Professor fragt, ob wir damit die Böden und das Grundwasser zerstörn und die Natur aus dem Gleichgewicht bringen. Ich hab gedacht, als Forstwirtin könnt ich mich um unsre Auwälder kümmern, aber das hat nicht geklappt, die einzige feste Stelle dafür hat der Meinrad Schwörer, du kennst ihn, er macht das gut, da hab ich mit Gustl argumentiert, dass wir irgendwie ausbrechen müssen aus diesen Zwängen auf unserm Hof, anders produziern, wieder Lebensmittel herstelln, nicht nur Nahrungsmittel, Qualität statt Quantität, biologisch sauber, verstehstu?

Ich hör dir zu Salli.

Vor zwei Jahren haben wir angefangen den Anbau umzustelln, die alte Dreifelderwirtschaft und Gemüse ohne Chemikalien, zweimal die Woche fahr ich auf den Münstermarkt, hab einen eignen Verkaufsstand mit rein biologischen Lebensmitteln, das war erst sehr hart und viele haben uns ausgelacht, aber Freiburg scheint ein gutes Pflaster dafür, die Grünalternativen sind stark bei uns, inzwischen hab ich feste Kunden und könnte manchmal mehr verkaufen als unsre Felder hergeben. Sie werfen uns Steine in den Weg, die Offiziellen vom Bauernverband, ich will dich nicht langweilen mit den Details, will dir nur erklären, weshalb ich meine, dass wir unser eignes Ding anfangen müssen, statt uns nur gegen die Zerstörungen zu wehren, die unser Wirtschaftssystem anrichtet.

Glaubst du, dass du mit wurmigen Radieschen und Äpfeln den Kapitalismus erschüttern kannst?

Die Sorte Fragen von euch Linken kennich Armin. Ihr wollt nicht begreifen, dass wir heute schon Beispiele schaffen müssen wie wir leben möchten, in dem Sozialismus oder Kommunismus der irgendwo im Nebel der Zukunft liegt oder nicht. Du hast mir mal begeistert erzählt von Arbeitern einer Glashütte, die ihren Betrieb vor der Pleite gerettet haben, ihren Chef rausgeschmissen und selbst die Hütte weitergeführt. Das hat dir damals imponiert, stimmts? In der Schweiz hab ich einen Vortrag gehört über eine Landkommune in der Provence, das wolltich wissen, bin voriges Jahr hingefahrn, Longo Maï heißt die, so vierzig fünfzig Leute, Franzosen, Schweizer, Österreicher, und Deutsche, leben dort seit ix Jahren auf einem alten Bauerngut zusammen und die sind keine Aussteiger – Einsteiger sind die, in ein andres, ja, solidarisches Leben.

Haben die eine Ölquelle gefunden? fragte Armin, aber als da Salli ärgerlich die Brauen zusammenzog gleich noch: Ich meine, wie finanziern die dieses Leben?

Na sie arbeiten Mensch, ist doch klar! Aber selbstbestimmt!

Kriegen auch ein paar Spenden von Unterstützern, zugegeben. Sie sind noch in der Aufbaufase. Du solltest dir das mal anschaun, eine Reportage schreiben in der DeZet (1), es ist wirklich faszinierend.

Ich erinner mich, Anfang der Siebziger gabs in Köln ein paar Leute, die wollten eine Insel kaufen im Mittelmeer, hat der Spiegel drüber geschrieben oder der Stern, wer tausend Mark über hatte konnte mitmachen. Alles sollte Gemeinschaftseigentum sein. Ne komplette Hundertschaft von Entusiasten haben die zusammengekriegt, sind nach, warte mal – Ithaka, ja so hieß die Insel, da sind sie hin und haben Hütten gebaut. Weiß nicht obs die Leute noch gibt, nie wieder von gehört. Für unsre Zeitung sind solche kleinbürgerlichen Fluchtversuche kein Tema. Das müssen wir nicht propagieren.

Weißtu, Armin, ich muss dir ja Recht geben – dies Aussiedeln in eine südliche Landschaft hat sicher was von Flucht aus unsrer deutschen Wirklichkeit, das seh ich auch so. Mich fasziniert das ungezwungne Zusammenleben verschiedner Menschen, ohne Besitz, wie sie gemeinsam, aus freiem Willen, ihren Lebensunterhalt erarbeiten, unsre Konsumzwänge vergessen.

Und so etwas möchte ich versuchen aufzubaun, aber bei uns in Wyhl, auf Gustls Hof. Da gäbs genug Wohnmöglichkeiten für den Anfang, ohne dass man was kaufen müsste. Später, wenn meine Eltern mir ihren Hof übergeben, hätten wir Räume für dreißig vierzig Personen, könnten Arbeitslose aufnehmen, obdachlose Familien aus dem Dreisameck in Freiburg, eine große Gemeinschaft wären wir, in der alle mitbestimmen, auf der Grundlage unsrer alternativen Lebensprinzipien –

Das willst du schaffen? fragt Kolenda ungläubig.

