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Aktueller Online-Flyer vom 26. September 2018  

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Kultur und Wissen
Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP), Berlin, 8.-11.3.2018
50 Jahre weiter und nichts gelernt? Nachsitzen mit Margarete und Alexander Mitscherlich
Von Beate Brockmann

"Paralyse der Kritik: Gesellschaft ohne Opposition (Herbert Marcuse)" – so lautet der Titel des Kongresses, den die Neue Gesellschaft für Psychologie (NGfP) vom 8. bis 11. März 2018 in Berlin veranstaltet hat. Teil dieses Kongresses war die Session zum Thema "Widerständige Personen". Darin geht es um die Frage nach der Haltung von Individuen im gesellschaftlichen Handeln, ihrer Standhaftigkeit, ihrem Gewissen: Was bewirkt, wie entsteht individuelle Gesinnung im kollektiven Verhalten einer Gesellschaft, die in Interessenkonflikte, Klassen gespalten ist? Wie positioniert sich das Selbst, das sich konform oder widerständig behaupten kann im Mainstream oder bei Teilnahme an einer Opposition? Welche Rolle spielt das Subjekt in der Geschichte? Im Rahmen dieser Session hat Beate Brockmann ihren Vortrag gehalten. Die NRhZ dokumentiert ihn.

Ich lebe seit 20 Jahren nicht mehr in Deutschland, ich stelle die Fragen in zugespitzter Form zu einem historisches Ereignis auf Deutschland bezogen mit einem Blick von außen: Wie konnte es passieren: das faschistische Geschehen unter Hitler? Als sich Einzelne von jeder Moral, Konvention befreit fühlten zu morden geschützt vor schlechtem Gewissen durch die Erlaubnis der staatlichen Obrigkeit? Als sich eine deutsche soziale Bewegung mit Wir-Gefühl wie eine Meute (Elias Cannetti) gestattete, Verbrechen zu begehen als legitimer Akt und gerechtfertigt durch angeblich schicksalhafte Bestimmung? Als dann plötzlich durch Gegenwehr von außen der Spuk vorbei war, - der Einzelne sich konfrontiert sah mit wieder zivilisierteren sozialen Zwängen? Der Schalter von heut auf morgen umgeknipst wurde. Müssten nicht lange Schatten nachwirken, die bis heute spezifisch deutsche Eigenarten - auch Rigorositäten - im Umgang mit Politik und Gesellschaft nachvollziehbar machen? Die Opposition blockieren? Lethargie und politisches Desinteresse und Antikommunismus als Totschlagargument auslösen?

Ich erinnere an das Buch, das vor 50 Jahren Furore machte: Margarete und Alexander Mitscherlich veröffentlichten "Die Unfähigkeit zu trauern" 1967 in der jungen BRD. Sie diagnostizierten unter der deutschen Bevölkerung als Kollektiv einen herrschenden common sense, gehandhabt quasi wie ein Berührungstabu, nämlich die Verweigerung, sich ihrer Vergangenheit zu stellen bei rigoroser Abwehr von Schuld, Scham, Angst, Trauer und Verleugnung jeglicher Art emotionaler Bindung an das NS-Regime. Die Deutschen würden das faschistische Geschehen derealisieren, als nicht wirklich passiert im inneren Seelenapparat versenken wie in einer Krypta (Markus Brunner) in Anspielung an den deutschen Mythos vom Kyffhäuser, in dem Barbarossa für Schlafwandler auf seine Wiedererweckung wartet.

Das Buch der Mitscherlichs traf auf ein Westdeutschland, das sich extrem antikommunistisch (KPD-Verbot z.B.) aufgestellt hatte. Die Deutschen waren zwanghaft mit Wiederaufbau und sog. Wirtschaftswunder beschäftigt. Statt ihres geliebten, aber nun diskreditierten Führers Hitler himmelten sie den sog. way of life der USA an, die sich zunehmend deutlich als eigentliche Sieger des 2. Weltkrieges hervorschoben. Und die Deutschen bewunderten Adenauer als ihren Garanten im Jonglieren zwischen kaiserlich-preußischem Wir-Gefühl, faschistischen Altlasten, der Neuausrichtung Deutschlands als Speerspitze der USA gegen die Sowjetunion im sog. kalten krieg. Unterbizarrer Nicht-Anerkennung der Ergebnisse der Niederlage im heißen Weltkrieg - wie der Existenz der DDR, wie dem Verlust der deutschen Ostgebiete - glimmte im deutschen Morgengrauen die Vision eines Europa auf, für das Westdeutschland mit Hilfe des Schuldenerlasses monopolkapitalistische Industriekonzerne aus der Asche emporschießen lassen konnte - vorbei an England, Frankreich.

