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Aktueller Online-Flyer vom 19. November 2018  

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Globales
Das Menschheitsverbrechen zwischen Instrumentalisierung und Banalisierung
Wird die Erinnerung an den Holocaust manipuliert?
Von Arn Strohmeyer

Über die realen Fakten des Holocaust ist vermutlich alles gesagt. Im Hinblick auf Moral und Vernunft ist die Suche nach Erklärungen aber kaum weitergekommen. Dieses Menschheitsverbrechen bleibt das Monströse, Unsägliche, Ungeheuerliche, das Ruchlose, das Grauen und die Barbarei schlechthin – ein Zivilisationsbruch eben. Was aber nicht heißt, dass der Holocaust unvergleichlich und einzigartig ist oder dass er außergeschichtlich ist. Trotz seines irrationalen Anteils muss der Holocaust ein rationaler Forschungsgegenstand sein. Es hat andere furchtbare Verbrechen in der Geschichte gegeben, die eine ähnlich schreckliche Dimension hatten: die Ausrottung der Ureinwohner Nord-, Mittel und Südamerikas; die belgischen Kolonialisten haben im Kongo zehn Millionen Menschen umgebracht, der Völkermord an den Armeniern (1,5 Millionen Tote); der Atombombenabwurf auf japanische Städte und… Der Holocaust unterscheidet sich von den anderen Kapitalverbrechen, dass dabei sozusagen industriell – wie am Fließband – gemordet wurde, bürokratisch angeordnet und administrativ verwaltet.

Man muss Augenzeugen heranziehen, um das Entsetzliche des Geschehens – auch wenn es tausendmal gesagt ist – auch nur annähernd zu begreifen. Einer von ihnen war der italienische Jude Primo Levi, der die Hölle von Auschwitz ein Jahr lang durchmachen musste. Er schildert in seinen Büchern und Schriften den Ablauf des industriell betriebenen Mordens: von der Ankunft in den Viehwaggons im Lager, der sofort noch an der Rampe die Selektion folgte. Kinder, Alte, Kranke, die meisten Frauen und alle Arbeitsuntauglichen mussten gleich den Weg ins Gas in Birkenau antreten. Man führte sie in einen „Duschraum“, indem man ihnen – Gipfel des Zynismus – ein Stück Seife und ein Handtuch aushändigte. An den Wänden waren Parolen wie „Wascht euch ordentlich, denn Sauberkeit ist Gesundheit!“, „Spart nicht mit Seife!“ und „Vergesst nicht Euer Handtuch!“ angebracht.

In dem Raum waren falsche Duschen installiert. In der Decke der „Badeanstalt“ befand sich eine von Platten hermetisch verschlossene große Klappe, die geöffnet werden konnte. Wenn die Personen alle im Raum und die Türen hermetisch verschlossen waren, rieselte aus der Öffnung in der Decke das grau-blau-grobkörnige Pulver Zyklon B, ein Mittel zur Vernichtung tierischer Schädlinge (vor allem Ratten auf Schiffen), das die deutsche Firma Degesch entwickelt und hergestellt hatte. Binnen weniger Minuten starben alle in den Gaskammern Eingeschlossenen, dann wurden Fenster und Türen weit geöffnet, und Mitglieder eines Sonderkommandos, die in Schichten arbeiteten, begannen mit dem Abtransport der Leichen in die Verbrennungsöfen. Jeder Ofen hatte eine Kapazität von 2000 Leichen pro Tag.  Den Leichen der Ermordeten wurde der Zahnersatz aus Gold herausgerissen, die Haare abgeschnitten (sie sollten in der Industrieproduktion für Motorendichtungen verwendet werden). Die Asche der verbrannten Körper wurde als Dünger verwendet.

Die bei der Selektion an der Rampe als „arbeitsfähig“ Befundenen wurden in Arbeitslager geführt, von denen es in Auschwitz mehrere gab und die zumeist von großen deutschen Konzernen errichtet waren. Die Häftlinge in diesen Lagern waren auch dem Tod geweiht, hier fand der Mord durch Arbeit statt. Die Lebensbedingungen in diesen Lagern (Arbeit bis zur völligen Erschöpfung, völlig unzureichende Ernährung, ungenügende Kleidung, so gut wie keine wirksame Krankenversorgung sowie ständige Brutalitäten des Wachpersonals) waren so katastrophal, dass die meisten Häftlinge nach drei bis vier Monaten starben. Auch in diesen Lagern fanden noch Selektionen statt. Die Gefangenen mussten nackt vor einem Arzt vorbeidefilieren. Im Schnelldurchgang entschied dieser „Mediziner“, wer körperlich so hinfällig war, dass er der Arbeit nicht mehr gewachsen war. Er musste den Gang in das Gas antreten. Ein SS-Arzt bestätigte in einem zweiten Durchgang das Todesurteil.

