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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2018  

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Globales
Elias Davidsson und Gilad Atzmon debattieren über Palästina, Israel und Holocaust
Wie weit geht die Freiheit der Gedanken?
Aufbereitet von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Am 31. Mai 2010 überfiel Israel in internationalem Gewässer das auf Gaza zusteuernde, mit Hilfsgütern beladene Schiff Mavi Marmara und tötete dabei neun Aktivisten. Wenige Wochen später, Anfang Juli 2010, lief beim US-Fernsehsender Aspen GrassRoots TV eine kontroverse, einstündige Diskussion mit drei Gesprächsteilnehmern, darunter Gilad Atzmon (1), der in Zusammenhang mit der Verleihung des Kölner Karlspreises im Berliner Babylon extremen Angriffen ausgesetzt worden ist – zunächst in Springers WELT, die ihn als "Hitler-Verharmloser und Holocaust-Relativierer" brandmarkt (2). Basierend auf dem Gespräch im Aspen GrassRoots TV hat Elias Davidsson einen Artikel mit dem Titel "Der Brunnervergifter Gilad Atzmon" verfasst und am 19.12.2017 der NRhZ angeboten. Am 20.12. erschien der Artikel mit der einleitenden Bemerkung „Leider sind wir gewöhnt, dass der Vorwurf des Antisemitismus genutzt wird, um die Friedensbewegung zu spalten und zu diskreditieren. Aber natürlich gibt es auch im Jahre 2017 noch ganz realen Antisemitismus. Die Friedensbewegung täte gut daran, hier eine klare Linie zu ziehen — so wie im vorliegenden Fall.“ bei Rubikon (3). Seit dem 24.12. liegt eine Erwiderung des angegriffenen Gilad Atzmon vor. In der Hoffnung, daraus einen konstruktiven Diskurs zu entwickeln, veröffentlicht die NRhZ den Artikel von Elias Davidsson sowie die Erwiderung von Gilad Atzmon.


Screenshot aus der Sendung von Juli 2010 – von links nach rechts: Gilad Atzmon, Moderator Harvie Branscome, Steve Kaufman (founder director of Access Roaring Fork) und Michael Conniff (KUUR-FM Aspen, Colorado)


Elias Davidsson: Der Brunnenvergifter Gilad Atzmon

Folgende Ausführungen beruhen gänzlich auf einem Interview von Gilad Atzmon mit einem US-amerikanischen Sender (4). Diese Sendung befindet sich hier: https://www.youtube.com/watch?v=xWDz5xw8PKU (5)
  1. Atzmon legt größten Wert darauf, eine sogenannte Debatte über den Holocaust im Namen der Meinungsfreiheit zu entfachen. Man darf wohl fragen, warum das für ihn so wichtig ist. Die Wichtigkeit bestehe für ihn darin, die Zukunft richtig zu beurteilen. Es gibt Organisationen, die tatsächlich für die Meinungsfreiheit als Grundsatz kämpfen, was ich vorbehaltlos unterstütze. Atzmon hingegen geht es in erster Linie um die Freiheit, den Holocaust zu hinterfragen, nicht um das allgemeine Recht auf Meinungsfreiheit.

  2. Atzmon behauptet, dass das einzige Thema der Geschichte, dass man nicht berühren darf, der Holocaust sei. Das ist aber falsch. Zunächst ist kein Thema so intensiv und gründlich erforscht und "berührt" worden wie der Holocaust. Es ist verständlich, dass die Opfer des Holocausts, ihre Kinder und Enkel, es nicht dulden, dass man die Ermordung ihrer Familienmitglieder "berührt" (d.h. hinterfragt und damit das Verbrechen relativiert) und ihre Peiniger damit verschont. Wer würde so etwas dulden? Dass sie ein gesetzliches Verbot der Holocaustleugnung in einigen Ländern durchgesetzt haben, ist verständlich (obwohl ich persönlich nicht viel von solchen Gesetzen halte). Atzmon steht nicht auf die Seite der Opfer, sondern versucht eben das Verbrechen zu verharmlosen. Daher spricht er immer wieder vom „sogenannten Holocaust“, im Sinne „sogenannter Völkermord.“ Was er mit „sogenannt“ meint, verschweigt er aus verständlichen Gründen.

