NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2021  

zurück  
Druckversion

Aktuelles
WANTED - Julian Assange, ein Leben
Folge 17: DIE SCHWEDISCHE AFFÄRE (August 2010)
Von Delphine Noels (Belgium4Assange) in Zusammenarbeit mit Marc Molitor, Pascale Vielle und Bogdan Zamfir - ins Deutsche übersetzt von Claudia Daseking

Ab Ende Oktober 2021 geht es in London wieder um den Antrag der USA auf Auslieferung von Wikileaks-Gründer Julian Assange. Am 27. Oktober 2021 wird das Berufungsgericht zum ersten Mal tagen. Die Zeit bis dahin begleitet die NRhZ mit einem CountDown von 34 Folgen über das Leben von Julian Assange. Sie wiederholt damit den Countdown von Belgium4Assange, der zum 4. Januar 2021 führte, als die britische Justiz ihr Urteil im Auslieferungsverfahren gegen Julian Assange in der ersten Instanz gesprochen hatte. Belgium4Assange schrieb dazu: "Was steht bei diesem Prozess auf dem Spiel? Inwiefern betrifft uns das persönlich? Schwierig, hierzu klare Vorstellungen zu haben, da so viele Falschmeldungen und Desinformationen kursieren... Tag für Tag zeichnen wir seinen Weg voller Überraschungen und Enthüllungen nach und richten den Blick auf die näheren Umstände einer der fundamentalsten Kämpfe unserer Zeit." (Auf der website pour.press auf Französisch nachzulesen). Hier jetzt Folge 17:


Am 11. August 2010 reist Julian Assange nach Stockholm, um an einem Seminar der Sozialdemokratischen Partei teilzunehmen. Er hat einen Vortrag mit dem Titel "Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit" vorbereitet. Er möchte die Gelegenheit nutzen, eine Aufenthaltserlaubnis für Schweden zu beantragen, Arbeit zu finden und die Möglichkeit zu prüfen, ob Schweden eine Alternative zum isländischen Informationsparadies wird - das für seinen Geschmack nicht schnell genug vorangeht. Er beabsichtigt auch, den Datenbunker von „Pionen-White Mountain“ zu besuchen, einem ehemaligen Luftschutzbunker des Zweiten Weltkriegs, der von der Firma Banhof in einen riesigen Internet-Hosting-Bunker umgewandelt wurde, in dem sich mehrere WikiLeaks-Server befinden.

Bei seiner Ankunft wird er unangenehm davon überrascht, dass seine Kreditkarten von amerikanischen Diensten gesperrt wurden, so dass er finanziell von seinen Gastgebern abhängig ist, in einem Land, in dem er nur wenige sichere Kontakte hat und dessen Sprache er nicht spricht. Darüber hinaus erreichen ihn besorgniserregende Informationen: Innerhalb des Pentagons wurde eine "Wikileaks Task Force" (auch Wikileaks War Room genannt) eingerichtet. Das ist ein Team von 120 Personen, die streng geheim arbeiten, um Julian und sein Team zu vernichten und die Wikileaks-Website um jeden Preis zu zerstören (siehe WANTED 13/ 34), einschließlich der Zerstörung von Assanges Leumund (Rufmord - character assasination).

Julian trifft tausend Vorsichtsmaßnahmen: "Mir waren die - öffentlich verkündeten - Versuche bekannt, jede meiner Bewegungen zu verfolgen. Ich habe eine Reihe von Maßnahmen zur Risikoreduktion angewendet, einschließlich des Vertrauens auf den guten Willen meiner Freunde und ihres Umfelds, meine Reisen und Kommunikation vertraulich zu behandeln". Als Julians Freund, der Journalist Böstrom ihn jedoch vor der Gefahr warnt, in eine "Liebesfalle" (honey trap) zu geraten, weigert sich Julian, so etwas zu glauben ... Im Laufe dieser Reise wird er zwei One Night Stands haben.

