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Aktueller Online-Flyer vom 25. Juni 2017  

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Medien
Leserbrief zur Fotogalerie "Gefängnis Nationalsozialismus"
Sich gegen RECHTS positionieren
Von Franco Clemens

Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann stammt der Text zu einer Fotogalerie zur Großveranstaltung "Birlikte – Zusammenstehen" zum 10. Jahrestag des Attentats in der Kölner Keupstraße (Titel "Gefängnis Nationalsozialismus") (1). Im Text zu dieser Fotogalerie werden die Äußerungen des Verlegers Alfred Neven DuMont auf der Großveranstaltung thematisiert und zur NS-Vergangenheit des Hauses Neven DuMont in Beziehung gesetzt. Dazu hat Franco Clemens einen Leserbrief verfasst, der Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann zu weiteren Gedanken inspiriert hat. Hier zunächst der Leserbrief von Franco Clemens:


Verleger Alfred Neven DuMont (rechts außen) bei der Großveranstaltung zum 10. Jahrestag des Attentats in der Kölner Keupstraße
Foto: arbeiterfotografie.com

Liebe Anneliese & Andreas, selten, dass ich mich mal in diese "historisch" geprägten Sichtweisen öffentlich einmische, um aus dem "Hier & Jetzt" zu berichten bzw. Sichtweisen zu relativieren bzw. zu optimieren.

Ich sprach hinter der Bühne und sah auf der Bühne einen alten Mann, der sehr aufgeregt und emotionalisiert war und dem es eine sehr, sehr große urpersönliche Herzensangelegenheit war, sich klar gegen RECHTS zu positionieren und Stellung zu beziehen, und im Rahmen seiner nicht unerheblichen Möglichkeiten einen Beitrag zur Veranstaltung zu leisten. Die historischen Widersprüche des DuMont-Verlags in der nationalsozialistischen Vergangenheit dazu mögen unbestritten sein – was er als "großes Gefängnis" beschreibt, wobei seines sicherlich recht "golden" war im Verhältnis zu den allermeisten wirklichen Opfern dieser Zeit.

Was wir aber dringend und zwingend anerkennen sollten/müssen, ist sein seit Jahrzehnten anhaltendes "nachhaltiges" Engagement gegen Rechts, damit das, was (was auch immer alles) passiert ist, sich eben nicht mehr wiederholt. Wir aus der Nachkriegsgeneration machen es uns oft etwas zu einfach mit unseren Wertungen – wie mich meine Oma & mein Opa bereits gelehrt haben, die in dieser Zeit gelebt haben und überleben mussten in diesem faschistischen Regime. Rein in diesem Sinne ist Alfred Neven DuMont für mich glaubwürdig, und es wäre schön, auch diese "relativierende" Meinung hier in der NRhZ wenigstens als Leserbrief mal unwidersprochen zu vernehmen, ohne dem gleich wieder die ewige Liste der Verfehlungen entgegengehalten zu bekommen.

Oder sagen wir es mal so, der Besuch der Arbeiterfotografie im Iran mit Kopftuch beim damaligen Präsidenten war auch nicht gerade eine Meisterleistung der Geradlinigkeit emanzipatorischer Werte, was ich aber in Anbetracht all der anderen Leistungen, die die Arbeiterfotografie bisher für die BürgerInnen, die linke Szene und die KÖLSCHEN erbracht hat, gerne unter dem PUNKT "notwendige" Anpassung und politische Gratwanderung verbuche, um überhaupt etwas zu bewegen, statt wie viele Andere Euch aufgrund dieses Widerspruchs und Besuchs seitdem auszugrenzen und dies auf ewig nachzutragen.

