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Aktueller Online-Flyer vom 27. Oktober 2020  

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Inland
Die Verordnung zur Maskenpflicht an Schulen in NRW steht in der Kritik
Kinder werden fahrlässig als Versuchsobjekte missbraucht
Dr. med. Karin Michael - interviewt von Anneliese Fikentscher

Seit Ausrufung der Corona-Pandemie durch die WHO steht die Welt Kopf. Viele ergriffene Maßnahmen in Deutschland wirken undurchdacht, wissenschaftlich unbegründet und für zu viele Menschen existentiell gefährdend, ja lebensbedrohlich. Unabhängig der Betrachtung, wie die stets "neu" auftretenden "Fälle" aufgrund hunderttausendfacher Testungen als real bedrohlich zu bewerten sind, geht es im NRhZ-Gespräch mit der Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Dr. Karin Michael, um die Frage, welche Auswirkungen das verordnete Maskentragen an Schulen in Nordrhein Westfalen auf die gesunde Entwicklung der Schutzbefohlenen hat.


Zur Erinnerung: "Liebe Kinder und Jugendliche, alle Spiel- und Bolzplätze sind leider ab sofort geschlossen... Das Betreten ist untersagt!" (Aufnahme vom 4. April 2020 in Köln - arbeiterfotografie.com)


Frau Dr. Michael, Sie haben am 4. August einen offenen Brief an die Bildungsministerin NRW, Frau Gebauer (FDP) gerichtet mit der Forderung, die Maskenpflicht an Schulen zurückzunehmen. Die Begründung lautet, es fehle "der Nachweis eines positiven Effekts Ihrer Maßnahmen und damit der Verhältnismäßigkeit", es fehle die wissenschaftliche Begründung und die Rechtsgrundlage. Was hat Sie als Fachärztin und Mutter zu diesem Schritt bewogen?

 
Es ist einfach so, dass ich die ganze Krise als Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin aus der Perspektive, was sie mit Kindern macht besonders beobachte. Das eine ist, dass ich bei Kindern und Jugendlichen beobachte, dass diese Erkrankung (Covid19) in der befürchteten Schwere nicht angekommen ist und dass es bisher auch keine Evidenz gibt, dass Kinder hier anders als bei den häufigen anderen Corona-Virusinfekten gefährdet wären. Zum anderen erlebe ich, was die Maßnahmen, die in dem Kontext ergriffen werden, mit Kindern machen, wie sie Leben und Entwicklung von Kindern durchaus beeinträchtigen.
 
 
In diesem Brief schildern Sie die aus den vorangegangenen Maßnahmen sich ergebenden "zunehmenden Angststörungen" bei Kindern und Jugendlichen. Was genau haben Sie in Ihrer Praxis beobachtet?
 
Die existenzielle Angst und Verunsicherung der Erwachsenen oder das Getrenntwerden von Großeltern, weil man ihnen den Tod bringen könnte, ist etwas, was manche Kinder sich sehr zu Herzen genommen haben. Von einem neunjährigen Mädchen, das so eine Trennung von ihrer Großmutter erleben musste, erfuhr ich, wie ihre Gedanken insbesondere abends immer wieder um den drohenden Tod der Großmutter kreisten und sie nicht mehr einschlafen ließen. Ein anderes Beispiel war ein Kind mit Waschzwängen in der Vorgeschichte, die sich eigentlich vollständig gebessert hatten. Durch die allseits präsenten Hygieneregeln kamen diese Zwänge mit voller Wucht zurück und wurden zusätzlich als Kontrollzwang auf die ganze Familie übertragen.. Auch erlebe ich, wie der natürliche Umgang mit ihrer Körperlichkeit völlig gestört wird. So etwas wie das vertrauensvolle Sich-untersuchen-lassen beim Kinderarzt wird korrumpiert. Da merke ich immer häufiger, dass Kinder sich deutlich schwerer berühren lassen, sie zucken zum Teil sogar zusammen, wenn man sie anfasst. Wir müssen ja medizinisch bedingt den Bauch untersuchen oder in den Mund schauen. Und für letzteres die Maske abzusetzen bedeutet inzwischen eine große Verunsicherung: was darf ich und was ist normal?