    So schreibt er ganz im Sinne von klassischen Holocaustleugnern: „Ich denke, dass wir 65 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz das Recht haben müssen, anzufangen, Fragen zu stellen. Wir sollten historische Beweise und Argumente verlangen, anstatt einem religiösen Narrativ zu folgen, das durch politischen Druck und Gesetze aufrechterhalten wird. Wir sollten den Holocaust seines judeozentrischen Ausnahmestatus entkleiden und ihn als historisches Kapitel behandeln, das in eine bestimmte Zeit und an einen bestimmten Ort gehört. Der Holocaust muss wie jedes andere historische Narrativ auch korrekt analysiert werden. 65 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz sollten wir die Frage stellen können: warum? Warum wurden die Juden gehasst?" (Der Wandernde Wer?, S. 210; The Wandering Who, S. 175).

    Zweitens verschweigt Atzmon die Unterdrückung eines anderen Themas, nämlich die Hinterfragung der offiziellen Legende von 9/11. Außer einer kleiner Gruppe von berüchtigten Neonazis bestreitet niemand die genozidale Gesinnung Adolf Hitlers, die er schon in „Mein Kampf“ deutlich zum Ausdruck gebracht hat: Die Judenverfolgung, die bereits in 1933 anfing, die schreckliche Propaganda gegen die Juden vor und im Dritten Reich, die Kristallnacht, ihre Entmenschlichung durch deutsche Gesetzgebung und Verordnungen, ihre massive Enteignung, ihre Ghettoisierung, ihr Abtransporte in Güterzügen aus allen Ecken Europas zu den Konzentrationslagern, die massiven Erschießungen von Juden in Osteuropa und ihre tödliche Ausbeutung als Arbeitsklaven in den KZs. Was bleibt noch zu untersuchen? Das erklärt er nicht. Von der Unterdrückung der Wahrheit über 9/11 schweigt der Mann aber, obwohl die Aufklärung von 9/11 für die heutige politische Realität viel wichtiger ist, um den Aufbau eines Polizeistaates zu stoppen. Ihn interessiert es nicht, da Israel vom Aufbau eines Polizeistaates in Europa profitiert. Es geht ihm also nicht um konkrete Probleme in Europa, sondern allein um das Ausleben seines persönlichen und pathologischen Hasses gegen „Juden“, darunter auch jüdische Aktivisten für die Rechte der Palästinenser, und um Selbstdarstellung. Daher bezeichnet es sich selbst als einen „Selbsthassenden Jude“.

  3. Auf die Frage ob ein Holocaust stattfand, antwortet Atzmon ausweichend: Es wäre eine „sehr interessante Frage“, aber „Ich bin an der Frage nicht besonders interessiert“ ergänzt er. Nach einigen Minuten zeigt er doch seinen brennendes Interesse „an dieser Frage“, als er den „Humanismus“ der Nazis schildert, die die überlebenden Juden aus den KZ angeblich zurück in Heimat Deutschland bringen wollten.

  4. Atzmon bestreitet ganz offen, dass der Holocaust eines der best dokumentierten Ereignisse sei. Er ignoriert schlicht die Fülle von wissenschaftlichen Studien, Gerichtsverfahren, Dokumente und Zeugenaussagen über den Holocaust, die er auch ohne Deutschkenntnissen studieren kann. Wer das monumentale Standardwerk von Raul Hilberg „Die Vernichtung der europäischen Juden“ nicht mal als Quelle erwähnt, sollte am besten über den Holocaust schweigen. Der Mann kann aber nicht schweigen. Atzmon, der sich anmaßt, das offizielle Narrativ über den Holocaust in Frage zu stellen, hat mir bekanntlich nie eine wissenschaftliche Arbeit über den Holocaust veröffentlicht und gibt zu kein Historiker zu sein.

  5. Auf die Frage, ob irgendwelche Juden durch die Nazis gestorben seien, sagt Atzmon, „das ist eine völlig unerhebliche Frage“. Wieso unerheblich? „Weil ich kein Historiker bin", sagte er. Starben Menschen an 9/11? „Die Frage ist unerheblich, da ich keine Historikerin bin“ sagte Alice in Wonderland.

