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Aktueller Online-Flyer vom 22. Oktober 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Antibabypillen-Opfer von Bayer-Pharma schlagen weiter Alarm
Ich kann von Glück sagen, dass ich noch hier stehe
Anneliese Fikentscher im Gespräch mit Susan Tabbach

Seit sieben Jahren sind von Antibabypillen geschädigte Frauen bei der Bayer-Hauptversammlung vertreten. So auch 2016. Was hat sich in dieser Zeit ereignet? Die erste deutsche Klage von Felicitas Rohrer wird seit Dezember 2015 vor dem Landgericht Waldshut verhandelt. Tägliche Aufklärungsarbeit sei von Bedeutung, bei den „Mädels und bei den Müttern“. Die Bayer-Klein-Aktionäre und -Aktionärinnen, die zur Hauptversammlung strömen, wollen mit der Gesundheitsgefährdung junger Frauen bis hin zu Todesfolgen lieber nicht konfrontiert werden. In der Hauptversammlung gibt es 7.646.422 Nein-Stimmen zur Entlastung des Vorstands und 20.356.571 zur Entlastung des Aufsichtsrates. Das entspricht 1,6 Prozent bzw. 4,33 Prozent der Stimmen gemäß Aktienanteilen.


Susan Tabbach bei den Protesten anlässlich der Bayer-Hauptversammlung 2016 – erlitt mit 28 Jahren nach Einnahme von Yasminelle eine Lungenembolie (Foto: arbeiterfotografie.com)

Wie stehen die Chancen, die gefährlichen Pillen vom Markt zu bekommen?

Wir hoffen auf Gerechtigkeit und auf unser Rechtssystem. Weitere Beschreitung des Rechtsweges sollen folgen. Der Prozess von Felicitas Rohrer ist der erste Prozess in Deutschland. Auf unserer Internetseite (risiko-pille.de) sind es über 400 Betroffene, die sich zu Wort melden. Darunter sind 11 Todesfälle verzeichnet. Ich denke, das sollte reichen. Das ist jetzt die siebte Hauptversammlung, in der wir vor den Vorstand treten und eine Rede halten werden. Bayer hat in den USA inzwischen über zwei Milliarden US-Dollar Entschädigungszahlung geleistet – ohne Anerkennung einer Schuld. Aber immerhin gibt es über 1750 Klägerinnen und über 2000 Klagen stehen noch aus. Es ist nur eine Frage der Zeit. Bayer hat 14 Jahre lang im Beipackzettel nicht auf die Risiken hingewiesen. Erst seit 2014 hat das Bundesinstitut für Arzneimittel darauf gedrängt, das Bayer den Beipackzettel ändert.

Sind die Todesfälle der Pilleneinnahme eindeutig zuzuordnen?

Es besteht ein Kausalzusammenhang. Es ist schwierig, so etwas zu beweisen. Aber es lagen keine anderen Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht, genetische Defekte oder ähnliches vor, so dass unter Ausschlussprinzip nur die Anti-Babypille übrig bleibt.

Was hast Du für einen persönlichen Bezug dazu?

Ich hatte 2009 eine Lungenembolie aufgrund der Yasminelle. Mit schwerer Atemnot bin ich zweimal in die Notfall-Ambulanz gegangen, wo man mich aber nicht ernst genommen hat, weil eine junge, schlanke Frau sieht, die Mitte Zwanzig gerade aus dem Ski-Urlaub kommt, topfit, sportlich aktiv, Nichtraucherin – was sollte ich schon haben? Rückenschmerzen? Atemnot? Das wurde Stress oder der Arbeit zugeordnet. Ich wurde mit Schmerzmitteln nach Hause geschickt, wo ich dann fast erstickt bin. Und wieder in die Notaufnahme. Dort wollte man wieder keine weiteren Untersuchungen veranlassen, obwohl die Blutwerte schon einiges signalisiert haben. Auch da hat man mich nicht ernst genommen, weil ich in das Bild eines Thrombose-Patienten nicht passe.

Viele junge Frauen haben das nicht überlebt. Was ist bei Dir anders verlaufen?

Wäre ich eine alte Frau gewesen und hätte Brustschmerzen gehabt, hätte man anders reagiert, als wenn man sich einer jungen schlanken Frau gegenüber sieht, die keinem Risikofaktor entspricht. Ich kann von Glück sagen, dass ich noch hier stehe, weil mein Vater selber Arzt ist, HNO-Arzt. Er hat mich zumindest ernst genommen und hat über Telefon den behandelnden Arzt dazu gedrängt eine CT zu machen. Und nur auf Grund der Computer Tomographie wurde dann die Lungenembolie festgestellt, die ich wahrscheinlich sonst nicht überlebt hätte, weil mein Herz schon vergrößert war. Ich hatte Herz-Rhythmus -Störungen. Ich hätte wahrscheinlich nicht mehr viele Tage gehabt und wäre irgendwann erstickt.

