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Aktueller Online-Flyer vom 23. März 2017  

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Kultur und Wissen
Sowjetischer Häftling trifft in Dachau auf Angehörigen eines Befehlsverweigerers
SS-Befehl 1943 im KZ Dachau/Allach verweigert
Von Dietrich Schulze

Dieser Bericht handelt von einem unfassbar intensiven Moment, einem meiner schönsten Erlebnisse im politischen Leben, das 1968 mit der Teilnahme an einer Demo gegen den Vietnamkrieg einen ersten Meilenstein verzeichnet hatte. Das Folgende beschreibt einen glücklichen und zugleich notwendigen Zufall im Zusammenhang mit dem KZ Dachau.
 

Nick Hope (links) und Dietrich Schulze
Foto: George Hope
Während eines Gesprächs im Archiv der Gedenkstätte Dachau mit Archivar Andre Scharf, bei dem ich das Buch „Der Kapo der Kretiner“ dabei hatte, kommt eine Besuchergruppe mit Nick und George Hope aus Kalifornien herein. George sieht das Foto auf dem Titelblatt und ruft „Karl Wagner“. Ich war wie vom Donner gerührt. Woher kannte er meinen Ziehvater Karl, den mutigen und unsterblichen kommunistischen Widerstandskämpfer, der jedoch international nicht sehr bekannt ist?
 
Das stellte sich in der äußerst bewegenden Unterhaltung sehr schnell heraus. Der 91-jährige Nick Hope (Geburtsname Nikolaj Choprenko) war als sowjetischer Zwangsarbeiter in das Außenlager Allach des KZ Dachau verlegt worden, um für die BMW-Rüstungsproduktion durch Arbeit vernichtet zu werden. Karl war dort aus noch zu berichtenden Gründen von der SS als Häftlings-Lagerältester eingesetzt worden und sollte Nikolaj im Juli 1943 vor den vollzählig angetretenen Häftlingen schlagen. Karl verweigerte den Befehl des SS-Lagerführers Jarolin. Eine unerhörte Widerstandshandlung, über deren Voraussetzungen und Folgen Sie gleich noch mehr lesen können.
 
Nikolaj und Karl überlebten das Grauen des Faschismus. Nikolaj wanderte in die USA aus, besuchte 2002 erstmals die Gedenkstätte Dachau und gab Archivleiter Albert Knoll ein Interview. Später hat er mit Hilfe seines Sohns George damit begonnen, nach demjenigen zu suchen, der ihn 1943 nicht geschlagen hatte. Beide waren dabei offenbar auf Karls Foto von 1979 gestoßen. 72 Jahre später begann sich der Kreis zu schließen.
 
In vielen Veranstaltungen, zuletzt am Tag der Befreiung 2013 in Karlsruhe (1) hatte ich über Karls Widerstand und seine Befehlsverweigerung berichtet. Anna Andlauer hatte mich kurz danach gebeten, als Karls „Adoptivsohn“ Mitglied der Lagergemeinschaft Dachau zu werden, was ich gerne getan habe. Anna kannte ich schon lange aufgrund früherer Besuche in Dachau mit Karl und seiner Frau Hilde, der Buch-Autorin. Karl war im Oktober 1983 und Hilde im April 2002 verstorben. Die tiefgreifende und nachhaltige Veränderung meines Lebensweges aufgrund des Zusammenlebens mit Karl von 1972 bis 1983 ist hier kurz geschildert worden. (2).
 
Wegen der Jahreshauptversammlung der Lagergemeinschaft am 5. Mai 2015 war ich wieder nach Dachau gekommen. Der Kreis war geschlossen. Aufgrund meines Kurzberichts in der Jahreshauptversammlung in Gegenwart von Max Mannheimer war darum gebeten worden, diesen intensiven Moment schriftlich festzuhalten und öffentlich zugänglich zu machen.
 
