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Aktueller Online-Flyer vom 23. Mai 2018  

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Arbeit und Soziales
Einem Teil der Beschäftigten nützt der Wirtschaftsboom, zu vielen anderen nicht
Schöner neuer Arbeitsmarkt
Von Harald Schauff

Die deutsche Wirtschaft läuft auf Hochtouren, die Arbeitsmarkt-Statistik verzeichnet die Rekordzahl von über 44 Millionen Erwerbspersonen, der Staat erfreut sich sprudelnder Steuereinnahmen und eines ausgeglichenen Bundeshaushaltes. Deutschland geht es gut, befindet Kanzlerin Merkel. Ein Fünftel der Bevölkerung ‘armutsgefährdet’, darunter Millionen Kinder, unbezahlbare Mieten in Großstädten wie München und Berlin, bald eine Million ohne Obdach als zwangsläufige Folge, eine marode gesparte Infrastruktur, sichtbar an kaputten Gehwegen, baufälligen Schulgebäuden und schrottreifen Straßenbahnen - alles nicht so schlimm, alles nur Randerscheinungen. Helles Licht wirft halt auch ein paar Schatten. Was soll’s, die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung steht (zumindest statistisch) im Licht. Und auf Mehrheiten kommt es der Politik bekanntlich an.

Die Schlagzeilen posaunen das neoliberale Credo vom Aufschwung, der praktisch uns alle erreicht, freudig durchs Land. Allenfalls am Rande, versteckt zwischen den Zeilen oder nachträglich verschämt wird eingeräumt: Viele haben nichts davon.

So ähnlich funktioniert auch die Tendenz-Berichterstattung zur Lage am Arbeitsmarkt. Viele Medien wetteifern im Schönschreiben der Situation. Auch der SPIEGEL wollte nicht außen vor bleiben und brachte im Sommer letzten Jahres einen Bericht über die angeblich rosige Lage für deutsche Arbeitnehmer. Titel: ‘Die neue A-Klasse’ (von Sven Böll, DER SPIEGEL (26/2017).

Im Untertitel des Artikels heißt es, der Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre habe den Arbeitsmarkt verändert, Angestellte würden zunehmend die Bedingungen diktieren, die Unternehmen sich fügen. Es gäbe höhere Gehälter, zusätzlichen Urlaub und mehr Freiheiten.

Ein konkretes Beispiel leitet den Beitrag ein, stellt eine 21Jährige Industriekauffrau vor, die im ersten Berufsjahr 45.000 Euro verdient, eine 35-Stunden-Woche hat, 30 Urlaubstage, betriebliche Altersvorsorge, kostenlose Sprachkurse und sogar einen vierwöchigen Mexiko-Urlaub auf Firmenkosten.

Klingt nicht übel. Auch für Beschäftigte der Deutschen Bahn soll sich das Angestelltendasein eher von der positiven Seite zeigen. Zuletzt hatten sie immerhin die Wahl zwischen einer Lohnerhöhung ab 2018 oder ein paar Tagen mehr Urlaub.

In immer mehr Branchen und Regionen seien Arbeitnehmer die eigentlichen Chefs, meint der SPIEGEL-Bericht. Sie bekämen nicht nur höhere Löhne und mehr Urlaub, sondern würden die Bedingungen bei Job und Ausbildung nach ihren Vorstellungen bestimmen.

Trotz der Gefährdung vieler Jobs durch die herauf dämmernde Digitalisierung sei menschliche Arbeit wenigstens in Deutschland nachgefragt wie selten und entsprechend teuer. Nicht nur Hochqualifizierte, auch normale, durchschnittlich ausgebildete Arbeitnehmer profitierten davon. Arbeitgeber hätten dagegen Not, trotz guter Bezahlung Arbeitskräfte zu finden. In vielen Branchen herrsche Nachwuchsmangel, sei es Friseur, Maurer, Buchhändler, Bäkker, trotz höherer Ausbildungsvergütung.

Der Rückgang der Azubi-Zahlen wird zum einen mit der demografischen Entwicklung erklärt: Die geburtenstarken Jahrgänge gingen in Rente, weniger Junge rückten nach. Zum anderen sei inzwischen jeder zweite Schulabgänger studienberechtigt. Weil das Studium nun die Regel und nicht mehr die Ausnahme sei, müssten sich viele Akademiker mit mäßig bezahlten Jobs durchschlagen. Dafür habe das Handwerk durch den Nachwuchsmangel in vielen Ausbildungsberufen wieder ‘goldenen Boden’.

Für einen Teil der Akademiker der ‘neuen A-Klasse’ sieht es also schon einmal nicht so rosig aus. Z.B. Hochschuldozenten, von denen nicht wenige sich mit befristeten Verträgen durchwurschteln, für kaum über 1000 Euro netto im Monat.