So hat Primo Levi das „Leben“ im Lager beschrieben. Seine Angaben werden neben vielen anderen auch von dem griechisch-jüdischen Häftling Marcel Nadjari bestätigt, der aus Thessaloniki stammte. Er musste in Auschwitz in dem Sonderkommando Dienst tun. Nadjari gelang es, das Ungeheuerliche, das er erlebt hatte, aufzuschreiben, in einer Thermosflasche zu verstecken und diese zu vergraben. Russischen Wissenschaftlern gelang es, den nicht mehr gut lesbaren Text zu entziffern. Nadjari schildert, wie er die neu Angekommenen in Empfang nehmen musste: „Nachdem alle nackt waren, gingen sie weiter in die Todeskammer, da drinnen hatten die Deutschen an der Decke Rohre angebracht, damit sie glauben sollten, dass sie das Bad vorbereiteten, mit Peitschen in der Hand zwangen die Deutschen sie, immer enger zusammenzurücken, damit möglichst viele hineinpassen, eine wahre Sardinendose von Menschen, danach haben sie die Tür hermetisch verschlossen. Die Gasbüchsen kamen immer mit dem Auto des Deutschen Roten Kreuzes mit zwei SS-Leuten.“

Nadjari schilderte seine „Arbeit“: „Nach einer halben Stunde öffneten wir die Türen [der Gaskammer], und unsere Arbeit begann. Wir trugen die Leichen dieser unschuldigen Frauen und Kinder zum Aufzug, der sie in den Raum mit den Öfen beförderte, und dort steckten sie sie in die Öfen, wo sie verbrannten ohne Zuhilfenahme von Brennmaterial aufgrund des Fetts, das sie haben. Ein Mensch ergab nur ein halbes Okka Asche [etwa 600 Gramm], die uns die Deutschen zu zerkleinern zwangen, um sie dann durch ein grobes Sieb zu pressen, und danach holte es ein Auto ab und schüttete es in den Fluss, der in der Nähe vorbeifließt, und so beseitigen sie alle Spuren.“

In Levis erschütterndem Hauptwerk Ist das ein Mensch? hat er die Bilanz seiner Zeit in Auschwitz gezogen: „Wir sind in der Tiefe angekommen. Noch tiefer geht es nicht; ein noch erbärmlicheres Menschendasein gibt es nicht.“ Und: „Mensch ist, wer tötet, Mensch ist, wer Unrecht zufügt oder erleidet; kein Mensch ist, wer jede Zurückhaltung verloren hat und sein Bett mit einem Leichnam teilt. Und wer darauf gewartet hat, bis sein Nachbar mit Sterben zu Ende ist, damit er ihm ein Viertel Brot abnehmen kann, der ist, wenngleich ohne Schuld, vom Vorbild des denkenden Menschen weiter entfernt als der roheste Pygmäe und der grausamste Sadist.“

Levis Schilderungen betreffen natürlich nur einen Teilausschnitt des Holocaust, er hat nur das beschrieben, was er selbst gesehen, gehört und erlebt hat. Es gab andere Vernichtungslager (Majdanek, Belzec, Sobibor, Treblinka), in denen die Mordmaschinerie der Nazis auf Hochtouren lief. Ab 1941/42 hatten Massaker im Osten stattgefunden – durchgeführt von den „Einsatzgruppen“ und anderen Mordkommandos, die dem Reichsführer der SS Heinrich Himmler unterstanden. Sechs Millionen Menschen fielen dem Holocaust insgesamt zum Opfer.

Heinrich Himmler hatte die Richtlinien für den Massenmord ausgegeben: Vor hohen Funktionären der NSDAP begründete er im Oktober 1943 den Zwang zum Genozid ideologisch: „Der Satz, die Juden müssen ausgerottet werden, mit seinen wenigen Worten, meine Herren, ist leicht ausgesprochen. Für den, der es durchführen muss, was er fordert, ist es das Allerhärteste und Schwerste, was es gibt. (…) Es trat an uns die Frage heran: Wie ist es mit den Frauen und Kindern? Ich habe mich entschlossen, auch hier eine ganz harte Lösung zu finden. Ich hielt mich nämlich nicht für berechtigt, die Männer auszurotten – sprich also, umzubringen oder umbringen zu lassen – und die Rächer in Gestalt der Kinder für unsere Söhne und Enkel groß werden zu lassen. Es musste der schwere Entschluss gefasst werden, dieses Volk von der Erde verschwinden zu lassen.“ Vor Offizieren der Wehrmacht hat er unter starken Beifall verkündet: „Sie [die Judenfrage] wurde entsprechend dem Lebenskampf unseres Volkes, der um die Existenz unseres Blutes geht, kompromisslos gelöst. Ich spreche das zu Ihnen als Kameraden aus.“

