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Aktueller Online-Flyer vom 22. November 2017  

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Kultur und Wissen
Vortrag zum 35jährigen Bestehen des Bundesverbands Arbeiterfotografie
Fotografie als Waffe – Teil 3
Von Anneliese Fikentscher

Unter dem Motto „Wacht auf, Verdammte dieser Erde!“ fand anlässlich des 35jährigen Bestehens des Bundesverbands Arbeiterfotografie am 21. September 2013 in Werder an der Havel eine Vortrags- und Kultur-Veranstaltung statt. Zu den Vortragenden gehörte Anneliese Fikentscher, Vorsitzende des Bundesverbands Arbeiterfotografie. Wir geben ihren Vortrag „Fotografie als Waffe“, der das Medium Fotografie sowohl als Instrument der Herrschenden als auch als Mittel von Gegenwehr und Aufklärung betrachtet, in mehreren Teilen wieder – nachfolgend Teil 3 – ein Exkurs, der sich mit der Ausstellung auseinandersetzt.


Anneliese Fikentscher bei ihrem Vortrag in Werder am 21.9.2013
Foto: arbeiterfotografie.com

Bestandteil der Erörterung „Kunst als Waffe“ ist die gleichzeitig präsentierte Ausstellung „Wacht auf Verdammte...“. Es handelt sich auch hier – selbstverständlich – um eine Auswahl, einen Extrakt mit Schwerpunktsetzung. Fotografie, in Hard- oder Softpower – mit Wirkungs- und Aufklärungsabsicht. Raus aus der Unmündigkeit der Kunst- und Bilderfluten – mit allem was da hängt und flimmert. „Eigene Visionen entwickeln“ verkündet ein Programmblatt. Die Perspektive der Veränderbarkeit einnehmen ist die Marge. Und gleichzeitig gilt es mit dem Soziologen Pierre Bourdieu (Philosoph und Herausgeber von „Eine illegitime Kunst. Die sozialen Gebrauchsweisen der Photographie“) die Machtfrage zu stellen, die Frage nach den „verborgenen Mechanismen der Macht“. Lüge und Tabu sind keine Autoritäten, und Macht kann nicht einfach delegiert werden, z.B. an Politiker oder sonstige Besserwisser. Sich im selbständigen Denken und Schaffen zu betätigen, sind wesentliche Schritte zur Unabhängigkeit und angestrebten Mündigkeit.


Andreas Neumann – Protest anlässlich des Besuchs von US-Präsident George W. Bush in Deutschland, Berlin, 2002


Anneliese Fikentscher  – names No names – Kundgebung anlässlich des Sicherheitskonferenz genannten Treffens der Welt-Kriegselite, München, 2003


Fred Tittmann – names No names – Demonstration „Kein Krieg gegen den Irak!“, Berlin, 2002

Die heutigen „ArbeiterInnen-FotografInnen“, wie Andreas von Bülow sie charmant bezeichnet hat (tatsächlich ist der Anteil von weiblichen Mitgliedern bis in den Vorstand hinein im Verhältnis zu den historischen Anfängen überwältigend), ergehen sich in Themen zu ANTIKRIEG, ANTIFASCHISMUS, ANTIRASSISMUS, ANTIKAPITALISMUS – wobei in jedem dieser Komplexe das PRO nach der Eindämmung von Krieg, Faschismus, Rassismus, Kapitalismus das Ziel darstellt. Der individuelle, parteiunabhängige (!) Einsatz ist ebenso greifbar, wie das dargestellte Gegenüber. In BILDWÜRDIGKEIT vereint finden sich Portraits von ehemaligen Zwangsarbeitern, DemonstrantInnen, Flüchtlingen, Roma, Personen „der Zeitgeschichte“ bekannter oder unhinterfragter Religiosität, Textilarbeiterinnen neben Akteuren einer Nacht der Wohnungslosen oder VVN-Mitgliedern, die den meist ausgeblendeten Verursachern der NS-Katastrophe auf der Spur sind.