Die Einschätzungen der Mitscherlichs prallten auf eine beklemmende, geradezu obszöne (Leo Löwenthal) Atmosphäre. Nur Unbehagen blieb. Wenige Ausnahme-Persönlichkeiten schrieben gegen an, wie Ulrike Meinhof, Otto Köhler. Auch die Mitscherlichs stießen sofort auf Gegenwind. Der "Spiegel" schäumte, man fühlte sich ertappt. Alexander M. wurde seine Biografie vorgehalten, als Entlarvung gegen ihn gerichtet. A. und M. Mitscherlich waren leicht angreifbar in der damaligen Zeit, denn sie traten als widersprüchliche Persönlichkeiten in die Öffentlichkeit des eindeutigen geschlossenen Adenauer-Staats, auf dem dessen Nachfolger anbauten.

Dem studierten Sozialwissenschaftler und Arzt - zeitweilig auch Buchhändler - Alexander M. wurden während der Weimarer Republik Affinitäten zu dubiosen Figuren nachgesagt wie Ernst Jünger, Arnold Gehlen, Oswald Spengler, andererseits kam A. durch seinen akademischen Lehrer Victor von Weizsäcker mit der anthropologischen Orientierung der Medizin in Kontakt, bemerkenswert insofern, als die herrschende Medizin damals rassisch-biologisch ausgerichtet war. A.s Nähe zu Ernst Niekisch und der Zeitschrift "Widerstand", obwohl keinem sozialistischen Blatt, brachte ihm Verfolgung durch das NS-Regime ein. Zeitweise verhaftet, floh er schließlich nach Zürich.

Für seine Standesorganisation der Ärzte galt er nach Kriegsende als sog. Nicht-kommunistischer Gegner des Hitlerregimes und als Nicht-Jude unbelastet und somit geeignet, offiziell den Nürnberger Ärzte Prozess zu beobachten. Doch, statt - wie von der Standesorganisation erwünscht - die ärztlichen Kollegen reinzuwaschen, berichtete A. ungeschminkt von den Verbrechen seiner Zunft und wurde demzufolge als Nestbeschmutzer diffamiert und wurden seine Bücher torpediert. Margarete Nielsen-M. wuchs als Mädchen schon mit Widersprüchen auf: in Nordschleswig, das mal zu Dänemark, mal zu Deutschland gehörte, als Tochter einer deutschen Mutter, Hitleranhängerin, und eines dänischen Vaters, der Hitler verachtete. Als die Mediziner, M. und A. Mitscherlich, ihr gemeinsames Buch herausbrachten, hatten beide also schon Lebenserfahrungen im Ausland hinter sich: A. in der Schweiz, M. zusätzlich zu Dänemark bei einem längeren Studienaufenthalt in London. Sie erlaubten sich einen Blick von außen auf Deutschland.

Einschub: Definition "Deutsche":
  • damals bezogen auf West-Deutschland/BRD. DDR-Bürger wären einen Exkurs wert, der hier nicht geleistet werden kann.
  • auf damals wie heute bezogen schlage ich pragmatisch vor: Deutsche sind alle diejenigen, die Träger eines in Deutschland ausgestellten Personalausweises oder Reisepasses sind.

Das Buch der Mitscherlichs löste nicht nur Unruhe aus, es wurde auch ergänzend zu Markuse, Adorno, Abendroth und Marx/Engels gelesen und beflügelte die sog. 68er und die APO: So auch mich auf meinem elitären Gymnasium, wo wir Brecht, Dürrenmatt, Freud, Weiß in Deutsch und Philosophie durchnahmen, aber in Geschichte nur bis Bismarck kamen und in Mathematik und Physik von SS-Lehrern drangsaliert wurden.