Bin ich nicht jung genug, und der Gustl, um etwas ganz andres anzufangen? Unsre Leben neu zu denken und sinnvoll zu gestalten?

Ich glaube, also wie du das jetzt, denkich, also das klingt schon überzeugend Salli, sehr mutig, aber ich, ich bin überhaupt nicht kompetent, verstehst du, das zu beurteilen, eure konkrete Situation in Wyhl

Du sollst mir nur sagen, ob du meine Idee gut findest, sinnvoll, ob du so was unterstützen würdest?

Unterstützen? Ich? Ja wie denn? Meinstu ich sollte –

Schreiben solltest du! Wie du über unsern Kampf gegen Filbingers Akawe geschrieben hast und die hier, die Startbahn West, um die Erhaltung unsrer Natur, wie wir jetzt die Sonnenenergie nutzen, unsre Landwirtschaft ökologisch umstelln und deshalb auch unsre Lebensweise, wie das alles zusammenhängt, das verstehst du doch! Und könntest uns helfen.

Glaubstu?

Das weißich Armin! Pass auf: Morgen bleib ich noch hier und du zeigst mir das Hüttendorf und machst ein Interwju mit der Bäuerin aus Wyhl und die erzählt dir ganz genau, wie das Unternehmen Landkommune Wyhl funktionieren soll.

Greifer am Bollwerk

Je näher Rosalie Biechele alias Riekert und Armin Kolenda dem Hüttendorf kommen, umso stärker der Eindruck auf Kriegsgebiet zu geraten. Baumbarrikaden sperren die Wege, die durch den Wald umgangen werden müssen, lauter das Gedröhn der dicht über den Baumkronen hochziehenden Vierstrahler, dann die Gräben und Wälle, hinter denen Menschen, zahlreicher als Baumstämme und schweigend wie sie, sich versammelt haben. Man sieht den Wald vor Menschen nicht, staunt Salli. Nicht nur Junge mit Motorradhelmen, dicken Schals und Schutzbrillen, viele Alte auch, Frauen mit Kindern, Kopftücher, Männer in Joppen, Anoraks, Filzhüte auf den Köpfen oder Schirmmützen, eine Massenversammlung in Erwartung des Gottseibeiuns aus dem Innenministerium. Salli ist verstummt, hat Armins Hand gepackt, muss oft hochziehn oder schnaubt nach Bauernart die Nasenlöcher einzeln aus ohne Tuch oder Ärmel, lässt sich von Armin das kunstvoll in eine hochgewachsne Kiefer gehängte Baumhaus mit Fenstern zeigen, nur über ein Fallreep erreichbar, das Gemeinschaftshaus mit den Anschlagtafeln und Tischen davor, die von Mörfeldens Zimmerleuten gebaute Waldkirche mit Spitzturm und Kreuz nebenan, in der, von Lautsprechern nach außen übertragen, pastorale Ansprachen gehalten werden, Zitate von Carl Amery und Helmut Gollwitzer, Katolik der eine, Protestant der andre, die den Befehl der Schöpfungsgeschichte an die Menschen zur Unterwerfung der Welt anfechten als Urvirus der epidemischen Erdausbeutung in der abendländischen Kultur, das muss der Oeser sein, erläutert Armin, der Umweltpfarrer der Evangelen, der sich wegen der Startbahn und dieser illegalen Kirche mit seinen Präsidialen angelegt hat, fast alle örtlichen Pastoren mischen in den Bürgerinitiativen und hier draußen mit.

Armin zieht Salli weiter zur Schreibhütte Karaseks, wo sie erfahren, dass der mit andern zu einer Aktion an der Mauer unterwegs ist, Vorschlaghämmer und Wurfanker dabei. Da will Salli doch die nun auch sehn und beklopfen, zumindest mit dem Knöchel.