KZ Dachau - Außenlager Allach
 
Das Folgende ist eine knappe Darstellung aus „Kapo der Kretiner“ (S. 167-176).
Welche Funktion hatte Allach? Nachdem der Wehrnacht-Vormarsch in den Rückwärtsgang geraten war, entschied das Führerhauptquartier im März 1942, dass die KZ-Häftlinge in der Rüstungsproduktion einzusetzen seien. Die KZ-Lager wurden umorganisiert, um die politischen Gegner und Zwangsarbeiter durch totale Ausbeutung in der Rüstung statt mit willkürlichem Sadismus zu vernichten. Allach war für die BMW-Rüstungsproduktion eingerichtet worden. Schutzhaftlagerführer war der SS-Henker Jarolin, der die alten Methoden fortsetzte. Um Häftlinge der »Sabotage«, der »Faulheit« oder des »Diebstahls« bezichtigen zu können, umgab er sich neben gleichgesinnten SS-Leuten mit willfährigen Häftlingsfunktionären, die ihm solche Meldungen lieferten.
 

Titelblatt „Kapo der Kretiner“
Quelle: Pahl-Rugenstein-Verlag
Lagerkommandant Weiß in Dachau, der die neue Taktik begriffen hatte, entschloss sich, Jarolins blind ergebenen Lagerältesten durch einen anderen Häftling zu ersetzen. Hilde Wagner schildert eine Kette von Überlegungen der illegalen Lagerleitung der Häftlinge, verbunden mit Karls klugen Handlungen gegenüber der SS-Bürokratie. Am Ende fiel die Wahl auf ihn. Vor Karl stand eine äußerst gefährliche und komplizierte Aufgabe, die Geschick und Wachsamkeit verlangte. Er wollte die Häftlinge schützen und die Rüstung sabotieren und die SS wollte, dass er in Allach „für Ordnung sorgt“, d.h. für eine reibungslose BMW-Rüstungsproduktion für den „Endsieg“.
 
Karl begann als erstes das Problem der Meldungen zu lösen. Himmler hatte 1942 befohlen, Häftlinge zum Schlagen ihrer Kameraden heranzuziehen, ein brillantes Mittel, Häftlinge gegen Häftlingsfunktionäre aufzubringen. Häufig waren diejenigen, die Meldung machten, und diejenigen, die dafür schlagen mussten, nicht dieselben. Anstelle der Aufspaltung musste die Einheit aller Häftlinge hergestellt werden. In Allach gab es einen zuverlässigen deutschen Kameraden, Ludwig Herr aus Kornwestheim: Sie kamen überein, dass sie auch mit jenen Häftlingsfunktionären freundschaftlich reden wollten, die Jarolins Befehle über die Solidarität stellten. Sie wollten sie dafür gewinnen, die Angelegenheit besser unter sich zu regeln und dafür Sorge zu tragen, dass das beanstandete »Delikt« in Zukunft nicht mehr vorkam. Auf diese Art und Weise gelang es ihnen tatsächlich, positiven Einfluss zu nehmen. Die Meldungen gingen zurück.
 
Grund für zahlreiche Strafmeldungen war der große quälende Hunger. Die Normalzuteilungen, oft genug von der SS noch geschmälert und verschoben, reichten kaum, um am Leben zu bleiben, geschweige denn zu schwerer körperlicher Fronarbeit. Karl hatte sich eine Losung ausgedacht. Immer, wenn die SS, die Kapos oder Meister einen Häftling zu schnellerer oder besserer Arbeit antreiben wollten, sollte dieser antworten: »Ich viel arbeiten, aber nix Kraft!«. Es dauerte nicht lange, da wurden die Meister und die SS-Bewacher immer und überall mit der Losung konfrontiert, die nicht ihre Wirkung verfehlte beim Anblick der abgemagerten Gestalten. Schließlich reagierte BMW, so verfehlte dieses Argument auch seine Wirkung nicht. Karls Vorschlag an Jarolin, einen Essenszuschlag von BMW zu verlangen, hatte Erfolg. Die Losung »Ich viel arbeiten, aber nix Kraft« war zu einer Zauberformel für einen Teller Kartoffelsuppe geworden. Nur wer den Hunger kennt, weiß, was das hieß.
 