Meine APO war in Hamburg-Bergedorf aktiv, aus ihr gingen Persönlichkeiten hervor:
  • Heike Gohl, Tochter vom KPD-Bürgerschaftsabgeordneten und antifaschistischem Widerstandskämpfer Walter Möller, Volks- und Realschul-Lehrerin. An Heike G. wurde mit einem Hamburger Senatsbeschluss 1971 das allererste Berufsverbot exekutiert.
  • Christa Eckes, aus großbürgerlichem Elternhaus, damals Schulsprecherin des Bergedorfer Mädchengymnasiums, schloss sich später der RAF an.
  • Doris Gercke wurde Funktionärin der DKP, bevor sie Bella Block als widerspenstige Polizistin erfand und sich als Autorin gesellschaftskritischer Kriminalromane einen Namen machte.
  • Thomas Ebermann, wie Degenhard einst sang "spiel nicht mit den Schmuddelkindern", war Th. E. eins von ihnen, doch entwickelte er sich im APO-BALZ, dem Bergedorfer Arbeiter- und Lehrlingszentrum, späteren K-Gruppen und machte Karriere bei den jungen Grünen als Bürgerschafts- und Bundestagsabgeordneter, bis er als Publizist ("konkret") mit antideutscher Tendenz und Kulturschaffender (Polit-Theater) bekannt wurde.

Wir saugten damals die Behauptung der Mitscherlichs über die Deutschen: unsere Eltern, Grosseltern, Onkel, Tanten, sich nicht mit ihrem Leben im Faschismus auseinandersetzen zu wollen, geradezu auf. Die verstockte, bleierne Zeit der 50er, 60er Jahre, die Tabus, die Ressentiments, die Lügen, das Schweigen, mit dem wir heranwuchsen, wurde für uns aufgebrochen. Wir bemühten uns zu verstehen und zu vergewissern mit fundierter, oft auch unbeholfener Einsicht in unsere gesellschaftliche Realität, dass wir sie verändern wollten. Und wir wollten aus unserer deutschen Geschichte lernen. Auch wenn uns keine persönliche Schuld betraf, fühlten wir eine historische Verantwortung als nachgeborene Generation. Wir empörten uns über Adenauers Staat mit seinem deep state von Alt-Nazis. Wir hörten von alten Kommunisten aus der Illegalität, dass dieselben Widerstandskämpfer, die unter Hitler im Knast oder KZ saßen, als Überlebende in der BRD wieder eingekerkert wurden, mindestens jedoch ihre Renten verloren. Wir kämpften gegen die Notstandsgesetze und die NPD vergeblich. Und wir wendeten uns in Solidarität für das vietnamesische Volk gegen die USA.

Das Mitscherlich-Buch trägt den Untertitel: "Grundlagen kollektiven Verhaltens", macht somit deutlich, dass es den Autoren nicht nur umeine Darstellung über den Weigerungsprozess der Deutschen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, ging, sondern um eine psychoanalytische Interpretation, die über die historischen Tatsachen hinausweist. Dabei argumentieren sie nicht exklusiv neutralpsychoanalytisch, d.h. auf Basis der menschlichen Triebstruktur nach Freud, sondern begründen ihre Überlegungen, Urteile und Fragen mit Aspekten anderer Wissenschaften unter Hinzuziehung der historisch-politischen Gegebenheiten und mit Verweis auf die sozialökonomischen Bedingungen, von denen menschliches - individuelles wie auch kollektives - Handeln und Denken auch abhängt.

" Der Entfremdung, wie sie die ökonomischen Lebensbedingungen ….. mit sich bringen, können wir nur durch nachdrückliche Stärkung der kritischen Ich-Leistung in der gesamten Erziehungsperiode entgegenwirken. " (Alexander und Margarete Mitscherlich, Seite 343)