Je kleiner, desto weniger kann ein Kind das verstehen, und entsprechend erlebe ich immer häufiger mindestens eine tiefe Verunsicherung und teilweise schon regelrechte Verhaltensstörungen.
 

Haben Sie Kontakt zu Psychologen, die das noch tiefer gehend bewerten?
 
Ich habe in einem Seminar mit einem Kinder- und Jugendpsychiater zusammengearbeitet, der hat noch drastischer gewarnt vor der wachsenden Zahl solcher psychischen Folgestörungen wie Ängsten, Depressionen und Beziehungsstörungen.

Die sensiblen Kinder trifft es immer besonders hart. Es gibt ja immer Kinder mit starken Resilienzkräften (Widerstandskräften) und auch mit einer starken Umgebung. Aber die Kinder, wo die Umgebung auch geschwächt ist, sei es ökonomisch indem Eltern ihre Arbeit oder ihr Geschäft verlieren oder Eltern, die selber psychisch krank sind oder werden und so eine Krise nicht optimistisch überstehen können. Diese Familien-Schicksale berühren mich besonders.
 
 
Was sind Ihre Befürchtungen bei der Maskenverordnung NRW zu Schulbeginn nach den Sommerferien? Welche Beeinträchtigungen sehen Sie als besonderes gravierend an?
 
Es ist im schulischen Kontext so, dass man sagen könnte, Ängste, das könnte man vielleicht überwinden lernen. Man kann durch Aufklärung und therapeutische Gespräche wieder Sicherheit vermitteln, eine Schlafproblematik behandeln oder was sonst aufgetreten ist.

Aber eine nachhaltige Entwicklungsgefährdungen sehe ich beispielsweise dadurch, dass wenn im Alltag jetzt länger anhaltend Kindern die Mimik zwischen den Gleichaltrigen und mit den Lehrern nicht zur Verfügung steht, dass auch das Lernen beeinträchtigt wird.

Das ist ganz gravierend und leicht nachzuvollziehen bei Kindern mit Hörstörungen oder Sprachstörungen, dass sie sich schlechter verständigen können. Aber es ist auch bei jedem anderen Kind so, dass die Mimik immer mitspricht beim Kontakt mit Erwachsenen. Es bekommt bestätigende Blicke zugeworfen, ein Lächeln, einen kritischen, einen fragenden Blick, so dass es differenzierter korrigiert oder bestätigt wird. Kinder lesen am Gesicht des Gegenübers, suchen Orientierung und Lernen damit. Und ehe man wissenschaftlich überhaupt untersucht hat, was es bedeutet, wenn das alles plötzlich wegfällt, diese ganzen Nuancen der Emotionalität, die mitschwingen beim Lernen, setzt man es um. Das ist ein Punkt, wo Frau Gebauer meines Erachtens überhaupt keine Klarheit hat, was das längerfristig bedeutet, wenn man über Monate Kindern diese Unmittelbarkeit der Beziehung nicht zur Verfügung stellt. Es gibt keine angemessene Nutzen-Risiko-Abwägung zu diesen Alltagsmasken bei Kindern. Und damit werden sie fahrlässig als Versuchsobjekte missbraucht.
 
 
Das sind überwiegend seelische Aspekte wenn ich das richtig verstehe?
 
Das sind emotionale und auch kognitive (Erkenntnis bezogene) Aspekte. Aus Forschungen an der Hippocampusregion im Gehirn weiß man, dass die Wichtung von Lerninhalten an die Emotionalität gebunden ist. Und der Ausdruck des Lehrers, wie er etwas ganz eindringlich vermittelt, da macht ja oft der ganze Gesichtsausdruck mit, und das vermittelt dem Schüler wie er Dinge verankert oder gewichtet.
 
 
Das spricht auch eindeutig gegen einen rein digitalen Unterricht oder einen zu hohen Anteil daran?
 
Je komplexer eine Wahrnehmung ist, desto intensiver nehmen wir sie auf und erinnern sie. Es spielt also eine große Rolle, ob wir etwas nur sehen oder nur hören, oder sehen und hören und sogar noch mit anderen Eindrücken wie z. B. Gerüchen verbinden. Insofern: je lebendiger der Kontext ist, in dem Kinder lernen und je intensiver Sinneswahrnehmungen auf allen Ebenen sind – und da gibt es sehr schöne Forschung dazu – desto intensiver nehmen wir auf. Und je mehr man andererseits Wahrnehmungen vereinseitigt, desto schwieriger wird es, sie zu verankern.
 