Befehlsverweigerung:„Ich schlage nicht“
 
Schritt für Schritt hatten sich in Allach die katastrophalen Verhältnisse geändert. Viele Kameraden führten das auf den Wechsel des Lagerältesten zurück, und sie hatten Furcht, dass sich Jarolin und seine Schergen das auf die Dauer nicht gefallen lassen würden. Was die Kameraden sagten, wusste Karl selbst. Es gab keinen Zweifel, dass Jarolin über kurz oder lang losschlagen würde. Jarolin wusste aber auch, dass Karl von Weiß eingesetzt worden war. Er beschloss, Karl den Befehl zum Schlagen zu erteilen, ein diabolischer Plan, der eigentlich nicht schief gehen konnte. Wenn Karl diesen Befehl verweigerte, konnte Weiß eine solche »Ungeheuerlichkeit« unmöglich durchgehen lassen. Sollte Karl wider Erwarten schlagen, hätte er ihn in die Knie gezwungen und seinen Willen gebrochen.
 
Es war an einem Julitag des Jahres 1943, nach Feierabend. Die Kommandos rückten ins Lager ein. Aber anders als sonst lieferten die Postenführer die Häftlinge nicht am Lagertor ab. Heute marschierten sie allesamt mit Hunden ins Lager ein und stellten sich am Appellplatz auf. Karl fühlte, dass seine Stunde geschlagen hatte. Plötzlich schrie Jarolin: »Lagerältester!«, und sämtliche Lagerinsassen mussten seinen Ruf wiederholen. Jarolin hatte den gefürchteten Bock herbeischaffen lassen. Ein sowjetischer Häftling wurde aufgeschnallt. Heute wissen wir, dass es Nikolaj Choprenko war.

Quelle: „Kapo der Kretiner“

Jarolin gab Karl den Befehl: »Schlagen!« Karl antwortete: »Ich schlage nicht!« Jarolin: »Warum schlägst du nicht?« Karls Antwort: »Ich kann nicht schlagen!« Nun probierte es Jarolin mit dem Zuckerbrot: »Versuch’s«, befahl er. Karls erneute Antwort: »Ich schlage nicht!« Jetzt spielte Jarolin den wilden Mann. Er zog die Pistole und brüllte: »Du verweigerst den Befehl, du Kommunistenschwein, das habe ich doch gewusst!« In diesem Moment rechnete Karl damit, abgeknallt zu werden. Er riss seine Lagerältestenbinde vom Arm und warf sie auf den Bock. Jarolin aber drückte nicht ab. Er gab lediglich den Befehl, Karl in den Arrestbau abzuführen.
 
Meine Interpretation aufgrund von vielen Gesprächen mit Karl über diese damals einmalige Befehlsverweigerung, warum Jarolin nicht abgedrückt hatte: Der SS-Scherge war von dem Dialog und besonders von der demonstrativen Rückgabe der Lagerältestenbinde psychologisch derart verblüfft und irritiert, dass er nicht schoss. Ein einmaliger, für das SS-Gehirn völlig unvorstellbarer Vorgang: Ein Häftlingsfunktionär degradiert sich selbst und gibt eine von der SS verliehene Funktion zurück. Natürlich spielte in Jarolins Hinterkopf eine Rolle, dass Karl von Weiß eingesetzt worden war. Nikolaj hatte diesen historischen Dialog 72 Jahre später in Erinnerung als wir am 5. Mai darüber sprachen.
 
Zurück nach Allach. Nach fünf Tagen wurde Karl ins Stammlager Dachau gebracht, in ein stockdunkles Loch. Was würde jetzt mit ihm geschehen? Karl war nicht bereit, sich bei einer Nacht- und Nebelaktion abknallen zu lassen wie einen räudigen Hund. Wie könnte er sich wehren? Er könnte versuchen, auf das Dach des Bunkers zu gelangen. Karl wusste, wie man aufs Dach kam. Damals als »Zweitmaliger« hatte er ja den Bunker mitbauen müssen. Er könnte vom Dach aus mit lauter Stimme den Kameraden im Lager Abschiedsworte zurufen, ehe sie ihn abknallen würden. Karl erhielt jedoch wieder einmal fünfundzwanzig Stockhiebe und sechs Wochen Bunkerhaft.
 
