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Aktueller Online-Flyer vom 03. Juli 2022  

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Aktuelles
Zehntausende verhindern Aufmarsch von Rechtsradikalen und Islamophobikern
Rheinfall für „Pro-Köln“
Von Christian Heinrici

Mehrere zehntausend Kölner und Angereiste demonstrierten am Samstag, den 20. September gegen den von der rechtsradikalen Gruppierung „Pro Köln“ geplanten „Anti-Islamisierungs-Kongress“, dessen Hauptkundgebung auf dem Kölner Heumarkt hätte stattfinden sollen. Doch nur rund dreißig Anhängern der rechten Bewegung war es gelungen, bis auf den Platz in der Kölner Altstadt vorzudringen, dank einer erfolgreichen Blockadestrategie der mehrheitlich friedlichen Demonstranten.

Kurz vor 12 Uhr mittags erwartete Manfred Rouhs, Fraktionsvorsitzender von „Pro-Köln“ noch „Tausend Teilnehmer“ für die Kundgebung auf dem Heumarkt. Doch nachdem Mario Borghezio, italienischer Europaabgeordneter der Lega Nord, der rechtskräftig verurteilt worden war, weil er Zelte, in denen Migranten lebten, angezündet hatte, zwei Takte einer Hetzrede gegen „Muselmanen“ und für das, was er mit „Freiheit“ verwechselt, herausgeschrieen hatte, musste der Strom auch schon wieder abgestellt werden. Die Polizei hatte das getan, was sie auch schon viel früher hätte tun können: Sie hatte die Kundgebung verboten.

Kleines Grüppchen Rechtsradikaler auf dem Kölner Heumarkt
Wirkt etwas verunsichert, das kleine
Grüppchen „Volksgenossen“ auf dem
Kölner Heumarkt | Foto: H-D Hey
Man könne für die Sicherheit der Bürger nicht mehr garantieren, ließen die Beamten verlauten, wobei allerdings unklar blieb, wer letztendlich vor wem geschützt werden musste. Außerdem sei ihnen kein Konzept vorgelegt worden, wie die Anhänger Pro-Kölns denn überhaupt zum Heumarkt anreisen wollten, erklärte Wolfgang Baldes, Pressesprecher der Kölner Polizei, und zeigte sich sichtlich missmutig über die Mischung aus mangelnder Organisation und fehlendem Kooperationswillen. Gerade vom rechten Rand hätte man doch ein wenig mehr „Sauberkeit“, „Ordnung“ und „Treue“ zum Staat und seinen Dienern erwarten können, möchte man hinzufügen. Stattdessen schäumte die politische Führung der selbsternannten Bürgerbewegung vor Wut und drohte Polizeipräsident Steffenhagen und OB Fritz Schramma mit Anzeigen.

Auch im Vorfeld hatte sich die Kölner Polizei in Briefen an die Bevölkerung scharf von dem „Rassisten-Kongress“ distanziert, und der war nun endgültig in die Hose gegangen. Vor allem natürlich dank des beherzten und unermüdlichen Engagements der Kölner Bürger und zahlreicher auswärtiger Demonstranten, die eigens zu dem „Kongress“, der nicht stattfinden sollte, angereist waren.

Nur ein laues, braunes Lüftchen über dem Heumarkt

„Alle geplanten Aktionen von ‚Pro Köln’ wurden in den zwei Tagen durch unsere Aktionen zivilen Ungehorsams verhindert. Bereits um 10 Uhr morgens standen am 20.9. die Blockaden rund um Heumarkt. Kein  ‚Pro Köln’- Funktionär, kein hochrangiger europäischer Rassist und kein Sympathisant von ,Pro Köln' kam mehr durch zum Heumarkt. Die 30 Leute, die es trotzdem schafften, ließen wir, nachdem die Polizei ihre Veranstaltung verboten hatte, um 16 Uhr abziehen. Wir und die Polizei hoben Blockaden und Sperren auf. Das Arsch-Huh Konzert ging zu Ende und eigentlich wollten alle auf dem geräumten Heumarkt nur noch den Erfolg feiern.“, erklärte Reiner Schmidt von der Interventionistischen Linken und Mitorganisator der Blockadeaktionen.

Friedliches Blockade-Batallion in einer Kölner Altstadtgasse Foto: Hans-Dieter Hey
Friedliches Blockade-Batallion in einer Kölner Altstadtgasse
Foto: Hans-Dieter Hey

Ein- bis zweihundert Anhänger von Pro-Köln, des rechts-konservativen Hetz-Blogs „Politically Incorrect“ und anderer rassistischer Vereinigungen wurden am S-Bahnhof des Köln-Bonner Flughafens festgehalten, weil mutige Demonstranten die Gleise in Deutz besetzt hielten. Unter den Festgesetzten waren auch „Pro Köln“-Chef Markus Beisicht, der Ex-CDUler und Rechtspopulist Henry Nitzsche sowie der österreichische EU-Parlamentarier Andreas Mölzer, der sich, obwohl die „biologische Potenz der Deutschen“ doch immer stark gewesen sei, vehement vor einer sogenannten „Umvolkung“ fürchtet. Da weiß man doch direkt, wofür und dass die Blockaden gut gewesen sind.

