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Aktueller Online-Flyer vom 15. Dezember 2017  

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Globales
Auszüge aus dem Vorwort der Neuerscheinung (2)
Patriarchat und Kapital
Von Maria Mies

„Was unsere westliche Gesellschaft ausmacht: das kapitalistische System, die autoritäre Familie, die autoritäre Universität, den Imperialismus und die Herrschaft des westlichen Kapitals über die armen Länder der Welt.“ Dieser Satz ist Teil des Vorworts der Neuerscheinung von "Patriarchat und Kapital". „Das Buch erschien zuerst 1986 auf Englisch bei dem Zedbook Verlag in London. Es hat den Titel Patriarchy and Accumulation on a World Scale. Die deutsche Übersetzung erschien 1988 beim Rotbuchverlag in Zürich. Es ist vergriffen. Zwischen 1986 und 2016 sind 30 Jahre vergangen. Doch obwohl sich die Welt seit 1986 sehr verändert hat, ist das Buch heute genauso relevant und aktuell wie damals. Ich halte es für mein wichtigstes Buch.“ (Vorbemerkung von Maria Mies) Wir bringen Auszüge aus dem Vorwort in zwei Teilen. Hier Teil 2:

Hausfrauisierung - Die Verfolgung der Hexen und der Aufstieg der modernen Gesellschaft

...In den europäischen Ländern wurde die direkte Gewalt gegen Frauen schließlich durch strukturelle Gewalt ersetzt. Im neuen Bürgertum entstand das Frauenbild der »modernen Hausfrau«. Ohne die unbezahlte Arbeit der Hausfrau in den Industrieländern war der schnelle Aufstieg des Kapitalismus nicht möglich. Die Hausfrauisierung der Frauen ist auch heute noch der unsichtbare Untergrund des Kapitalismus. Wenn die ganze Arbeit einer Hausfrau so bezahlt werden müsste wie die eines männlichen Facharbeiters, wäre der Kapitalismus schnell am Ende.

Im vierten Kapitel weise ich nach, dass arme Frauen in Asien, Afrika und Südamerika auch heute die billigsten Arbeitskräfte für das internationale Kapital sind. Doch auch wir Konsumenten und Konsumentinnen profitieren von der Ausbeutung dieser armen Frauen. Wenn ihre Arbeit so bezahlt würde, wie die eines deutschen Mannes, könnten wir uns die T-Shirts, Hemden, Jeanshosen und viele andere Produkte, nicht mehr leisten. Die Auslagerung der Textilindustrie und dann auch anderer Industrien in »Billiglohnländer« wie z.,B. nach Bangladesch und auch in andere Länder in Asien und Lateinamerika, wo die Arbeitsnormen der ILO bis heute nicht beachtet werden, ist der Trick, durch den das Kapital solche Waren für die westlichen Konsumenten so billig herstellen kann, dass auch Arme sich die billigen Hemden, Schuhe und Waren aller Art leisten können. Ohne die brutalste Gewalt gegen die Arbeiterinnen in diesen Weltmarktfabriken wäre das nicht möglich.

Was hat sich seit 1986 geändert?

Seit der Erstveröffentlichung von Patriarchat und Kapital hat sich die Welt sehr verändert. Doch die Säulen unserer Zivilisation,  Patriarchat und Kapital, sind gleich geblieben. Die Weltlage hat sich insgesamt verschlechtert. Natur- und menschengemachte Katastrophen und Krisen haben zugenommen. Der Klimawandel, verursacht durch unseren Lebensstil, ist nicht mehr rückgängig zu machen. Die Ressourcen, auf deren Ausbeutung unser Lebensstil basiert, gehen zu Ende. Die Zahl der Armen hat zugenommen, nicht nur in den armen, sondern auch in den reichen Ländern. Überall wird die Natur mehr und mehr zerstört. In seiner Gier nach immer mehr Profit nimmt der Kapitalismus keine Rücksicht auf Mensch und Natur. Um weiteres Wachstum voran zu treiben, werden neue Technologien erfunden, die jedoch allesamt negative Auswirkungen auf Mensch und Natur haben. ...