"A", eine feministische Aktivistin, Mitglied des christlichen Flügels der Sozialdemokratischen Partei, hat Julian nach Schweden eingeladen. Sie wollte ihr Apartment in Södermalm räumen, um es Julian zur Verfügung zu stellen. Aber eines Abends kommt sie unerwartet nach Hause und sorgt sich, wie viel Arbeit sie noch für das Seminar zu tun hat. Laut einer Quelle der Polizei: „Sie diskutierten und beschlossen, dass es gut wäre, den Wohnraum zu teilen, dann gingen sie zusammen essen. Als sie zurückkamen, hatten sie Sex, aber sie hatten ein Problem mit dem Kondom, das kaputt ging“.

Julian trifft in Stockholm auch eine zweite Frau, "B". B erklärte, wie sie während der afghanischen Leaks (siehe Wanted 16/34) ein Fernsehinterview mit Assange sah, der sie sofort faszinierte. In den nächsten zwei Wochen las sie im Internet alles, was sie über ihn und seine Aktivitäten finden konnte. Als sie herausfand, dass er nach Schweden kommen würde, schickte sie eine E-Mail an die Seminarorganisatoren, um ihre Hilfe anzubieten - was abgelehnt wurde.

Was dan passierte, erinnert an das Treffen eines Groupies mit ihrem Rockstar. Nach B's Aussage zog sie sich einem pinkfarbenen Kaschmirpulli an, um Assanges Blick auf sich zu ziehen und setzte sich in die erste Reihe. Sie stellt sich als Freiwillige für die Organisation vor und macht sich auf die Suche nach einem Computerkabel, um ihm zu helfen. Nach Julians Vortrag lädt sie sich zum Teammittagessen in ein bescheidenes Restaurant namens Bistro Bohême mit ein. Sie bietet Julian dann an, ihn zum Naturhistorischen Museum mitzunehmen, wo sie arbeitet. Dort besuchen sie "Deep Sea", einen Kurzfilm über den Ozean. Irgendwann bewegen sie sich in die letzte Reihe, wo sie intensive Küsse und Umarmungen austauschen.

Auf Wunsch von B sahen sie sich am 16. wieder. Auf dem Weg zu ihrem Haus verbringt Julian die 45-minütige Reise mit seinem Laptop und recherchiert nach Informationen über US-Aussagen über ihn. "Er hat dem Computer mehr Aufmerksamkeit geschenkt als mir", sagte sie bitter. Es ist dunkel, als sie in ihrem Vorort ankommen und die Atmosphäre zwischen ihnen hat sich abgekühlt. "Die Leidenschaft und Anziehungskraft schien verschwunden zu sein", wird sie sagen. Sie haben trotzdem mehrmals in dieser Nacht Sex, dann wieder am nächsten Tag, nach dem Frühstück, diesmal ohne Kondom und während sie "halb schläft". Sie scherzen dann, indem sie sich den Namen ihres zukünftigen Sohnes vorstellen, wenn sie schwanger geworden wäre. "Afghanistan" antwortete Julian im Scherz. Sie trennen sich freundschaftlich und sie bezahlt Julians Rückfahrkarte.

Diese Ereignisse scheinen die beiden Frauen nicht zu sehr zu stören. In den nächsten Tagen haben sie weiterhin mit Assange Kontakt und schreiben in SMS mit anderen Leuten sogar, wie sie sich darüber freuen. Aber als B ihn fragte, ob er sie anrufen würde, antwortete Julian: "Ja, das werde ich" ... was er nicht tun wird - laut Julian wird der folgende Telefonkontakt unterbrochen, weil ihm das Budget ausgeht.

B ruft dann A an, die sie während des Seminars kennengelernt hatte. Die jungen Frauen stellen fest, dass sie beide Julians Charme erlegen sind. Das Thema ungeschützter Geschlechtsverkehr lässt sie eine Ansteckung befürchten und am 20. August bittet B Julian, einen Test zu machen. Julian sagt, er habe sich bereiterklärt, den Test am nächsten Tag, einem Samstag, machen zu lassen - aber am Wochenende waren die Testzentren geschlossen - und am nächsten Tag, als er aufwachte, habe er erstaunt erfahren, dass inzwischen Voruntersuchungen gegen ihn liefen wegen Verdachts auf ein Sexualverbrechen.

