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Aktueller Online-Flyer vom 19. August 2018  

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Arbeit und Soziales
Rede im Rahmen des Protests "Schwarzer Freitag" gegen "real" am Freitag, 13.7.2018
Schluss mit dem Horror bei Real!
Von Werner Rügemer (Vorstandsvorsitzender der "aktion ./. arbeitsunrecht")

Liebe Beschäftigte von Real, einige von Euch gehören noch zu den Glücklichen aus der Stammbelegschaft: Ihr zehrt noch vom so genannten „Zukunftstarifvertrag“. Den hatte Real 2016 mit der Gewerkschaft Verdi abgeschlossen. Die Metro AG versprach: Real solle saniert werden, bis 2019. Aber die Metro hat den Vertrag urplötzlich gekündigt. Vor Ablauf der Frist. Und so ganz glücklich seid Ihr damals ja auch gar nicht gewesen mit dem Zukunftstarifvertrag, denn Ihr musstet für Eure versprochene Zukunft verzichten auf Lohnsteigerungen und einen Teil des Urlaubs- und Weihnachtsgeldes. Dem haben viele von euch damals nur zähneknirschend zugestimmt – aus Angst, dass es noch schlimmer kommt. Einige von Euch gehören zu den Leiharbeitern und Leiharbeiterinnen, die von Firmen wie Mumme Personalservice und IBS Personalmanagement an Real verliehen werden, zu einem noch niedrigeren Lohn. Dabei dürfen Mumme und IBS euch höchstens 9 Monate lang an Real ausleihen. Damit umgehen die Real-Chefs um Metro-Vorstand Olaf Koch das Arbeitnehmer-Überlassungsgesetz, denn nach 9 Monaten müssten Leiharbeiter genauso bezahlt werden wie Festangestellte.


Werner Rügemer am Freitag, 13. Juli 2018, vor dem real-Supermarkt, Köln, Weißhausstraße (Fotos: arbeiterfotografie.com)

Einige von Euch gehören zu nochmal einer anderen Gruppe, nämlich den Werkvertraglern. Ihr werdet von so genannten Personaldienstleistern wie Kötter Services und Teamwork an Real geliefert. Ihr räumt zum Beispiel die Regale ein. Oder ihr putzt für Stubs Dienstleistungen bei Real. Auch ihr seid – wie die Leiharbeiter – offiziell gar nicht bei Real angestellt. Obwohl viele von euch fast ausschließlich dort arbeiten. Ihr bekommt wahrscheinlich noch weniger als die Leiharbeiter.

Der Arbeitshorror bei Real ist real!

Und das Elend soll noch weiter gehen. Die Metro AG hat den Zukunftstarifvertrag mit Verdi gekündigt. Jetzt stellt sich heraus: Der so genannte Zukunftstarifvertrag war nur ein Lockmittel, damit Ihr stillhaltet. Euer Verzicht hat den Eigentümern von Real über hundert Millionen Euro an Extra-Gewinnen eingebracht. Aber eure Zukunft wurde nicht gesichert. Im Gegenteil. Der Real-Vorstand hat einen noch schlechteren Tarif mit der gelben Scheingewerkschaft DHV abgeschlossen.

Dazu ist die Metro AG auch aus dem Handelsverband Deutschland HDE ausgetreten und ist in ihren eigenen Arbeitgeberverband eingetreten, mit dem umständlichen Namen „Unternehmervereinigung für Arbeitsbedingungen im Handel und Dienstleistungsgewerbe“, AHD. Da ist die Metro AG mit ihren verschiedenen Tochterunternehmen wie Saturn, Mediamarkt, cash & carry und Real mit sich selbst alleine. Die AHD wird von einem Metro-Manager geleitet, der hauptberuflich für die Kleinhaltung von Gewerkschaften und Betriebsräten zuständig ist: Jan Lessner-Sturm.

Das ist eine reale Schmieren-Komödie. Die Metro spielt Tarifverhandlungen mit zwei Handpuppen, die sie selbst bedient: Eine Schein-Gewerkschaft und ein selbstgebastelter Unternehmerverband. Für wie blöd halten die euch eigentlich?

