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Aktueller Online-Flyer vom 27. August 2016  

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Krieg und Frieden
Interview mit dem Aachener Psychoanalytiker Thomas Auchter
Selig, wenn wir Feinde haben: feindselig!
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Im März und April 2014 fanden – organisiert vom Euregioprojekt Frieden – die 15. Aachener Friedenstage statt. Der Psychoanalytiker Thomas Auchter war daran beteiligt. Angeregt durch seinen Vortrag "Von der Unschuld zur Verantwortung" haben wir ihm Fragen gestellt, die sich vorrangig im Spannungsfeld zwischen Frieden und Krieg bewegen. Das Interview ist eine Art Schlussbetrachtung zu den Friedenstagen. Uns ist bewusst, dass Fragen um Krieg und Frieden nicht ausschließlich eine psychologische Dimension haben. Aber sie ist eine ganz entscheidende, die von den Strategen des Krieges mit größtmöglicher Perfidie ausgenutzt wird. Unter Ausnutzung der Beschaffenheit der menschlichen Psyche werden Feindbilder geschaffen. Und ohne die Schaffung von Feindbildern ist kaum ein Krieg denkbar.


Thomas Auchter (Mitte) zusammen mit Vera Thomas-Ohst und Karl-Heinz Otten vom Euregioprojekt Frieden (Foto: arbeiterfotografie.com)

Frage: Ist Krieg das Ergebnis eines psychischen Defekts von Menschen, besonders solcher in Machtpositionen? Oder sind Aggression und ihre krasseste Form, der Krieg, menschlich und damit normal?

Thomas Auchter: Vorausschicken möchte ich die Bemerkung, dass in einem solchen Interview unvermeidlich nur verkürzende und vereinfachende Antworten möglich sind. Diese werden den komplexen Fragestellungen immer nur bedingt gerecht!

Wir Psychoanalytiker gehen davon aus, dass menschliches Verhalten vor allem durch zwei bzw. drei große seelische Antriebsbereiche (Triebe) gesteuert wird. Einerseits durch Liebe, da unterscheiden wir die Liebe zu sich selbst (›Narzissmus‹) von der Liebe zum anderen, und andererseits durch Aggression, wobei wir konstruktive von destruktiver Aggression unterscheiden. Im besten Falle besteht zwischen Liebe und Aggression eine Balance mit einem gewissen Übergewicht des Ersteren. Bei Gewaltaktionen – und dazu rechne ich auch den Krieg – ist das Gleichgewicht gestört. Diese Störung ist in der Regel das Ergebnis einer lebensgeschichtlichen Entwicklung, also eine ›Defiziens‹, aber in den seltensten Fällen eines Defekts.

Frage: Was sind die Mechanismen, mit denen Menschen ihre Schuld verdrängen – z.B. gegen das Führen von Angriffskriegen damals in der NS-Zeit nicht aufgestanden zu sein oder heute gegen den so genannten "Krieg gegen den Terror" mit weit mehr als einer Millionen Toten nicht aufzustehen?

Thomas Auchter: Hier ist zunächst die Differenzierung zwischen realer ›Schuld‹ und ›Schuldgefühlen‹ bedeutsam. Schuldgefühle können bewusst oder unbewusst sein, angemessen oder irrational. Schuldgefühle gehören zu den negativen und damit unangenehmen Empfindungen, deshalb sind wir bestrebt, diese möglichst schnell und weit aus unserem Bewusstsein zu verdrängen. Zu den wichtigsten seelischen sog. Abwehrmechanismen gegenüber Schuldgefühlen gehören die schlichte Verneinung und Verleugnung, die Verharmlosung, die Abspaltung und Projektion, die Verschiebung, die Rationalisierung, die Aufrechnung und die Verwandlung von Schuld in Aggression.

Frage: Was geht in Menschen vor sich, die an der Spitze von Staaten stehen und grünes Licht für das Begehen von Verbrechen wie das Führen von Angriffskriegen geben? Was befähigt bzw. verführt sie dazu, sich über grundlegende Werte und Gesetze und damit über ihr Gewissen hinwegzusetzen?