Laut Darlegung des Sachverhalts, wie 2011 von allen Parteien vor dem britischen High Court of Justice bestätigt wurde, beschlossen die beiden jungen Frauen tatsächlich schon am Freitag, dem 20. August, nachmittags, auf eine Polizeistation zu gehen, um, wie aus dem Polizeibericht hervorgeht, zu erfahren, wie sie Julian dazu bringen können, den HIV-Test zu machen. Dieser Besuch auf der Polizeistation wird jedoch am selben Abend von der Staatsanwaltschaft als Beschwerde behandelt, und er wird zur Fahndung ausgeschrieben, obwohl keine von beiden Julian Assange beschuldigt oder beschuldigen wollte. Innerhalb weniger Stunden wird der Premierminister alarmiert. Eine Boulevardzeitung wird durch absichtliche Leaks der Staatsanwaltschaft informiert und veröffentlicht die Informationen über die "Vergewaltigung" während der Nacht. Schnell verbreitete sich das Gerücht auf der ganzen Welt, dass Julian Assange ein Vergewaltiger ist ...

Sobald er die Nachricht hört, stellt sich Assange den schwedischen Behörden und führt den Test ohne Zögern durch. Seine Bekanntheit führte dazu, dass der Fall von der Stockholmer Generalstaatsanwältin Eva Finne übernommen wurde, die nach Lesen der drei Erklärungen den Fahndungsbefehl gegen Julian innerhalb von vierundzwanzig Stunden aufhebt und am 25. August die Untersuchungen abschließt.

Eine Woche später jedoch eröffnet Marianne Ny, Generalstaatsanwältin, ohne neue Informationen erneut eine Voruntersuchung, um das Verbrechen des "Überraschungssex" zu untersuchen, eine Straftat, die nur in Schweden besteht und die mit einer Geldstrafe von 546 Euro bestraft wird. Julian verlängert seinen Aufenthalt in Schweden um fünf Wochen, um an den Ermittlungen mitzuarbeiten (Anhörungen, Aussagen usw.). Als er das Land am 27. September verlässt, tut er das in gutem Glauben und mit der Genehmigung von Marianne Ny…

Doch im September 2010 ist die schwedische Affäre in vollem Gange. Jahrelang wird sie Julian Assange durch den Schlamm ziehen und sein öffentliches Image zerstören. Sie wird hinter der Erteilung eines von Marianne Ny gegen ihn erlassenen europäischen Haftbefehls stehen, hinter seiner Zuflucht in der ecuadorianischen Botschaft in London, hinter seiner Verhaftung und seiner Inhaftierung in Belmarsh.

Der von Wikileaks und Assange beauftragte UN-Sonderberichterstatter über Folter (vollständige Bezeichnung: Special Rapporteur on Torture and Other Cruel, Inhuman or Degrading Treatment or Punishment), Nils Melzer, widmete der gerichtlichen Situation von Julian Assange eine lange Untersuchung. In dem spezifischen Kapitel der schwedischen Episode brachte er viele Anomalien und Unregelmäßigkeiten im Verfahren ans Licht. Er sagte insbesondere: "Ich spreche fließend Schwedisch und konnte die Originaldokumente lesen. Ich traute meinen Augen kaum: Nach Aussage der betreffenden Frau hatte es nie eine Vergewaltigung gegeben. Und nicht nur das: Das Zeugnis der Frau wurde dann von der Stockholmer Polizei ohne ihre Beteiligung geändert, um irgendwie auf eine mögliche Vergewaltigung hinzuweisen. Ich habe alle Dokumente in meinem Besitz, die E-Mails, die SMS. (…) Noch aus der Polizeistation schreibt sie einer Freundin eine SMS und sagt, sie wolle Assange gar nicht beschuldigen, sondern wolle nur, dass er einen HIV-Test mache, aber die Polizei wolle ihn ganz offensichtlich „in die Finger kriegen“.(...) Trotzdem erscheint zwei Stunden später im „Expressen“, einer schwedischen Boulevardzeitung, die Titel-Schlagzeile: Julian Assange werde der doppelten Vergewaltigung verdächtigt.“
 
Im November 2019 schließt Schweden den Fall ohne weitere Maßnahmen offiziell ab. Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass dieses Verfahren - anders als von mehreren großen Medien beschrieben - nicht über die Voruntersuchungssphase hinausgegangen ist und dass Julian Assange niemals einer Straftat beschuldigt wurde! Er wurde daher nicht "angeklagt".