Die Suche nach den Gründen

Die Holocaust-Literatur ist so umfangreich, dass hier nur andeutungsweise auf die Ursachen und Gründe des Verbrechens eingegangen werden kann. Der Holocaustforscher Raul Hilberg geht in seinem voluminösen Werk Die Vernichtung der europäischen Juden, das inzwischen zum Standardwerk geworden ist, weit in die Geschichte zurück, um den brachialen Gewaltakt gegen die Juden zu verstehen. Vor allem das Bestehen der katholischen Kirche auf der Alleingültigkeit ihrer Lehre musste mit dem streng monotheistischen Judentum kollidieren. Aus Konkurrenzgründen schützte die Kirche ihre Christen vor der „verderblichen jüdischen Lehre“. Den Juden blieb zumeist nur die Wahl zwischen Konversion oder Vertreibung. Die Bekehrung der Juden scheiterte aber weitgehend, was bedeutete, dass man sie als besonderen Menschenschlag ansah, der sich dem Christentum verschloss und ihm damit gefährlich werden konnte. Martin Luther verstärkte mit seinen Ausfällen gegen die Juden den Hass auf das Volk, das sich für „auserwählt“ hielt und gab damit die Richtung für den deutschen Protestantismus an.

Das 19. Jahrhundert fügte dem Judenhass eine pseudowissenschaftliche Begründung hinzu, die aus dem christlichen Judenhass den modernen Antisemitismus machte. Hilberg beschreibt ihn so: „Die Antisemiten des 19. Jahrhunderts, die sich von religiösen Zielen losgesagt hatten, betrieben die Emigration der Juden. Sie hassten die Juden mit einem Gefühl von Rechtschaffenheit und Legitimität, als hätten sie die Judenfeindlichkeit der Kirche gleich Spekulanten erworben, die die Rechte einer bankrotten Gesellschaft aufkaufen. Gleichzeitig mit diesem Hass machten sich die postekklesiastischen Feinde des Judentums auch die Vorstellung zu eigen, dass Juden nicht verändert, bekehrt oder eingegliedert werden können, sondern ein fertiges Produkt darstellen, unflexibel in ihren Gewohnheiten, festgelegt in ihren Ansichten und starr in ihrem Glauben.“

Die Nazis konnten also mit ihrem Hass und Vernichtungswerk auf eine lange vor ihnen bestehende Tradition aufbauen: „Doch bei der näheren Analyse dieses in seinen Ausmaßen beispiellosen Vernichtungswerks müssen wir feststellen, dass das meiste, was in jenen zwölf Jahren geschah, auch früher schon einmal aufgetreten war. Der Vernichtungsprozess der Nazis kam nicht aus heiterem Himmel; er war der Höhepunkt einer zyklischen Entwicklung. Wir können diese Entwicklung in den drei aufeinander folgenden Zielsetzungen antijüdischer Amtswalter nachvollziehen. Die Missionare des Christentums erklärten einst: Ihr habt kein Recht, als Juden unter uns zu leben. Die nachfolgenden weltlichen Herrscher verkündeten: Ihr habt kein Recht, unter uns zu leben. Die deutschen Nazis schließlich verfügten: Ihr habe kein Recht, unter uns zu leben.“ Wobei es falsch wäre zu sagen, die ganze Geschichte der Juden sei eine Geschichte der Verfolgungen gewesen. Es gab auch lange Zeiten des friedlichen Zusammenlebens zwischen Juden und Nicht-Juden. Die Juden spielten in den verschiedenen christlichen und muslimischen Gesellschaftssystemen immer wieder eine wichtige und auch anerkannte Rolle.