Neoliberalismus und Globalisierung


Auch die gesamte Weltwirtschaft hat sich seit 1986 grundlegend verändert. Seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts, genauer gesagt, nach dem Fall der Berliner Mauer, hat der Kapitalismus einen neuen, weltweiten Siegeszug angetreten. Das fing mit der Einführung der neoliberalen Wirtschaftspolitik an. Diese Wirtschaftspolitik hat sich inzwischen weltweit als die angeblich einzig erfolgreiche etabliert. Die Grundprinzipien dieser Wirtschaftspolitik sind: Globalisierung, Liberalisierung, Privatisierung und universale Konkurrenz (GLPK). Die Versprechungen der GLPK-Ökonomen: Alle Menschen werden wirtschaftlich gleich gestellt. Durch  Liberalisierung wird der Einfluss des Staates auf die Wirtschaft eingeschränkt und so hat die Konkurrenz freies Spiel.Die Privatisierung wird Innovationen und damit die Wirtschaft fördern, was allen zu Gute käme.  Alle Menschen werden am Wohlstand teilnehmen können und die Kluft zwischen Arm und Reich wird verschwinden. Viele Menschen, selbst Feministinnen, glaubten zunächst diesen Versprechungen. Alle diese Versprechungen haben sich jedoch inzwischen als Bluff erwiesen. Heute geben sogar ehemalige Befürworter des Neoliberalismus zu, dass die Globalisierung gescheitert ist. ...
Globalisierung, neue Kriege und Terrorismus

Nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York am 11 September 2001 entstand eine Epoche neuer Kriege, die bis heute anhält... Der Präsident der USA, George W.Bush, hat nach diesem Ereignis einen neuen, universalen Feind geschaffen, den Terrorismus.  Offensichtlich brauchte der Kapitalismus nach dem Ende des Ost-West Konflikts ein neues Feindbild. Terroristen können nicht nur in allen fremden Ländern aktiv werden und „den Westen“ bedrohen, sie wirken auch innerhalb unserer „friedfertigen demokratischen“ Länder und müssen auch hier durch die Überwachung aller Menschen  bekämpft werden. Heute erleben wir, dass überall auf der Welt Konflikte zwischen Staaten, Volksgruppen und Ethnien auftreten, die früher zumindest friedlich nebeneinander lebten. Mit dem Begriff Terroristen werden heute alle jeweiligen Feinde bezeichnet, gleichgültig, ob sie sich außerhalb oder innerhalb eines Landes befinden. Wir befinden uns heute tatsächlich in einem neuen, permanenten Kriegszustand. ...

Das Eisberg-Modell der kapitalistisch-patriarchalen Wirtschaft


Ehe wir nach Alternativen zu diesem lebensbedrohenden System suchen, ist es wichtig, seine Grundlagen zu verstehen. Ich habe diese in dem Modell eines Eisberges dargestellt. Von Eisbergen sieht man nur die Spitze, die über die Wasseroberfläche herausragt. Der größte Teil eines Eisberges befindet sich jedoch unter der Wasseroberfläche. Diesen Teil sieht man nicht. Dieser unsichtbare Teil bildet aber die tatsächliche Grundlage für die sichtbare Spitze.

Genau so ist es mit der kapitalistischen Ökonomie. Im Kapitalismus versteht man unter »Wirtschaft« immer nur den sichtbaren Teil, nämlich Kapital und Lohnarbeit. Alle »Arbeit«, alle »Produktion« die unter der Wasseroberfläche stattfindet, geht nicht in die kapitalistische Berechnung von Kosten ein. Sie steht dem Kapital »frei« zur Verfügung. Dazu gehört die Arbeit der Hausfrauen und Mütter, aber auch die der Heimarbeiter/innen Teilzeitarbeiter, Leiharbeiter, kurz: alles was man heute prekäre Arbeit nennt. Dazu gehören auch Kinderarbeit, Prostitution und Schwarzarbeit. Auch die Arbeit von Kleinbauern und Handwerkern, Kleingärtnern, die hauptsächlich für ihre Selbstversorgung arbeiten, d.h., für ihre Subsistenz. Diese Arbeit wird vom Kapital nicht bezahlt.