Die Mitscherlichs zeigten mit ihrem Konzept einer kritischen Ich-Leistung, die schon beim Kleinkind zu fördern sei, Möglichkeiten und Grenzen für eine psychische Verfasstheit auf, die von Mit- und Einfühlen in den anderen, also Emotion, Liebe, und von Einsicht, also Vernunft, Verantwortung, Selbstkritik getragen ist. Ein Ich, das fragt, prüft, denkt, Manipulation und Verführung durchschaut, Ambivalenzen beim anderen - auch bei den Autoritäten erkennt, aber auch bei sich selbst anerkennt, - und als Spannung aushält. Die Mitscherlichs verweisen damit auf das Dilemma des Menschen als Gattungswesen, welches sich in Gesellschaft gestaltender Macht inszeniert, den Einzelnen dabei entweder überfordert oder von Verantwortung entlastet, was tendenziell wiederum nicht zur Mündigkeit des Einzelnen beiträgt. Bei einer menschlichen Sozialisation zum universalen Menschenwesen geht es grundsätzlich um die sozial sanktionierten Beschränkungen von Aggressionen, um Rücksicht gegenüber dem anderen Mitmensch bis hin zum Verbot des Tötens. (Im Unterschied zum Tier besitzt der Mensch keine angeborene Tötungshemmung von Artgenossen. Tiere töten nur in extremen Notsituationen ihre eigene Spezies.) Kultur wäre somit ein Verzicht, die Freiheit des Einzelnen wäre, dem anderen nicht zu schaden. Im Unterschied zum Tier hat der Mensch die Fähigkeit zum Lachen, möchte ich ergänzen, er kann Spannung, Verzichten, Widersprüche mit Humor verlachen. Die Mitscherlichs bezogen darüber hinaus in ihren Überlegungen ein, das Mensch-Natur-Verhältnis nicht zu stören, von dem die Gattung Mensch biologisch abhängig ist.

Das psychoanalytische Konzept einer emotional-zugeneigten kritischen Ich-Leistung verstehe ich in diesem Sinne als aktive Teilnahme des Individuums an der Herstellung menschlicher Gemeinschaft im Einklang mit der Natur. Der materialistische Boden stellt die Arbeit dar, d.h. die biologisch notwendige Existenzsicherung des Menschen als Gattungswesen. Seit der Sesshaftigkeit des Menschen ist Gemeinschaft in Klassengesellschaften organisiert, in denen sich der Einzelne - allein oder in Interessen bzw. Bedürfnisgruppen zusammengeschlossen - entweder konform oder widerständig oder beides behaupten kann. Opposition wie auch Zustimmung im gesellschaftlich-ökologischen Teilhabeprozess fängt bei einem einfühlenden und kritischem Individuum an. Dafür braucht es Rückversicherung bei einem Kollektiv oder einem Anderen, heute würde ich sagen: Solidarität in einer Öffentlichkeit. Wie wichtig für einen Whistleblower, dass er als Rückhalt in unserem Informations- und Kommunikationszeitalter eine Presse hat, - und dennoch wird er als Preis für seinen kritischen Mut an Einsamkeit leiden. Bei Unterwerfung, Konformität, Gehorsam lässt sich dagegen das Individuum überrollen von seinen Triebbedürfnissen nach Halt, Furcht, Ängsten unkontrolliert durch Vernunft. Die Mitscherlichs betonen: Der psychische Ausstattungsmechanismus, mit dem der Mensch nun mal geboren ist, wäre in der Lage, den sozialen, politischen und ökologischen Bedingungszwängen gestaltend zu begegnen, auch falsche Machtverhältnisse zu stürzen, statt sich bloß ergreifen zulassen, auch Macht zu übernehmen, sich befähigen, Konflikte zu lösen, mit Kompetenz zu regulieren und adäquate Ordnungen auszuprobieren, statt Macht als Ausdruck von Dominanz zu demonstrieren und als Unterdrückungsinstrument zu missbrauchen. Dennoch sorgten sich die Mitscherlichs:

"Aber der Ausgleich der Affekte, die durch (die) gesellschaftlichen Prozesse, denen wir unterworfen sind, ausgelöst wurden,
steht dahin. Es ist uns nicht gelungen, vergleichbar zu unserem Wissen über die Natur in die Hintergründe unserer Motivationen einzudringen." (Alexander und Margarete Mitscherlich, Seite 356)