Es ist bemerkenswert, dass der deutsch-jüdische Philosoph Theodor W. Adorno in seinem berühmten Aufsatz Erziehung nach Auschwitz kaum auf den Antisemitismus eingeht. Für das Ungeheuerliche, das sich seiner Meinung nach jederzeit wiederholen kann, macht er die Bedingungen der Gesellschaft verantwortlich – solange, diese so sind, wie sie sind. Als weitere Mechanismen, die Menschen zu solchen barbarischen Taten befähigen, nennt er: den Mangel an kritischer Selbstreflexion; den zunehmenden zivilisatorischen Druck, der ein Gefühl des Eingesperrtseins in vergesellschafteten, dichten Netzen erzeugt, das wiederum Wut auf die Zivilisation produziert, die dann in Gewalttätigkeit umschlagen kann; den Verlust menschlicher Bindungen sowie die blinde Einordnung in Kollektive, die Menschen zu Material, zur amorphen Masse macht – die Kollektive erzeugen manipulative Charaktere. Vor allem hat der Völkermord für Adorno seine Wurzeln im Wiederauftauchen eines aggressiven Nationalismus – ein Phänomen, das nicht nur auf Deutschland beschränkt ist.

Ähnlich wie Adorno argumentiert der polnisch-jüdische Soziologe Zygmunt Baumann (1925 – 2017). Für ihn steckt die Möglichkeit des Holocaust im Wesen der modernen Zivilisation. Er schließt sich der These von Hannah Arendt an, dass der Antisemitismus allein die Auswahl der Opfer erklärt, aber nicht den Charakter des Verbrechens. Der traditionelle Antisemitismus hätte nicht zu einem Verbrechen wie dem Holocaust führen müssen. Dazu sei die Ambition der Moderne nötig gewesen, eine vollkommene Welt zu schaffen. Für die Wahnvorstellung, eine solche bessere „ideale Welt“ zu schaffen, würden ganze Nationen geopfert. Nötig sei dazu eine bürokratische Ordnung der modernen Welt, die die moralische Beurteilung vollständig vom menschlichen Handeln trenne. Außerdem müsste eine rücksichtslose Macht bereitstehen, die über die Mittel zur Gewaltanwendung verfüge.

Dass die Juden die Opfer waren, hätte daran gelegen, dass viele von ihnen nach der Französischen Revolution 1789 das Ghetto verlassen hätten und in einem Europa, das sich nach den Kategorien der nationalen Selbstbestimmung gestaltete, eine Nation gebildet hätten, die keine Nation war. Sie seien überall und nirgends zu Hause gewesen, was sie zum Brennpunkt aller modernen Unruhen gemacht habe. Die Juden hätten den Stachel im Körper der modernen Zivilisation gebildet, das hätte Angst vor diesen „Fremden“ erzeugt und sie angreifbar und in letzter Instanz zu Opfern gemacht.

Die Folgerungen aus dem Massenmord – Universalismus oder Partikularismus?

Wenn der Holocaust ein Menschheitsverbrechen, aber nicht einzigartig war, dann können die Folgerungen, die man aus ihm zieht, nur universalistisch sein. An diesem Punkt scheiden sich aber die Geister, vor allem unter jüdischen Intellektuellen. Ihre Vertreter in Europa hatten im Zuge der Aufklärung den Nationalismus abgelehnt und hatten universalistisch gedacht, was aber bedeutet, die Menschheit in ihrer Gesamtheit zu sehen, statt sich die Position einer bestimmten Gruppe oder eines Volkes zu eigen zu machen. Partikularismus wurde in diesen Kreisen also abgelehnt. Das hatte seinen guten Grund, denn Patriotismus und Nationalismus waren in Europa eng mit Rassismus verbunden, der in Form des Antisemitismus besonders die Juden betraf. Zudem verdankten die Juden der Anwendung universeller Rechte ihre Gleichstellung in den Gesellschaften, in denen sie lebten. Zygmunt Baumann hat es so formuliert: „Universalität ist der Schlachtruf der Unterprivilegierten, und die Juden waren unterprivilegiert.“

Zwei wichtige Ereignisse in der jüdischen Geschichte haben aber den Konsens unter Juden über den Universalismus zerstört und neue Fronten geschaffen: der Holocaust und die Gründung des Staates Israel. Das Faktum eines jüdischen Staates, der auch beanspruchte, für alle Juden der ganzen Welt zu sprechen, und das Andenken an den Holocaust spaltete das Judentum in Universalisten und Partikularisten. Die Forderung des Universalismus (Gleichheit für alle Menschen gemäß der UNO-Charta und den Menschenrechten) auf der einen Seite und die partikularistischen Anforderungen und Interessen des Staates Israel schufen eine tiefe weltanschauliche Konfrontation zwischen beiden Gruppen. Es war von nun an nicht mehr möglich, das intellektuelle Judentum mit Universalismus und Aufklärung gleichzusetzen. Die Konfrontation ging und geht so weit, dass universalistisch gesinnte Juden, die die Politik Israels kritisieren, unter den verleumderischen Verdacht gestellt werden, „selbsthassende Juden“ zu sein, weil sie die Solidarität mit Israel verlassen hätten.