Dies war Folge 17 der Serie Wanted, die Sie mitnimmt in die Herzkammer der Welt. Morgen geht es weiter mit den Enthüllungen, danke Chelsea Manning, und Happy Birthday!


Quellen:

The most dangerous man in the world, Andrew Fowler, Skyhorse Publishing, 2011
The unauthorized autobiography, Julian Assange, Canongate Books Ltd, 2011.

Erst 2020 kommt die Wahrheit ans Licht, dieses Interview erklärt alles:
https://www.republik.ch/2020/01/31/nils-melzer-spricht-ueber-wikileaks-gruender-julian-assange und auf Englisch
https://www.republik.ch/2020/01/31/nils-melzer-about-wikileaks-founder-julian-assange
… und wurde in Deutschland von vielen Medien aufgegriffen, hier die bemerkenswerte Heute-Journalsendung mit Marietta Slomka    ab 25:38
https://www.zdf.de/nachrichten/heute-journal/heute-journal-vom-5-februar-2020-100.html

Artikel des Daily Mail, der auf die Details der Affäre eingeht:
https://www.dailymail.co.uk/news/article-1307137/Supporters-dismissed-rape-accusations-WikiLeaks-founder-Julian-Assange--women-involved-tell-different-story.html

https://www.letemps.ch/monde/nils-melzer-accusatrices-dassange-ont-instrumentalisees-letat-suedois
https://www.pamelaandersonfoundation.org/news/2019/5/20/the-making-of-a-rapist-by-pamela-anderson
https://www.lexpress.fr/actualite/monde/le-fondateur-de-wikileaks-n-est-plus-recherche-pour-viol_913867.html
https://www.greanvillepost.com/2019/04/13/how-julian-assange-was-entrapped/
http://droit-public.ulb.ac.be/lart-de-la-fuite-les-coulisses-de-laffaire-assange/
https://www.levif.be/actualite/international/julian-assange-les-dessous-de-l-affaire-suedoise/article-normal-1138851.html
https://news.un.org/fr/story/2016/02/328692-la-detention-de-julian-assange-par-la-suede-et-le-royaume-uni-etait-arbitraire
https://www.ohchr.org/Documents/Issues/Detention/Opinions2015AUV/Opinion%202015%2054_Sweden_UK_Assange_AUV.pdf
Erklärung bei der Anhörung im EU-Parlament am 14.11. 2019 https://www.guengl.eu/events/journalism-is-not-a-crime-the-assange-extradition-case/
Pressekonferenz Nils Melzer am Sitz der Vereinten Nationen in New York am 31.05.2019 https://news.un.org/en/story/2019/05/1039581
https://www.lemonde.fr/technologies/article/2010/08/22/julian-assange-on-m-avait-mis-en-garde-contre-des-pieges-sexuels_1401540_651865.html

Zum Theam DATA BUNKER:
http://www.home-designing.com/2010/12/wikileaks-servers-sweden
https://assangefreedom.network/groups/
https://www.google.com/search?client=safari&rls=en&q=Su%C3%A8de+retire+charges+Assange&ie=UTF-8&oe=UTF-8
https://www.franceinter.fr/monde/de-quoi-julian-assange-est-il-accuse-en-suede-aux-etats-unis-en-grande-bretagne


Link zu Folge 16: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=27679
Link zu Folge 18: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=27681


Siehe auch:

In einer Zeit, in der unter dem Deckmantel der Gesundheitsvorsorge eine ungeahnte digitale Überwachungsstruktur etabliert wird, fehlt WikiLeaks
Julian Assange: dem kommenden Überwachungsregime trotzen!
Von Erich Sturm
NRhZ 777 vom 22.09.2021
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=27648

Online-Flyer Nr. 777  vom 08.10.2021

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FOTOGALERIE