Andreas Neumann  – names No names – Schüler gehen auf die Straße – am Tag X, dem Beginn des Angriffskrieges der USA gegen den Irak, Köln, 2003


Heino Pflaum  – names No names – Mahnwache zum Gedenken an das Treffen von Hitler, von Papen und Bankier Kurt Freiherr von Schröder in dessen Villa am Stadtwaldgürtel 35 am 4.1.1933, Köln, 2008


Andreas Neumann  – names No names – Protest gegen das Massaker Israels an der palästinensischen Bevölkerung in Gaza, Köln, 2009

Zusammengestellt sind rund 200 Fotos von rund 35 AutorInnen, das Gros aus der Neugründungsphase mit einem historischen Brückenpart, bei dem einige Autoren anonym bleiben. Die Schlagzeile der Märkischen Allgemeinen von Edith Mende „Arbeiterfotografie in Werder lässt keinen Gast unberührt“ dürfte dem Kurator im KUNST-GESCHOSS der Stadtgalerie bescheinigen, ein Stück Reibungsfaktor präsentiert zu haben. Deutliche Berührungsängste äußern sich im Titel der „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ von Gerold Paul, der nur einen „starren Blick ins Vorgestern“ zu erkennen glaubt. Er sieht nur „Arbeiterbilder“ und eine „umbuhlte Klasse“, die „längst von der Bildfläche verschwunden“ sei. Paul ist weit davon entfernt, in seinem Unverständnis oder seiner gewollten Distanz, Fragen an die MacherInnen zu richten.

Die Überwindung von konkurrierenden Parallelwelten – zumindest Einblicke und Erkenntnisse – sind eine Zukunftsaufgabe. Diether Dehm, Künstler, Unternehmer und Bundestagsabgeordneter, beglückwünscht den keineswegs vollständig homogenen Bundesverband mit den Worten: „Von Antideutschen und anderen Unfreigeistern wie Geheimdiensten mit herrschender Brutalität bedroht und verletzt, hält die Arbeiterfotografie seit 35 Jahren durch. Prima! Sie ist eine von diesen Kräften, die nur mit Davids Steinschleuder gegen die medialen Tiefflieger des Grosskapitals überleben. weshalb man nicht jedes Wort und einzelne Bild unterschreiben muss, um ihr weiter von Herzen ein nachhaltiges Überdauern zu wünschen.“


Gabriele Senft  – names No names – Protest gegen die Abspaltung des Kosovo von Serbien, Berlin, 2008


Senne Glanschneider – names No names, Cuba, 2009


Gabriele Senft  – names No names – Protest gegen die Abspaltung des Kosovo von Serbien, Berlin, 2008

Zur 35jährigen Verbandsgeschichte und der folgenden Weiterentwicklung, in deren Fokus das Medium Fotografie steht, gehört die Eroberung weiterer (größerer und zusätzlicher) Räume. Dazu gehört die ursprüngliche Reportage in Bild und Text (mindestens Recherche), konzeptionelles Erarbeiten von Fotos mit Statements unterschiedlichen Umfangs der Portraitierten (z.B. 68er Köpfe), die Weiterentwicklung von Publikations-Räumen in Druck, Ausstellung, Präsentationen auf Messen, Kirchentagen, in Fabrikhallen, und vieles mehr. Rahmen sprengen. Großformate wagen. Dass im Gegensatz zu den international eroberten Räumen manch innerdeutscher Winkel noch nicht erschlossen wurde, sollte nicht als Mangel sondern als Herausforderung aufgegriffen werden.

Idee und Impetus

Arbeiterfotografie hatte aus den Anfängen der Arbeiterkulturbewegung viele Partnerorganisationen: Radio-Bund, Theater-Bund und Sprechchorbewegung. Sport und Film und Sprache wurden gepflegt. Heute gehen die Überlegungen dahin, auch oder wieder multimedial zu wirken – vielleicht anders, als es gemeinhin im ausgelutschten Kunstbetrieb verstanden wird. (Texte sind keine Beigaben, geschweige Erläuterungen, vielmehr Bestandteile.) Bei Wettbewerben des Verbandes gibt es keine technischen Einschränkungen. Technische Vervollkommnung des Handwerkes ist – bei neu hinzukommenden Amateuren – angestrebt, aber weit mehr zählt die Idee und der Impetus.