  6. Als er gefragt wurde ob es nicht genug Beweise für den Holocaust gäbe, antwortete der Fuchs: „Wir haben genug Beweise, dass Hitler nicht die Juden mochte und dass es rassistische Gesetze gegen Juden gegeben hat, und so weiter“. Das „und so weiter“ sollte den Anschein erwecken, dass er damit die Vernichtung von Millionen Menschen meinte, aber darüber wolle er nicht sprechen, jedoch dass Adolf nicht Juden „mochte“ scheint ihm wesentlich. Welche Verharmlosung!

  7. Laut Atzmon war die erste Aktion der Nazis die „ethnische Säuberung“ der Juden aus Deutschland. Eine „ethnische Säuberung“ der Juden aus Deutschland gab es aber nicht. Das ist Atzmons Erfindung. Im Gegenteil, die deutschen Juden mussten im Dritten Reich zur Auswanderung einen Antrag stellen. Nicht alle konnten auswandern.

  8. Da Atzmon kein Historiker ist, konnte er ohne schlechtes Gewissen behaupten, die Nazis hätten die Todesmärsche der Überlebenden aus den KZ organisiert, um sie wieder nach Deutschland zurückzubringen, quasi aus Menschlichkeit! Daraus ergebe sich, laut Atzmon, dass die Nazis nicht die Juden vernichten wollten. Nach einer so kümmerlichen Erklärung stellt sich die Frage, ob der Mann bei Verstand ist. Die Realität sah etwas anders aus: Am 17. Januar 1945 „wurde die Evakuierung der Häftlinge [aus Auschwitz] beschlossen. Als man aus den Befehlen, die alle paar Stunden anders lauteten, schlau geworden war, wurden diejenigen, die imstande waren, fünfzig Kilometer zu Fuß zurückzulegen, von denen getrennt, die nur bis zum Auschwitzer Bahnhof gehen konnten, und diese schließlich von denen, die überhaupt nicht mehr laufen konnten…In den folgenden Tagen wurden 58000 Gefangene – bis auf wenige zu Fuß - bei eisiger Kälte aus dem Lager geführt. Am 20. gab Obergruppenführer Schmauser den Befehl, die zurückgebliebenen Insassen zu liquidieren. Ein SS-Trupp erschoss 200 jüdische Frauen und sprengte dann die Gebäude, in denen die Krematorien I und II untergebracht waren.“ (Hilberg, S. 1050). „Nach dem Ende der Vernichtungslager wurden vormalige Auschwitzinsassen, Deportierte aus Ungarn und Gefangene aus aufgelösten Arbeitslagern in die Konzentrationslager des Reichs gepfercht. In Gleiwitz wurden etwa 14000 Häftlinge, darunter zu Fuß aus Auschwitz Gekommene sowie Insassen aus Nebenlagern (vier von ihnen befanden sich in Gleiwitz selbst) auf Züge verladen und nach Buchenwald, Sachsenhausen, Groß-Rosen und Mauthausen gebracht; aus den beiden letztgenannten Lagern, die bereits voll waren, wurden sie nach Dachau, Dora (Mittelbau) und Ravensbrück weiterverschubt. Die Fahrzeit dauerte zwischen drei Tagen und einer Woche. Auf einigen Zügen wurden die Gefangenen in offene Güterwaggons mit niedrigen Wänden gepfercht, in denen sie Schnee aßen und aus denen sie die unterwegs Gestorbenen herauswarfen.“ (Hilberg, S. 1051-2).

  9. Immer wieder betont Atzmon, er wäre kein Historiker und ihn interessiere der Holocaust nicht, nur das Recht über das Holocaust zu debattieren, als hätte ihm jemals jemand das Recht verweigert, seine Meinung zu veröffentlichen. Der Nicht-Historiker maßt sich aber ganz genau zu wissen, dass die Überlebenden der KZs nicht ausgehungert waren, sondern wegen einer schrecklichen Typhusepidemie, die aus dem Zusammenbruch der Logistik am Ende des Krieges entstand, so mager waren. Dies hätte „nichts, aber wirklich nichts mit dem Ereignis zu tun, dass als Holocaust bekannt ist“: Ein „Ereignis“?