Gleichzeitig hat Real alle 34.000 Festangestellten in 280 deutschen Filialen in die Real GmbH überführt. Der Name Real steht weiter auf der Fassade der Supermärkte. Für die Kunden ändert sich nichts. Aber für euch:
  • Für neu eingestellte Vollzeitbeschäftigte fängt der Lohn bei 1.630 Euro an, das sind 40 Prozent weniger.
  • Urlaubsgeld halbiert!
  • Weihnachtsgeld auf ein Viertel gekürzt.
  • Dafür aber die Arbeitszeit von 37,5 Stunden auf 40 Stunden pro Woche erhöht. Neueinstellungen nur noch befristet.
  • Möglichst viele Leiharbeiter.
  • Möglichst viele Werkvertragler.
Das ist eine ziemlich lange Liste an Grausamkeiten, wie ich finde. Das ist organisierte Tarifflucht!


Werner Rügemer am Freitag, 13. Juli 2018, vor dem real-Supermarkt, Köln, Weißhausstraße

Schauen wir uns die Handpuppen der Metro AG mal genauer an:

Der DHV gehört zum Christlichen Gewerkschaftsbund, einer Ansammlung von einem Dutzend gelber Organismen: Sie spielen sich als Gewerkschaften auf, biedern sich den Unternehmern an und bieten sich als Billiglohn-Abnicker feil.

Diese Schein-Gewerkschaften sind nicht christlich, sie sind unchristlich! Unbarmherzig stimmen sie Armutslöhnen zu und bereiten die Altersarmut vor.

Gottseidank hat das Bundesarbeitsgericht vor zwei Wochen geurteilt: Der DHV hat gar nicht nachgewiesen, dass er eine richtige Gewerkschaft ist. Es ist kaum zu glauben, dass er mit seinen paar Mitgliedern überhaupt streikfähig ist. Niemand weiß, wieviele Mitglieder oder Karteileichen der DHV hat. Deshalb muss das Landesarbeitsgericht Hamburg jetzt erstmal genauer hinschauen. Mal sehen, was dabei herauskommt. Doch wenn die einen verlieren, muss auch jemand gewinnen, oder?

Profit ist geraubter Lohn

Wer streicht die dicke Knete ein? Sahnt der Metro-Vorstand ab? Ja, aber nur zum Teil... Der Metro-Vorstandschef heißt Olaf Koch. Er war vorher – wie auch Metro-Finanzchef Christian Baier – bei der britischen Finanzheuschrecke Permira tätig. So hat Koch schon mal für sich die Bereicherungsmaschine angeworfen. Im Mai dieses Jahres kaufte er 90.000 Metro-Aktien. Die gut eine Million Euro für den Kaufpreis hatte er gerade über. Aus der Million sollte noch mehr werden. Durch die Ausbeutung der Beschäftigten sollte der Wert der Metro-Aktie weiter steigen. Das war der Plan. Doch momentan ist die Metro-Aktie im Sinkflug. Mir tut das nicht leid.

Herr Koch wird sehr gut bezahlt und er kann und darf dazu noch mit den Aktien des eigenen Unternehmens spekulieren. Aber er ist selbst als mutmaßlicher Multi-Millionär noch ein kleines Licht unter den Reichen. Koch ist abhängig von Leuten, die noch viel mehr aus den Metro-Unternehmen herauspressen wollen.

Koch und Finanzchef Baier und der Personalchef Heiko Hutmacher bekommen ihre Anweisungen von den Hauptaktionären der Metro AG. Wir reden hier von einem Konzern mit 9 Milliarden Umsatz, der weltweit aktiv ist. Nur ein Beispiel: In Hongkong betreibt Metro die Importfirma Metro Sourcing. Sie ist ständig auf der Suche, um in den asiatischen Niedrigstlohnländern immer neue Subunternehmer zu finden und von der noch heftigeren Ausbeutung der dortigen Beschäftigten zu profitieren.