In Allach hatte sich unter den Häftlingen die Nachricht von Karls Befehlsverweigerung wie ein Lauffeuer verbreitete. Das machte Mut. Andere Kameraden folgten seinem Beispiel. Der Kapo Hans Biederer aus Straubing stellte sich dem Befehl des berüchtigten SS-Henkers Trenkle entgegen und weigerte sich ebenfalls, einen Kameraden zu schlagen. Der Beschluss der illegalen Leitung in Dachau, nicht zu schlagen, so schwer seine Ausführung auch war, hatte sich als richtig erwiesen. Sie gab den Kampf gegen Jarolin und seine Schergen nicht auf. Es gelang ihnen, anstelle des bisherigen Kapos im Revier, der mit Jarolin auf du und du gestanden hatte, den mutigen und humanistisch eingestellten Kameraden Michel Rauch im Allacher Revier einzusetzen. Auch Michel kämpfte dort gegen die fürchterlichen Zustände an, unter denen die kranken Häftlinge dahinsiechten und starben.
 
Nach sechs Wochen Dunkelhaft öffneten sich für Karl die Tore des Bunkers. Er hatte es überstanden. Die anschließende »normale« Arbeit in einem Baukommando des Stammlagers war für Karl nach den Wochen der Ungewissheit eine Erleichterung, war er doch jetzt wieder eingebettet in die Solidarität und in die Gemeinschaft seiner Kameraden, und waren doch jetzt wieder Kontakte zu den Genossen der Leitung möglich.
Soviel zu einem historischen Ereignis, das am 70. Jahrestag der Befreiung auf ganz neue Weise beleuchtet werden konnte.
 
Befreiung
 
Karl selbst wurde im KZ Buchenwald befreit. Nach Abschiebung 1944 von Dachau nach Buchenwald mit dem Ziel der Vernichtung dort, verdankte er der dort tätigen illegalen Häftlíngsorganisation das Leben. Hier das Bild von Karl mit seinen Kameraden unmittelbar nach der Befreiung.


Quelle: „Kapo der Kretiner“
 
Eine Kurzbiografie über Karls Stationen im Widerstand, in der auch die Entstehung von Hildes Buch behandelt wird, finden Sie zweisprachig hier [3].
Nikolaj musste aufgrund der Haftfolgen in Allach drei Jahre lang im Krankenhaus in München verbringen. Ende der 1950er Jahre wanderte er nach Kalifornien aus. Aufgrund des „Zufallstreffens“ konnte die schicksalhaft verbundene Geschichte zweier Menschen nun das Licht der Öffentlichkeit erblicken.
Dieser Bericht ist eine erste ausführliche Hintergrund-Information. George hat mir weitere Informationen über den Lebensweg seines Vaters zugesagt.
Die spätere Veröffentlichung einer Kurzfassung unter Einschluss weiterer Fakten ist für die Zeitung der Lagergemeinschaft beabsichtigt, die gegenwärtig geplant wird.

Die zweisprachige Version dieses NRhZ-Beitrags mit einer Top-Übersetzung von Lothar Letsche finden Sie hier (4).
Schließen möchte ich mit der diesjährigen Befreiungsfeier in Karlsruhe am 10. Mai, in der über das Ereignis am 5. Mai kurz berichtet wurde. In der Webseite der VVN-BdA Karlsruhe finden Sie die interessanten Vorträge (5). Darunter von Silvia Gingold über ihren Vater, den kommunistischen Widerstandskämpfer Peter Gingold, eine ebenso unsterbliche Persönlichkeit wie Karl Wagner. (PK)
 
Quellen:
(1) http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19043
(2) http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20141003.pdf
(3) http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20150509.pdf
(4) http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20150524.pdf
(5) http://karlsruhe.vvn-bda.de/2015/05/11/befreiungsfeier-2015/
 
Dr.-Ing. Dietrich Schulze (Jg. 1940) war nach 18-jähriger Forschungstätigkeit im Bereich der Hochenergie-Physik von 1984 bis 2005 Betriebsratsvorsitzender im Forschungszentrum Karlsruhe (jetzt KIT Campus Nord). 2008 gründete er mit anderen in Karlsruhe die Initiative gegen Militärforschung an Universitäten (WebDoku www.stattweb.de/files/DokuKITcivil.pdf). Er ist Beiratsmitglied der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative für Frieden und Zukunftsfähigkeit sowie in der Initiative „Hochschulen für den Frieden – Ja zur Zivilklausel“ und publizistisch tätig. Er ist Mitglied der DFG-VK und Kreisvorstandsmitglied der VVN-BdA Karlsruhe.
 


Online-Flyer Nr. 512  vom 27.05.2015

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