Thomas Auchter: Mein israelischer Kollege Rafael Moses hat 1986 das sog. ›Watergate-Syndrom‹ beschrieben. Dabei tritt bei den handelnden Personen, z.B. politischen Führern, an die Stelle eines den allgemeinen Wertvorstellungen entsprechenden Gewissens ein persönliches Wertesystem, das von ihnen als dermaßen überwertig betrachtet wird, dass es die vermeintlich ›minderwertigeren‹ Gewissensvorstellungen der Allgemeinheit ›schuldgefühlfrei‹ außer Kraft setzt.

Der Gießener Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth setzt sich 2002 in seinem Buch Narzissmus und Macht mit aktuellen Beispielen von derartigen ›seelischen Störungen in der Politik‹ auseinander.

Am Beispiel des damaligen amerikanischen Präsidenten G.W. Bush habe ich selber 2007 herauszuarbeiten versucht, wie seine kriegerische Aggressivität ihre Wurzeln in seinen persönlichen kindlichen Traumatisierungen und daraus resultierenden Ängsten findet. Diese persönlichen Ängste versuchte Bush, als er in der entsprechenden Machtposition angekommen war, durch staatliche Kriegsführung zu bewältigen. Genauso wie es eine Simplifizierung der Situation wäre, Bush zum isolierten, völlig unabhängigen Alleinverantwortlichen für alle seine politischen Entscheidungen zu machen und damit seine Verflechtungen und Verpflichtungen in ihn umgebende (und finanzierende) Gruppen und Einzelne zu ignorieren und zu verleugnen, wäre es eine ebensolche Simplifizierung, ihn zu einer völlig abhängigen, zu eigenen Entscheidungen unfähigen, und damit persönlich unverantwortlichen Marionette anderer zu erklären.

Frage: Im Rahmen der 15. Aachener Friedenstage des Euregioprojekts Frieden hielten Sie im Kulturzentrum Kopermolen in Vaals den Vortrag „Von der Unschuld zur Verantwortung – Der Blick des Psychoanalytikers auf die Schuld.“ Darin führten Sie aus: „Ein ›Schuldverhältnis‹ entsteht immer in der Beziehung zwischen zwei oder mehr Menschen oder in der Beziehung zu sich selbst. Deshalb kann eine Bearbeitung von Schuld ebenfalls nur im Dialog, einem expliziten oder impliziten ›Schulddialog‹ erfolgen.“ Bedeutet das – in diesem wie in anderen Fällen der psychologischen Aufarbeitung – sich einem Problem zu stellen, sich damit konfrontieren zu müssen? Ist es üblich, dass Menschen das aus eigener Einsicht schaffen? Oder wie ist der Weg?

Thomas Auchter: Die seelische Aufarbeitung von realer Schuld setzt immer eine Schuldfähigkeit, ein Schuldbewusstsein und ein Schuldeingeständnis voraus. Nur über die Selbstkonfrontation mit dem schuldhaften Verhalten sind eine Schuldanerkenntnis und Verantwortungsübernahme und daraus folgend im besten Fall Reue und Wiedergutmachungsbemühungen möglich. Da Menschen eine starke unbewusste Neigung zur Selbsttäuschung besitzen, ist nur in selteneren Fällen die Schuldverarbeitung auch durch eigene Einsicht möglich. Zumeist wird für den ›Schulddialog‹ und daraus resultierende Einsichten die Hilfe eines oder mehrerer anderer benötigt. Das muss nicht unbedingt und nicht immer ein Psychotherapeut sein! Dieselbe Aufgabe können zum Beispiel auch gute Freunde oder andere Weggenossen übernehmen.

Frage: In Bezug auf den britischen Psychoanalytiker Donald W. Winnicott, der zwischen einem »Wahren Selbst« und einem »Falschen Selbst« unterscheidet, unterscheiden Sie ein „personales ›Wahres Gewissen‹ oder ›authentisches Gewissen‹ von einem tendenziell ichfremden, überwiegend sozial, also ›fremdgesteuerten‹ »Über-Ich-Gewissen«“. Was geht vor sich, wenn diese unterschiedlichen Arten von Gewissen, wie Sie andeuten, in Spannung zueinander stehen? Können und müssen wir es aushalten, uns außerhalb der gesellschaftlichen Konvention zu stellen? Und kann das eine Frage von Krieg oder Frieden sein?