Mit lieben solidarischen Grüßen
Franco


Dazu Gedanken von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann:

Lieber Franco, sicher hast Du Recht, dass man ein Fehlverhalten einem Menschen nicht zeitlebens nachtragen darf. Der Psychologe Thomas Auchter sagt angesprochen auf die "antideutsche" Parole "Kein Vergeben! Kein Vergessen!": „In der Tat führt dieser Slogan weder zu einer Aufarbeitung von Traumatisierungen noch dient er der Verhinderung zukünftiger Traumatisierungen... Vergeben kann im gelungenen Schulddialog nur das Opfer dem Täter! Wenn dieser Dialog funktioniert, bedeutet das eine Befreiung für beide. Mir ist durchaus bewusst, wie schwer das ist und dass das nicht so oft glückt! Insofern ist aber der Satz: ›Kein Vergeben‹ von einer Gruppe ausgesprochen ebenso unsinnig wie kontraproduktiv, da er in der Tat zu einer Chronifizierung von Traumatisierungen beitragen kann.“ (2)

Du siehst im Verhalten von Alfred Neven DuMont heute eine Positionierung gegen RECHTS. Wir möchten hinterfragen, inwieweit das zutrifft. Dazu ist es wichtig, zunächst den Begriff RECHTS zu definieren und dann zu betrachten, welche Rolle Neven DuMonts Zeitungsimperium darauf bezogen spielt. Zunächst der Versuch einer Definition: RECHTS ist eine Politik im Interesse des Kapitals (mit den Mitteln des Krieges, der sozialen Demontage, des Rassismus,...). LINKS dazu im Gegensatz ist eine Politik mit dem Ziel der Entmachtung des Kapitals und der Überwindung des Kapitalismus (für Frieden und Gerechtigkeit durch den Aufbau einer neuen Gesellschaft). Einverstanden?

Nach unserer Einschätzung bewegt sich Neven DuMonts Zeitungsimperium daran gemessen überwiegend sehr weit RECHTS. Seine Medien transportieren so gut wie jede Propaganda zur Legitimierung von Kriegen. Um nur einige zu nennen: Jugoslawien 1999, Afghanistan 2001, Libyen 2011, Syrien 2011... Auch das Themenfeld Russland/Ukraine bildet keine Ausnahme. Und es ist keine Frage: seine Medien tragen den so genannten Neoliberalismus, also die Politik zur Ausplünderung der Massen zugunsten weniger Reicher. Und auch in Sachen Rassismus ist die Bilanz keineswegs ungetrübt. Das Feindbild Islamismus ist die tragende Säule für den so genannten "Krieg gegen den Terror". Und auch der zionistische Rassismus Israels wird von seinen Medien gestützt. Aber immerhin ist zu würdigen, wenn ein Zeitungskonzern nicht auch noch im eigenen Land dem Rassismus offen das Wort redet. Ganz überwiegend aber sehen wir hinsichtlich der Orientierung von Neven DuMonts Medien in der NS-Zeit und heute ein verbindendes Prinzip. Sie standen damals auf der Seite einer kriminellen Macht. Und heute ist das nicht wesentlich anders. Problematisch ist zudem, wenn Alfred Neven DuMont bei der Veranstaltung "Birlikte – Zusammenstehen" den Eindruck entstehen lässt, sein Haus sei damals nur Opfer gewesen. Mit keiner Silbe ist ihm ein Wort der Erklärung oder Entschuldigung über die Lippen gegangen. Dabei war sein Haus damals und ist es heute wieder: Mittäter.

Im Januar 2012 haben wir Alfred Neven DuMont wegen der Diffamierung eines Friedensaufrufes angeschrieben (3): „Immer wieder müssen wir feststellen, dass Feindbilder aufgebaut und damit Kriege gerechtfertigt werden. Nicht selten spielen dabei die Medien eine unrühmliche Rolle. Zum Glück gibt es in unserer Gesellschaft noch Kräfte, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Kriege zu verhindern, indem sie Kriegspropaganda als solche erkennen und dagegen Stellung beziehen... Eine solche Initiative ist zurzeit der Appell gegen die drohenden Kriege gegen Syrien und Iran. Der Aufruf ist betitelt mit 'Kriegsvorbereitungen stoppen! Embargos beenden! Solidarität mit den Völkern Irans und Syriens!' Wir selbst gehören zu dessen Unterzeichnern... In Ihrer Zeitung... werden [aber] nicht diejenigen gebrandmarkt, die die Feindbilder Iran und Syrien errichten. Nein, ganz im Gegenteil werden diejenigen Länder, gegen die Kriege geführt zu werden drohen, und diejenigen Menschen, die dagegen aufstehen, verteufelt... Gerade heute müssen wir wieder... mit Entsetzen lesen: 'Der Iran greift nach der Atombombe.' Es kann Sie doch nicht kalt lassen, wenn sich der Kölner Stadt-Anzeiger auf diese Weise mitschuldig macht.“ Alfred Neven DuMont hat darauf bedauerlicherweise nicht geantwortet. Wir haben in diesem Zusammenhang unser langjähriges Abonnement des Kölner Stadt-Anzeiger gekündigt.

