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Aktueller Online-Flyer vom 21. Oktober 2017  

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Kommentar
Karlsruhe: Rektor der Hochschule für Gestaltung distanziert sich von AfD-Funktionär
Sloterdijk-Jünger Jongen wird abserviert
Von Dietrich Schulze

Das hätte sich Marc Jongen, der langjährige Assistent von Ex-Rektor an der Hochschule für Gestaltung (HfG) Karlsruhe Peter Sloterdijk wohl nicht träumen lassen. Der neue Rektor Siegfried Zielinski distanziert sich nach 3 Wochen im Amt in einer lesenswerten Stellungnahme vom 24. Februar „Wer denkt, ist nicht wütend“ [1a] entschieden von Mitarbeiter Jongen, der stellv. Sprecher und Programmkoordinator der AfD in Baden-Württemberg ist. Wie auch in den BNN [1b] und im INKA-Magazin [1c] mitgeteilt, verliert Jongen alle leitungsrelevanten Tätigkeiten und wird auch als Herausgeber der Schriftenreihe „HfG Forschung“ abgelöst.

Das ist vor allem dem mutigen und entschiedenen Auftreten von HfG-Prof. Beat Wyss zusammen mit vielen externen Profs zu verdanken, wie Anfang Dezember 2015 DIE ZEIT [2a] über einen Offenen Brief [2b] gegen die Salonfähigkeit neuer Rechter an der HfG berichtete. Beat Wyss erklärt, Jongen mache als „akademisches Feigenblatt" mit dem Namen der HfG Werbung für eine "rechtsnationale Splitterpartei mit Verbindungen in die Neonazi-Szene". Auch nach Protesten von HfG-Studierenden wurde die Ablösung Jongens als Herausgeber der Schriftenreihe gefordert. Mehr als das ist heute Realität. Das in Zitat [1c] erwähnte grausame Sloterdijk-Statement in der Februar-Ausgabe des Magazins „Cicero“ hat wohl den Ausschlag für diese rasche Entscheidung gegeben. Auf die zitierte innere Ablehnung konnte sich der neue Rektor stützen.


HfG-Rektor Prof. Dr. Siegfried Zielinski
Quelle: Zitat [1a] Bild: Mono Krom

Das alles war für den Autor von Beginn an aus zwei Gründen prioritär. Einmal wegen der Expertise gegen die Militarisierung der Bildung, d.h. pro Zivilklausel für die Hochschulen. Das antidemokratische Vokabular pro Kriegsforschung ähnelt sehr dem der AfD-Rechtspopulisten. Zum anderen die Mitgliedschaft in der VVN-BdA aufgrund der Prägung durch einen antifaschistischen Widerstandskämpfer [3].

Der folgende detailliertere Bericht über die Entwicklung innerhalb eines Vierteljahres ist deswegen für alle Hochschulen und besonders für die Studierenden von Bedeutung, weil hieran gezeigt werden kann, wie die demokratische Entschlossenheit Einzelner zu einem beachtlichen Ergebnis für alle führen kann. Für Schnell-LeserInnen hier ein Auszug [4] aus der WebDoku „Militärforschung oder Zivilklausel“, in der wichtige Fakten zur Angelegenheit gesammelt wurden und direkt nachgelesen werden können.

Über den öffentlichen Auftakt am 3. Dezember in DIE ZEIT Nr. 49/2015 wurde eingangs das Wichtigste gesagt. Jongen bewertete auf Facebook die Aktion an seiner Hochschule als Diffamierungskampagne gegen ihn, die das zweifelhafte Demokratieverständnis der Drahtzieher offenbare. Laut BNN vom 9. Dezember [5] spricht er von Gesinnungsdiktatur und fühlt sich an die „Unterdrückungsmechanismen“ erinnert, „wie man sie von totalitären Regimen kennt“. Im SWR2 gab es am 22. Dezember [6] einen sachlichen Bericht. Der kommissarische Rektor (Sloterdijk war als langjähriger Rektor und Jongen-Förderer ausgeschieden) erklärte dort wahrheitswidrig, "bisher habe sich niemand aus dem Kollegium oder der Studierendenschaft beschwert". Peter Sloterdijk, dessen Assistent Marc Jongen war und in dieser Eigenschaft auch Senatsmitglied, hatte als finale Förderleistung Jongens Zeitvertrag entfristet. Sloterdijk reagierte nach SWR2-Angaben nicht auf Interviewanfragen und schwieg.

