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Aktueller Online-Flyer vom 13. November 2018  

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Globales
Aus erster Hand: einige grundlegende Tatsachen über die IHH
Die guten Jungs werden verleumdet
Von Iara Lee und Dr. Maryam Dagmar Schatz

In der vergangenen Woche sorgte das Verbot der IHH durch Innenminister de Maizière für einige Aufregung. Verboten wurde allerdings nicht die türkische Organisation, die die Gaza-Flottille maßgeblich mit ausgerüstet hatte und auf deren Schiff, der Mavi Marmara, neun Menschen getötet wurden(1), sondern eine ebenfalls humanitäre Organisation mit gleichen Initialen und personellen Schnittmengen zur „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş“(2). Die brasilianisch-koreanische Filmemacherin und politische Aktivistin Iara Lee stellt die Propaganda über „die“ IHH, über die in den Medien eine Menge Dreck ausgeschüttet wurde, richtig. Und unsere Autorin MaryamDagmar Schatz hat ihren Text nicht nur übersetzt, sondern Iara Lee darin auch als „authentische Stimme“ vorgestellt. – Die Redaktion


 
Relevanzsuggestion: Dinge zusammenrühren, die nichts miteinander zu tun haben (Der Iran ist auch drin). | Quelle: screenshot/Jerusalem Post


Sowohl die jetzt verbotene Organisation, als auch jene, die die Gaza-Flottille mit ausgerüstet hat, haben – unabhängig voneinander – erklärt, nichts miteinander zu tun zu haben. Doch das interessiert bestimmte Gruppen und Medien nicht. Hängen bleibt – auch gefördert durch aktuelle Veröffentlichungen – daß die beide Organisationen identisch seien und ein Artikel vom 12. Juli in der Jerusalem Post dekoriert nicht nur den Bericht über das Verbot der „Einen“ mit einem Bild von den Ereignissen auf der Mavi Marmara, wo die „Andere“ tätig war, sondern der einschlägig bekannte Autor, Benjamin Weinthal, schreibt auch folgendes: „A spokesman for the Israeli Embassy told The Jerusalem Post that “With great satisfaction we have noted the German government’s decision to outlaw IHH, the terror organization that was behind the Gaza flotilla.” („Ein Sprecher der Israelischen Botschaft sagte der Jerusalem Post: ‚Wir haben mit großer Befriedigung die Entscheidung der deutschen Regierung zur Kenntnis genommen, die IHH zu verbieten, die Terrororganisation hinter der Gaza-Flottille.‘“) Auch andere bringen das durcheinander – aus meiner Sicht ebenfalls mit Absicht: Der European Jewish Congress, zum Beispiel. Um so wichtiger ist es - auch, da die deutschen Passagiere, Norman Paech, Inge Hoeger und Annette Groth in Deutschland auch in der eigenen Partei, der Linkspartei, in den Focus innerparteilicher Flügelkämpfe geraten sind -, weiteren authentischen Stimmen Gehör zu verschaffen.
 
Authentische Stimmen:
 
Solche Stimmen sind: der spanische Aktivist Manuel Tapial, dessen

Filmemacherin und
Aktivistin Iara Lee
Quelle: Iara Lee
herausgeschmuggelte Bilder - Vorsicht! Sehr explizites Material! - von den toten, sterbenden, schwer verletzten Aktivisten um die Welt gingen, die als Oberst pensionierte Offizierin und spätere Diplomatin Ann Wright sowie der pensionierte Spitzendiplomat und - unter Carter - Head of Mission im Irak, Edward Peck, (er wurde bei dem Überfall der Israelis verletzt), beide aus den USA - und eben auch unsere Autorin Iara Lee. 
 
Iara arbeitet unter dem Dach des Netzwerks Culture of Resistance, in den unterschied- lichsten Initiativen und sie war Passagierin auf der Mavi Marmara. Zurzeit hat sie ihren Lebensmittelpunkt nach Istanbul verlegt.
 