 
Dann gibt es auf der anderen Seite aber auch die physischen Aspekte, dass durch diesen behinderten Luftstrom oder durch die übermäßige Einatmung des eigenen Atems mit CO2-Gehalt auch die Sauerstoffzufuhr geringer ist und dadurch ein Leistungsabfall stattfindet?
 
Das muss man gut differenzieren. Den Sauerstoffbedarf korrigiert der Mensch durch ein intensiveres Atmen relativ gut. Also ein Sauerstoffabfall durch Maskentragen ist nicht das, was wir zuerst messen können. Da erhöht der Organismus sehr schnell die Atemaktivität und korrigiert das. Aber die CO2-Rückatmung, das haben Sie richtig angesprochen, das ist ein Problem, was tatsächlich bekannt ist und was – vorsichtig ausgedrückt – zu einer Minderung von Hirnfunktion führt und über die Zeit zu einer erhöhten Müdigkeit, Kopfschmerzen und Konzentrationsschwäche. Und was ich über Rückmeldungen von Schülern, die die Masken im Unterricht nun länger tragen müssen, erfahre, ist, dass sie eine erhöhte Frequenz von Kopfschmerzen und ausgeprägte Müdigkeit entwickeln.
 
 
Ist dieses schnellere Atmen denn völlig unbedenklich?
 
In diesem Maße ist es etwas, was der gesunde Körper kompensieren kann. Was aber jeder, der mit Maske schon mal drei Treppen hochgestiegen ist, nachvollziehen kann, ist, dass man körperlich deutlich weniger leistungsfähig ist. Also es gibt tatsächlich Schulen, in denen der Sportunterricht jetzt mit Maske durchgeführt wird, und das macht keinen Sinn. Dann sollten die Schüler besser ohne Maske im Wald oder durch den Park laufen gehen.
 
 
Das andere ist eine Frage der Dauer, also wenn Schüler sich sechs Stunden oder länger in der Schule aufhalten, vielleicht anschließend noch in der Betreuung oder in öffentlichen Verkehrsmitteln: wie sieht es da aus? Kann das zeitlich unbeschränkt verkraftet werden?
 
Das wäre etwas, wo es m.E. dringend Forschung bräuchte. Man müsste z. B. eine so genannte Blutgasanalyse nach zwei Stunden Maskentragen, nach vier oder nach sechs Stunden Maskentragen machen. Welche Pausen bräuchte es, damit es im Stoffwechsel keine Einschränkungen gibt? Ich weiß jetzt zufällig durch eine Krankenschwester, die nach ihrem Dienst eine Blutgasanalyse gemacht hat, dass man neben dem erwarteten CO2-Anstieg auch beobachten konnte, dass sie einen Wert erhöht hatte, der darauf hinwies, dass der Stoffwechsel beeinträchtigt war.


Das ist es ja, was Sie angemahnt haben gegenüber dem Ministerium, dass es keine genügende Evidenz und damit Basis für die Unbedenklichkeit der behördlichen Maßnahmen gegenüber Kindern und Jugendlichen gibt...
 
Wenn wir wissenschaftliche Studien machen in der Medizin, dann müssen wir die Unbedenklichkeit vorher belegt haben, und wenn sich auch nur zart Hinweise von gesundheitlichen Gefährdungen andeuten, dann würde uns kein Ethikrat erlauben, eine Studie umzusetzen. Mit den aktuellen Maßnahmen probiert man einfach aus und schaut sich hinterher an, wie gefährlich sie eigentlich sind.


In einer von Ihnen mitverfassten "Stellungnahme zur Situation von Kindern und Jugendlichen in der Corona-Pandemie 2020" der medizinisch-pädagogischen Arbeitsgruppe Witten Herdecke vom 15. Mai 2020 warnen Sie: "Jeder weitere Tag, an dem die Kinder diesem Ausnahmezustand ausgesetzt sind, gefährdet ihre Gesundheit, schwächt ihr Immunsystem und belastet unsere Zukunft." Darin empfehlen Sie u.a. "effektiven Mundnasenschutz nur für Lehrpersonal und Erzieherinnen mit erhöhtem Risiko" aber "nicht für gesunde Kinder und Jugendliche". In der heutigen Schulpraxis wird aber Umgekehrt verfahren: Kinder und Jugendliche sollen Masken tragen, Lehrer nicht. Was sagen Sie dazu?

