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Aktueller Online-Flyer vom 14. Dezember 2017  

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Globales
Auszüge aus dem Vorwort der Neuerscheinung (1)
Patriarchat und Kapital
Von Maria Mies

„Was unsere westliche Gesellschaft ausmacht: das kapitalistische System, die autoritäre Familie, die autoritäre Universität, den Imperialismus und die Herrschaft des westlichen Kapitals über die armen Länder der Welt.“ Dieser Satz ist Teil des Vorworts der Neuerscheinung von "Patriarchat und Kapital". „Das Buch erschien zuerst 1986 auf Englisch bei dem Zedbook Verlag in London. Es hat den Titel Patriarchy and Accumulation on a World Scale. Die deutsche Übersetzung erschien 1988 beim Rotbuchverlag in Zürich. Es ist vergriffen. Zwischen 1986 und 2016 sind 30 Jahre vergangen. Doch obwohl sich die Welt seit 1986 sehr verändert hat, ist das Buch heute genauso relevant und aktuell wie damals. Ich halte es für mein wichtigstes Buch.“ (Vorbemerkung von Maria Mies) Wir bringen Auszüge aus dem Vorwort in zwei Teilen. Hier Teil 1:

Bücher sind wie Samenkörner. Manchmal sind sie Früchte des Zorns und entstehen aus sozialen Bewegungen. Man wirft sie hinaus in die Welt und weiß nicht, ob und wo der Samen aufgeht. Patriarchat und Kapital entstand aus der internationalen Frauenbewegung.

Dieses Buch ist ganz überwiegend eine Frucht des Zorns. Zorn darüber, dass auch in den sogenannten fortschrittlichen Ländern Frauen Opfer von Diskriminierung und Gewalt sind. Wir Frauen trugen diesen Zorn auf die Straßen. Wir kämpften gegen den Abtreibungsparagraphen § 218, gegen die Ungleichbehandlung von Frauen am Arbeitsplatz, in der Bildung, in Wirtschaft und Politik. Vor allem kämpften wir gegen die Gewalt der Männer gegen Frauen in jeglicher Form, sei es durch Vergewaltigungen, im Rahmen häuslicher Gewalt, in der Bildung und den Medien.

Wir fragten, warum Männer Frauen auf der ganzen Welt so schlecht behandeln, obwohl sie doch Söhne von Frauen, Müttern sind. Wir hatten anfangs noch keinen rechten Begriff für das System, in dem Gewalt gegen Frauen als »normal« gilt. Ich schrieb Patriarchat und Kapital aber nicht nur aus Zorn. Ich wollte die Geschichte dieses frauenfeindlichen Systems, seine tieferen Entstehungsursachen und seine verschiedenen Manifestationen erforschen. Mir war klar, dass Zorn zwar wichtig ist, dass er uns aber ohne theoretische Begründung nicht zu einer Veränderung dieses Systems führen würde. Vor allem fehlten uns damals die richtigen Begriffe, um dieses System zu benennen. Wir nannten es »sexistisch«, »frauenfeindlich«, alles Begriffe, die das Ganze nicht erfassen. Ich suchte nach einem solchen umfassenden Begriff: Für mich war und ist »Patriarchat» der richtige Begriff. Ich entdeckte ihn jedoch nicht, indem ich viele Bücher las, sondern durch meine Erfahrungen als Lektorin am Goethe Institut in Indien, einem der ältesten der patriarchalen Länder der Welt überhaupt.

Doch damals kümmerte sich die Welt nicht um die Gewalt gegen Frauen in Indien oder anderswo. Als Indira Gandhi, die damalige Ministerpräsidentin Indiens, 1955 den Notstand erklärt hatte, fanden Gruppenvergewaltigen regelmäßig in Polizeistationen statt. Davon nahm die westliche Presse keine Notiz. Erst in unserer Zeit berichten die Medien über diese Gewalt gegen Frauen in Indien, und zwar nach der Gruppenvergewaltigung einer europäischen Frau in New Delhi im Dezember 2012. Danach berichteten die westlichen Medien öfter über solche Gruppenvergewaltigungen in Indien und in anderen Ländern.

