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Aktueller Online-Flyer vom 28. September 2021  

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Aktuelles
"Pfingsten in Berlin": Über Kesselsucht, Kontrollwahn und Platzverweishysterie
Kein Rechtsstaat in der Polizeihauptstadt
Erlebt von Artur Rümmler und Edith Humeau

Samstag: Unser "Pfingsten in Berlin" begann mit einem symptomatischen Auftakt. Die angekündigten Demos und Kundgebungen waren mit dem juristischen Hammer zerschlagen worden, doch beschlossen wir, uns ein eigenes Bild von der Lage zu machen. Also flanierten wir nichts ahnend Unter den Linden entlang Richtung Brandenburger Tor, bis sich uns vor dem Pariser Platz eine Dreiergruppe aus Polizisten in den Weg stellte. Während neben uns Passanten unmaskiert vorbei strömten, forderte uns der polizeiliche Wortführer auf, unsere Masken anzulegen, verlangte unsere Ausweise, die wir widerspruchslos lieferten, und begann überraschend eine erkennungsdienstliche Behandlung. Mit großem Eifer gab er unsere Daten seinem allwissenden Handy zu fressen, eine recht ausführliche Aktion.

Währenddessen sprachen wir mit den beiden anderen Uniformierten, die sich im Ansatz als freundlicher erwiesen als ihr Kollege, möglicherweise eine geplante, organisierte Rollenverteilung. Der Rädelsführer seinerseits war, wie sein verzweifeltes Tippen aufs Display zeigte, immer hektischer geworden, der Mann schien stark unter Beweis-Stress zu stehen, da er, obwohl durch alle polizeilichen Datenbänke der westlichen Welt surfend, nichts Belastendes finden konnte.

Allerdings hatte sein geübtes Adlerauge vermutlich irgendwann an einem unserer Rucksäcke ein Detail erspäht, das dem kleinen Obertan seine Omnipotenz rettete: eine schöne, weiße Querdenker-Plakette. Zufrieden verkündete er sein Urteil, einen längeren Satz, den er formelhaft-steif wie ein Roboter vortrug: Da wir im Verdacht stünden, Anhänger der coronakritischen Querdenker-Bewegung zu sein, müsse er uns einen Platzverweis aussprechen; bis Samstagabend 21 Uhr dürften wir den Pariser Platz nicht betreten. Sprach und eilte samt Anhang davon, ohne uns anzuhören. Der Vorfall schockierte uns. Wir konnten noch nicht wissen, dass die Staatsgewalt härter und umfassender zuschlagen würde.


Durch den Park im Bogen zurück Richtung Brandenburger Tor (Fotos: arbeiterfotografie.com)

Nach diesem beförderungsreifen Auftritt des kleinen Gesinnungsprüfers umrundeten wir trotzig den Pariser Platz, liefen im Park, parallel zur von reichlich Polizei abgesicherten Straße des 17 Juni, wurden weit vor der Siegessäule von den Uniformierten tiefer in den Park abgedrängt, traten mit einer größeren Gruppe den bogenförmigen Rückweg an und stoppten an einer Kreuzung. Hier erlebten wir, wie unter dem lautstarken Protest der Friedensfreunde mehrere uniformierte Gewalttäter einen ruhig stehenden Mann abführten und ohne sichtbaren Grund über einen weiteren Mann herfielen, ihn mit brutalen Griffen auf den Asphalt warfen, sein Gesicht auf den Boden drückten und auf ihm knieten..

Die Unordnungshüter wollten wohl hier eine Menschenansammlung vermeiden und befahlen uns den Abmarsch in eine bestimmte Richtung, doch schien uns der Befehl vergiftet, in einen Kessel führend. Wir schlugen eine andere Richtung ein, landeten, ortsunkundig, an der Voßstraße, wo bereits ein Kessel installiert war, weiträumig abgesichert von den blauweißen Blechkisten, so dass man die eingekreisten Opfer nicht sehen konnte.