  10. Als er gefragt wurde, wie viele Juden im Holocaust gestorben sind, sagte Atzmon „Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht. Das möchte ich aber wissen.“ Dann fügte er hinzu: „Es gibt Menschen, die behaupten sie wüssten es, aber sie schweigen.“ Er sagte nicht wer diese seien. Weiter: „Nein, es gibt keine Historiker, die tatsächlich der Sache nachgehen. Ich aber bin kein Historiker. Historiker sind Menschen, die unsere Vergangenheit untersuchen, so das wir die Zukunft verstehen.“ Dass der Frage über die Anzahl von Holocaustopfern nicht von Historikern nachgegangen wurde, ist eine schiere Lüge. Über Schätzungen der Opferzahlen gibt es zahlreiche Studien von Historikern. Das kann jeder in Sekunden im Internet finden. Wissenschafter können zwar nicht die exakte Anzahl der ermordeten Juden im Holocaust feststellen, sind sich jedoch einig, dass die Zahl zwischen 5,1 bis 6 Millionen schwankt. Wer solche Zahlen verharmlost, hat seinen moralischen Kompass anscheinend verloren. Diese Zahl kann weder durch die Verbrechen der USA (Hiroshima, Vietnam, Irak) verharmlost noch damit verglichen werden. Die industrielle, systematische Ausrottung von Millionen Menschen ist in ihrer Banalität des bürokratischen Mordes einmalig.

  11. Über den israelischen Angriff auf die humanitären Flotilla in Richtung Gaza sagte Atzmon: Dieser Angriff „war (ideologisch gesehen) eine Wiederholung der Tötung von Jesus Christ.“ Damit wollte sich der Propagandist anscheinend bei christlichen Antisemiten anbiedern.

  12. Zum dritten Reich sagte Atzmon: „Was in Deutschland geschah [in der Nazizeit], war zum erheblichen Teil eine deutsche Gegenmaßnahme gegen die Infiltrierung von Juden in deutschen Banken und Politik.“ Wer bis hier noch nicht die Gesinnung des Mannes erkannt hat, mag vielleicht jetzt verstanden haben, wessen Geistes Kind er ist.

  13. Die Protokolle der Weisen von Zion werden bekanntlich von allen Antisemiten als „Beweis“ herangezogen, um eine angebliche jüdische Kontrolle der Welt zu belegen. Man kann daher von jedem echten Antisemiten erwarten, dass er diese Legende irgendwann einmal erwähnt. Das gilt genauso für Gilad Atzmon. Im Jahre 2015 bestätigte Atzmon seine Aussage, dass „US-amerikanische Juden die Debatte über die Echtheit der Protokolle der Weisen von Zion unerheblich machen. US-amerikanische Juden kontrollieren [bereits] die Welt“. Er zog diese Aussage keineswegs zurück, sondern versuchte im Gegenteil, diese Aussage nachzuweisen. Dafür zählte er alle mächtigen Juden in den USA in gleicher Weise auf, wie dies die Nazis mit den mächtigen Juden damals getan haben. Der Mann scheint nie etwas vom Imperialismus als der höchsten Stufe des Kapitalismus gehört zu haben, und versucht uns zu überzeugen, dass alle Multimilliardäre der USA entweder Juden sind, von jüdischen Milliardären Angst haben oder dem Zionismus (nicht das Streben nach Rendite) folgen. Auch die Streitkräfte der USA, die Waffenindustrie, die CIA, die Ölindustrie sind angeblich von Netanyahu und seinen Freunde gesteuert. Die Juden sollen also göttliche Fähigkeiten besitzen. Sie sind also wegen ihren übernatürlichen Fähigkeiten berechtigt, laut der Logik von Gilad Atzmon, die Welt zu beherrschen. Der Zirkel der Absurdität schließt sich mit einem verdeckten Halleluja an die Omnipotenz der Juden.
Wer nach diese Lektüre behaupten will, Gilad Atzmon wäre ein echter Mitkämpfer für Gerechtigkeit, Wahrheit und Frieden, soll sich bitte bei mir melden.

