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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Literatur
Eine Anklage des Jungen Christian gegen die Kriege dieser Welt
Erwachsene Kinder (4)
Von Karl C. Fischer

"Der Krieg entlässt seine Kinder. Aber: Es sind keine! Sind erwachsene Kinder. Kinder, die nicht Kind sein konnten, durften. Kinder, um ihre Kindheit, das heißt vor allem um die Unbedarftheit gebracht. Denn ihnen blieb keine andre Chance, als mit überlebensgroßem Überlebenskampfgeist zu Werke zu schreiten", schreibt Ulrich Land über die autobiografische Geschichte "Erwachsene Kinder" des Kölner Schriftstellers Karl C. Fischer. Die NRhZ bringt daraus – auch und insbesondere im Hinblick auf die zunehmend bedrohliche NATO-Aggression gegenüber Russland – eine Reihe von Auszügen... Wie konnte es nur dazu kommen, dass eine kleine NSDAP solche Macht an sich riss? Viele Gründe, sehr viele, sind da zu nennen. Exzessiv wirkten sie mit Formen, Beschwörungen und – mit Symbolen.


Wenn Christian aus der Schule kommt, erwartet ihn immer die gleiche Aufgabe: Geld zählen.

Herr Rupp ist Bankkaufmann. Nach der Arbeit spricht er oft davon, daß der Umgang mit Geld und die Beratung der Kunden sehr abwechslungsreich sind. Oft sagt er auch, daß er Christian später mal helfen will, das Bankfach zu erlernen. Damit er einen Vorgeschmack erhält und beim Rechnen in der Schule besser mitkommt, wechselt Herr Rupp stets eigenes Geld in so viele Scheine und Münzen, daß Christian sie sortieren und zählen kann. Dann erklärt Herr Rupp: "Man kann nicht früh genug den Wert des Geldes schätzen lernen."

Christian überzeugt das nicht. Außer ein paar Groschen besaß er noch nie Geld. Daher bedeutet es ihm nichts. So läßt er, um rechnen zu lernen, das tägliche Ritual über sich ergehen.

Herr Rupp setzt sich an den Schreibtisch und weist Christian den Platz neben seinem an. Nachdem er sich in aller Ruhe eine Pfeife angezündet hat, holt er eine grüne Brieftasche aus weichem Leder hervor und legt eine prall mit Münzen gefüllte Geldbörse daneben. Diese schüttet er auf der Tischplatte aus, stapelt ein Bündel Geldscheine hinter den Münzen auf und befiehlt: "So, nun zähl mal!"

Christian sortiert, wie er es bei Herrn Rupp gelernt hat: Die Scheine zu Zehnerpäckchen über Kreuz gestapelt und die Münzen in Kleeblattform mit einer Deckmünze zu Fünferhäufchen. Dann zählt der Junge, schreibt Zwischensummen auf einen Block und rechnet zusammen. Wenn Herr Rupp festgestellt hat, daß das Ergebnis richtig ist, lobt er Christian, der sich fast nie verrechnet.

"Wie ein richtiger Bänker", sagt er und klopft dem Jungen dabei anerkennend auf die Schulter.

Der Ablauf dieses Rituals ist immer gleich. Doch heute wird es unterbrochen. Schon während des Sortierens der Münzen fällt Christian etwas auf: Bei zwei Groschen ist das Hakenkreuz unter dem Reichsadler von drei schrägen Rillen durchkratzt. Der Junge legt die Zehnpfennigstücke zur Seite. Er hofft, daß Herr Rupp ihm nach der Überprüfung und dem üblichen Lob die Bedeutung der Kratzer erklärt. Doch der hat nur Zahlen im Kopf.

"Es fehlen zwanzig Pfennig", brummt Herr Rupp.

"Ach so, die", stottert Christian, "die hatte ich vergessen. Ich wollte ..."

"Vergessen kann man nur, wenn man nicht ganz bei der Sache ist", fällt ihm Herr Rupp ins Wort.

"Ich wollte fragen, was diese Kratzer bedeuten."

Christian schiebt die beiden Münzen Herrn Rupp hin. Der zieht jedoch die Augenbrauen ärgerlich hoch und pafft in kurzen, hastigen Zügen. Dann stößt er mißmutig hervor:

"Ich will dir nur beibringen, mit Geld umzugehen. Über diese Zeichen werde ich nicht reden."