Die Mitscherlichs gehen in ihrem Denken von den gesellschaftlichen Phänomenen ihrer Zeit aus, die sich 50 Jahre danach bei Licht betrachtet in unserer heutigen Zeit bedrohlich verdichtet haben: Hoher Stand von Industrialisierung, Technologie und Spezialisierung mit den beiden hauptsächlichen Konsequenzen: Erstens der Arbeitsteilung, die im Bewusstsein als spurlose Arbeit, im Gefühl als Entfremdung wahr genommen wird, d.h., das Bedürfnis nach einer geschlossenen Gestalt erzeugenden Arbeit wird nicht erfüllt. Zweitens der Bürokratisierung, die Einsicht in die unsichtbaren Macht- und Klassenverhältnisse verunmöglicht. Die innere Haltlosigkeit des Menschen und sein Streben nach Halt in Autorität finden keinen Anker im undurchsichtigen Bürokratendschungel. Die Mitscherlichs werfen schon vor50 Jahren Fragen auf, die bis zu den heutigen Phänomen der Globalisierung, der Finanzmarkt-Getriebenheit, des zerstörerischen Mensch-Natur-Verhältnisses, der Informationsflut-Besessenheit, der gnadenlosen Konkurrenz vorausschauen und die Auswirkungen auf den menschlichen Seelenapparat problematisieren. Die Überbevölkerung, die Enge in den Städten, in denen heute mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung wohnt, bei gleichzeitigem Überfluss an Konsumgütern, (wenn auch ungerecht verteilt, ist Mangel heute menschengemacht, nicht natürlich verursacht,) belasten die Psyche. Der Mensch als Gattungswesen muss sich durch Verzicht einigerseiner Bedürfnisse, zum Beispiel durch Rücksicht auf seine Nachbarn in einem einengenden, hellhörigen Wohnturm, anpassen,
gleichzeitig wird er bedingungslos, spannungslos durch Konsumangebote verführt und ersatzbefriedigt, zum Beispiel werden ihm Illusionen verkauft zur Sublimierung. Ein gleichzeitig verwöhnendes und missachtendes Klima erzeugt keine Befriedigung von Bedürfnissen, sondern Gereiztheit, die Menschen erleben keine Autorität, an der sie sich reiben können, sie fühlen sich vielmehr abgespeist, versinken in Unlust(bei der Vergabe von Likes am Internet zum Beispiel, würde ich ergänzen). Die Mitscherlichs warnten:

"Die permanente Wandlung der Umwelt, wie sie die technische Zivilisation hervorbringt, ist extrem anti-biologisch. In der außermenschlichen Natur drängen ökologische Lebensgemeinschaften immer nach einem gewissen Gleichgewicht der Ansprüche. (…) Die Entwicklungsprogression der vom Wissensideal geleiteten Kultur unserer Tage hat alle Züge einer Explosion. Das Wissen vermehrt sich allseitig, aber die Kräfte, die es zu bändigen, in irgendeine Ordnung zu bringen vermöchten, sind noch nicht gefunden. Wir behelfen uns vorläufig mit Autoritätsformen, die aus der vorindustriellen Weltstammen und für die in unserem inneren psychologischen Haushalt gar keine Motivation mehr bestehen." (Alexander und Margarete Mitscherlich, Seite 355)

Mit ihrem konzeptionellen Ansatz knüpften die Mitscherlichs an die durch den Faschismus unterbrochene Tradition der 20er, 30er Jahre an, als sich Marxisten und Psychoanalytiker - bekannteste Namen: Wilhelm Reich, Otto Neurath - gegenseitig bereicherten. Unterm Hitler-Regime blieb die offizielle Psychoanalytische Vereinigung NS-Staats-treu und unbehelligt, mit C.G.Jung u.a. der Nazi-Ideologie zugeneigt.

Die offizielle Psychoanalyse beschäftigte sich mit der Frage, wie den Individuen das Ertragen von Entfremdungsstrukturen erleichtert werden kann - auch während der NS-Zeit in Deutschland, in USA, England. Psychoanalytische Theorie mit Gesellschaftskritik zu verbinden und Schlussfolgerungen für notwendige Bewusstseinsprozesse zu ziehen, galt nach Kriegsende in Westdeutschland als subversiv und wurde von der Psychologenschaft in ihrer Mehrheit nicht geteilt. Die Mitscherlichs blieben mit ihrer Haltung in den 50er, 60er Jahren Außenseiter. Ohne selbst Kommunisten zu sein, hatten sie keine Berührungsängste gegenüber Kommunisten bzw. derem Gedankengut.