Als langjähriger Antizionist werde ich es nicht dulden, dass unser Kampf für einen gerechten Frieden in Palästina von psychopathischen Antisemiten zersetzt wird, noch werde ich Menschen als Genossen betrachten, die die schrecklichen Theorien einer jüdischen Weltverschwörung verbreiten. Diese Theorie hat uns schon Millionen von Leichen beschert.


Gilad Atzmon: Widerlegung von Elias Davidssons Ausführungen

In den letzten Jahren habe ich wiederholt aufgezeigt, dass, wenn es um Palästina geht, das Denken der Unterdrückten durch die Befindlichkeiten der Unterdrücker geprägt ist. Niemand veranschaulicht diesen Denkprozess besser als der deutsch-jüdische Aktivist Elias Davidsson. Er beendet seinen beleidigenden Artikel über mich im deutschen, neu-linken Magazin Rubikon: „Als langjähriger Antizionist werde ich es nicht dulden, dass unser Kampf für einen gerechten Frieden in Palästina von psychopathischen Antisemiten zersetzt wird, noch werde ich Menschen als Genossen betrachten, die die schrecklichen Theorien einer jüdischen Weltverschwörung verbreiten. Diese Theorie hat uns schon Millionen von Leichen beschert.“

Es ist zu fragen, auf was für einen "Kampf" er sich bezieht und wen er mit dem Wort "unser" einbezieht. In der Tat habe ich die Juden nie einer Verschwörung bezichtigt. Ich argumentiere, so wirkungsvoll ich kann, dass es KEINE jüdische Verschwörung gibt. Juden, die sich als solche verstehen, verbergen nichts, sie handeln in aller Offenheit. Jüdische Macht ist demnach die Macht, Kritik an jüdischer Macht zum Schweigen zu bringen. Das ist genau das, was Davidsson versucht zu tun. Und so lässt er ein Propaganda-Handbuch entstehen.

Mein Buch "The Wandering Who?", das ein weltweiter Bestseller wurde, und das von einigen der bedeutendsten Humanisten und Wissenschaftler befürwortet wurde, macht Davidsson zu einem Neo-Nazi-Text. Warum? Weil ich, wie Hitler, von einem “jüdischen Organismus“ gesprochen habe. Er hätte aber begreifen können, dass Hitlers Organismus die Juden als Kollektiv belasten sollte. Meine Verwendung des Begriffs "jüdischer Organismus" war eine VERTEIDIGUNG der Juden als Kollektiv. Hier sind meine Worte: „Es ist natürlich möglich, dass es überhaupt keinen Entscheidungsprozess gibt. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass 'Juden' kein Zentrum oder Hauptquartier haben. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass sie sich ihrer besonderen Rolle innerhalb des gesamten Systems nicht bewusst sind, so wie ein Organ sich seiner Rolle innerhalb der Komplexität des Organismus nicht bewusst ist“. (The Wandering Who, Seite 21) Grundsätzlich ist das Konzept, dass der Finger, der den Abzug betätigt, nicht unbedingt für die Toten im Raum verantwortlich ist.

In Davidssons Rubikon-Artikel sehe ich alle Spin-Techniken von der Doppelzüngigkeit bis hin zur vollständigen Erfindung. „Atzmon ... geht es in erster Linie um die Freiheit, den Holocaust zu hinterfragen, nicht um das allgemeine Recht auf Meinungsfreiheit“, behauptet Elias Davidsson. Ist das wahr? Habe ich jemals einen anderen Gedankenbereich ausgeschlossen? Vor einer Woche habe ich mich im Babylon-Theater in Berlin gegen alle Geschichtsgesetze ausgesprochen.


Statement von Gilad Atzmon mit deutsch-sprachigem Voice-Over (englisch-sprachiges Original hier)

Ich habe ausdrücklich das Nakba-Gesetz und das armenische Genozidgesetz erwähnt. Es ist jedoch das Primat des jüdischen Leidens, das in den Kern der Holocaust-Religion und die sie umgebenden Gesetze eingebettet ist, das mich am meisten stört.