Die zweite Quelle der  ungebremsten  und kostenlosen Akkumulation von Kapital sind Kolonien. Durch die Eroberung von Kolonien bekam das Kapital nicht nur freien Zugang zu quasi unendlichen Rohstoffquellen,sondern auch zu den billigsten Arbeitskräften der Welt, vor allem Frauen und Kindern. Wie schon erwähnt, gehört zur kapitalistischen Eisbergökonomie die Arbeit von Frauen in Weltmarktfabriken großer transnationaler Konzerne, die nur Hungerlöhne für die Produktion billiger Waren für Konsumenten in den reichen Industrieländern produzieren und dabei Leib und Leben aufs Spiel setzen.Dies geschah am 22.April 2014, in Dhaka (Bangladesh) als bei dem Einsturz des Rana Plaza Hochhauses Tausende von Textilarbeiterinnen zu Tode kamen.

Nicht zuletzt gehört zu der Kategorie der „Gratisarbeit“ fürs Kapital auch die Arbeit der Natur. Jahr um Jahr ermöglicht sie das Leben von Pflanzen, Tieren und Menschen, ohne dafür bezahlt zu werden. Für das Kapital gilt die ganze Arbeit unter der Wasseroberfläche  als „freies Gut“, das durch keinerlei Gesetze geschützt ist. ...

Wirtschaftskrisen

Die meisten Standard-Ökonomen sind der Meinung, dass Wirtschaftskrisen in kapitalistischen Ländern zwar immer mal wieder auftreten, aber dass jede Rezession schließlich von einem neuen Aufschwung abgelöst wird, und dass so die Wirtschaft letztlich immer weiter wachsen kann. Saral Sarkar hat jedoch nachgewiesen, dass dieser Krisenzyklus heute nicht mehr die Regel ist. Die Standard-Ökonomen haben zwei wesentliche Faktoren nicht beachtet, die die heutigen Wirtschaftskrisen grundsätzlich von früheren unterscheiden, nämlich die Grenzen des Wachstums und die zunehmende Zerstörung der ökologischen Grundlagen des Lebens auf dieser Erde. Diesen beiden Faktoren kann durch ökonomische oder politische Mittel nicht entgegengewirkt werden. Dieses Problem kann nur durch einen grundlegenden Wandel der Lebensweise der Menschen, vor allem in den reichen Ländern, gelöst werden. Ein solcher Wandel ist aber nicht im Sinne einer Wirtschaft, die auf grenzenloses Wachstum programmiert ist. Auch die Mehrzahl der Menschen ist zu einem solchen Wandel noch nicht bereit. Die Folge ist daher eine Serie von Krisen, die sich nach Sarkar aneinander reihen. Er spricht daher von DER Krise des Kapitalismus (Saral Sarkar 2001 und 2010). Eigentlich müsste jeder vernünftige Mensch begreifen, dass grenzenloses Wachstum auf einem begrenzten Planeten nicht möglich ist. ...

Gibt es eine Alternative?

Viele Menschen resignieren und sagen: Es ist nichts zu machen. Andere fragen nach einer Alternative zum herrschenden kapitalistischen System. Seit die ehemaligen kommunistischen Länder wie China und Russland nun auch ihre Wirtschaft dem neoliberalen Credo unterworfen haben, gelten Kommunismus und Sozialismus nicht mehr als Alternativen zum Kapitalismus. Daher suchen viele Menschen auf der ganzen Welt nach einer anderen Perspektive, ja nach einem anderen Entwurf von Wirtschaft und Gesellschaft. Seit längerer Zeit gibt es in Europa eine breite Diskussion über die Grenzen des Wachstums. Im Mittelpunkt dieser Diskussion steht die Frage, ob und wie der Wachstumswahn des Kapitalismus überwunden werden kann. ...

Was ist Subsistenzproduktion?

Veronika Bennholdt-Thomsen, Claudia von Werlhof und ich haben vor vielen Jahren schon in der  Subsistenzperspektive den Weg zur Überwindung des kapitalistisch-patriarchalischen  Gesellschtsentwurfs gesehen. Der Begriff der Subsistenzproduktion geht von einem prinzipiell anderen Verständnis von Wirtschaft und Gesellschaft aus. Ich definiere Subsistenzproduktion folgendermaßen: Subsistenzproduktion umfasst alle Arbeit, die bei der Herstellung und Erhaltung des Lebens verausgabt wird und auch nur diesen Zweck hat. Damit steht der Begriff der Subsistenzproduktion im Gegensatz zur Waren – und Mehrwertproduktion.Bei der Subsistenzproduktion ist das Ziel „Leben“. Bei der kapitalistischen Warenproduktion ist das Ziel Geld, das immer mehr Geld »gebiert« beziehungsweise akkumuliert. Das bedeutet: Ohne Geld kein Leben. Heute gilt das Geld als der »Vater aller Dinge«, einschließlich des menschlichen Lebens. Um diese unendliche Geldvermehrung anzutreiben und aufrecht zu erhalten, braucht das Kapital immer wieder neues Leben, das es möglichst kostenlos ausbeuten kann. ... Das Dilemma dieser grenzenlosen Geldschöpfung ist jedoch, dass aus Leben Geld gemacht werden kann, dass aber aus Geld nicht wieder Leben geschaffen werden kann. Leben kann nur aus Leben entstehen. Geld ist tot.