 
So sollte es sein. Aufgrund der Feststellung, dass die Kinder ja in aller Regel nicht die Gefährdeten sind in dieser Situation, könnte man den Fokus sehr viel mehr darauf setzen, dass nur diejenigen, die als gefährdet gelten oder Kontaktpersonen von Gefährdeten sind, dass man die schützt mit adäquaten Maßnahmen und (mindestens FFP2-) Masken. Die anderen Kinder hingegen sollte man psychoimmunologisch stärken, indem man ihnen sagt, dass, selbst wenn sie erkranken würden, es für sie kaum ein Problem wäre, denn sie sind gesund und widerstandsfähig. Und wenn man – und das ist ja heutzutage gar nichts Besonderes mehr - erklärt, wie die Psyche und die Zuversicht in Bezug auf eine Erkrankung wirken, dann beeinflusst man natürlich auch die immunologische Kompetenz. Es gibt ja heute auch die Psychoonkologie, weil man weiß, dass der Optimismus auch in Bezug auf eine onkologische Erkrankung relevant ist und er hat sogar einen realen Effekt auf das Überleben. Also das sind jetzt gar keine abgefahrenen Sachen, die ich mir da vorstelle, sondern ist etwas, was man konkret weiß. Menschen mit Depressionen und Ängsten sind immunologisch geschwächter gegenüber optimistischen, positiven und so weiter. Und das gilt natürlich genauso für Kinder. Man kann – und das haben wir in unseren Schutzempfehlungen ausgearbeitet – durchaus ein Konzept machen, in dem man das umdreht, dass nicht alle irgendwelche Masken tragen, sondern lieber die, die wirklich gefährdet sind oder in einem Gefährdungskontext zu Hause leben, solche, die auch wirklich eine gesicherte Wirkung erzielen.


Diese von Ihnen erwähnte Schutzempfehlung haben Sie auch jetzt im August verfasst, und die kann man unterzeichnen. Auch da gibt es auch wieder eine längere Unterstützerliste ...
 
Ja, und das ist eine Schutzempfehlung, die ein Facharzt für Hygiene mit uns erarbeitet hat, und die auch von vielen Eltern, Lehrern und Ärzten gemeinsam unterstützt wird. Es gibt ja mittlerweile viel Spannung zwischen diesen Gruppen – und unsere Erklärung birgt hier das Potential für einen Konsens.
 
 
Wäre das nicht eine enorme Umkehrung, weil die gefährdeten Personen ja in einer wesentlich geringeren Zahl gegenüber den gesunden auftreten?
 
Ja, bei Kindern ist diese Zahl ja verschwindend und auch noch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, aber auch bei älteren Lehrern wäre mit unseren Schutzempfehlungen möglich, dass sie unter einem adäquaten Schutz dennoch unterrichten könnten, so wie andere Erwachsene, die auf engerem Raum zusammen arbeiten müssen ja auch durch Schutzmaßnahmen, Plexiglaswände, Masken, gute Raumbelüftung usw. ihre Arbeit weiter leisten können und müssen.
 

Jetzt ist es ja zur Zeit so, dass die Grundschüler im Freien auf dem Schulhof Masken tragen müssen...
 
Also dafür gibt es eine besonders geringe Evidenz, dass es Übertragungswege unter Kindern oder zwischen Kindern und Erwachsenen im Freien gibt. Bei einer Studie, die ich dazu gelesen habe, waren mehrere tausend Menschen infiziert, wo man die Infektionswege zurückverfolgt hat, und da war es nur bei einer einzigen Person fraglich, dass sie sich im Freien infiziert haben sollte.

Also im Freien und beim freien Spiel Kindern Masken aufzusetzen, kann ich weder wissenschaftlich nachvollziehen, noch erleben, warum das Sinn machen sollte.


Was macht das mit Kindern gerade im Freien, wenn sie sich draußen eigentlich erholen sollen?
 
Es schränkt natürlich zum einen die Atmung und Erholung deutlich ein, und zum anderen, beschränkt es jedes Spiel und jede Beziehungsentwicklung. Das heißt, Kinder werden sich in deutlich geringem Maße körperlich betätigen. Und das verursacht die entsprechenden gesundheitlichen Probleme.
 