Davidsson fährt fort: „Atzmon steht nicht auf die Seite der Opfer, sondern versucht eben das Verbrechen zu verharmlosen.“ Ich frage mich, ob das wahr ist. Den Holocaust von seinem religiösen Status zu befreien und ihn als universale Lektion in Ethik zu verstehen, ist das gleichbedeutend mit dem Verharmlosen des Verbrechens? Ganz im Gegenteil! Diese Betrachtung macht aus einer jüdisch-deutschen Anekdote eine lebendige dynamische und universale Lektion.

Davidsson sieht in dem folgenden Absatz aus "The Wandering Who?" eine „klassische Holocaust-Leugnung“:

„Ich denke, dass wir 65 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz das Recht haben müssen, anzufangen, Fragen zu stellen. Wir sollten historische Beweise und Argumente verlangen, anstatt einem religiösen Narrativ zu folgen, das durch politischen Druck und Gesetze aufrechterhalten wird. Wir sollten den Holocaust seines judeozentrischen Ausnahmestatus entkleiden und ihn als historisches Kapitel behandeln, das in eine bestimmte Zeit und an einen bestimmten Ort gehört. Der Holocaust muss wie jedes andere historische Narrativ auch korrekt analysiert werden. 65 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz sollten wir die Frage stellen können: warum? Warum wurden die Juden gehasst?" (Der Wandernde Wer?, S. 210; The Wandering Who, S. 175).

In den Augen von Davidsson zeigt ein Aufruf zu Offenheit und Offenlegung der Vergangenheit, der über die jüdische Opferrolle hinausgeht, eine Neonazi-Tendenz. Natürlich trifft das nicht zu. Schlimmer noch, Davidsson hat meinen Absatz in der Mitte abgeschnitten. Hier ist der Rest des Absatzes, den er vorzog wegzulassen:

„65 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz sollten wir die Frage stellen können: warum? Warum wurden die Juden gehasst? Warum haben sich Europäer gegen ihre Nachbarn erhoben? Warum werden die Juden im Nahen Osten gehasst, wo sie doch sicherlich die Chance hatten, eine neue Seite ihrer bewegten Geschichte aufzuschlagen? Wenn sie dies aufrichtig planten, wie die frühen Zionisten behaupteten, warum scheiterten sie dann? Warum verschärfte Amerika seine Einwanderungsgesetze inmitten drohender Gefahr für europäische Juden? Wir sollten auch fragen, welchem Zweck die Gesetze gegen Holocaustleugnung dienen. Was hat die Holocaust-Religion zu verbergen? Solange wir versäumen, Fragen zu stellen, sind wir zionistischen Lobbys und ihren Machenschaften unterworfen. Wir werden weiterhin im Namen jüdischen Leids töten. Wir werden weiterhin Komplizen bei westlichen, imperialistischen Verbrechen sein.“

Es ist klar, warum Davidsson den Rest des Absatzes weggelassen hat. Es geht um ihn und sein Stammesdenken. „Solange wir versäumen, Fragen zu stellen, werden wir weiterhin im Namen jüdischen Leids töten.“ Elias Davidsson greift mich an und verfälscht meine Worte, weil er das Primat des jüdischen Leidens aufrechterhalten will.

Nach Davidsson bin ich getrieben von „persönlichem und pathologischem Hass gegen Juden“ – einschließlich jüdischer Aktivisten, die für die Rechte der Palästinenser eintreten. Deshalb würde ich mich selbst „als einen selbsthassenden Juden“ bezeichnen.

Wenn Wissenschaftler sich auf eine Pathologie beziehen, verweisen sie auf forensische Beweise, die ihr Urteil untermauern. Davidsson hat keine Beweise für meine Pathologie. Ich werde Davidsson helfen, seine Argumentation zu verfeinern. Die Tatsache, dass ich mich gelegentlich als "Selbsthasser" bezeichne, deutet darauf hin, dass ich mich selbst mehr als andere hasse. Im Einklang mit Otto Weiningers grausamer Erkenntnis, dass in der Kunst das Selbstverständnis das Weltverständnis ist, vertiefe ich mich in einem Akt der Offenlegung in mich selbst.