"Aber sehen Sie doch, wie genau diese Linien gezogen sind. Das muß doch eine Bedeutung haben."

"Bedeutung. Gewiß, hier in Heidelberg meinen ein paar Verrückte, daß ihr Handeln von Bedeutung sei, doch ihr Tun ist blanker Unsinn", ereifert sich Herr Rupp. "Im übrigen laß ich mir von dir kein Thema aufzwingen."

"Dann mach ich jetzt meine Schularbeiten", sagt der Junge nur, sammelt die Münzen ein und schüttet sie in die Geldbörse zurück. Die beiden Groschen aber läßt er in seiner Hosentasche verschwinden.

Vielleicht hilft mir ja Christine, denkt der Junge, als er wenig später sein Lesebuch aufschlägt.

Am nächsten Tag, gleich nach der Schule, geht Christian zusammen mit Christine, Franz und Eugen zu Schlossers. Unterwegs schwärmt das Mädchen von ihrem Vater. "Mein Vater ist prima. Auch wenn er noch so müde von der Arbeit kommt, darf ich ihn alles fragen und krieg' immer Antwort. Und er erzählt manchmal von früher, als die Nazis noch keine Macht hatten." "Was erzählt er denn?" fragt Christian. "Was die bei der Bahn da alles gemacht haben. Züge angehalten, Waffentransporte umgeleitet. Richtige Abenteuer sind das und spannender als die Frontgeschichten aus unserm Lesebuch..."

"Das ist auch der Grund", setzt Franz hinzu, "warum er der einzige Erwachsene ist, den wir bei den 'Bimbos' aufgenommen haben."

Als die vier dort ankommen, wo Christines Eltern wohnen, verspürt Christian ein deutliches Unbehagen. Eine verrußte Fassade, rissige Fensterrahmen, abgetretene Treppenstufen. Noch nie hat er ein solches Haus betreten. Mietskasernen, Bahnhofsabsteigen oder Arme-Leute-Quartiere nannten die Eltern solche Wohnhäuser. Niemals darfst du solch ein Haus betreten, schärften sie ihm ein. Der Junge geht langsam weiter, zögert aber im Treppenhaus.

"Ist was?" fragt Christine.

"Ich war noch nie in so einem Haus. Meine Eltern wären dagegen und auch Rupps. An ihre Ermahnungen denk ich eben."

"Mir würd's auch so gehen, wenn ich zu deinen Rupps in die vornehme Villa müßte", lacht Christine.

Christines Vater ist ein schmaler Mann, unrasiert und gerade aus dem Bett gestiegen. Immer wieder reibt er sich die Augen und sitzt auf einer zerschlissenen Couch, eine Flasche Bier vor sich auf dem Tisch. Neben ihm seine Frau, beim Stricken eines Pullovers.

"Bin noch müde von der Schicht, Kinder", erklärt er gähnend. "War 'ne Schufterei die Nacht. Wenn du Nahtstellen verschweißt und zu träge bist, wie ein geölter Blitz zur Seite zu springen, weil wieder so ein unplanmäßiger Militärzug durchrast, liegst du schnell unter den Rädern. Und dann wieder in die Hocke und jeden Zentimeter Gleis wegen diesen angeblichen Anschlägen absuchen."

"Was denn für Anschläge?" fragt Christian. "Na eben, Arbeit der Untergrundgruppen, die gegen den Krieg sind. Lockern von Schrauben an den Schwellen, Lösen von Laschen ..."

Christian bemerkt, daß der müde Mann jetzt wache, fast feurige Augen bekommt. Er erzählt weiter, trinkt sein Bier, redet von der Zeit, als er noch jünger war, selbst solche Sachen machte, spricht von Straßenschlachten, Wahlkämpfen, Aufmärschen. Und er erzählt von den 'Drei Pfeilen gegen das Hakenkreuz', die er auch 'Kampf der Symbole' nennt.

Christian hört gebannt zu und denkt sofort an die beiden Groschen in seiner Hosentasche.