 
Lässt sich das als alarmierend bezeichnen?
 
Es ist auf jeden Fall Besorgnis erregend, wenn man sich anschaut, wie wichtig körperliche Bewegung bei Kindern im Verhältnis zu Wachstum und adäquater Gewichtszunahme oder Übergewichtsentwicklung ist, was ja ohnehin ein riesiges Gesundheitsproblem und Thema in unserer Gesellschaft ist. Wenn man jetzt die sportlichen Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche auch noch einschränkt, indem man ihnen Atemeinschränkungen gibt – das geht für meine Begriffe überhaupt nicht. Und das ist es auch, was ich an der Stelle mit „unverhältnismäßig“ betiteln würde.
 
 
Es ist eine Grunderkenntnis, dass Bewegung und Begegnung für Kinder von entscheidender Bedeutung sind. Also was über Monate schon stark eingeschränkt war... (in Spanien sogar mit Ausgehverboten – kein Licht, keine Luft und keine Kontakte – auch für Kinder...)
 
Ja, es ist heute eindeutig klar, dass Kinder Bewegung brauchen, und ebenso, dass Kinder Begegnung und Beziehung brauchen, das ist psychologisch und auch schon mit gesundem Menschenverstand klar zu begreifen.
 
 
Was sagen sie zur Problematik des Wechselns der Masken? Wie ist das überhaupt praktikabel? Diese Alltagsmasken müssen ja in regelmäßigen Abständen gewechselt werden. Ist das überhaupt gewährleistet? Die Kinder müssten mindestens dreimal an einem Unterrichtstag ihre Masken wechseln. Geschieht denn so was?
 
Erstens ist die Effektivität der Alltagsmasken sowieso schlecht belegt. Dann ist es so, dass man Angaben findet, dass sie wegen Durchfeuchtung bis zu alle 20 Minuten gewechselt werden müssten Und dann müsste man diesen Wechsel auch noch hygienisch vornehmen. Das heißt, wenn man eine gebrauchte Maske absetzt, müsste man danach eine Händereinigung von 20 bis 30 Sekunden machen und dann eine frische Maske anziehen. Diese Handhabung alleine ist so schwierig und so zeitintensiv, dass diese Handhabung von Alltagsmasken für das Gros der Kinder eigentlich unmöglich ist.
 
 
Mit formulierten Ausnahmesituationen in der Verordnung (z.B. aus medizinischen Gründen) schafft die Politik, schaffen die Politiker sich nach Ansicht vieler Juristen ein Schlupfloch, womit sie sich zu einem gewissen Teil aus ihrer Verantwortung ziehen können, wenn sie sagen, es steht ja drin, dass der Lehrer vor Ort oder die Erziehungsberechtigten darüber entscheiden können, ob ihr Kind eine Maske (ver)tragen kann. Andererseits: Wie können Kinder und Jugendliche den Gruppendruck (der teilweise durch Lehrpersonal gezielt ausgeübt wird) überhaupt aushalten?
 
Also diese Schlupflöcher, ob sie gut gemeint waren oder ob sie eine Absicherung sind, das möchte ich gar nicht bewerten, aber was sie auf jeden Fall tun, ist, dass sie das Ganze noch sehr viel unlogischer machen. Das erlebe ich bei meinen eigenen Kindern, dass sie von Unterricht zu Unterricht eine sehr individuelle Handhabung und Auslegung der Lehrer und Lehrerinnen erleben - das heißt jeder macht's anders. Von 'wir brauchen die Maske jetzt gerade gar nicht' bis 'wir brauchen die Maske durchgängig' ist alles zu haben. Und damit ist auch klar, dass die Sinnhaftigkeit ad absurdum geführt ist.
 
 
Es gibt deutschlandweit mahnende Stimmen. Einige sind sehr drastisch. Der Kinderarzt Steffen Rabe aus Bayern vertritt die Meinung "...Eine Maskenpflicht für Kinder bei COVID-19 ist – meiner fundierten kinderärztlichen Überzeugung nach – nicht mehr und nicht weniger als ein Verbrechen." Ebenfalls aus Bayern meldet sich Dr. Farr zur Wort, indem er die Schulpflicht des Bundeslandes der Fürsorgepflicht der Eltern gegenüberstellt. Letztendlich müssen doch die Eltern aufgrund ihrer Fürsorgepflicht entscheiden, ob sie ihren Kindern das zumuten können. In welchem Konflikt befinden wir uns da?
 