Unter dieses auf ihrer Facebook-Fanseite veröffentlichte Foto schreibt sie: „Wie ich, so fühlen viele der Überlebenden des Mavi-Marmara-Massakers sich magnetisch angezogen und kehren zum IHH-Hauptquartier zurück und treiben sich dort herum. Ich frische die Verbindung mit so vielen meiner Brüder und Schwestern auf und fühle es genau: Istanbul ist nun unser Zuhause. Hier habe ich auch erstaunliche, mitfühlende Seelen getroffen, IHH-Freiwillige, die in 120 Ländern arbeiten. Hier bin ich mit einigen meiner Freundinnen.“
 


Iara Lee mit ihren türkischen Freundinnen | Quelle: Iara Lee


Aufschlussreiche Videos
 
Iara Lee wurde der Weltöffentlichkeit bekannt, als sie in einem von der amerikanischen Ikone des freien Journalismus, Amy Goodman, zu den Ereignissen in Gaza interviewt wurde. Ihr war es gelungen - unentdeckt von den israelischen Militärs und Geheimdienstlern - mehr als eine Stunde Videomaterial herauszuschmuggeln, das den Vereinten Nationen übergeben wurde. Das kann hier angeschaut und hier gedownloadet werden - das Einbinden und Verbreiten ist ausdrücklich erwünscht! Weitere von CoR gepostete Videos, auch zu anderen Tätigkeitsfeldern, finden sich ebenfalls hier. Sie werden von uns ebenfalls empfohlen.
 
Einige Fakten über die IHH
 
Hilfe auf dem katholischsten der Kontinente: Trinkwasser für die Erdbebenopfer von Chile und – mit den UN – Nahrungsmittel für Haiti
Quelle: IHH – Insan Hak ve Hürryetleri Insani Yardim Vakfi
 
Unmittelbar nach dem Massaker vom 31. Mai auf der Mavi Marmara - während Journalisten und Aktivisten noch eingesperrt und von der Welt isoliert waren - war die Israelische Regierung schnell dabei, ihre eigene Version des Ereignisses unter die Leute zu bringen. Wie der Überfall auf das Schiff lief auch der auf die Medien: rücksichtslos, plump, niederträchtig und gefährlich. Sie waren zynisch genug, zu wissen, daß es der erste Eindruck ist, der in den amerikanischen Mainstream-Medien zählt, und mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf begannen sie, das Wort „Terrorist“ durch die Gegend zu pfeffern - und zwar sowohl in Bezug auf die Opfer ihres Angriffs, wie auf einen der Hauptorganisatoren der Gaza-Freiheitsflottille, die türkische Nicht-Regierungs-Organisation IHH. Es ist schon seltsam, daß nur Wenige nachfragten, warum denn die israelische Regierung „Terroristen“, die in ihrer Gewalt waren, so schnell wieder freigelassen hat; noch weniger fragten genauer nach oder erhielten gar belastbare Beweise, die diese Behauptung stützten. Trotz der Tatsache, daß mehrere couragierte Journalisten, sowohl in den USA als auch außerhalb, die israelischen Angaben, genauso wie die vorsätzliche Manipulation des Filmmaterials und die verleumderischen Anschuldigungen von Verbindungen zum Terrorismus, entlarvten - der Schaden war angerichtet.
 
Noch bevor ReferentInnen von der Mavi Marmara in New York über das sprechen konnten, was am 31. Mai geschehen war, begannen lokale Politiker, die Rhetorik ihrer israelischen Dompteure fortzusetzen und benutzten eine verleumderische Diktion um die Opfer der illegalen israelischen Kriegshandlung zu dämonisieren. Und erst kürzlich verlangten 87 Senatoren, eine Untersuchung einzuleiten, ob die IHH auf die Liste der ausländischen Terrororganisationen gesetzt werden solle.(3)
 
Ich glaube fest daran, daß Taten deutlicher sprechen als Worte - und in diesem Geist denke ich mir, daß sich ein näherer Blick auf die IHH lohnt, damit diese Gruppe eher nach ihren Taten als nach leeren Worten beurteilt werden kann.
 
Die IHH begann 1992 mit ihrer Arbeit - als humanitäre Mission um den während des Bosnienkrieges verletzten und vertrieben Opfern zu helfen. Sie hat seit 2004 im UN-Sozial- und Wirtschaftsrat Beraterstatus, und seit sie 1995 mit vollem NGO-Status registriert wurde hat die IHH - die „Stiftung für Freiheit, Menschenrechte und Humanitäre Hilfe“ - mehr als 60.000 Freiwillige für ihre humanitären Basishilfsprojekte gewinnen können, seit dem 31. Mai schnellte diese Zahl raketengleich in die Höhe.
 