Im April 2012 ergriffen wir die Gelegenheit, selber in den Iran zu fahren. Wir haben erkannt: Feindbilder sind die Basis für Krieg. Feindbilder zu demontieren, ist deshalb eine zentrale friedenspolitische Aufgabe. Der iranische Präsident Ahmadinedschad, Freund von Fidel Castro und Hugo Chavez,  war ein solches Feindbild, das weit hinein in die Linke und die Friedensbewegung gewirkt hat. Psychologe Thomas Auchter: „Feindbilder haben vor allem die Funktion eines Containers für den eigenen Seelenmüll, also alles Negative, bei einem selbst Angelehnte. Deshalb sind wir selig, wenn wir Feinde haben, feindselig!“ Und darauf hingewiesen, dass Menschen, in denen sich ein Feindbild aufgebaut hat, oft aggressiv reagieren, wenn ihnen dargelegt wird, dass das Feindbild auf Desinformation beruht und es demzufolge in sich zusammen fallen müsste, sagt Thomas Auchter: „Wenn Feindbilder eine unbewusste Funktion in der seelischen Ökonomie besitzen, dann ist klar, dass das ICH sich gegen eine Dekonstruktion dieses Feindbildes aggressiv zur Wehr setzen muss.“ Wir verstehen deshalb, dass wir Zielscheibe dieses aggressiven Verhaltens werden. Trotzdem ist es ein Dilemma, wenn derartige Attacken von Menschen kommen, die Freunde oder zumindest Bündnispartner waren und weiter sein könnten. Es ist eine Tragödie, die über die perfiden Methoden der Ausnutzung menschlicher Psyche und die darauf fußende Wirksamkeit von Feindbildern Auskunft gibt.

Kannst Du unsere Sichtweise verstehen und vielleicht auch – zumindest in Teilen – nachvollziehen, lieber Franco?

Und, lieber Franco, gestatte noch einen Aspekt zum Abschluss: Am Tag nach der Großveranstaltung "Birlikte – Zusammenstehen" erscheint Neven DuMonts Express mit der folgenden Titelseite:


Express-Titelseite vom 10.6.2014 mit Schlagzeile zu der am Tag zuvor zu Ende gegangenen Birlikte-Veranstaltung

Was denkst Du, wie gläubige Muslima und Muslime – von denen im Viertel der Keupstraße nicht wenige leben und viele deutschlandweit und international die Ereignisse verfolgt haben – diese Titelseite mit dem überdimensionalen Cover-Girl empfinden? Ist das integratives Wirken? (PK)


Hinweise:

(1) Fotogalerie zur Großveranstaltung zum 10. Jahrestag des Attentats in der Kölner Keupstraße
Gefängnis Nationalsozialismus
Im NRhZ-Flyer Nr. 462 vom 11.06.2014
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20444

(2) Interview mit dem Aachener Psychoanalytiker Thomas Auchter
Selig, wenn wir Feinde haben: feindselig!
Im NRhZ-Flyer Nr. 456  vom 30.04.2014
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20273

(3) Offener Brief an Kölner Stadt-Anzeiger-Verleger Alfred Neven DuMont
Unterzeichnen Sie den Antikriegsappell!
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann im NRhZ-Flyer Nr. 338  vom 24.01.2012
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=17431

(4) Reaktionen auf den Offenen Brief an Verleger Alfred Neven DuMont
Kein Grund, in die Defensive zu gehen
Im NRhZ-Flyer Nr. 340  vom 08.02.2012
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=17462

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