Subsistenz, eine Notwendigkeit

Viele sind der Meinung, dass Subsistenz einen Rückschritt ins Mittelalter bedeutet. Heute ist die Lage aber so, dass Subsistenzproduktion und Selbstversorgung nicht mehr nur ein Hobby für Aussteiger, sondern mehr und mehr zu einer Überlebensnotwendigkeit geworden sind. In Griechenland, Spanien und vielen Ländern, die von den Wirtschaftskrisen am härtesten betroffen sind, bleibt den Menschen nicht viel anderes übrig, als sich wieder auf Subsistenz und die eigene Produktion des Lebensnotwendigen zu besinnen. Der Staat ist bankrott. Der Sozialstaat funktioniert nicht mehr. Es gibt kein oder nicht mehr genug Geld, um zu »leben« . Einige gehen wieder zurück aufs Land ihrer Großeltern, um dort wieder etwas Essbares anzubauen. Oder sie müssen, wie seinerzeit in Kuba, Landwirtschaft in der Stadt betreiben. Auf jeden Fall müssen sie Mittel und Wege finden, auch ohne Geld oder mit wenig Geld ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen.Viele entdecken dabei, dass Subsistenz nicht Rückschritt, Armut und Elend bedeutet, sondern die Wiederentdeckung alter Kenntnisse und Fähigkeiten zur Eigenproduktion von Nahrung und anderen notwendigen Dingen. Außerdem erfahren sie, dass Subsistenz nicht nur Plackerei bedeutet, sondern neue soziale Beziehungen und eine andere Kultur schafft, eine Kultur des Miteinander, des Teilens, einer neuen Nachbarschaftlichkeit, der gegenseitigen Hilfe, einer neuen Kreativität und neuer Lebensfreude. Kurz, eine Subsistenzwirtschaft und -gesellschaft ist nicht mehr bestimmt vom kapitalistischen Wachstumszwang, der Herrschaft des Menschen über die Natur, der Männer über Frauen und die Ausbeutung aller Kolonien. Subsistenz bedeutet die Wiederentdeckung der Vielfalt des Lebens der Lebensfreude.

Wer die Welt aus  der Perspektive der Subsistenz anschaut, wird den Zyklus des Lebens wieder entdecken. Dieser Zyklus ist am deutlichsten am Kreislauf von Säen, Ernten und wieder Säen z.B. von Reis zu beobachten. In Ländern, wo die Mehrzahl der Menschen noch auf dem Land lebt, wie in Bangladesch, sind Frauen die »Hüterinnen des Samens«. Nach dem Monsun setzen sie die kleinen Reispflanzen einzeln in die nasse Erde, nach der Ernte füllen sie den Reis in große Tonkrüge, die sie in ein Samenhaus stellen. Sie sorgen dafür, dass der Reis nicht feucht wird und schimmelt. Dann teilen sie den Reis auf in eine Menge, die zum Verzehr bestimmt ist und in einen anderen Teil, der als Saatgut für die neue Aussaat aufbewahrt wird. So halten sie den Zyklus des Lebens aufrecht.




Maria Mies: Patriarchat und Kapital, bge-verlag, München, 2015, aktualisierte Neuauflage der Erstausgabe von 1986, broschiert, 420 Seiten, 24,90 Euro


Vorwort Teil 1:
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22689


Siehe auch die Besprechung:

Maria Mies: „Patriarchat und Kapital“
Göttinnen im Zorn
Buchtipp von Harry Popow
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22493

Online-Flyer Nr. 557  vom 13.04.2016

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