Nach dem Angriff auf die Mavi Marmara hatte ich Gelegenheit, den Vizepräsidenten der IHH, Hüseyn Oruc, zu den Anschuldigungen über die Terrorverbindungen der IHH zu befragen. Während er kein Interesse daran hatte, diese Anschuldigungen noch aufzuwerten, vertrat er mit Nachdruck die Transparenz der Arbeit der IHH, ihrer über die Jahre in großem Maßstab durchgeführten Gesundheitspflege- und medizinischen Missionen auf dem afrikanischen Kontinent - einschließlich 40.000 Katarakt-Operationen allein im Sudan (A.d. Ü.: Katarakt = grauer Star), Trinkwasserprojekte in Äthiopien, sowie die ausgedehnte Arbeit mit Waisenkindern im Irak, in Pakistan, Bangladesh und Gaza. Sie seien zwar eine islamische Organisation, doch sie lehnten es ab, bei ihrer Hilfeleistung nach Religion, Rasse oder politischer Meinung zu differenzieren. Oruc strich besonders die Projekte in Lateinamerika heraus; dort sind Muslime eher dünn gesät.
 
Das Vorgehen der IHH ist einfach und direkt. Da die Neutralität ihrer humanitären Mission außer Zweifel steht, hatte sie Zugang zu einigen der unzugänglichsten und gefährlichsten Regionen der Welt, um deren Hilfsbedürftigsten zu helfen. Wie für die meisten NGOs hieß das auch für sie, sich mit den Regierungen vor Ort abzusprechen, um diese Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Genauso, wie sie mit der Hamas-Regierung von Gaza kommunizieren mussten, um den Zivilisten dort zu helfen, mussten sie das mit der Fatah auf der Westbank tun, mit al-Shabab in Somalia, der Militärjunta in Myanmar und so weiter. Oruc besteht unnachgiebig darauf, daß dies nicht bedeutet, daß die IHH eine dieser Regierungen unterstützt, und sagt weiter, daß jeder, der die Arbeit der IHH untersuchen würde, nichts weiter fände als großen Erfolg bei der Hilfe für Menschen in Situationen von Krieg, Armut und Naturkatastrophen wie Haiti, Indonesien und sogar bei den Nachwirkungen des Hurrikans Katrina in den USA. Er sagte mir auch, jeder könne jederzeit die Finanzen der IHH überprüfen: das Meiste komme von Spendern der Unter- und Mittelschicht, während der Rest durch Wochenmärkte, Auktionen für türkisches Kunsthandwerk und andere Kulturevents aufgebracht würde. Bedingt durch den Auftrag, den IHH sich selber gegeben hat, ist sie nicht an Regierungs- oder Wirtschaftsinteressen gebunden.
 
Wir müssen uns bewusst machen, daß ein Angriff auf die IHH ein Angriff auf alle humanitären Gruppen auf der ganzen Welt ist. Die Tatsache, dass die IHH eine der couragiertesten humanitären NGOs auf der ganzen Welt ist - ihre Mitarbeiter riskieren ihr Leben, indem sie an Orten wie Somalia arbeiten und die amerikanischen Schweinereien in Afghanistan und im Irak aufwischen - sollte unsere Politiker eher dazu veranlassen, ihnen zu danken, anstatt ihre ausgezeichnete Reputation in den Dreck zu ziehen. Die Bilanz der IHH spricht für sich, genau wie die Bilanz der Ankläger - ein Vergleich fällt nicht zu Gunsten der israelischen Regierung aus, und zwar dann, wenn man sich fragt, wer genau die Terroristen sind. (PK)
 
(1) http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=15239
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=15233
(2) Hierzu weitere Artikel im Schwerpunkt dieser Augabe
(3) A.d.Ü.: hier ist der Brief
http://www.aipac.org/Publications/SourceMaterialsCongressionalAction/Senate_Letter_on_Flotilla.pdf

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Iaras Artikel ist am 16. Juli in der Huffington Post erschienen. Wir danken für die Genehmigung zur Übersetzung und Übernahme (Bild von uns eingefügt):
 
Ein weiterer Artikel in der NRhZ 260 wird sich damit beschäftigen, wer und was die Verwirrung ausgelöst hat, wer und was sie warum aufrecht erhält, und in welchen innenpolitischen Auseinandersetzungen in Deutschland und Österreich das Verbot und die Auseinandersetzungen darum als Munition gelten.
 
Iara Lee hat auch an dem Buch „Midnight on the Mavi Marmara“ mitgearbeitet, das von dem ambitionierten Verlag „OR-Books“ herausgegeben wird und ab dem 28. Juli versandt wird.
 
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Schauen Sie sich den kurzen Film an, den Cultures of Resistance gemacht hat. Love-Boat oder Haßdampfer? Ein Interview mit der IHH von Cultures of Resistance auf Vimeo.


Online-Flyer Nr. 259  vom 21.07.2010

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