NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 13. August 2026  

zurück  
Druckversion

Kommentar
Besprechung des Dokumentarfilms "Nord Stream - Die Sprengung"
Mit Schwachstelle trotz großer Detailfülle und hervorragender Auswahl der Interviewpartner
Von Freidenker-Landesverband Berlin

Als Pluspunkte sind die große Detailfülle (etwa eindrucksvolle Archivbilder von Newlands Treffen mit Großindustriellen von Chevron u.a. und die berühmte Aussage von Condoleezza Rice von 2014 über die Notwendigkeit, mehr Frackinggas nach Europa zu exportieren) und die hervorragende Auswahl der Interviewpartner zu nennen: ein ehemaliger CIA-Analyst, ein sehr gut unterrichteter schwedischer Ingenieur, ein renommierter bayerischer Propagandaforscher und Dr. Werner Rügemer, General Kujat, der BPK-Journalist Florian Warweg (Nachdenkseiten, Ostdeutsche Allgemeine) sowie der bekannte Geopolitik- und Wirtschafts-Analyst Demostenes Floros.

Weiterer Vorteil des Dokumentarfilms ist, dass die Propagandamethoden ausführlich erklärt werden (covert story, covert operation etc.) und der Mechanismus der NATO-Kriegsdynamik sehr plastisch wird - auch mit Hinweisen auf einen drohenden, weiteren imperialistischen Weltkonflikt gegen Moskau Ende dieses Jahrzehnts.
 
Es gilt jedoch bei dieser sehenswerten Dokumentation hinzuweisen auf einen Fehler in einem der präsentierten Interviews: Der Professor aus Cambridge, der die Quelle von Seymour Hersh verifizierte, behauptet in einem gezeigten Interview, dass die Zerstörung der drei Stränge der Pipeline die Industrie "Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens" geschwächt hätte.

In Wahrheit waren allerdings insbesondere an Nord Stream 2 Deutschland, die Niederlande, Frankreich, Italien und Österreich direkt beteiligt.
Dies ist umso relevanter, als bekanntlich das Vereinigte Königreich im Unterschied zu Kontinentaleuropa, vor allem zu Deutschland/Holland/Österreich/Norditalien, schon vor 2022 weitgehend deindustrialisiert war. Die City of London und ihre Regierung ist bekanntlich überdies eine der Haupttriebfedern des antieurasischen Gefüges.
 
Überdies ist die präsentierte Stratfor-Analogie zum Ersten Weltkrieg irreführend; stattdessen besteht vielmehr eine relative Kontinuität seit der Ermordung des Außenministers Walther Rathenau im Juni 1922, woraufhin die atlantische Relegierung des Geistes von Rapallo mit voller Macht einsetzte sowie die nachfolgende, einhundertjährige deutsch-nordamerikanische Annäherung bzw. einseitige Westbindung (West-)Deutschlands.

Seitdem ist Deutschland schließlich Hauptspringer auf dem Schachbrett des US-Imperialismus in Europa wider Eurasia und gegen nationale sowie Volkssouveränität.

Die wichtige Kontinuitätslinie, die in puncto (west)deutsch-russische Energiepartnerschaft von Walther Rathenau (Vertrag von Rapallo 1922) über Willy Brandt und dessen Ostpolitik (Export rheinland-westfälischer Erdgasrohre in die UdSSR etc.) über Schmidt bis Schröder und Merkel ist in der Dokumentation nur auszugsweise angedeutet. Die Zwischenkriegszeit ist in Gänze ausgeblendet, die Pionierrolle des ehemaligen Spanienkämpfers Willy Brandt hinsichtlich der russisch-westdeutschen Energiekooperation im Geiste Rapallos wird nicht aufgezeigt. Dafür erscheint Schmidt, der in Wahrheit in Brandts Fußstapfen trat und die Energiepartnerschaft auf den Ölbereich ausdehnte, breit dargestellt als Opfer der US-Einflusspolitik Anfang der 1980er Jahre. Auch Schröder und Merkel werden anerkennend in dieser souveränen Tradition der eurasischen Energiepolitik erwähnt, nicht jedoch deren Ursprung: der Vertrag, den Bonn und Moskau im April 1922 in Rapallo besiegelten und worin sogar geregelt war, dass das sowjetische Erdöl mit der Hilfe deutscher Raffinerietechnologie verarbeitet werden sollte - zu einer Zeit, als Öl noch gar nicht der Hauptenergieträger war (bis in die 1950er Jahre galt Kohle als wichtigster Energieträger).

Zusätzlich zur Bagdad-Bahn, die in der Doku großen Raum einnimmt, hätte also diese Kontinuitätslinie (1922-2022) hervorgehoben werden können - oder an ihrer statt.

Online-Flyer Nr. 867  vom 12.08.2026

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FOTOGALERIE