Patriarchat in Deutschland und weltweit

Doch während ich das indische Patriarchat erforschte, entdeckte ich das deutsche. Ich kam nicht umhin, überall, trotz großer kultureller Unterschiede zwischen Indien und Deutschland, Ähnlichkeiten zwischen dem indischen und dem deutschen Patriarchat festzustellen. Die meisten Sozialwissenschaftler nehmen bis heute an, dass patriarchale Gesellschaften mit der Moderne verschwunden seien. Das ist jedoch nicht der Fall. Die neue Frauenbewegung hat einen anderen, viel weiter gehenden Begriff von Patriarchat als die früheren Wissenschaftler. Für uns hat das Patriarchat, das etwa 8000 Jahre vor unserer Zeitrechnung entstand, bis heute nicht aufgehört. Die jeweiligen Manifestationen des Patriarchats mögen verschieden sein, aber das Menschenbild von Mann und Frau und die Strukturen von Familie und Gesellschaft sind die gleichen. Frauen sind das untergeordnete »zweite Geschlecht«, wie Simone de Beauvoir schrieb. Wir Feministinnen nennen alle Gesellschaften und Kulturen patriarchalisch, in denen Männer über Frauen herrschen, in denen sie ungestraft Frauen Gewalt antun können, in denen Frauen geschlagen und vergewaltigt werden können, ohne dass dies als Verbrechen gilt. Patriarchale Verhältnisse herrschen auch dort, wo Frauen ökonomisch lebenslänglich von Männern abhängig sind und nicht die gleichen Rechte haben wie Männer. Solche Verhältnisse herrschen in fast allen Ländern, auch wenn in deren Verfassungen die Gleichheit von Mann und Frau festgeschrieben ist. Das gilt auch für Deutschland. Im Prinzip hat sich an diesen Verhältnissen nicht viel geändert. Was heute an Veränderungen der gesellschaftlichen Position von Frauen stattgefunden hat, ist der neuen Frauenbewegung zu verdanken.

... und »Kapital«?

Den Begriff »Kapital« kannte ich zwar theoretisch, wusste aber wenig von seinen historischen und theoretischen Grundlagen und seiner aktuellen Relevanz. Diese lernte ich 1968 nach meiner Rückkehr aus Indien im Rahmen der Studentenbewegung kennen. Sie stellte alles in Frage, was bis dahin unsere westliche Gesellschaft ausmachte: das kapitalistische System, die autoritäre Familie, die autoritäre Universität, den Imperialismus und die Herrschaft des westlichen Kapitals über die armen Länder der Welt. Vor allem aufgrund meiner Erfahrung in Indien verstand ich, dass die Unterdrückung der Frauen auch zu diesem kapitalistischen, imperialistischen System gehört, dass das Patriarchat auch im entwickelten Kapitalismus nicht aufgehört hat, sondern unsere modernen Gesellschaften in jedem Bereich prägt. Das heißt, wir leben bis heute in einem kapitalistischen Patriarchat.

Die Männer in der Studentenbewegung sahen diese Dinge ganz anders. Ihre Theorie war der Marxismus. Und in dieser Theorie war die »Frauenfrage« nur ein »Nebenwiderspruch«, der nach der Revolution beseitigt werden würde. Das konnten und können wir Feministinnen nicht akzeptieren: Das Patriarchat ist keineswegs beseitigt worden. Nicht nur der Kapitalismus, sondern auch der Sozialismus konnte ohne patriarchale Verhältnisse nicht entstehen und sich bis heute erhalten. Gerade heute erleben wir, wie die Gewalt gegen Frauen weltweit zunimmt. In Patriarchat und Kapital weise ich diese Zusammenhänge auf. Darum ist dieses Buch heute genauso aktuell wie 1986. Es ist sogar noch aktueller. Ich brauche an meiner Analyse und meiner Kritik nichts zu ändern. ...

Gewalt als Mittel zur Durchsetzung des Patriarchats


Als ich Patriarchat und Kapital schrieb, standen wir Feministinnen auf der ganzen Welt vor der gleichen Frage: Was sind die Ursachen dieses frauenfeindlichen Systems? Wann hat es angefangen? Warum dauert es bis heute an und was sind die Alternativen dazu? Wir stellten diese Frage nicht »von oben«. Wir mussten sie von unten stellen, denn wir können und dürfen nicht vergessen, dass wir Teil der Natur sind.

Unser Körper erinnert uns dauernd daran, dass wir nicht »über« der Natur stehen, sondern dass wir ein Teil von ihr sind. Menstruation, Schwangerschaft und Geburt finden in und an unseren Körpers statt. Doch warum wird diese Tatsache oft benutzt, um die Überlegenheit von Männern über Frauen zu erklären? Männer seien halt stärker als Frauen. Doch warum dient dies zur Rechtfertigung der Männergewalt gegen Frauen? Bei Tieren gibt es auch diesen anatomischen Unterschied, Doch bei keiner Tiergattung behandeln die männlichen Tiere die weiblichen Tiere mit so viel Gewalt wie die menschliche Gattung. Nicht die größere Körperkraft macht Männer zu Herren über Frauen, sondern die Erfindung von Gewaltmitteln. Nicht die Anatomie ist unser Problem, sondern die Gewalt.

Die Herrschaft der Männer über Frauen begann in Europa vor allem durch direkte, körperliche Gewalt gegen Frauen, durch fürchterliche Folterungen, Einkerkerung, Prügeln und schließlich durch Verbrennen von „Hexen“ auf den Scheiterhaufen der Kirche.




Maria Mies: Patriarchat und Kapital, bge-verlag, München, 2015, aktualisierte Neuauflage der Erstausgabe von 1986, broschiert, 420 Seiten, 24,90 Euro


Vorwort Teil 2:
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22708


Siehe auch die Besprechung:

Maria Mies: „Patriarchat und Kapital“
Göttinnen im Zorn
Buchtipp von Harry Popow
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22493



Online-Flyer Nr. 556  vom 06.04.2016

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