Wie sein Freund Ludwig Watzal, der erwischt wurde, dass er von Dershowitz stammende, erfundene Zitate übernommen hat, zitiert Davidsson mich falsch und legt mir Worte in den Mund.

Davidssons gesamte Zickzack-Darstellung basiert auf einer sieben Jahre alten Diskussion im amerikanischen Fernsehen. Er schreibt: „Auf die Frage, ob irgendwelche Juden durch die Nazis gestorben seien, sagt Atzmon, 'das ist eine völlig unerhebliche Frage... Weil ich kein Historiker bin'.“

Was ich in dem Video tatsächlich sage, ist, dass es mir beim Holocaust nicht um Zahlen geht: „selbst wenn es 2,5 Millionen wären, ist das völlig ausreichend. Es gibt genügend Beweise, dass Hitler Juden hasste...“.

Wir sprechen hier von riesigen Zahlen. In meiner Arbeit möchte ich über die Zahlen hinausgehen und begreifen, warum. Was gibt es in den Juden, das die jüdische Geschichte zu einer Kette von Katastrophen macht? Warum nimmt der Antisemitismus wieder zu? Und die entscheidende Frage ist, warum der angebliche Wahrheitssucher Elias Davidsson soviel Angst davor hat, dass ich diese Fragen stelle? Warum hat Davidsson das Bedürfnis, Unwahres zu verbreiten und bestimmte Sätze wegzulassen? Die Antwort ist einfach. Die Angst vor der Wahrhaftigkeit ist ein Merkmal der Jerusalemiter [im Gegensatz zum freien Denken der "Athener"]. Jerusalem ersetzt die Vernunft durch ein strenges Regime der Korrektheit.

Dann argumentiert Davidsson, dass die "ethnische Säuberung" der Juden aus Nazi-Deutschland „Atzmons Erfindung“ sei. "Im Gegenteil", sagt Davidsson, „mussten deutsche Juden im Dritten Reich zur Auswanderung einen Antrag stellen. Nicht alle konnten auswandern.“

Vielleicht sollte uns der Deutsch sprechende Davidsson erklären, was die Begriffe "judenrein" und "judenfrei" für das Nazi-Regime bedeuteten. Man darf sich fragen, wie dieser Unsinn den redaktionellen Standards des Rubikon gerecht werden konnte. David Cesaranis "Endlösung" liefert einen unglaublichen Bericht über die ethnische Säuberung deutscher und österreichischer Juden durch die Nazis. Man sollte erwarten, dass Davidsson begreift, dass der Antrag auf Einwanderung ein bürokratisches Verfahren ist. Und genau aus diesem Grund muss Geschichte einer Überprüfung unterzogen werden.

Den Begriff der "ethnischen Säuberung" gab es nicht, als Raul Hilberg "The Destruction of European Jews" (Die Vernichtung der europäischen Juden) schrieb – anscheinend die einzige Quelle, auf die Davidsson sich immer wieder bezieht. Erst in den 1980er-Jahren fand der Begriff der "ethnischen Säuberung" Einzug in unser Vokabular. In den 1990er Jahren hat uns der neue Begriff der "ethnischen Säuberung" geholfen, unser Verständnis der Nakba von 1948 und der nationalsozialistischen Gräueltaten neu zu formen. Ich denke, es ist zu viel verlangt, dass Davidsson und die Rubikon-Redaktion diesen differenzierten evolutionären Prozess begreift.

In seinem Versuch, über den Todesmarsch zu diskutieren, ist Davidsson erneut überfordert. Und Raul Hilberg zu zitieren, ist nicht sehr hilfreich. Hier ist das Dilemma des Todesmarsches, wie ich es sehe: Wenn die Nazis die Juden aus ihrem Reich heraus haben wollten oder tot, warum haben sie dann gegen Ende des Krieges Tausende von ihnen zurück ins Reich marschieren lassen?

Dies ist ein historisches Dilemma, das nach einer Antwort verlangt. Es stellt zwei widersprüchliche historische Aspekte nebeneinander. Ich akzeptiere, dass es die bevorzugte Lösung für die Jerusalemer ist, mich zum Schweigen zu bringen. Aber wenn ich Davidsson raten darf, wird das Dilemma dadurch nicht beseitigt. Bestenfalls wird es die Diskussion nur verzögern.