Sie arbeiten sich vor bis zum Waldrand. Auch auf der verwüsteten Schneise zwischen dem Wald und dem von Spanischen Reitern gekrönten endlosen Betonungetüm Hunderte von Startbahngegnern, die ihre Empörung gegen den Wall und die dahinter postierten Legionäre schleudern. Mit Worten allerdings nur, aus zwanzig Meter Abstand, von härteren Angriffen auf das Machtwerk ist nichts zu erkennen. Armin schwant, dass die hier die Aufmerksamkeit der Bullen ablenken, damit die Militanten weiter entfernt die Mauer angreifen können. Salli überschreitet keck die Niemandsmeter, Armin ihr nach, sie haben das Bollwerk noch nicht erreicht, da schießen aus den Turmkanonen des grünen Werfers durch die Mauerspalten zwei Wasserstrahle den beiden frontal in die Gesichter, Salli stürzt oder wirft sich zu Boden, ein vielstimmiger Aufschrei aus der Menge, Armin reißt Salli hoch, stützt sie, sie stolpern zurück, getrieben und durchtränkt von der Wucht der eisigen Strahle. So plötzlich wie der Beschuss begann endet er. Salli, klatschnass und bibbernd, lacht noch: Das ist meine Flörsheimer Taufe, da brechen durch die Mauerlücke knüppelschwingende Horden von Staatsschützern hervor, die Visiere der Helme runtergelassen, stürmen gegen die Leiberwand der Waldschützer, ein Ruf Hinsetzen! wird von vielen befolgt da Flucht kaum möglich ist, was die Bewaffneten nicht hindert, ihre Prügel und Schilde gegen die Wehrlosen einzusetzen, sie vollends zu Boden zu werfen oder auf die über die Köpfe gehaltenen Arme einzudreschen.

Armin, der sich schützend vor die hockende Salli gestellt hat, fängt zwei Schläge auf Schulter und Arm von dem kopfgrößeren Polizisten vor ihm, der ihn mit seinem Schild beiseite stößt und den Arm zum Schlag auf Salli hebt, den Armin festhält, schreit Hau ab Salli! sieht sekundenlang das erstaunt wütende Gesicht des Schlägers durch die Plastikscheibe, eh der sich auf ihn wirft, ihn zu Boden reißt und Verdammte Kaotensau dich werd ich lehren! fluchend auf den liegenden Menschen eindrischt. Armin spürt die Schläge, den dumpfen Schmerz im Rücken und den scharfen in seinen überm Kopf verschränkten Armen, schreit Hört auf ihr Schweine! Fußtritte in die Flanken dafür, kein Entkommen, er wird gefasst an den Beinen, weggeschleift, wehrt sich nicht wie er von vier Greifern gepackt und zur Mauer getragen wird. Dort setzen sie ihn ab, auf die Füße, einer dreht ihm den Arm auf den Rücken, stößt ihn vorwärts im schmerzenden Polizeigriff zum Mauerdurchlass, er sieht noch das wilde Getümmel der Fliehenden vor dem Waldrand, keine einzelnen Personen erkennbar, keine Salli, dann ist ihm die Sicht auf das Schlachtfeld genommen, er wird abgeführt durch die aufgereihten Mannschaftswagen und Wasserwerfer zum Gefangnentransporter, zwei Polizisten fassen seine Arme, zerren ihn an die Seitenwand des Busses, breitbeinig soll er stehn mit erhobnen Armen, betatschen seine Kleidung bis runter zu den Schuhen, er hört noch das Der Drecksack hat Widerstand geleistet! von einem der Häscher, wird auf einen Hocker vor einem Klapptisch gedrückt, hinter dem ein Leitbulle sitzt, Sterne auf den Achselklappen, der ihn ruhig anschaut: So so, Widerstand geleistet. Das wird wohl teuer werden.

1) »Demokratische Zeitung«



Erasmus Schöfer: Die Kinder des Sisyfos





Roman-Tetralogie, Gesamtpreis 77 Euro
Dittrich Verlag (http://www.dittrich-verlag.de/)
Band 1: Ein Frühling irrer Hoffnung, 2001, 496 Seiten, 17,80 Euro
Band 2: Zwielicht, 2004, 600 Seiten, 19,80 Euro
Band 3: Sonnenflucht, 2005, 380 Seiten, 19,80 Euro
Band 4: Winterdämmerung, 2008, 632 Seiten, 24,80 Euro


Die NRhZ dankt dem Autor Erasmus Schöfer sowie dem Dittrich-Verlag für die Abdruckerlaubnis sowie der Redaktion von CONTRASTE, der Monatszeitung für Selbstorganisation, für die Bereitstellung der neun Auszüge.


Siehe auch:

Folge 1: 1968 – AktionsKomitee Kammerspiele München
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22817

Folge 2: Machen wir heute, was morgen erst schön wird
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22838

Folge 3: Die Brücke über den Rhein
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22850

Folge 4: Die Werkstatt hat Kopfschmerzen
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22871

Folge 5: Der Tod hat uns angesprungen
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22890

Folge 6: Frauenteater
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22913

68er Köpfe
Portraits mit Statements zur 68er-Bewegung - Ausstellung der Arbeiterfotografie Köln
Erasmus Schöfer: Ein Frühling irrer Hoffnung
http://www.arbeiterfotografie.com/af-koeln/68er/exponat-02.html

Online-Flyer Nr. 569  vom 06.07.2016

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