Doch noch einige weitere zivilcouragierte Kölner Bürger waren früher aufgestanden: Am Samstagmorgen hatten einige Kölner Veedel wie leergefegt gewirkt, und so war es nicht verwunderlich, den Roncalliplatz auf der Rückseite des Doms bis zum Rand gefüllt zu finden.

Heinrich Pachl Foto Christian Heinrici
Heinrich Pachl: Für Köln nur mit             
„Rouhs“-Filter | Foto: C. Heinrici
Der stadtbekannte Kabarettist Heinrich Pachl moderierte die Veranstaltung auf der DGB-Bühne gekonnt, lässig und spontan: „Moby Dick, der weiße Wal, der gejagt wurde...“ ging der Träger des deutschen Kabarettpreises auf die gescheiterte Dampferfahrt von „Pro-Köln“ auf dem Rhein ein: „Diese Geschichte muss umgeschrieben werden. Der weiße Wal, er wurde blau vor Angst und das ökologische Sinnen und Trachten, was wir oft im Fernsehen sehen, wenn Wale an Land wollen, hier hat man dem Wal gezeigt: Geh’ nicht an Land! Es bringt nichts, bleib auf dem Wasser! Wir kennen auch die Geschichte aus der Bibel von Jona, Jona im Bauch des Wals. Der Wal wollte Jona ausspucken, und er hat es auch geschafft, denn Jona war ein guter Mensch. Aber dieser Wal, der Moby Dick, er konnte seinen Inhalt gar nicht mehr ausspucken, er hatte sich an ihm verschluckt...“

Die Kölner zeigten an diesem Samstag Schulterschluss, und dem fügten sich auch die Vertreter des DGB, der Oberbürgermeister, Claudia Wörmann-Adam, Betriebsratsvorsitzende der Kölnmesse, die Vorsitzende des Katholikenausschusses Hannelore Bartscherer, und Ulrich Schneider vom VVN, der eine Grußbotschaft des Vorsitzenden des Internationalen Föderation der Résistance überbrachte.

Fritz Schramma auf dem Roncalliplatz Demo gegen rechts Foto: Christian Heinrici
Fritz Schramma gibt unzählige Interviews
Foto: Christian Heinrici
Fritz Schramma, gewohnt „volksnah“, aber mit ungewohnt klaren Worten, betonte, dass schließlich rund zehn Prozent der Kölnerinnen und Kölnern Muslime seien und sie einen Anspruch auf freie Religionsausübung hätten, selbstverständlich auch in angemessenem Rahmen, und weiter, wohl auch in Anspielung auf die Streitigkeiten in den „eigenen“ Reihen: „Und deshalb wird diese repräsentative Moschee in Ehrenfeld gebaut werden!“

Und nachdem der nach wie vor schwarze OB den Rechtsradikalen von „Pro-Köln“ die rote Karte gezeigt hatte, fand er noch mehr unverhüllte Worte: „Ausländerfeinde sind Menschenfeinde, und wer sich gegen unsere ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger stellt, der stellt sich auch gegen unsere Stadt. Köln ist nicht braun, das Braune gehört in die Kloschüssel, Köln ist bunt!“

Claudia Wörmann-Adam auf der DGB-Bühne Foto: Christian Heinrici
Claudia Wörmann-Adam                         
Foto: Christian Heinrici
Ebenso klar, doch auch gründlich in der Analyse, und wohl auch mit einem Seitenblick auf anwesende Stadtobere, forderte Claudia Wörmann-Adam: „Sorgt dafür, dass Kinder aus sozialschwachen Schichten und aus Migrantenfamilien so gefördert werden, dass sie in unserer Gesellschaft wirklich ankommen, dass sie Schulabschlüsse machen, dass sie Lehrstellen finden, dass sie studieren können! Das alles trägt dazu bei, Rechtsextremisten und Populisten die Grundlage zu entziehen – lasst den guten Reden endlich Taten folgen!“

Zur Tat schritten dann auch bald die Kundgebungsteilnehmer und zogen nur wenige hundert Meter weiter zum Gürzenich und zu den Blockaden rund um den Heumarkt – in einem Marsch, der für die Buntheit und Vielfalt der Metropole sicher repräsentativ ist: Linke politische Gruppierungen und Parteien,  Migrantenorganisationen, Frauengruppen gegen Gewalt, LGBT- und Gewerkschaftsgruppen sowie viele Einzelne aber bewegte Kölner, die sehr fantasievoll, wie es nun einmal ihre Art ist, ihrem Protest Ausdruck verliehen: Gegen die braune Soße, die sich in ihrer Stadt breit machen will, gegen jede Form des Rassismus' und für die Vielfalt und den Dialog.

Die älteste Festhalle der Stadt Köln inspiriert, und so fügte es sich „kwasi janz natürlisch“, dass die Kölner an der Bühne der „Arsch Huh-AG“ am Gürzenich demonstrierten, doch genauso mit den vielen anwesenden Künstlern feierten: ihre Stadt, die seit mehr als zweitausend Jahren ein Schmelztiegel der Kulturen, Religionen, Orientierungen und Meinungen ist, sowie den Sieg über eine Gruppierung Ewiggestriger, die an diesem Wochenende vielleicht ihre Selbstabschaffung einläutet hat – na dann, bis zum nächsten Mal!

ziemliche volle Kölner Altstadt Demozug zum Gürzenich Foto: Christian Heinrici
Demozug auf dem Weg zum Gürzenich | Foto: Christian Heinrici

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