Und schließlich geschieht das Undenkbare: Davidsson schafft es, sich vom Holocaust zu entfernen. Er landet bei der "Tötung von Jesus Christ": "Über den israelischen Angriff auf die humanitäre Flotilla in Richtung Gaza sagte Atzmon: Dieser Angriff 'war (ideologisch gesehen) eine Wiederholung der Tötung von Jesus Christ'." Gemäß Davidsson sei dies ein propagandistischer Versuch, sich "bei christlichen Antisemiten anzubiedern".

Ich will Elias Davidsson helfen, einige elementare Grundsätze zu begreifen. Die Tötung von Jesus Christ ist ein Symbol für den Mord an Unschuld und Güte. In meinen Augen - und ich bin fast alleine mit diesem Gedanken - fallen eine Menge israelischer Grausamkeiten in diese Kategorie. Der primitive Überfall auf die Mavi Marmara war der Prototyp eines Angriffs auf die Güte. Ich agiere aus eigenem Antrieb. Ich bin mit niemandem verbunden, nicht mit Christen, nicht mit Sozialisten oder Nazis. Ich suche das, was uns als Menschen verbindet. Ich suche nach den Bedingungen, die Menschlichkeit möglich machen. Ich bekenne mich zu dem, was ich in dem Moment, in dem ich es äußere, für wahr halte. Ich anerkenne, dass diese Herangehensweise für Davidsson eine schwerwiegende Bedrohung darstellt. Ich wünschte, ich wüsste, wie ich ihm helfen kann.


Fussnoten:

1 Ca. einstündiges Streitgespräch mit Gildad Atzmon bei Aspen GrassRoots TV, Juli 2010, in sechs Teilen:
https://www.youtube.com/watch?v=xWDz5xw8PKU (Teil 1)
https://www.youtube.com/watch?v=KXAwYIU9yRs (Teil 2)
https://www.youtube.com/watch?v=lfGw225mz18 (Teil 3)
https://www.youtube.com/watch?v=i3PvQFn_7XU (Teil 4)
https://www.youtube.com/watch?v=5O4bdBxnrlE (Teil 5)
https://www.youtube.com/watch?v=K1TeOHOz8Dc (Teil 6)

2 Martin Niewendick, DIE WELT, 08.12.2017
Preisverleihung in Berlin - In der Linken tobt der Antisemitismus-Streit
https://www.welt.de/politik/deutschland/article171415925/In-der-Linken-tobt-der-Antisemitismus-Streit.html

3 Elias Davidsson, Rubikon, 20.12.2017
Der Brunnenvergifter Gilad Atzmon - Über echte und vermeintliche Freunde des Friedens.
https://www.rubikon.news/artikel/der-brunnenvergifter-gilad-atzmon

4 gemeint ist das Streitgespräch bei Aspen GrassRoots TV vom Juli 2010

5 Teil 1 (von 6) des Streitgesprächs bei Aspen GrassRoots TV vom Juli 2010


Siehe auch:

Nimmt der Antisemitismus wirklich zu?
Solche Vorwürfe wurden genauso schon vor Jahrzehnten erhoben, heute nehmen sie hysterische Ausmaße an
Von Arn Strohmeyer
NRhZ 641 vom 20.12.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24423

Wird die Erinnerung an den Holocaust manipuliert?
Das Menschheitsverbrechen zwischen Instrumentalisierung und Banalisierung
Von Arn Strohmeyer
NRhZ 642 vom 27.12.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24450

Inzwischen sind wir alle Palästinenser
Gespräch uber die Ideologie des Auserwähltheit-Seins, Israel, Palästina und den Holocaust
Gilad Atzmon - interviewt von Muslim-Markt
NRhZ 642 vom 27.12.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24454

Einwurf in eine kontroverse Debatte
Alles bekannt über den Holocaust?
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann
NRhZ 642 vom 27.12.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24469


Online-Flyer Nr. 642  vom 27.12.2017

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