Thomas Auchter: Die Psychoanalytiker unterscheiden zwischen einem Gewissen, das in den spezifischen allgemeinen Wertvorstellungen verankert ist (›Über-Ich-Gewissen‹) von einem Gewissen, das in der persönlichen Integrität verankert ist (›Ich-Gewissen‹). In bestimmten Situationen ist es unumgänglich, sein persönliches Gewissen über die allgemein verbreiteten Wertvorstellungen – wie z.B. in einer Diktatur – zu stellen. Sich im Widerstand außerhalb der gesellschaftlichen Konvention zu stellen, erfordert ›Zivilcourage‹ und ist bisweilen eine Frage von Leben und Tod. Wenn es zu einer massenhaften Verweigerung der herrschenden Konventionen kommt, kann das durchaus eine Frage von Krieg und Frieden sein.

Frage: Das Thema der Aachener Friedenstage widmete sich dem 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges 1914. Rohestheater vermittelte (als einer der Programmbestandteile) unter die Haut gehende Beispiele, wie (teils sehr bekannte) Menschen, Künstler, von ihrer Kriegsbegeisterung keinen Hehl machten, obwohl doch bekannt – und im Theaterstück eindringlich dargestellt – ist, welch ein Wahnsinn und welches Leid und Zerstörung Krieg mit sich bringt. Welche (suggestiven) Kräfte können eine solch irrationale Begeisterung hervorrufen?

Thomas Auchter: Der Außerkraftsetzung der ›Realitätsprüfung‹, wie wir Psychoanalytiker das nennen, wie sie auch im Vorfeld des 1. Weltkrieges, sogar bei ›Gebildeten‹, Künstlern und Intellektuellen zu beobachten ist, liegen sehr verschiedenartige und komplexe Ursachen zugrunde, von denen ich hier nur wenige anführen kann.

Besonders der Frankfurter Psychoanalytiker Stavros Mentzos (1993) hat sich intensiv mit dem »Krieg und seinen psychosozialen Ursachen und Folgen« beschäftigt. Dabei interessieren ihn neben den egoistischen, machtpolitisch-ökonomischen Interessen der Machteliten als Kriegsursache besonders die psychosozialen, vor allem unbewussten Beweggründe der Massen, die de facto den Krieg durchführen und erleiden. Eine erste ›Funktion‹ eines Krieges sieht Mentzos in der nationalen Selbstdefinition und nationalen Abgrenzung (›kollektiver Narzissmus‹) gegenüber dem ›Feind‹. Diese wird besonders wichtig angesichts eines lädierten oder gestörten Selbstbewusstseins einer Nation. Der Einzelne kann des weiteren narzisstisch an der realen oder phantasierten Stärke und Größe der Nation partizipieren, er kann in den ›Führern‹ Orientierung finden, er kann Erfahrungen der Zusammengehörigkeit und Solidarität machen, er kann romantischen Ideen von Hingabe, Selbstaufopferung und Heldentum frönen und eigene ›böse‹ Anteile in den Feind projizieren. All dies trägt zur ›Kriegsbegeisterung‹ bei.

Frage: „Um wirtschaftliche und andere Krisen zu meistern, brauchen die Mächtigen und die Herrschenden Kranke, Abhängige und Hörige, die die Wirklichkeit nicht ‘wirklich’ erkennen.“ schreibt die Euregioprojekt Frieden-Vorsitzende Veronika Thomas-Ohst in ihrem „Versuch über Wilhelm Reich.“ Wir befinden uns in einer „Gesellschaft, deren Menschen weitgehend den Anforderungen der Freiheit nicht gewachsen sind,“ schreibt der ehemalige Chefdramaturg des Wiener Burgtheaters und Dozent für europäische Geisteswissenschaften, Friedrich Heer, unter dem Titel „Angst vor Information“ (1964). 50 Jahre später leben wir in einer der vermeintlich freiheitlichsten Gesellschaften der Welt. Wie sieht es heute aus mit der „Angst vor Information“, wenn es darum geht, den großen Kriegs- und Lebenslügen auf den Grund zu gehen? Und: ist Freiheit nur schwer auszuhalten? Wenn ja, warum?