Die israelische Soziologin Eva Illouz fragt deshalb: „Warum sträuben sich gemäßigt religiöse Gemeinden inzwischen gegen das, was die gewöhnliche Aufgabe der Intellektuellen seit Sokrates ausmacht, nämlich die Grundannahmen ihrer Gruppe im Namen allgemeingültiger Werte zu hinterfragen und zu kritisieren? Warum ist es selbst dann so spürbar schwierig geworden, Israel oder jüdische Gemeinschaften zu kritisieren, wenn die ‚Torheit der Regierenden‘ (…) in Israel himmelschreiende Ausmaße annimmt?“ (Auf den Komplex Universalismus – Partikularismus wird noch ausführlich in dem Kapitel „Israel und das Problem des Antisemitismus“ eingegangen.)

Im Hinblick auf den Holocaust wirkte sich die Spaltung in Universalisten und Partikularisten – auf eine Formel gebracht – so aus, dass die Anhänger Israels sagen: Das darf uns, den Juden, nie wieder passieren. Die Universalisten halten mit der Forderung dagegen: Das darf nirgendwo auf der Welt noch einmal geschehen – keinem Volk und keiner Gruppe von Menschen. Im „Nie wieder!“ (der Forderung von Theodor W. Adorno, „dass Auschwitz nicht noch einmal sei“), ohne die Juden oder Israel direkt zu erwähnen, kommt der universalistische Ansatz deutlich zum Ausdruck. An andere Stelle heißt es: …dass Hitler „den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen [habe]: ihr Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.“ Im Folgenden soll die universalistische Position am Beispiel von drei jüdischen Autoren erweiternd dargestellt werden.

Primo Levi hat immer wieder auf die Universalität der aus Auschwitz zu ziehenden Lehren hingewiesen. Er sah den Faschismus wie die Vernichtungslager als eine gegen alle Menschen gerichtete Schändung an, ohne dabei die zentrale Stellung der Juden bei der Vernichtung zu bestreiten. Schon der Titel seines Buches Ist das ein Mensch? zeigt die universalistische Tendenz an. Er hat klar bekannt: „Wir wissen, dass anderes Böses auf der Welt verübt wurde, immer noch verübt wird: Unsere Verurteilung betrifft alles dieses Böse. Das muss klar sein. Jede Nachricht, die zu uns gelangt, von Massakern, Folter, verplombten Waggons, Leid, das Unschuldigen ohne Grund zugefügt wird, von vorsätzlich begangenem Unrecht, jede dieser Nachrichten geht uns an, wir sind empfänglich dafür: Unsere Verurteilung erstreckt sich auf sie alle. Jeder, der von Massakern an Frauen und Kindern erzählt, von wessen Hand auch immer, in welchem Land auch immer, im Namen von welcher Ideologie auch immer, ist unser Bruder, und wir sind solidarisch mit ihm.“

Auch der israelische Politiker Abraham Burg, der Vorsitzender der Jewish Agency und Sprecher des israelischen Parlaments (der Knesset) war, sieht den Holocaust nicht nur als historisches Ereignis der Juden an – den Gipfel eines lange bestehenden Judenhasses, sondern als universelles Ereignis, das innerhalb der Entwicklungslinien der Welt stattgefunden habe: „Der Holocaust stellte den Gipfelpunkt eines Prozesses dar, in dem sich vom 18. über das 19. Jahrhundert bis Mitte des 20. Jahrhunderts Rassentheorien von der Überlegenheit der weißen Rasse und ihre Kontakte zu ‚minderwertigen Rassen‘ entwickelten. Der jüdische Holocaust war der Gipfel des um sich greifenden menschlichen Bösen.“

Er vertritt auch den kategorischen Imperativ des „Nie wieder!“ An die Täter, die Deutschen, gewandt schreibt er: „Ich schlage vor, dass wir gemeinsam überall hingehen, wo noch immer Menschen auf dem Altar der Grausamkeit geopfert werden; dass wir unsere Stimme erheben und sagen: ‚Nie wieder, niemand, nicht nur keine Juden. Nie wieder Mord und Vernichtung von Menschen! Das ist die universelle Lehre aus der tragischen Beziehung zwischen Juden und Deutschland, die wir aus ‚unserem Holocaust‘ ziehen müssen für eine bessere Welt für alle Menschen, für alle.“