Spontan-Demo

Wir passierten die Mall of Berlin, gelangten auf eine Verkehrsstraße und erlebten dort etwas, was wir bei all der staatlichen Willkür, bei aller Lähmung der Bewegungsfreiheit nicht zu träumen wagten: Ein breiter und langer Strom von Grundrechtlern wälzte sich ohrenbetäubend an uns vorbei, in den wir eintauchten. Die tote Stadt war wieder zum Leben erwacht! Eine Walze der Lebensfreude und der Lebensfreunde! Seid ungehorsam, durchbrecht die Ketten, fight for your right! Das unbändige Gefühl der Befreiung von aller Last, das Wiedererleben der vergangenen, sehnsüchtig erwünschten Normalität, auch wenn es nur für eine kurze Zeitspanne sein sollte, entflammte uns alle. Jubelschreie, zum Himmel hoch geworfene Arme, glückliche Gesichter, Frauen tanzten verzückt, alles wurde uns leicht, schien zu schweben. Immer wieder der Donner-Ruf: „Frieden, Freiheit, keine Diktatur“. Und ganz aktuell, durchaus passend zum Thema, von einem fahrbaren Gerät dröhnend, einer der mächtigsten Songs, „Die Internationale“, die das Menschenrecht erkämpfen will. Uns hilft sie beim Kampf um die Grundrechte.

Der Demozug, weniger als tausend Grundrechtler vereinend, schien eine listige Route zu wählen, eilte im kurzen Links-Rechts-Takt kreuz und quer durch die Straßen und näherte sich schließlich dem Alexanderplatz, wo er anscheinend von der Staatsmacht erwartet wurde. Die sportliche Leistung der an uns vorbeihoppelnden gepanzerten Staatsdiener wurde mit ironischem Händeklatschen und Gelächter belohnt. Die Luft roch plötzlich unangenehm nach Kessel. Der Demozug teilte sich auf, wir rannten über eine Wiese, verfolgt von einem Trupp Uniformierter, in eine Seitenstraße. Dort flüchteten wir uns vorübergehend ins Grüne, da wir keine Lust hatten, bei miesem Wetter in einem Kessel stundenlang für Recht und Ordnung zu sitzen und Unrecht und Unordnung zu erfahren. 

Sonntag: Dieses Mal gingen wir unkontrolliert über den Pariser Platz, durch das Brandenburger Tor, die Straße des 17. Juni entlang, Die Kommunikation der Demowilligen war gestört, es gab jedoch beim Kennenlernen auf der Straße mündliche Parolen nach dem Motto „Da ist was“, und eine dieser Parolen lautete heute: „Schloss Bellevue“, Amtssitz des Bundespräsidenten, wohin wir nach Umwegen, bedingt durch Absperrungen und Kontrollen, gelangten. Auch vom Bellevue wurden wir weiträumig abgehalten. Einer kleinen Gruppe von Protestwilligen stand eine reichlich bestückte Kette von Polizisten gegenüber, die Lage war ruhig.

Als wir eine neue Parole hörten: „Gedächtniskirche“, machten wir uns auf den langen Weg, nicht ahnend, dass uns die Kirche noch lange im Gedächtnis bleiben würde. Als wir ankamen, war man gerade dabei, einen Kessel am berüchtigten Breitscheidplatz zu produzieren. Die Uniformierten hatten mit einem Band ihr Terrain abgesteckt und schoben es nach und weiter, so dass von den Eingeschlossenen bald nichts mehr zu sehen und nur wenig zu hören war.

Wir setzten uns, wie andere, auf die Stufen unterhalb der Kirche. Die Situation schien entspannt, bis sich aus dem Polizistenpulk ein Greifertrupp löste, zu einem völlig inaktiven, entfernt stehenden jungen Mann mit schwarzlockigem Haar eilte und ihn abführte. Wir reagierten wütend: „Pfui! Schämt euch!“ Und danach, immer wieder: „Frieden, Freiheit, keine Diktatur!“ Etwas später wurde deutlich, dass es sich bei den polizeilichen Übergriffen um bewusste, gezielte Willkür mit Methode handelte: Zwei Frauen standen plaudernd unmittelbar neben der Kirche, als der Greifertrupp sie überfiel und die Rothaarige wie eine Beute entführte. „Schämt euch !“ „Wir sind das Volk!“ Zeitweise hatten wir das Gefühl, dass es jeden von uns treffen konnte.