Thomas Auchter: ›Information‹ ist einer der gebräuchlichsten und am meisten verwirrenden Begriffe unserer Tage. Einerseits äußern wir Angst vor dem informativen Wissen, das politische und wirtschaftliche Institutionen über uns sammeln und besitzen, und andererseits sind wir in unvorstellbarer Weise bereit, persönlichste Informationen einer Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen (soziale Netzwerke, reality-shows, Rabattkarten). Die Informationsüberflutung, der wir ständig ausgesetzt sind, fordert uns zur Selektion von Wissen heraus und überfordert uns damit oft. Von interessierter Seite werden besonders in Krisenzeiten ›Informationen‹ auch bewusst zur Desinformation eingesetzt. Unserer ›Angst vor Information‹, die ebenfalls zur persönlichen und gesellschaftlichen Unbewusstheit beiträgt, liegen unter anderem die Schwierigkeit, sich selbstkritisch zu hinterfragen, die Furcht vor notwendigen Konsequenzen, die Herausforderung zum persönlichen Engagement, Bequemlichkeit und Mutlosigkeit zugrunde.

›Freiheit macht Arbeit‹ fand ich 1990 bei einem Besuch in Ost-Berlin an eine Hauswand gemalt. Die Freiheitssehnsucht vieler Menschen wird immer wieder durch Gewalt, Ohnmachtserfahrungen, Sicherheitsbedürfnisse, Schwierigkeiten zu längerfristiger Bindung und mangelndes Durchhaltevermögen begrenzt. ›Freiheit stirbt mit Sicherheit‹ formulierte Kurt Tucholsky 1932. Die Fähigkeit zur Freiheit erfordert Toleranz für ›Nicht-Wissen‹ im Sinne von ›nicht alles wissen‹ und ›nicht alles sofort wissen‹ und manches vielleicht ›gar nicht wissen‹.

Frage: Der Freud-Zeitgenosse Wilhelm Reich beschreibt in seiner 1933/1942 verfassten bzw. überarbeiteten „Massenpsychologie des Faschismus“ den Faschismus als „die emotionelle Grundhaltung des autoritär unterdrückten Menschen“ und dessen unbefriedigter Sehnsucht. Und auch der zeitgenössische Psychologe Rainer Schmidt behauptet: „Der Faschismus findet nicht außerhalb von uns statt, sondern in unseren Seelen als eine Zerstörung unseres wahren Selbst, als Leugnung des Schattens, den wir selbst werfen, und als Wille zur Zerstörung des aus uns selbst auf den so genannten Fremden heraus projizierten Bösen“. Reich stellte der Jugend eine Zukunft in Aussicht, „ein glückliches Liebesleben, frohe gesicherte Arbeit, universeller Sport und Freiheit...“ von Bevormundung. Welchen Weg zu weisen ist die Psychologe als Wissenschaft imstande, zur Entwicklung zum verantwortungsbewussten, eigenständig denkenden Menschen (Kant: Sapere Aude), der in einem  guten Gemeinwesen sein eigenes Wohlergehen sieht?

Thomas Auchter: In den Augen der Psychoanalyse ist der Mensch das Wesen im Widerspruch. Er ist zum Höchsten fähig und zum Niedrigsten. Er strebt nach Selbstbestimmung und Mündigkeit und er giert nach Fremdbestimmung und Bevormundung. Er sehnt sich nach Glück und ist bereit, Handlungen zu vollziehen, die Unglück über ihn selbst und andere bringen. Auf dem Weg zum Ideal eines verantwortungsbewussten und eigenständig denkenden Menschen werden immer nur Teilziele erreichbar sein. Toleranz für die eigene Begrenztheit führt näher zum Idealziel und hilft beim Vermeiden von Einseitigkeiten und von Simpilfizierungen!