Ihr Buch zog Kreise und eröffnete wieder den durch Hitler-Faschismus gestörten intensiven Austausch zwischen psychoanalytischer Theorie und Marxismus. Ich erinnere Anfang der 70er Jahre an der Universität Hamburg, als Marx und Engels in den geisteswissenschaftlichen Studiengängen selbstverständlich ihren Platz hatten, dass auch die Psychoanalytische Theorie ins Boot geholt wurde: Heute noch besitze ich meinen Hauptseminarschein: Menschenbild in Marxismus und Psychoanalyse. Die politisierten Studentenbefassten sich mit dem sog. subjektiven Faktor in ihren Strategiedebatten, der politik-sozialen außerparlamentarischen Opposition, die aus Enttäuschung gegen die sog. Grosse Koalition entstanden war, ging es um die Entwicklung von revolutionärem Bewusstsein sowohl des Einzelnen als auch eines Kollektivs hin zum Klassenbewusstsein. Die Mitscherlichs kommentieren:

"Die Schärfung des Bewusstseins für innere und äußere Realität verläuft in einem dialektischen Prozess zur Selbstentfremdung, verhängt von den Auswirkungen bestehender Produktions- und Lebensformen. (…) Der Ausgang ist offen; sicher ist nur, dass sich die Geschichte in dieser Dialektik fortsetzen wird." (Alexander und Margarete Mitscherlich, Seite 357)

Für rebellische, antifaschistische Geisteshaltung gab es in Westdeutschland keine Belohnung, vielmehr Berufsverbote - eingeführt durch die SPD-Regierungen der Länder (Hamburg first), seit 1972 per Ministerpräsidentenbeschluss unter Willy Brandt für den Bund. Die Vorwürfe in den Anhörungen zielten auf die persönliche Gesinnung, die extremistisch, radikal, staatszersetzend sei, die Verhältnisse zurevolutionieren beabsichtige, sogar die DDR begutachten möchte: Denkverbot uber Alternativen! Unabhängig vom konkreten Tun eines Einzelnen konnte das Berufsverbot jeden treffen: Berufsverbot als bedrohliches Damoklesschwert über allen, allgemein Angst verbreit end!

Für mich offenbarte sich damals und offenbart sich bis heute die Wirkmächtigkeit langer Schatten aus dem Off unbearbeiteter deutscher Geschichte. Margarete Mitscherlich schreibt kurz vor ihrem Tode 2011:

"Dass die junge Generation heute…., die nicht an den Verbrechen der Nazideutschen teilgenommen hat, sich nicht schuldig fühlt, ist verständlich. Wenn diese Generation sich jedoch gegen die Erkenntnisse wehrt, dass sie - ob sie will oder nicht - Erbeeiner historischen Schuld ist, bleibt sie unfähig, aus der Geschichte zu lernen. (…) Wenn sie Verleugnung und Verdrängung ihrer Eltern und Grosseltern übernimmt, wird sie auch deren Unmündigkeit und geistige Starrheit übernehmen." (Margarete Mischerlich, Seite 112f)

Stattdessen sei bewusstes Durcharbeiten erforderlich, um zwanghafte Wiederholung in Ausprägung von Verschiebungen, Projektionen, Idealisierungen im psychischen Apparat zu vermeiden. Auch das typische Aufrechnen gehöre dazu: Die anderen haben doch auch, wir Deutschen sind auch Opfer (der Bombennächte, Flüchtlingstrecks) - Entschuldigungen, um nicht verstehen, nicht nachvollziehen zu wollen die Affekte, die in letzter Instanz das Tun der Täter/Mitläufer/Dulder-Generation getrieben hat.