Ich fände gut, wenn wir allmählich wieder aus den Konflikten und emotionalen Überzeichnungen rauskommen dürfen und uns hinwenden zu dem, was maßvoll und sinnvoll ist. Ich hab jetzt an mehreren Stellen dargelegt, dass die Frage, was wirklich im Verhältnis steht, bedeutet: Achtsamkeit auf die, die vielleicht von dieser Erkrankung gefährdet sind. Auf diese Menschen müssen wir Rücksicht nehmen und sie mit geeignetem Schutz versehen. Und andersherum gibt es die Möglichkeit, dass man das Gros der gesunden Kinder und Jugendlichen von jeglichen Maßnahmen befreit, ohne die anderen zu gefährden. Auch bei den Größeren, wenn man das mit der Gruppenstabilität beachtet und wo sie Kontakt mit so genannten Risikopersonen haben usw., wenn man differenzierter hinschauen könnte, wie löse ich die Probleme einzelner, dann brauche ich auch weniger polemisch zu sagen 'die einen gefährden die anderen' oder 'das ist ein Verbrechen'. Mir geht es darum, dass man differenzierter vorgeht und damit die Gefährdungen durch die Maßnahmen aber auch die Gefährdung durch unterlassene Maßnahmen oder Alibimaßnahmen reduzieren könnte.
 
 
Was sagen Sie zu dem auf dem Jugendkanal "Funke" von ARD und 'ZDF kostenlos angebotenen Computerspiel 'Corona World' auf 'Browser Ballett', in dem "Corona-Leugner" und Virenträger in einen Topf geworfen und gejagt werden? Auch wenn Sie das "Spiel" nicht kennen, wie beurteilen Sie die gesellschaftlich aufgeheizte Stimmung gegen Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen (darunter Kleinst-Kinder)? Ich zitiere aus einem Pressebericht hierzu: "Virenschleudern! Mach sie platt!" heißt es im Werbevideo zum Spiel. Und wer sind all diese "Vollidioten" und "Virenschleudern"? Ganz klar, das sind "Jogger, Prepper, Partypeople" und – bitte festhalten – "hochinfektiöse kleine Kinder". … Pro zerdrücktem Kind bekommt der Spieler 150 Punkte. – Was halten sie von der Zuspitzung?

Zuspitzung trifft das nur sehr schwach. Das halte ich für eine gesellschaftliche Katastrophe, dass man solche Überzeichnungen überhaupt hervorbringt in so einer Krise. Wenn wir in Zukunft medizinisch wirklich einmal gemeinsam ein noch größeres Problem zu bewältigen haben, dann hab ich wirklich große Sorge. Das, was man Kindern hier beibringt an Misstrauen und auch Missachtung des anderen, und dass man andere Menschen beseitigen müsse, das halte ich tatsächlich für ein Verbrechen und auch für gefährlich.
 
 
Was für Reaktionen oder Antworten haben Sie auf Ihre Stellungnahme und den offenen Brief (direkt adressiert an die NRW-Ministerin Gebauer) erhalten? Was erwarten Sie von den Verantwortlichen?
 
Also zu allererst, was sehr, sehr bedauerlich ist: Ich habe von den Verantwortlichen gar keine Antwort oder Stellungnahme erfahren, weder von Herrn Laumann noch von Frau Gebauer noch von sonst einer offiziellen Stelle oder von einem Beauftragten. Ansonsten habe ich unglaublich viele Zuschriften erhalten – und ich würde sagen, fast alle Zuschriften sind positiv oder differenzierende Ergänzungen. Was mich auch sehr positiv stimmt, ist, dass man den Eindruck hat, auf diesem Boden kann man wieder in eine konstruktive Kommunikation gehen. Sehr wenig erfahre ich Kritik, die dann in aller Regel durch das, was an Polemik lebt, auch verständlich ist.