Selbstliebe und Fremdenliebe werden immer in einem spannungsvollen Verhältnis bleiben. Das Ringen um ein eigenes Wohlergehen in einem wirklich sozialen Gemeinwesen bleibt eine fortwährende Herausforderung. Die Aufgabe des Psychologen oder Psychoanalytikers sehe ich in seiner Funktion als ›hilfreicher Begleiter‹ im Selbstendeckungs- und Selbstwerdungsprozess des Individuums als soziales Wesen. Das umfasst immer auch das Bewusstsein um die eigene ›schlechtere Hälfte‹, den eigenen ›Schatten‹. Dieses kann zur Verhinderung einer Projektion des ›eigenen fremden Bösen‹ auf den anderen beitragen.

Frage: In dem von Ihnen 2003 mit herausgegebenen Buch „Der 11. September ... Analysen von Terror und Trauma“ hebt Hanna Segal die Frage des damaligen Chefanklägers des Internationalen Gerichtshofes, Richard Goldstone, hervor, warum das spezifische Trauma des 11. September derartig massive Auswirkungen gehabt habe. Obschon es im verantwortungsbewussten Journalismus eine Friedenspflicht gibt, ist dieses Trauma medial in ständigen Wiederholungen mit Gefühlsszenen geschürt worden – statt rationaler Aufklärung Raum zu geben. Waren die Menschen unserer Mediengesellschaft Willens und in der Lage, sich dieser Krieg einstimmenden Konditionierung zu entziehen? Und wie? Oder wenn nicht: Sind sie mitschuldig am nicht enden wollenden so genannten „Krieg gegen den Terror“?

Thomas Auchter: Eines der grundlegendsten Bedürfnisse des Menschen von Lebensbeginn an ist das ›Sicherheitsbedürfnis‹. Ein Trauma wie der ›11. September‹ löst massenhaft stärkste Ängste in den Menschen aus. Die ›Kunst‹ einer verantwortungsvollen Politik und eines verantwortungsbewussten Journalismus bestände darin, zwischen realistischen sog. ›Signalängsten‹, die uns vor tatsächlichen Gefahren warnen, und irrationalen Ängsten, die unser Denken beeinträchtigen und uns unbewusst zu irrationalem, womöglich sogar selbstschädigendem Verhalten motivieren, zu unterscheiden.

Es gab damals z.B. im Vorfeld des Irakkrieges gerade in Deutschland eine starke Antikriegsbewegung. Zum Beispiel gab es zu jener Zeit jeden Abend eine Veranstaltung im Theater Aachen ›Nach dem eisernen Vorhang‹, mitveranstaltet vom Verein Aachener Friedenspreis, in der Künstler, Wissenschaftler und andere ihre Stimme gegen einen drohenden Krieg erhoben. Ich war daran beteiligt.

In Aachen streikten zu dieser Zeit an einem Tag alle Schüler und viele Hunderte versammelten sich zu einer beeindruckenden Friedensdemonstration am Aachener Elisenbrunnen.

Unter dem Deckmäntelchen des ›Krieges gegen den Terror‹ werden inzwischen überall auf der Welt, von den unterschiedlichsten Herrschenden und mit ihnen verbündeten oder von ihnen abhängigen Journalisten Herrschaftsinteressen durchgesetzt. Prinzipiell hat in unserer Mediengesellschaft jeder die Möglichkeit, sich die Informationsquellen auszuwählen, die ihm entsprechen. Eine kritische Distanz ist meines Erachtens zu allen Medien und allen Informationen notwendig!

Entsprechend dem Diktum von Immanuel Kant besteht für alle Menschen eine ethische Verpflichtung, durch ›Aufklärung‹ für den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu sorgen!

Frage: Teile einer deutschen AntiFa-(Antifaschismus-)Bewegung, die vorrangig den NS-Rückbezug im Blick hat, benutzt den Aufruf: „Kein Vergeben, kein Vergessen“. Trauma-Pflege oder Trauma-Aufarbeitung? Trauma-Verhärtung könnte man es nennen oder chronisches Trauma. Wo führt das hin?