Wie alt bist Du heute? Und wann ist das passiert?

Ich bin jetzt 35. Passiert ist es 2009.

Hast Du Klagewege beschritten?

Nein. Ich habe damals keine Klagewege beschritten, weil ich keine Rechtschutzversicherung hatte. In Deutschland gibt es leider keine Sammelklagen. Was viele auch nicht wissen, es ist ein anderes Rechtssystem als in den USA. In Deutschland ist es viel schwieriger, rechtliche Schritte einzuleiten. Damals habe ich nicht die Kraft, den Mut und die Energie aufbringen können, mich dahinter zu klemmen. Nach einer gewissen Zeit ist das dann verjährt. Ich habe keine Klage eingereicht. Leider!

Deshalb setzt Du heute Deine Energie ein, um öffentliche Aufmerksamkeit auf die fortgesetzten Fälle zu lenken?

Wir sind hier bei der Bayer-Hauptversammlung aktiv und versuchen, Frauen und junge Mädchen in der Gesellschaft auch darüber aufzuklären, dass Pille eben nicht gleich Pille ist. Das es Unterschiede zwischen den Pillenpräparaten gibt und das viele Ärzte immer noch nicht richtig aufklären. Pille ist eben nicht gleich Pille und es ist wichtig zu erkennen, das die Pille kein Lifestyl-Produkt ist, das man nehmen sollte wegen schönerer Haut oder einer Gewichtsabnahme oder schönerer Haare oder sonst irgendwas – wie sie beworben wird. Auch ich habe sie damals verschrieben bekommen mit dem Hinweis: niedrig dosiert und viel besser erforscht und die älteren Produkte würde man gar nicht mehr nehmen. Alt verbindet man mit schlechter. Und niedrig dosiert hörte sich auch gut an. Aber das mit dem Präparat ein doppelt hohes Thromboserisiko verbunden ist, wurde mir nicht gesagt. Es stand auch nicht im Beipackzettel drin. Das ist fatal.

Welches Präparat hast Du genommen?

Ich hab Yasminelle von Bayer genommen.

Warum gibt es denn überhaupt die neuen Pillen-Modelle?

Weil die Pharmaindustrie damit Geld verdienen kann. Ganz einfach! Jeder, der einen Patentschutz auf den Markt bringt, kann damit unheimlich Geld verdienen. Bayer hatte den Lipobay-Skandal am Hals und hat danach 2000 gleich die Anti-Babypillen (der 3. und 4. Generation) auf den Markt geschmissen. Man hat sich über die Studienergebnisse, wie es in einigen Reportagen schon genannt worden ist, hinweg gesetzt und hat das Marketing so groß aufgesetzt mit Schminkspiegelchen und Smile-Effekt – wie sie damals beworben wurden. Ich habe eine Probepackung bekommen mit einer kleinen Silberschatulle mit einem Schminkpinselchen und Blümchen aufgedruckt. Also, was nicht suggeriert, dass es sich hier um ein Medikament handelt sondern um – ja, eigentlich – Smarties, die schöne Haut machen, nebenbei noch verhüten.


Susan Tabbach (35) lebt heute als Architektin in Aachen. Sie ist Mitbegründerin der Initiative Thrombose-Geschädigter, vertreten durch: Felicitas Rohrer, Kathrin Weigele, Nana Greiner und Susan Tabbach. Das Netzwerk verzeichnet bis heute 28 tote Frauen und Mädchen in Deutschland und 190 tote Frauen in den USA Zynischerweise wenig – gemessen am Umsatz des Pharma-Riesen.


Weitere Informationen:

http://www.risiko-pille.de
http://www.cbgnetwork.org/3362.html
https://www.openpetition.de/petition/online/die-pille-der-neuren-generation-soll-vom-markt-genommen-werden


Siehe auch:

Fotogalerie zum Protest anlässlich der BAYER-Hauptversammlung 2016
Rekord-Umsätze, Rekord-Gewinne, Rekord-Dividende
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22753

Rede von Axel Köhler-Schnura auf der BAYER-Hauptversammlung 2016
„Die Schreckensbilanz des Vorstandsvorsitzenden“
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22756

Filmclip "Yasmin & Yaz"
Protest gegen gefährliche Antibaby-Pillen
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22675

Fotogalerie zum Protest anlässlich der BAYER-Hauptversammlung 2014
Die bittere Pille
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20320

Online-Flyer Nr. 560  vom 04.05.2016

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