Hitlers Machtübernahme: "Erlösung von dem Kommunismus"

Der Konzern hat 150.000 Beschäftigte weltweit. Die Gewinne aus deren Arbeit – jährlich über einer Milliarde Euro – landen zum Großteil bei drei Familien-Clans des alten Ruhrgebiets-Geldadels. Da sind an erster Stelle die 680 Mitglieder der Haniel-Familie. Sie gehört zu den 10 reichsten Familien Deutschlands. Die Haniels blicken auf eine düstere Geschichte zurück: Der Patriarch Karl Haniel begrüßte im Februar 1933 Hitlers Machtübernahme als „Erlösung von dem Kommunismus“.

An zweiter Stelle kassiert der Familienclan Schmidt-Ruthenbeck. An dritter Stelle kassieren die Erben von Otto Beisheim, eines ehemaligen SS-Scharführers in der Leibstandarte Adolf Hitler. Beisheim, Haniel, Schmidt und Ruthenbeck zogen ab 1963 die Metro-Märkte hoch.

Und wo wandert die Kohle dieser Ruhrbarone hin? Sie alle lieben die Finanzoase Schweiz. Die Schmidt-Ruthenbecks genießen dort ihr Leben, ihre Karl Schmidt-Stiftung genießt die Vorteile einer Familienstiftung in Zürich. Die beiden Beisheim-Vermögens-Stiftungen sind im kleinen Schweizer Städtchen Baar versteckt.

Die Metro-Großaktionäre schädigen die Bundesrepublik nicht nur mithilfe der Finanzoase Schweiz. Sie lassen sich vom geschädigten deutschen Gemeinwesen ihre Niedriglöhnerei auch noch subventionieren. Der Staat hat im Jahr 2017 allein 1,4 Milliarden Euro ausgegeben, um die Niedriglöhner im Einzelhandel am Laufen zu halten. 1,4 Milliarden für aufstockendes Hartz IV – damit die Profite von Metro und anderen ordentlich sprudeln.


Werner Rügemer am Freitag, 13. Juli 2018, vor dem real-Supermarkt, Köln, Weißhausstraße

Die Beschäftigten von Real haben also allen Grund, für ihre Rechte einzutreten. Geld ist da im Überfluss! Und auch Sie, liebe Kunden, die bei Real einkaufen: Setzen Sie sich dafür ein, dass die Beschäftigten von Real ordentlich bezahlt werden! Auch der Zoll muss hier mehr kontrollieren! Die Bundesregierung muss den Missbrauch und die systematische Umgehung ihrer Gesetze bestrafen und verhindern! In die Mottenkiste mit unchristlichen Schein-Gewerkschaften wie dem DHV! Deshalb rufen wir alle zusammen: Arbeitsrechte sind uns nicht egal! Schluss mit dem Horror bei Real!


Weitere Informationen:

aktion./.arbeitsunrecht
https://arbeitsunrecht.de

Aktion "Schwarzer Freitag" der "aktion./.arbeitsunrecht"
https://aktion.arbeitsunrecht.de/de/freitag13


Siehe auch:

Fotogalerie
"Schwarzer Freitag" für die Supermarkt-Kette "real" am 13.7.2018
Der Horror ist real
Von Arbeiterfotografie
NRhZ 668 vom 18.07.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25071

Video-GRUSS an die Leserinnen und Zuschauer der Neuen Rheinischen Zeitung
Macht mit! Protestiert gegen Scheintarife!
Von Werner Rügemer am Freitag, dem 13ten, vor "real"
NRhZ 668 vom 18.07.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25070

Video-GRUSS an die Leserinnen und Zuschauer der Neuen Rheinischen Zeitung
Die Sozialdemokratie wird wieder sozial!
"Der wahre Martin" am Freitag, dem 13ten, vor "real"
NRhZ 668 vom 18.07.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25072

Rede im Rahmen des Protests "Schwarzer Freitag" gegen "real" am Freitag, 13.7.2018
Unser aller Protest ist auch real!
Von Eva-Maria Zimmermann (AG Betrieb & Gewerkschaft in DIE LINKE. Köln)
NRhZ 668 vom 18.07.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25051

Online-Flyer Nr. 668  vom 18.07.2018

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