Uwe Bitzel – aus dem Projekt „Portraits unserer Zeit“ – Rolf Becker, 2012


Annliese Fikentscher – Plakat, 2004 (mit Foto: Bochum, 19.10.2004 - "Opel muß leben" - Protest gegen Massenentlassungen bei Opel)


Annliese Fikentscher – Plakatmotiv, Köln, 2002

Vergleichbar Art Brut oder Trash oder – der Arbeiterfotografie naheliegender – DADA mit Meister Heartfield als Akteur, geht es (auch) um selbst bestimmte Form, die Zertrümmerung des Tontopfes des Meisters, um darauf Neues und Eigenes aufzubauen. Es gibt unzählige Amateurfotoschauen von herausragender technischer Qualität und Handwerk, die erstaunen mögen, aber genauso schnell vergessen sind, wie gelackte Werbefotografie. Man oder Frau denke nur an die verschrieenen Künstler mit grünen Schatten sich abwechselnder Kunstepochen. Einem der verschrieensten und erfolgreichsten Unbezähmbaren wie Pablo Picasso wird die Arbeiterfotografie 2014 im Museum Reina Sophia in Madrid räumlich nahe kommen. Kunst und nicht Kopie! Es gibt keine Gebrauchsanleitung. Akademien leisten bestenfalls Hilfestellung.

Kunst ist politisch

Auf der Art Cologne 2009 präsentierte sich die Arbeiterfotografie im Programmheft des Kunstkreises der freien Initiativen SUMO: „Die Kunst ist extrem beteiligt an der Ausformung unseres Bewusstseins. Und insofern ist die Kunst selbstredend politisch...“. Jörg Boström ist gemeinsam mit dem Kunsthistoriker und Herausgeber der Kunstzeitschrift Tendenzen, Richard Hiepe, 1978 Gründungsmitglied des heutigen Verbandes Arbeiterfotografie, der sich auf die Wurzeln von 1927 beruft. 1990 ist Jörg Boström – Maler, Fotograf und Professor für Fotografie und Intermedia (Bielefeld) – beteiligt an der Eröffnung der Galerie Arbeiterfotografie in Köln.

Entsprechend ihren Vorgängern ist Arbeiterfotografie einer Zerstückelung der hergebrachten Vorstellung der Kunst zugetan. Wie dada – unter Mitwirkung von John Heartfield – beabsichtigt sie „die willentliche Zersetzung bürgerlicher Begriffswelt“. Sie spannt den Bogen zwischen Kunst, Medien und Realität. Mit der Wahl der Themen ist der Fokus gesetzt in einer internationalen Welt mit grenzenloser Wirtschaftsgewalt.


Horst Sturm – Demonstration für Frieden und gegen Berufsverbote, Düsseldorf, 1975


Werner Rauch – Protestaktion von Jugendlichen der Industriegewerkschaft Bergbau Chemie Energie (IG BCE) gegen prekäre Beschäftigung, München, 2011


Senne Glanschneider – Nacht der Wohnungslosen, Köln, 1990er-Jahre

Jetziges Wirken ist angestrebt. Nicht jede oder jeder glaubt an ein Leben nach dem Tod oder wie Walter Ballhause es formulierte: „Am Rande dieser zentralen Aufgabe kann man viele Dokumente schaffen, die zu wichtigen Zeitdokumenten späterer Generationen werden können...“. Vorrangig ist – und nochmals mit Walter Ballhause beantwortet: „Die fotografierten, menschenunwürdigen Zustände selbst sollen beseitigt werden! Dazu ist Parteilichkeit notwendig, um den politisch und gewerkschaftlich aktiven Teil der Arbeiterklasse in seiner historischen Mission zu unterstützen.“ Dazu soll uns Fotografie vielgestaltige Waffe und Werkzeug sein! (PK)


Ausstellung „Wacht auf, Verdammte dieser Erde“ im Kunst-Geschoss in Werder an der Havel vom 21.09. bis 03.11.2013


Hinweise:

Vortrag "Fotografie als Waffe"
Teil 1: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19673
Teil 2: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19697
Teil 3: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19722
Teil 4: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19747
Teil 5: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19792
Teil 6: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19818

Vortrag "Enteignung von 99 Prozent der Menschheit" von Klaus Hartmann
Teil 1: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19848

Vortrag "Die Medienkrieger" von Jürgen Rose
Teil 1: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19618
Teil 2: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19623

NRhZ zur Ausstellung "Wacht auf, Verdammte dieser Erde"
Fotogalerie 1: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19347
Fotogalerie 2: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19375

Dokumentation der Aktivitäten zum 35jährigen Bestehen des Bundesverbands Arbeiterfotografie: http://www.arbeiterfotografie.com/35jahre

Online-Flyer Nr. 434  vom 27.11.2013

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