Thomas Auchter: In der Tat führt dieser Slogan weder zu einer Aufarbeitung von Traumatisierungen noch dient er der Verhinderung zukünftiger Traumatisierungen. In meiner Arbeit Die Fähigkeit zu erinnern und die Unfähigkeit zu erinnern habe ich 2004 auf die ›Notwendigkeit‹ individuellen und kollektiven Erinnerns hingewiesen, um die Vergangenheit wirklich ›vergangen‹ werden zu lassen und die Gegenwart von Wiederholungszwängen zu befreien. In diesem Sinne könnte man den Satz: ›Kein Vergessen‹ vielleicht noch verwenden. Genauso aber gilt der Gedanke des Psychoanalytikers Theodor von 1948: "Die Erinnerung ist die beste Straße zum ›Vergessen‹".

Vergeben kann im gelungenen Schulddialog nur das Opfer dem Täter! Wenn dieser Dialog funktioniert, bedeutet das eine Befreiung für beide. Mir ist durchaus bewusst, wie schwer das ist und dass das nicht so oft glückt! Insofern ist aber der Satz: ›Kein Vergeben‹ von einer Gruppe ausgesprochen ebenso unsinnig wie kontraproduktiv, da er in der Tat zu einer Chronifizierung von Traumatisierungen beitragen kann.

Frage: Sie haben ausgeführt: „Himmlers ›Anständigkeit‹ ist das Produkt blinder und gefühlsverleugnender Unterwerfung unter Befehle bei Ausschaltung jedes kritischen Bewusstseins.“ Ist dieses am Fall Himmler beschriebene Prinzip ein singuläres Phänomen der NS-Zeit? Oder gibt es dieses Prinzip bis heute? Und warum?

Thomas Auchter: Die autonome, kritische und selbstkritische Eigenverantwortlichkeit kostet seelische Anstrengung, erfordert Zivilcourage und muss immer wieder mühsam errungen und durchgesetzt werden. Unsere Bequemlichkeit verführt uns immer wieder zur ›Abgabe unseres Gewissens‹ an ›Führer‹. Insofern ist die (Selbst-)Ausschaltung des kritischen Bewusstseins ein zeitunabhängiges und universelles Prinzip.

Frage: Menschliches Denken ist häufig von Feindbildern geprägt. Brauchen Menschen Feindbilder? Wenn ja: weshalb sind Feindbilder für Menschen wichtig?

Thomas Auchter: Schon Neugeborene besitzen ein archaisches unbewusstes seelisches Regulationsprinzip für die Organisation ihrer Wahrnehmungen, nämlich die Aufspaltung in: ›Ich/gut‹ versus ›Du/böse‹. Es ist ein lebensgeschichtlicher Erwerb, wenn diese frühe primitive Spaltung in eine differenziertere Vorstellung verwandelt wird, in der sowohl dem Ich als auch dem Nicht-Ich, dem anderen ›gut‹ und ›böse‹ zugeordnet werden kann (Zustand der ›Ambivalenz‹). In Krisen kann es aber immer wieder zu einer ›Regression‹ auf die urtümliche ›Ich-Nicht-Ich-Spaltung‹ kommen und in der Folge zur Feindbildung. ›Feindbilder‹ haben vor allem die Funktion eines Containers für den eigenen Seelenmüll, also alles Negative, bei einem selbst Angelehnte. Deshalb sind wir selig, wenn wir ›Feinde‹ haben, ›feindselig‹!

Frage: Wir beobachten, dass Menschen, in denen sich ein Feindbild aufgebaut hat, oft aggressiv reagieren, wenn ihnen dargelegt wird, dass das Feindbild auf Desinformation beruht und es demzufolge in sich zusammen fallen müsste. Wie ist dieses aggressive Verhalten zu erklären? Und wie könnte die Vorgehensweise aussehen, um die aggressive Abwehrhaltung zu vermeiden?

Thomas Auchter: Wenn, wie ich eben ausgeführt habe, Feindbilder eine unbewusste ›Funktion‹ in der seelischen Ökonomie besitzen, dann ist klar, dass das Ich sich zunächst gegen eine Dekonstruktion dieses Feindbildes aggressiv zur Wehr setzen muss. Andernfalls müsste es ja z.B. seinen eigenen Seelenmüll wieder zu sich zurücknehmen! Wenn ich als ›Aufklärer‹ diesen aggressiven ›Abwehrvorgang‹ durchschaue, kann ich empathisch nach Vorgehensweisen suchen, wie es für den oder die Betroffenen weniger destruktive Möglichkeiten gibt, mit seiner ›schlechteren Hälfte‹, seinen Schattenseiten umzugehen, und wie ich ihn dazu motivieren kann.