Auch ein deutscher Jude meldet sich in der Debatte um die Folgerungen aus dem Holocaust im Zusammenhang mit der Politik Israels immer wieder zu Wort. Der Psychologe und Neurologe am Universitätsklinikum in Lübeck, Professor Rolf Verleger. Als Vermächtnis seiner ermordeten Vorfahren ruft er zum Kampf gegen Antisemitismus und Fremdenhass auf, in welcher Form sie auch auftreten. Er geht dabei direkt auf die politischen Implikationen ein, die der Streit über Auschwitz und die Folgen unter Juden hervorruft: „Es ist hinlänglich bekannt, dass man dieses Vermächtnis auf zwei Arten interpretieren kann, auf die universalistische (‚es soll Derartiges niemandem je wieder passieren‘) und auf die nationalistische (‚das soll uns Juden niemals wieder passieren, notfalls müssen andere leiden‘). Letzteres halte ich für eine Verirrung, die der jüdischen Tradition und den Regeln menschlichen Zusammenlebens widerspricht, aber so ist es nun mal: Opfer werden nicht automatisch zu besseren Menschen. Auch und gerade Opfer von Gewalt können selbst Ungerechtigkeiten begehen.“

Damit ist Israel direkt angesprochen, denn die israelische Staatsideologie, der Zionismus, und die praktische Politik Israels haben den Holocaust nicht nur völlig für sich vereinnahmt („er gehört den Juden allein“), sie haben ihn auch zur Rechtfertigung ihrer politischen und militärischen Ziele instrumentalisiert. Der israelische Historiker Ilan Pappe spricht in diesem Zusammenhang von „unglaublicher Manipulation der Erinnerung an den Holocaust“. Rolf Verleger nennt den Vorgang, den Holocaust für „einzigartig“ zu erklären und ihn zu nationalisieren, um ihn politischen Interessen dienstbar zu machen, eine „Verirrung“. Man kann ihn aber auch tragisch nennen, denn die Verweigerung einer universalistischen Moral, die die Menschenrechte und das Völkerrecht anerkennt und befolgt, muss mit all ihren negativen Folgen auf ihre Verursacher zurückfallen.

Wachhalten des Traumas

Die Instrumentalisierung und Manipulation des Holocaust durch die israelische Politik dient verschiedenen Zielen. Durch das permanente Schüren der Angst und Panik vor einem neuen Holocaust, was einem permanenten Wachhalten des Traumas gleichkommt, soll einmal die sehr heterogene israelische Gesellschaft zusammengehalten werden. Zweitens soll in der israelischen Öffentlichkeit durch diese Manipulation das aggressive und allein auf militärische Stärke setzende Vorgehen der politischen und militärischen Elite dieses Staates unterstützt und gerechtfertigt werden. Hierzu gehört auch, dass die Holocaust-Erinnerung dazu benutzt wird, die gewaltsame Unterdrückung der Palästinenser zu rechtfertigen. Ihnen wird unterstellt, die „neuen Nazis“ zu sein, die eine Wiederholung des Holocaust planten. Die ständige Gegenwart des Holocaustgedenkens ist drittens auch ein äußerst nützliches und auch stets anwendbares Mittel, Kritik zum Schweigen zu bringen. Dazu dienen vor allem die Vergleiche aus dem Bereich des Nationalsozialismus.

Einige Beispiele: Der erste israelische Ministerpräsident Ben Gurion verglich den ägyptischen Staatschef Gamal Abdul Nasser ständig mit Hitler. 1956 erklärte er: „Die Gefahr, die vom ägyptischen Tyrannen ausgeht, ist ebenso groß wie die, der die europäischen Juden zum Opfer fielen.“ Später wurde der PLO-Führer Yassir Arafat zum „neuen Hitler“. Als die israelischen Truppen 1982 Beirut eroberten und Arafat sich in einem Bunker verschanzte, verglich der israelische Regierungschef Menachem Begin dies mit Hitlers letzten Tagen im Keller der Reichskanzlei. Zum Einmarsch der israelischen Armee in den Libanon erklärte Begin: „Die Alternative zu diesem Kampf heißt Treblinka. Und wir haben beschlossen, dass es keine Treblinkas mehr geben wird.“ Und im Oktober 2015 erklärte der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu, dass der palästinensische Führer al-Haj Amin al Husseini (1893 - 1974), der Mufti von Jerusalem, Hitler zum Holocaust überredet habe – eine Behauptung, die unter Historikern in der ganzen Welt nur verständnisloses Kopfschütteln hervorrief.