Thomas Mitscherlich, ein Sohn von Alexander M., nahm das Erbe in seinem Filmwerk an: Wie lebt man mit den unerträglichen Bildern der deutschen Vergangenheit? Der Drang, mit Lebenslust weiterzuleben und nicht zu vergessen, daran nicht zugrunde zu gehen, vielmehr die Apathischen, Abgestumpften aufzuscheuchen, war sein Credo. Thomas M. selbst:

"Wer die Erkenntnisse der psychoanalytischen Theorie mit moralischen Anforderungen verwechselt, gefährdet ihre Erkenntnisse, sie will (…) durchsichtig machen, was zu Doppelmoral führt - nicht Unmenschlichkeit legitimieren, sondern uns erkennen lassen, wo wir unwissend die eigene Kultur ungemein gefährden und zerstören." (zit. in: Paris, Seite 79)

Das zeigt Thomas M. in seinen Filmen durch Einspielen des Mythos, der allen Menschen die Wahrheit des menschlichen Lebens nahebringt: der unheilvolle Zyklus von Macht, Aggression, Revolte und wieder Macht und Krieg - im griechisch-humanistisch-westlichen Kulturraum Laios und Ödipus -, wer war zuerst da? Beides ist geschehen, beides ist möglich, beide Seiten der Leidenschaften kann ich erkennen, ich kann wählen, Angst überwinden, Schuld und Mitleid spüren, mich dem Prozess der Einsicht ausliefern, mich der Tragik unserer Existenz stellen. In psychoanalytischen Begriffen ausgedrückt: Jede menschliche Triebregung, auch Aggression, ist ambivalent, gut und böse in ihrer Wirkungsmöglichkeit, doch befreiende Einsicht nach Bearbeitung möglich und Verzicht machbar.

Ich komme zum Abschluss, indem ich in Fortschreibung des Denkens der Mitscherlichs das - so behaupte ich - stärkste Tabu aus der Versenkung hole, welches heute in Deutschland herrscht: Stalingrad.

Vor über 75 Jahren als Fakt passiert. Ich war dort - in Wolgograd - im November 2017 mit gemischten Gefühlen. Fidel Castro hatte Wolgograd schon 1963 besucht. Ich habe seine auf spanisch geschriebenen Notizen im Museum vor Ort gelesen, in denen er die Bedeutung des Sieges über die faschistischen Aggressoren auch für sein Land Kuba am anderen Ende der Welt betont. Bei den Erinnerungszeremonien zum 75. Jahrestag Anfang Februar 2018 war niemand von der deutschen Regierung in Wolgograd/Stalingradanwesend.

Das Tabu verweigert offensichtlich, dem Irrsinn des Vernichtungskrieges im Osten ins Auge zu sehen. Die von Deutschen ausgeübtenbrutalen Taten, die Massaker in den russischen Dörfern, die entsetzlichen Gräueltaten auch an Kindern, die Vergewaltigungen der Frauen und deren Verschleppung in Zwangsbordelle, die verbrannte Erde, die totale Zerstörung der Millionenstadt Stalingrad - all das als vergangene Realität zu akzeptieren, wird verleugnet. Die Schuld, die Scham, die Trauer wird kollektiv und individuell abgewehrt und tief im Kessel von Stalingrad begraben und als Akt einer inner-seelischen Verschiebung in Form von vehementem Antikommunismus und unbarmherziger Russophobie ausgedrückt. Dabei wird mit Verweis auf Stalin eindimensional verunglimpft. Für Deutsche rückt Stalingrad als Metapher an den Schmähbegriff Stalinismus und wird mit diesem als Todfeind entsorgt. Quillt Rauch aus der Krypta, in der Barbarossa als Untoter wie bestellt und nicht abgeholt ruht?