Also, die Menschen, die zutiefst verängstigt sind oder eine erhöhte Angst um einen Angehörigen haben, dass dort natürlich auch Kritik an jeglicher Lockerungsmaßnahme besteht, verstehe ich. Es geht mir darum, solche Ängste aufzunehmen und in eine differenziertere Haltung zu bringen.
 
 
Lässt sich sagen, Sie vertreten ein ganzheitliches Gesundheitskonzept, das neben dem Augenmerk auf die Krankheit besonders auf die Stärkung der Gesundheit gerichtet ist, also Salutogenese versus Pathogenese?
 
Ja, das ist mein Wunsch für Kindheit und Entwicklung, dass man die Seite der Salutogenese und der Psychoimmunologie stärkt. Und mit der Stärke, das ist etwas, was nicht nur Kindern guttut.
 
 
In Ihrem Offenen Brief deuten Sie an, ggfs. juristische Schritte einzuleiten. Davon sind Sie vorerst zurückgetreten. Warum?
 
Ich habe erfahren, dass in NRW Klagen wegen der Unverhältnismäßigkeit dieser Maßnahmen in mehreren Eilanträgen abschlägig beschieden wurden, und zwar ohne die Möglichkeit des Widerspruchs oder Einspruchs oder den Wechsel in eine höhere Instanz. So habe ich jetzt die letzte Hoffnung, dass in der Folgeverordnung (nach dem 31.8.2020) differenzierter vorgegangen wird. Deshalb hoffe ich nochmal, dass möglichst viele Menschen unsere "Schutzempfehlung" teilen und mit in die Diskussion einbringen, weil ich glaube, dass man sehr viel mehr Menschen und vor allen Dingen Kindern gerecht werden könnte, wenn man effektivere Schutzmaßnahmen für die, die sie nötig haben, einsetzt und andersrum insbesondere die gesunde Entwicklung von Kindern mehr schützt.

Das ist das, was ich unbedingt fordern will, dass man mit Bedacht diese Vorgehensweise spätestens jetzt ändert.
 
 
Als Fachärztinnen und -ärzte, Pädagoginnen und Pädagogen könnten Sie vor Gericht doch ein besonderes Gewicht in die Waagschale werfen?
 
Ja, das würde ich auch tun. Da gibt es auch Planungen in dieser Richtung. Für unsere Beobachtungen, dass Kinder kurzfristigen oder längerfristigen Schaden nehmen, werden wir auf all diesen Ebenen weiter bedenken, ob man juristische Schritte geht. Vor allen Dingen aber – was mir am wichtigsten ist – Aufklärung betreiben, damit man zu einem Einvernehmen kommen kann. Die Frage ist, ob man das alles vor Gericht klären muss oder ob es eine außergerichtliche Einigung geben kann, wenn man die Dinge sachlich anschauen dürfte. Da würde ich mich gerne als Beraterin zur Verfügung stellen. Aber auch wenn diese Krise weitergeht wird es für mich unverzeihlich sein, wenn man nicht endlich einen Blick auf das richtet, was das für Kinder heißt. Das ist meines Erachtens, so wie wir jetzt vorgehen, nicht zu tolerieren.

Wir sollten zumindest zu differenzierten Diskussionen übergehen und weg von diesem Ausmaß an Polemik und gesellschaftlichen Aggressionen, was sich in so einem Spiel, wie Sie es geschildert haben, dass man andere beseitigen oder gar vernichten müsste, ein zwischenmenschlicher Tonfall ist, den Deutschland nicht noch mal wieder auflegen darf.


Möglichkeit zur Mitzeichnung der Schutzempfehlungen für Schulen und Betreuungseinrichtungen in der Corona-Krise aus ärztlicher Sicht, verfaßt von Dr. med. Karin Michael (Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin), Nicola Fels (Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin) und Dr. med. Bart Maris (Facharzt für Frauenheilkunde) am 13.08.2020
https://mitzeichnung.jimdofree.com/


Siehe auch:

Offener Brief an die Ministerin für Schule und Bildung NRW, 04. August 2020
Kinder sind keine Versuchsobjekte!
Von ÄrztInnen, SozialarbeiterInnen und Lehrkräften
NRhZ 751 vom 12.08.2020
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26979

ARTIKELÜBERSICHT Corona-Manöver
Allen Spins und Hintergründen nachspüren
Von NRhZ-AutorInnen
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26721


Online-Flyer Nr. 752  vom 26.08.2020

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