Auf die Jongen-Aussage laut BNN [5], mit der er eine unsägliche Gleichsetzung mit der Nazi-Diktatur betrieb, sah sich die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen (VVN-BdA) Karlsruhe veranlasst, am 7. Januar [7a] in einer PM Stellung zu beziehen. Titel: „Solidarität mit Kritikern eines AfD-Aktivisten in einer Karlsruher Hochschulleitung“. Nur ein wichtiges Zitat: „Die Kritiker in die Ecke eines zweifelhaften  Demokratieverständnisses zu stellen, Unterdrückungsmechanismen in totalitären Regimen gleichzustellen und damit einschüchtern zu wollen, erinnert fatal an die Methoden, die den Untergang der Weimarer Demokratie begleitet haben, mit den bekannten furchtbaren Folgen.“ Der zuständige Bundesvorsitzende der VVN-BdA betrachtete die Angelegenheit als lokales Ereignis und ignorierte die Bitte um bundesweite Mithilfe. Dafür erschien die PM in der bundesweit beachteten Webseite der VVN-BdA Nordrhein-Westfalen [7b]. Die PM wurde als Flyer [7c] über den AStA der HfG in Vorbereitung ihrer Vollversammlung als Info für die Studierenden gedruckt.

Am 10. Januar hatte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung [8a] einen ganzseitigen Bericht über Jongens Ur(Un)sinn des Thymos (Wut) unter dem umwerfenden Titel „Die wehrhafte Wut des Winkelzahnmolchs“ gebracht, der sinngemäß am 15. Januar in der FAZ Online [8b] erschien. Sloterdijk grenzt sich dort scharf von Jongen ab und spricht von dessen „AfD-Ideen-Müll“.

Daraus entstand etwas in ganz anderer Weise Umwerfendes. Die lokale BNN hatte am 11. Januar [9] allen Ernstes unter dem Titel „Sloterdijk auf Distanz“ mehrere Passagen der PM der VVN-BdA zitiert und über Sloterdijks Zurückrudern im FAS-Artikel berichtet. Wieso war das umwerfend? Das war die erste Zitierung seit vielen Jahren Ignoranz gegenüber jeglichen Mitteilungen der VVN-BdA. Nur weiter so. 

Es gab noch weitere interessante Berichte:

• Am 29. Januar ein antiimperialistischer Hintergrundbericht in „Unsere Zeit“ [10] unter dem Titel „Die Fäulnis des Imperialismus und die Philosophie“.

• Am 2. Februar in der Stuttgarter Zeitung [11] ein Bericht über die bemerkenswerten Sloterdijk-Widersprüche und die von ihm gesehene angebliche „Hysterisierung“.

• Am 20. Februar in „Neues Deutschland“ [12] unter dem Titel "Thymotische Leidhammel" - Was Intellektuelle wie Winkler, Safranski oder Sloterdijk über Flüchtlinge sagen - und wirklich meinen - Alterspegida und Identititis. Beziehungsreicher Vergleich: Sloterdijk / Jongen und Heidegger / Jünger – der zweite ein eifernder Epigone, vom ersten wohlwollend verachtet.

• Am 22. Februar in Süddeutsche Zeitung [13] unter dem Titel "Der Wutdenker der AfD". Viel Bekanntes und dlf-Interview am 8. Februar von Rektor Zielinski "Sloterdijk ist missverstanden worden". Auch sonst nichts über die Kritik, aber Rektor-Assistent wird Jongen nicht.