Die späte Anerkennung des Tabus Auschwitz wurde nicht etwa durch die Prozesse, sondern u.a. durch Filme (Claude Lanzmann, Schindlers Liste) ausgelöst und ist seitdem als Shoa bzw. Holocaust im deutschen kollektiven Gedächtnis verortet. Auschwitz steht heute als Symbol für die industrielle Ermordung von 6-7 Millionen Juden. Das mag ich als einen Anfang würdigen, doch es verbirgt sich die volle Wahrheit: Neben Juden, Sinti, Roma, Kranken sind auch politische Widerständler, Kommunisten, Andersdenkende, russische Kriegsgefangene und russische Zwangsarbeiter zu zig-hundert-Tausenden in Auschwitz, allen KZs und Vernichtungslagern, Außenstellen, Foltergefängnissen umgebracht worden. Die zahlenmäßig größte Opfergruppe, die 27 Millionen Bürger der Sowjetunion,
wird heute vollständig mit Verleugnen, Vergessen, Relativieren, rechtfertigen dem Gerede aus dem Blick der Öffentlichkeit fern gehalten. Es wird immerhin Antisemitismus angeprangert, aber Russophobie zugelassen, sogar versucht, das Ergebnis des 2. Weltkrieges umzuschreiben: Man will nicht ertragen, dass der Hochmut des Barbarossa-Feldzuges mit dem Sieg der Roten Armee endete, uns Deutschen durch die bolschewistischen Untermenschen eine Niederlage zugefügt wurde. Bis heute wird daran rumgebastelt (Institut für Zeitgeschichte), die Tragödie Stalingrad mit militärischen Notwendigkeiten und schicksalhafter Unbill (z.B. so eiskaltes schlechtes Wetter) zu erklären. Niemand spricht von den insgesamt fast 3 Millionen Toten (Zahl aus dem Museum in Wolgograd), die die Operationn der 6. Armee - darin die 200 Tage von Stalingrad - gekostet hat.

Nicht zuletzt der rigide deutsche Antikommunismus verhindert bis heute, sich der deutschen Schuld zu stellen - nicht nur Stalingrad, auch der Blockade Leningrads, dem gesamten Ostfeldzug. Die Wehrmachtsausstellung (getragen von der Reemtsma-Stiftung unter Federführung von Hannes Heer) hatte Scham ausgelöst (übrigens 10 Jahre vorher auch eine von der Körber-Stiftung finanzierte Zwangsarbeiter-Ausstellung). Doch seitdem hat es in Deutschland nicht aufgehört, Sündenböcke und Doppelmoral aufzubauen, um das historische Geschehen zu rechtfertigen und das Ergebnis des 2. Weltkrieges nicht wahr haben zu wollen. Die Fähigkeit, verlieren zu können, würde seelische Reife bedeuten, die DDR als antifaschistische Konsequenz des Vernichtungskrieges nachträglich akzeptieren zu können, würde politische Klugheit, also weise Vernunft, bedeuten, Frieden stiften und Erlösung in die deutsche Seelenbefindlichkeit tragen.


Literatur:

Alexander und Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. München/Berlin 2015

Margarete Mitscherlich: Eine Liebe zu sich selbst, die glücklich macht. Frankfurt/M 2013

Paul Parin: Mythos in den Filmen von Thomas Mitscherlich und in der Psychoanalyse. In: Karin Dehnbostel, Mechthild Rumpf,
Jürgen Seifert (Hrsg): Thomas Mitscherlich. Bilder - Medium des Erinnerns. Der Blick des Filmemachers Thomas Mitscherlich aufunsere Vergangenheit. Schüren 2001


Siehe auch:

Gesellschaft ohne Opposition?
Fotogalerie zum Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP), Berlin, 8.-11.3.2018
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann
NRhZ 651 vom 21.03.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24695

Worauf bereitet der Anti-Semitismus-Diskurs uns vor?
Referat von Klaus-Jürgen Bruder beim Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP), Berlin, 9.3.2018
NRhZ 651 vom 21.03.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24678

Antisemitismus-Behauptung als Diffamierung
Das ND macht in Schweinejournalismus
Von Ulrich Gellermann (mit Leserbrief von Klaus-Jürgen Bruder)
NRhZ 651 vom 21.03.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24687

Heraus aus der Paralyse der Kritik
Video-Grußworte vom Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP), Berlin, 8.-11.3.2018
Von Christoph Bialluch und Norbert Andersch
NRhZ 651 vom 21.03.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24692

Gespräch mit dem Vorsitzenden der Neuen Gesellschaft für Psychologie NGfP am Rande der Tagung „Zur Zeit der Verleumder“
Du bist dieser Maschine nicht ausgeliefert
Klaus-Jürgen Bruder – interviewt von Anneliese Fikentscher
NRhZ 651 vom 21.03.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24693

Online-Flyer Nr. 665  vom 27.06.2018

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