Sich durchschlagen in schlecht bezahlten Jobs

Das Aushängeschild der neuen Arbeitnehmerschaft weist noch mehr Kratzer auf. Der SPIEGEL-Bericht räumt an einer Stelle ein, wohl um nicht gar so undifferenziert zu erscheinen: Zahlreiche Menschen profitieren nicht vom Boom und müssen sich in schlecht bezahlten Jobs durchschlagen. Sogar sehr zahlreich, ließe sich ergänzen. Angefangen mit knapp 5 Millionen ausschließlich geringfügig Beschäftigten.

Nichtsdestotrotz hält der Artikel am schönen Bild der arbeitnehmerfreundlichen Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt fest. Noch sei sie zwar nicht die Regel, der Trend jedoch eindeutig. Mal abwarten, wann dieser so eindeutige Trend die 40 % der Beschäftigten erreicht, deren Reallohnverluste über ein Jahrzehnt längst noch nicht ausgeglichen sind.

Und wann er denjenigen Millionen Beschäftigten hilft, die Überstunden schieben, teilweise unbezahlt, so wie allen, welche ohnehin an Überlastung leiden. Sehen so Arbeitsbedingungen aus, die von eigenen Vorstellungen bestimmt sind?

Eine Statistik über die wachsende Anzahl gemeldeter Arbeitsstellen soll die These vom arbeitnehmerfreundlichen Boom stützen. Mitte letzten Jahres lag die Zahl bei 686 785 im Jahresdurchschnitt. Inzwischen ist sie auf über 1 Million gestiegen. Rekordstand. Der Trend scheint sich zu bestätigen.

Tatsache ist jedoch eben so: Die Zahl der gemeldeten Erwerbslosen liegt mit mehr als zwei Millionen nach wie vor deutlich darüber. Rein rechnerisch zanken sich zwei bis drei Erwerbslose um eine offene Stelle. Zählt man die knapp eine Million Alg II-Empfänger dazu, welche in der offiziellen Arbeitslosenzahl nicht berücksichtigt sind, weil in Maßnahmen, über 58, krank gemeldet etc., erhält man drei bis vier Arbeitssuchende pro gemeldeter Stelle. Mit der ‘stillen Reserve’ von ein bis zwei Millionen Gelegenheitsjobbern sind es fünf bis sechs. Bis zur Vollbeschäftigung ist es somit noch ein gutes Stück des Weges hin. Der Trend darf sich tüchtig ins Zeug legen. Laut Wahlprogramm der CDU müsste er es bis 2025 geschafft haben.

Höchstwahrscheinlich wird sich der Trend , dieser wankelmütige Genosse, jedoch bis dahin eher in sein Gegenteil verkehrt haben. Die Digitalisierung dürfte ihn dazu veranlassen. Im Groben ahnt auch der SPIEGEL-Schreiber, was sich da anbahnt. Er merkt an, durch die ‘Macht der neuen A-Klasse’ könne Arbeit so teuer werden, dass die Unternehmen sich veranlasst sehen, noch mehr und noch schneller in Digitalisierung und Robotisierung zu investieren. Damit wäre die von ihm gepriesene Herrlichkeit der neuen A-Klasse bereits wieder vorbei, kaum dass sie begonnen hätte. Doch bereits heute wirken auf sie angestimmte Lobeshymnen wie im SPIEGEL arg überstrapaziert. Einem Teil der Angestellten mag es infolge des länger anhaltenden Wirtschaftsaufschwunges deutlich besser gehen als in früheren Jahren. Für diesen Teil, doch eben einzig dafür, mag der Artikel halbwegs richtig liegen. Für die Millionen, welche mit Niedriglöhnen, Überstunden und Überlastungen konfrontiert sind, nicht.

Der Arbeitsmarkt ist als Ganzes so gespalten wie die Gesellschaft. Es gibt hier Gewinner, doch zu viele stehen auf der Verliererseite. Ob man zu den Gewinnern zählt, hängt von den üblichen verdächtigen Faktoren ab: Soziale Herkunft und Beziehungen. Erst dahinter können der Bereich und die Region eine Rolle spielen.

Aus Zwang zur Arbeit ein Können machen

Gleich jedoch, wie gut sie es erwischt haben, ein ungünstiger Faktor betrifft alle Beschäftigten: Der Zwang zur Arbeit. Der Bericht im SPIEGEL kommt darauf im ersten Satz, eher scherzhaft, zu sprechen, wenn es heißt, der Job der erwähnten Diplom-Kauffrau hätte dann doch einen Nachteil: Sie müsse tatsächlich auch arbeiten. Das spricht Bände. Aus diesem Müssen ein Können zu machen, sollte eines der dringlichsten Zukunftsziele sein. Die Digitalisierung wird es nahe legen.


Harald Schauff ist Redakteur der Kölner Obdachlosen- und Straßenzeitung "Querkopf". Sein Artikel ist im "Querkopf", Ausgabe Januar 2018, erschienen.

Online-Flyer Nr. 644  vom 24.01.2018

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