Kluge Beobachter hatten in den ständigen Berichten über Jongen einerseits eine unfreiwillige Werbung für Jongen gesehen, aber auch den Image-Verlust für die HfG. Das letztere ist Sloterdijk offenbar völlig gleichgültig. Kritiker und kritische Medien haben es jedenfalls vermieden, gegen Jongen Emotionales zu äußern und ihm damit keine Steilvorlage für eine Wut-Demonstration geliefert. Auch das hat zu dem eingangs berichteten respektablen Ergebnis beigetragen.  

Das beschriebene demokratische Lehrstück aus Karlsruhe kann auch bundesweit als ein nachahmenswertes Beispiel von Zivilcourage verstanden werden.

„Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ (Bert Brecht).


Quellen:

[1a] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20160225kh.pdf
[1b] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20160227bnn.pdf
[1c] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20160226inka.pdf
[2a] http://www.zeit.de/2015/49/hochschule-karlsruhe-marc-jongen-afd
[2b] https://www.baumeister.de/offener-brief-an-die-hfg-karlsruhe/
[3] http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=21657
[4] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20160227wd.pdf
[5] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20151209.pdf
[6] http://www.swr.de/swr2/kultur-info/karlsruhe-hochschule-fuer-gestaltung-afd-marc-jongen/-/id=9597116/did=16699178/nid=9597116/zd5oh7/index.html
[7a] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20160107pm.pdf
[7b] http://www.nrw.vvn-bda.de/texte/1544_jongen.htm
[7c] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20160107fl.pdf
[8a] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20160110.pdf
[8b] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/marc-jongen-ist-afd-politiker-und-philosoph-14005731.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2
[9] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20160111.pdf
[10] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20160129.pdf
[11] http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.afd-politiker-lehrt-in-karlsruhe-wirbel-an-der-hochschule-fuer-gestaltung.fff9b364-41ed-4713-a648-81aef5c25a70.html
[12] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20160220nd.pdf
[13] http://www.sueddeutsche.de/politik/philosoph-marc-jongen-der-wutdenker-der-afd-1.2865813


Über den Autor: Dr.-Ing. Dietrich Schulze (Jg. 1940) war nach 18-jähriger Forschungstätigkeit im Bereich der Hochenergie-Physik von 1984 bis 2005 Betriebsratsvorsitzender im Forschungszentrum Karlsruhe (jetzt KIT Campus Nord). 2008 gründete er mit anderen in Karlsruhe die Initiative gegen Militärforschung an Universitäten (WebDoku www.stattweb.de/files/DokuKITcivil.pdf). Er ist Beiratsmitglied der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative für Frieden und Zukunftsfähigkeit sowie in der Initiative „Hochschulen für den Frieden – Ja zur Zivilklausel“ und publizistisch tätig. Für das Karlsruher Vorbereitungsteam der Whistleblower-Preisverleihung 2015 zeichnet er verantwortlich. Email dietrich.schulze@gmx.de


Anmerkung der NRhZ-Redaktion:

Wo endet die Freiheit? Wie ist es zu bewerten, wenn Herrschaftsmedien in dieser Frage Stellung beziehen? Wann ist von Berufsverbot zu sprechen und wann vom Sieg der Toleranz und der Demokratie? Ist es ein Ausdruck von Toleranz und Demokratieverständnis, wenn jemand infolge seiner politischen Orientierung berufliche Nachteile erfährt? Ist diese Frage zu bejahen, wenn es sich um einen Funktionär der Alternative für Deutschland (AfD) handelt? Muss Toleranz und Demokratieverständnis auch enden bei Mitgliedern oder Anhängern von Parteien, die für tausendfachen Mord in Form der Beteiligung an Kriegen verantwortlich sind - wie das bei fast allen im Bundestag vertretenen Parteien der Fall ist? Wie viele Stellen insbesondere im Hochschulbetrieb müssten frei bleiben, wenn auch diese Frage mit JA zu beantworten wäre? Die NRhZ-Redaktion bittet Dietrich Schulze um Beantwortung dieses Fragenkomplexes und regt dazu eine Debatte an.


Siehe auch:

Gegen die Blindheit, die die Hauptgefahr nicht sieht
Faschisten, Faschismus und der NATO-Staat
Von Klaus-Peter Kurch
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22588

Online-Flyer Nr. 551  vom 02.03.2016

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