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Globales
Schreiben an die Vorstände der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), 27. November 2022
Ausladung von Dr. Shir Hever
Von Prof. em. Dr. Georg Meggle

Liebe GEW-Kolleginnen & Kollegen, die Freiheit des Denkens und des Redens ist ein Wert an sich. Von ihr auch öffentlich Gebrauch zu machen, ist – auch in Demokratien – nicht leicht. Es ist etwas, was man regelrecht erst erlernen muss. Ob und was eine Bildungseinrichtung dazu beiträgt, sagt über diese Einrichtung dann schon fast alles. Kein Wunder also, dass die Förderung dieser Kompetenz in den Selbstdarstellungen aller Erziehungs- und Bildungsinstitutionen – vom Kindergarten bis zu den Universitäten – einen zentralen Stellenwert einnimmt.

Bisher hatte ich die GEW als eine Bewegung gesehen, die man an die Relevanz dieser Freiheiten nicht zu erinnern braucht. Jede Frau und jeder Mann etc. wusste, dass diese Freiheiten bei der GEW nicht nur bestens aufgehoben sind, dort vielmehr auch nach besten Kräften gefördert werden. Die kürzliche Absetzung eines Vortrags von Shir Hever durch die GEW-BW entzieht dieser Einschätzung den Boden. Erst recht gilt das für die Art und Weise, wie diese Absage erfolgt ist.

Dass die GEW so ihrer eigenen Reputation schadet, mag man als deren Problem ansehen. Nicht hinnehmbar ist jedoch der Schaden, den diese Gewerkschaft damit unserer Gesellschaft selbst zufügt. Wenn für die GEW – wie bei Shir Hever offenkundig der Fall – schon die Furcht vor einer sich auf die Menschenrechte stützenden kritischen Position hinreicht, um einen bereits angekündigten Vortrag abzusagen, wie glaubwürdig soll dann der Einsatz dieser Gewerkschaft in Sachen Bildung in unserer Gesellschaft fürderhin sein? Was kann die GEW gegen die auch bei uns zunehmend um sich greifende Cancel-Praxis à la McCarthy noch ins Feld führen, wenn sie jetzt beginnt, dieser Praxis selber zu folgen?

Leider weiß ich, wovon ich hier rede. Seit Noam Chomsky 2005 meine Leipziger Ringvorlesung DEUTSCHLAND/ISRAEL/PALÄSTINA eröffnet hat, sehe auch ich mich immer wieder als „Antisemit“ stigmatisiert. Der für eine solche Veranstaltung auch damals schon nötige Mut von Seiten einer Universität ist inzwischen nahezu gänzlich geschwunden. Kehren etwa auch an unseren Hochschulen die Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts wieder? Das würde mich – nach einigen weiteren Erfahrungen auf dieser akademischen Ebene – inzwischen kaum mehr wundern.

Die neue Entwicklung der GEW ist freilich noch sehr viel gravierender. Sie betrifft ja nicht nur die Hochschulen, vielmehr unser gesamtes Erziehungs- und Bildungssystem. Wenn auf das freie und offene Denken und Sprechen-Lernen schon auf den elementaren Ebenen (vom Kindergarten bis zu den Unis) kein Wert mehr gelegt wird, was kann dann von unserer zukünftigen Gesellschaft überhaupt noch erwartet werden?

Ich habe in dieser Causa Shir Hever von Seiten der GEW bisher keine Begründung für die besagte Vortragsabsage gehört. Eine oft genutztes Argument in solchen Situationen ist der Verweis auf einen Mangel an Ausgewogenheit. Ich möchte der GEW BW vorschlagen, zumindest von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen – und die beiden Herren Shir Hever und Michael Blum zu einer öffentlichen Disputation über ihre mit Sicherheit kontroversen Positionen einzuladen.

Mit kollegialen Grüßen
Ihr GM


Ich gebe dieses Schreiben über die mir zugänglichen Verteiler hiermit zur allgemeinen Kenntnisnahme frei.


Siehe auch:

Stellungnahme vom 11. November 2022
Vertuschung durch die GEW
Von Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost
NRhZ 802 vom 30.11.2022
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=28357

Online-Flyer Nr. 802  vom 30.11.2022

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