"Mit einem weißen Strich, den ein Kollege von mir durch ein Hakenkreuz zog", fährt Herr Schlosser fort, "begann im Sommer zweiunddreißig der Kampf der Symbole. Da faßten wir im 'Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund' wieder Mut, gegen die Nazipartei zu kämpfen. Eine Reichstagswahl war schon vorüber, bei der die Nazis viele Stimmen gewannen. Dann setzte man die Regierung ab und eine weitere Wahl wurde nötig. In den drei Monaten bis dahin erlebten wir immer öfter, daß die Nazis Leute verprügelten, Werbemärsche machten und mit ihrem Hakenkreuz-Symbol auf Stimmenfang gingen."

"Bekamen sie viele Stimmen zusammen, Papa?" fragt Christine.

"Nein, Kind. Der weiße Strich durch das Nazi-Symbol zwang sie, ihr eigenes Zeichen wegzuwischen oder neue Hakenkreuze auf die Wände zu schmieren. Da erst faßten viele Kollegen Mut und strichen jedes Hakenkreuz durch, das sie finden konnten. Später, im weiteren Wahlkampf, malten wir dann statt eines Strichs drei nach unten zeigende Pfeile über die Hakenkreuze. Da konnte man hier in Heidelberg und in vielen anderen Städten überhaupt keine Hakenkreuze mehr sehen, die nicht durchgestrichen waren."

"Da mußten die Nazis doch fürchten, die Wahl zu verlieren", meint Franz.

"Richtig, mein Junge. Sie wollten sogar ihre Partei auflösen. Als wir das hörten, haben wir weitergemacht und nicht nur mit Kreidestrichen gegen ihre Partei gekämpft. Wir machten Aufmärsche, riefen Freiheit gegen ihr Sieg Heil oder pinselten zwischen 'Heil' und 'Hitler' ein 't'. Die Leute lachten und schöpften neuen Mut. Das und vieles andere hat dann im November zweiunddreißig ausgelöst, daß die NSDAP viele Stimmen verlor."

"Und dann?" fragt Christian. "Wie konnten die Nazis dann doch an die Macht kommen?"

"Ja dann ... ", antwortet Herr Schlosser. "Statt weiter zu kämpfen, gaben wir auf. Die Sozialdemokraten, die Gewerkschaften und weitere Organisationen, die unsere 'Eiserne Front' gründeten, sahen den Kampf der Symbole als falsch an und halfen uns nicht mehr." Da steht Frau Schlosser auf, geht zu einer Kommode in der Ecke und zieht aus einer Schublade mit Wäsche ein Abzeichen hervor. Es ist rund, etwa zwei Zentimeter groß und aus Bronze. Christian erkennt drei gleichgroße Pfeile, die von oben rechts nach links unten weisen.

"Das ist das Zeichen der Eisernen Front", sagt Christines Mutter nachdenklich. "Ich trug es bei unserem letzten Aufmarsch. Da lernte ich Vater kennen und schöpfte wieder neue Hoffnung."

"Ja, Trudchen", meint Herr Schlosser. "Wir beide nahmen uns damals vor, nicht aufzugeben. Doch wir mußten erleben, wie fünf Monate später die Nazis bei der Reichstagswahl im März dreiunddreißig an die Macht kamen. Da aber war Hitler schon Kanzler und die Schlägertrupps der SA standen vor den Wahllokalen. Seitdem gibt es niemand, der ein Hakenkreuz durchzustreichen wagt."

Nun gibt es für Christian keinen Grund mehr, die Münzen in seiner Hosentasche zu verbergen. Er holt sie hervor, legt sie mit der Rückseite auf die flache Handfläche und zeigt sie Christines Vater.

"Und das da? Sind das nicht die gleichen drei Pfeile? Jemand muß sie erst kürzlich in das Hakenkreuz der Münzen geritzt haben." "Wo hast du die her?" wundert sich Christine. "Aus Herrn Rupps Geldbörse", antwortet Christian. "Sie sind aus der Bank, bei der er arbeitet. Ich hab' sie mir nur genommen, um sie dir zu zeigen."

Lächelnd betrachtet Christines Vater die Münzen: "Das war ganz richtig. Nun weiß ich doch, daß unsere Ideen nie aussterben. Heut' in der Schicht werd' ich es meinen Kollegen erzählen."




Karl C. Fischer
Erwachsene Kinder
Buchverlag Andrea Schmitz Overath, 1996
Erschienen mit Unterstützung des Werkreises Literatur der Arbeitswelt e.V.
2. Auflage 1998

Online-Flyer Nr. 609  vom 19.04.2017

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