Es sind vor allem universalistisch denkende jüdische und israelische Intellektuelle, die diese Verfälschung und Ausbeutung des Völkermords als ideologische Waffe auf das Schärfste kritisieren. Abraham Burg schreibt: „Wir stutzten unsere grauenvolle Holocaust-Erfahrung zurecht, bis sie in einige der traditionellen jüdischen Muster passte, und fügten ihr unseren eigenen Symbolismus hinzu. Wir nannten sie Shoa, nicht Zerstörung, wie es Brauch ist. Wir legten einen besonderen Gedenktag fest, schrieben spezielle Gebete und schufen neue Rituale und Kulturformen. Wir machten sie zu einem Ereignis, das stärker israelisch als jüdisch ist. Dabei fielen wir aber zurück in vergangene Muster und unterstrichen die Botschaft‚ die ganze Welt ist gegen uns‘. Wir verliehen der existenziellen jiddischen Gleichung wieder Gültigkeit: Ist es gut für die Juden oder schlecht für die Juden? Und wir verstanden die Shoa als ausschließlich uns betreffend. Damit verpassen wir die Chance, ihre Schrecken in etwas wesentlich Bedeutungsvolleres, Universelles zu verwandeln. Es geht nicht um uns und die Welt, sondern um alles Gute in der Welt gegen alles Böse. Kurz wir nationalisierten die Shoa, monopolisierten und verinnerlichten sie und lassen niemanden in ihre Nähe.“

Die israelische Historikerin Idith Zertal weist darauf hin, dass der Holocaust in der Gründungphase Israels so gut wie keine Rolle gespielt hat (Siehe KapiteI II). Erst der Eichmann-Prozess eröffnete dann weitere Möglichkeiten zur Instrumentalisierung des Holocaustgedenkens. Die Opfer des Völkermordes wurden nun staatlich und offiziell zu potentiellen Erbauern und Verteidigern Israels befördert, das heißt, der Holocaust wurde zur Gründungsrechtfertigung des Staates. Dieser stolze Staat würde in Zukunft das jüdische Blut schützen und rächen, hieß es. Der Kampf der Palästinenser um ihre Selbstbestimmung wurde mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt, sie wurden also zu Opfern der Holocaust-Manipulation.

Banalisierung des Holocaust

Wie sehr diese Art des Gedenkens den Völkermord entwertete und banalisierte, beschreibt Idith Zertal so: „Je nach den aktuellen Gegebenheiten wurden die Holocaustopfer wieder und wieder zum Leben erweckt und erhielten eine zentrale Funktion in den politischen Überlegungen Israels, vor allem im Kontext des israelisch-arabischen Konflikts und insbesondere in Momenten der Krise und des Flächenbrandes, das heißt zu Kriegszeiten. Es hat in Israel von 1948 bis zu den gegenwärtigen Gewaltausbrüchen seit Oktober 2000 keinen Krieg gegeben, der nicht in Begriffen des Holocaust wahrgenommen, definiert und konzeptualisiert wurde. Dieses Vorgehen, das ursprünglich ganz bestimmten begrenzten Zwecken diente, sollte aus der totalen jüdischen Ohnmacht heraus eine Macht und ein Machtbewusstsein Israels erzeugen und wurde dann mit dem wachsenden Abstand zum Holocaust zu einer weitgehend wertlosen Floskel. Auschwitz als Verkörperung des totalen und ultimativen Bösen wurde und wird noch immer in militärischen und Sicherheitsfragen und bei politischen Dilemmata in Anspruch genommen, denen sich Israel nicht stellen wollte, die Israel nicht lösen und für die Israel den Preis nicht zahlen wollte; damit wurde das Land in ein ahistorisches und apolitisches Zwielicht gerückt, in dem Auschwitz kein Ereignis der Vergangenheit, sondern eine immerzu präsente Bedrohung ist.“

Moshe Zuckermann wehrt sich gegen das israelische Dogma, dass die Errichtung des Staates die Antwort des jüdischen Volkes auf Auschwitz war. Eine solche Kausalverbindung lege das Hauptgewicht auf die Staatsgründung, dabei gerate die Katastrophe selbst zum nachgeordneten Epiphänomen. Begreife man den Holocaust aber als Zäsur in der Menschheitsgeschichte, als „Zivilisationsbruch“, dann könne die Staatsgründung nichts zum Verständnis und zur Deutung der Katastrophe beitragen, die nur aus sich selbst heraus verstanden werden müsse.