Breitscheidplatz: von Greifertrupp der Polizei in den Kessel verschleppt

Entspannung brachte die Songgruppe mit musikalischer Begleitung, die sich an der Kirche postierte, Friedenslieder und den internationalen Grundrechte-Hit „Danser encore“ intonierte.  Bei einem späteren Gespräch berichtete eine noch unter Schock stehende, ältere Frau aus Süddeutschland, wie sie, obgleich auf dem Gehweg, vierzig Meter vom Kessel entfernt, in diesen verschleppt wurde. Unter Drohungen musste sie schweigen. Ein Rentner beobachtete, wie auf dem Gehweg Passanten aufgegriffen wurden, die zuvor mit uns neben der Kirche protestiert hatten. Sobald man mit jemandem ins Gespräch kam, wiederholten sich die Berichte über das erlittene Unrecht.


Breitscheidplatz: von Greifertrupp der Polizei in den Kessel verschleppt (hier klicken, um das Foto zu vergrößern)


Fazit: Unser Gesamteindruck: Ein Berlin, das wir so noch nicht kannten. Flächendeckende Aussetzung zentraler Grundrechte. Obwohl per Justiz die wesentlichen Veranstaltungen der Grundrechtebewegung eliminiert waren und man keinen großen Auflauf zu erwarten hatte, ging der Berliner Senat noch einen Schritt weiter und überzog die Stadt mit einem Netz von tausenden Polizisten, um den Protestwilligen durch Bildung freiheitsberaubender Kessel, Massen von Kontrollen und Platzverweisen Fesseln anzulegen, Dies geschah mit offener, brutaler Willkür.

Es gab keine Rechtssicherheit. Hier wurde der Polizeistaat geprobt. Das Ganze erinnerte uns an Militärdiktaturen verschiedenster Art, auch an faschistische. Klar, die Hauptstadt spielt eine Sonderrolle, in der Provinz dürfen die Grundrechtler zum Teil noch ungehindert demonstrieren. Wie lange noch? Der Fisch stinkt vom Kopf her.

Trotz alledem: Bei unserer Rückkehr ein Gefühl der Befreiung. Alles Bedrückende hatten wir abgeschüttelt. Wir hatten Widerstand geleistet.


Siehe auch:

Fotogalerie
Aktionstage "Pfingsten in Berlin" für die Grundrechte, 21. bis 24. Mai 2021
Der Polizeistaat marschiert
Von Arbeiterfotografie
NRhZ 770 vom 31.05.2021
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=27470

Filmclip
Stimmen zu den Ereignissen "Pfingsten in Berlin", 21. bis 24. Mai 2021
Der Staat hat Angst vor dem Volk
Von Arbeiterfotografie
NRhZ 770 vom 31.05.2021
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=27473

Offener Brief in Sachen "Pfingsten in Berlin" an den regierenden Bürgermeister und die Regierungsfraktionen SPD, LINKE und Bündnis 90/Die Grünen von Berlin
Wir kämpfen weiter!
Von Ansgar und Helene Klein
NRhZ 770 vom 29.05.2021
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=27454

Bericht zu den Aktionstagen "Pfingsten in Berlin"
Wie Recht zu Unrecht wurde
Von Norbert Voß (Mitglied des Orga-Teams von "Kündigt Ramstein Airbase" und "Pfingsten in Berlin")
NRhZ 770 vom 29.05.2021
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=27456

Grundgesetz-Kunst zu "Pfingsten in Berlin"
Der lästige Artikel 20
Von Lutz Weber
NRhZ 770 vom 29.05.2021
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=27472



Online-Flyer Nr. 770  vom 29.05.2021

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