Frage: Sie haben ausgeführt: „Die ethischen Prinzipien aller großen Religionen enthalten einen gemeinsamen Kern. Dazu gehören: Die Anerkennung der Andersartigkeit des Anderen und seine Gleichberechtigung, der Schutz von Schwachen, die Bewahrung natürlicher Lebensgrundlagen, Toleranz im globalen Umgang mit einander, Friedlichkeit und Verantwortlichkeit für das Ganze und alle.“ Wie ist erklärbar, dass die Realität davon oft sehr weit abweicht – obwohl sich die Verantwortlichen oft auf ihre Religion berufen?

Thomas Auchter: Die verschriftlichten ethischen Formulierungen der Religionen sind in der Regel Produkte langer historischer Erfahrungen der Menschheit. Schon Sigmund Freud stellte fest, dass man nichts durch Regeln und Gesetze verbieten müsste, wonach es nicht ein starkes zumindest unbewusstes Bedürfnis gibt (z.B. Mordlust). Wenn also die ›Realität‹ von den ethischen Vorstellungen oder ›Idealen‹ abweicht, so haben sich in dem Fall die unbewussten Antriebe gegen die ›Gewissensforderungen‹ durchgesetzt. Die Berufung der Täter auf ›die Religion‹ versucht dieser Triebbefriedigung (im Fundamentalismus, Fanatismus, Machtmissbrauch) ein verlogenes ›ethisches Mäntelchen‹ umzuhängen. Das war und ist es in Diktaturen wie auch in aktuellen politischen Konflikten – auf allen Seiten – ebenso: ›Die Wahrheit stirbt zuerst‹!

Frage: Beispiel Palästina: die israelische Führung missachtet die ethischen Prinzipien der Religion (in diesem Fall des Judentums) systematisch. Palästinenser sind alles andere als gleichberechtigt. Die Palästinenser als die Schwachen erhalten keinen Schutz. Ganz im Gegenteil werden sie ihrer natürlichen Lebensgrundlagen beraubt (Zerstörung ihrer Häuser, Entzug von Wasser, Beraubung ihrer fruchtbarsten Landwirtschaftsgebiete, Bombardierung des Gaza-Streifens etc.). Wie ist dieses krasse Auseinanderklaffen religiöser Werte und der Realität erklärbar? (Die Aachener Friedenstage zeigten zu dieser Thematik den Film "Wir weigern uns, Feinde zu sein")

Thomas Auchter: Wie das Beispiel Israel trefflich zeigt, werden hier wie anderswo (z.B. im Islamismus bzw. in  allen –›ismen‹) immer wieder religiöse Vorstellungen dazu missbraucht, unethische Verhaltensweisen (z.B. Terror und Töten) der Machthaber und Herrschenden oder danach Strebenden zu legitimieren. Das hat sich seit den ›christlichen‹ Kreuzzügen eigentlich nicht verändert. 

Frage: Gemäß Bericht der Vereinten Nationen über die menschliche Entwicklung von 1996 besitzen 358 Milliardäre etwa soviel wie die halbe Menschheit. So ähnlich stand es am 16. Juli 1996 auch in den Aachener Nachrichten. Was treibt diese Superreichen an, ihren Reichtum immer weiter zu steigern? Und was bringt sie dazu, zur Absicherung und weiteren Steigerung ihres Reichtums mittels des Führens von Kriegen über Leichen zu gehen? Sind diese Menschen therapierbar?

Thomas Auchter: Menschen, die nichts besitzen, können nicht unter ›Verarmungsängsten‹ leiden, denn sie sind schon arm. Je mehr Besitz ich anhäufe, umso mehr Angst muss ich darum haben, dass er mir erhalten bleibt. Schon immer konnte materieller Besitz die Funktion haben, emotionale und psychosoziale Defizite zu kompensieren. Die psychische Bedeutsamkeit materiellen Reichtums für dessen Besitzer kann eine derartige Wichtigkeit bekommen, dass dessen Erhalt alle Machtmittel zu rechtfertigen scheint – bis hin zur Gewaltausübung.