Der Staat, kritisiert Zuckermann, der die Einzigartigkeit und Unvergleichlichkeit des Holocaust auf seine Gedenkfahnen geschrieben habe, instrumentalisiere den Holocaust in beispielloser Weise als Argument für die zumeist manipulative Durchsetzung politischer, diplomatischer sowie militärischer und ökonomischer Ziele. Auch für den Diskurs in Israel selbst müsse die Katastrophe als „erbärmliche Pathosformel“ für jedes nur erdenkliche partikulare Eigeninteresse herhalten. Zuckermann sieht den Holocaust dadurch völlig banalisiert: „Nicht übertrieben ist die Behauptung, dass nirgends auf der Welt die Banalisierung des Holocaust, mitunter ihre Trivialisierung durch inflationäre Verwendung in einer hanebüchenen Alltagsrhetorik so unverhohlen skrupellos betrieben wird wie in Israel.“ Israel hat den Holocaust in den Zionismus integriert, hat ihn mit seinem Bedrohungspotential selbst zu einer Ideologie gemacht: „Der israelische Zionismus rezipierte die Shoa nicht als weltgeschichtliches Ereignis, nicht als Zivilisationsbruch, nicht als das, wofür ein neuer, allgemeinmenschlicher kategorischer Imperativ ‚nach Auschwitz‘ notwendig geworden war; er unterwarf die Rezeption der Shoa vielmehr einzig der Logik seiner ideologischen Bedürfnisse, der rigoros funktionellen Zurichtung auf seine Selbstrechtfertigung als zionistischer Staat.“

Der vielleicht radikalste Kritiker des israelischen Holocaustgedenkens ist der amerikanisch -jüdische Politologe Norman Finkelstein. Er wendet sich vor allem gegen das in Israel und den USA verwendete Dogma, der Holocaust sei „einzigartig“ gewesen und mit anderen Verbrechen nicht vergleichbar, dass er in der Geschichte also ohne Parallele sei. Diese Behauptung – so Finkelstein – impliziert eine Reihe anderer Behauptungen, die wiederum die Instrumentalisierung des Holocaust ausmachen. Erstens: Die Konstruktion des Holocaust als einzigartig gilt als gegeben, sie zu leugnen gilt als Leugnung des Holocaust. Diese Behauptung schließt zweitens ein rationales Verständnis des Holocaust aus, er macht den Holocaust zu einem Mysterium, wie Elie Wiesel ihn verstanden hat. Einzigartiges Leid verleiht drittens einen einzigartigen Anspruch. Die Unvergleichlichkeit des Holocaust stellt also ein moralisches Kapital dar, das Israel als politisches Alibi benutzt.

Israel kann – so Finkelstein – diese moralischen und emotionalen Ansprüche an andere Staaten stellen und die Anerkennung seines Rechts einfordern, dass es als besonders bedroht gelten kann und seine Anstrengungen zum Überleben der Unterstützung bedarf. Die Behauptung der Einzigartigkeit des Holocaust beinhaltet auch die Behauptung der jüdischen Einzigartigkeit. Der Holocaust ist also etwas Besonderes, weil Juden etwas Besonderes sind, was man als säkularisierte Version der Auserwähltheit deuten kann.

Diese Behauptungen – so Finkelstein – sollen Israels Sonderstellung legitimieren, sollen von vornherein jede unmenschliche Behandlung von Nichtjuden entschuldigen (Israel ist „alles erlaubt!“) und machen diesen Staat und seine Politik gegen jede Kritik immun. Bei dieser Instrumentalisierung des Holocaust bleiben die Rechte und die Würde der Opfer – welcher auch immer – völlig auf der Strecke.


Dieser Text stammt aus Arn Strohmeyers Buch:
Die israelisch-jüdische Tragödie.
Von Auschwitz zum Besatzungs- und Apartheidstaat.
Das Ende der Verklärung



Gabriele Schäfer Verlag Herne, ISBN 978-3-944487-57-1, 19.90 Euro



Siehe auch:

Nimmt der Antisemitismus wirklich zu?
Solche Vorwürfe wurden genauso schon vor Jahrzehnten erhoben, heute nehmen sie hysterische Ausmaße an
Von Arn Strohmeyer
NRhZ 641 vom 20.12.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24423

Inzwischen sind wir alle Palästinenser
Gespräch uber die Ideologie des Auserwähltheit-Seins, Israel, Palästina und den Holocaust
Gilad Atzmon - interviewt von Muslim-Markt
NRhZ 642 vom 27.12.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24454

Wie weit geht die Freiheit der Gedanken?
Elias Davidsson und Gilad Atzmon debattieren über Palästina, Israel und Holocaust
Aufbereitet von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann
NRhZ 642 vom 27.12.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24453

Online-Flyer Nr. 642  vom 27.12.2017

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