Jede Psychotherapie setzt neben einem Leidensdruck zumindest Ansätze eines Bewusstseins voraus, dass in einem ›etwas nicht in Ordnung‹ ist. Die Kompensationsfunktion materiellen Reichtums trägt zu einer Verminderung von beidem bei. Insofern ist die Therapierbarkeit ›von innen heraus‹ als relativ gering einzuschätzen.

Frage: Sie waren langjähriges Mitglied des Aachener Friedenspreis e.V.. Wie definieren Sie – auch für sich persönlich – Frieden? Was lag der (schmerzlichen) Abkehr nach über 20 Jahren Mitgliedschaft zugrunde?

Thomas Auchter: Frieden ist für mich nicht ein für allemal erreichbarer Zustand, sondern Frieden bedeutet – wie es trefflich im Begriff ›Friedensbewegung‹ zum Ausdruck kommt – eine fortwährendes Ringen und Arbeiten für mehr Frieden. Das ist mühsam und anstrengend, erfordert Geduld, Toleranz und Mut. Alles, was einem besseren Verständnis von sich selbst und dem Zusammenleben mit anderen dient, ist Friedensarbeit. Insofern kann die – zugegebenermaßen bescheidene – Funktion des Psychoanalytikers vor allem darin bestehen, soweit es ihm möglich ist, dem ›Projekt Aufklärung‹ Raum und Geltung zu verschaffen.

Der Aachener Friedenspreis war über lange Jahre ein Zusammenschluss von friedensbewegten Menschen, eine tatsächliche ›Bürgerinitiative‹ aus allen Bevölkerungsgruppen, jenseits aller Parteizugehörigkeit, Konfessionsgebundenheit oder Institution. Durch die Wahl des neuen Vorstandes im November 2011 wurde diese ›Breite‹ und ›Neutralität‹ außer Kraft gesetzt. Denn aufgrund der spezifischen Zusammensetzung der wählenden Mitgliederversammlung wurde jetzt ein Vorstand bestimmt, in dem hauptsächlich fanatische Ideologen und eitle Selbstdarsteller die Macht ergriffen. Die ›Überparteilichkeit‹ war ab da nur noch ein verlogenes Deckmäntelchen für eine neue ideologische Einseitigkeit. Von diesem Vorstand fühlte ich mich als Psychoanalytiker, der sich aufgrund seiner Profession dem Bemühen um Wahrhaftigkeit verpflichtet fühlt, nicht mehr vertreten. Mit dem Denken und Handeln dieser Vorstandsmitglieder, das mir aus meiner langen Mitgliedschaft im AFP vertraut war, konnte ich mich nicht mehr identifizieren. So blieb mir letztlich nur der schmerzhafte Austritt aus dem AFP. (PK)


Hinweise:

15. Aachener Friedenstage, 27.3.2014
Thomas Auchter: „Von der Unschuld zur Verantwortung“
http://www.euregioprojekt-frieden.org/index.php/component/content/article/15-hauptmenue/friedenswerkstadt/aft/109-aft-15-20140327

Foto-Reportage – Vaals (NL), 27.3.2014
"Von der Unschuld zur Verantwortung" - Veranstaltung mit Thomas Auchter im Rahmen der 15. Aachener Friedenstage
http://www.arbeiterfotografie.com/galerie/reportage-2014/index-2014-03-27-vaals-aachener-friedenstage-thomas-auchter.html

Die Kraft der leisen Parolen
Interview mit Veronika Thomas-Ohst anlässlich der 15. Aachener Friedenstage
NRhZ 451 vom 26.03.2014
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20170

Thomas Auchter
Brennende Zeiten – Zur Psychoanalyse sozialer und politischer Konflikte
Psychosozial-Verlag, Gießen 2012, Buchreihe: Psyche und Gesellschaft
525 Seiten, Broschiert, Format: 148x210 mm, 46,90 Euro

Online-Flyer Nr. 456  vom 30.04.2014

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