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Aktueller Online-Flyer vom 29. Juni 2017  

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Aktuelles
Aktivistin und Theoretikerin der Frauenbewegung, Gegnerin neoliberaler Politik
Maria Mies: Es geht um die Erhaltung unseres Planeten
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Warum erfahre ich an der Fachhochschule Köln, an der ich studiere, nicht, dass hier eine Kapazität wie Professorin Maria Mies gelehrt hat, lautet die perplexe Frage einer jungen Frau und Mutter anlässlich der Vorstellung der Neuerscheinung ihres wichtigsten Buches – wie Mies es nennt – „Patriarchat und Kapital“. Die Antwort ist einfach: Maria Mies ist unbequem, unangepasst aber nicht unberechenbar. Zielstrebig überwindet sie ringsum aufgestellte Bewusstseinsschranken. An der Fachhochschule war dies unter anderem der Aufruf gegen Computerspiel-Gewalt: Wie kommt der Krieg in die Köpfe und Herzen? Durchgesetzt hat sich als Partner der Fachhochschule der US-Elektronikriese EA.


Farida Akhter aus Bangladesh (Geschäftsführerin der "Organisation zur alternativen Entwicklungsforschung“ UBINIG, ubinig.org), Maria Mies aus Köln an der ca. 100 Jahre alten, durch Privatisierungspläne bedrohten Platane am Eingang des Bürgerzentrums Alte Feuerwache in Köln (alle Fotos: arbeiterfotografie.com)

Anfang Februar 2016 vollendete Maria Mies ihr 85stes Lebensjahr. Was hat diese, einer Eifeler Bauernfamilie entstammende Persönlichkeit mit Sturm und Drang und Frauenpower in ihrem ereignisreichen, stets aktiven Leben nicht alles bewegt? Ausgangs- und Fixpunkt ihrer Forschungen ist die Situation der Frauen als ausgebeutete Wesen, „die letzte Kolonie“ des Kapitalismus, der aus der „Hausfrauisierung“, der unbezahlten Arbeit und der unbezahlbaren Werte sein Kapital schlägt, weltweit. Von einer mehrjährigen Tätigkeit am Goetheinstitut in Indien kommend gerät sie in Köln in die 68er-Bewegung hinein. Das Scheitern deren großer Ziele sieht sie „vor allem darin, dass viele nur Gleichberechtigung im herrschenden System anstrebten, nicht die Abschaffung dieses Systems. Sie unterschätzten die Macht des Kapitals.“ Aber dennoch habe die 68er Bewegung „durch ihre Aktionen und Diskussionen tatsächlich diese kapitalistischen Verhältnisse ‘zum Tanzen gebracht’. Viele der Veränderungen von damals wirken bis heute.“

Die Verhältnisse ‘zum Tanzen bringen’ ist auch eine Spezialität der Soziologie-Professorin Maria Mies. In Köln sieht sie sich konfrontiert mit Gewalt gegen Frauen, die in ihren eigenen Familien von männlichen Familienmitgliedern und Ehemännern ausgeht. Mit ihren Studentinnen startet sie ein Projekt mit praktischen Erhebungen, was in der Form von persönlichen Kontakten, Befragungen, Gesprächsprotokollen und deren Auswertungen in der Durchsetzung eines der ersten, autonom geführten Frauenhäuser deutschlandweit gipfelt. Da die Stadtpolitiker keinerlei Notwendigkeit einer solchen Einrichtung erkennen wollen, besetzen die Frauen 1976 kurzer Hand eine passende Immobilie. Im Januar 2016 wurde das 40jährige Gründungsdatum dieses Hauses mit einer Filmpremiere gefeiert. Dass Frauenhäuser heute nach wie vor dringend nötig sind, dass es viel zu wenige gibt, wird in dieser Gesellschaft medial nicht zum Thema gemacht. Da eignen sich besser Ausnahmesituationen wie die bisher nicht ansatzweise aufgeklärten Silvesterereignisse in mehreren deutschen Städten – um die Bevölkerung in Angst und Schockstarre zu versetzen.


Farida Akhter aus Bangladesh (entlarvte den Bluff um die Mikrokredite von M. Yunus und der Grameen Bank) und Maria Mies protestieren am 8. Juli 2011 gemeinsam mit Walter Herrmann gegen das vom Vorstand des Kölner Bürgerzentrums Alte Feuerwache gegen Walter Herrmann verfügte Hausverbot

Drei Schritte bedingen sich auf dem Weg zur angestrebten Veränderung: Theorie und Analyse basieren auf der Systemfrage. Daraus ergibt sich die Macht-Frage, die Frage der Gewaltausübung. Liegen die Dinge und ihre ursächlichen Zusammenhänge klar auf dem Tisch, ist der dritte Schritt die Aktionsfrage. Die Antwort auf diese Frage bestimmt den Weg zur Umsetzung und Durchsetzung von Forderungen und Vorstellungen.

Zum nahezu unerschöpflichen Wirkungs-Repertoire der Maria Mies gehört der gewaltige Komplex der entfesselten kapitalistischen Globalisierung und der damit verbundenen Konzernherrschaft, der einhergehenden Abschaffung von Demokratie, anhaltender Gewalt- und Kriegsszenarien bis hin zur Zerstörung des Planeten. 1996 gründet sie den „Infobrief gegen neoliberale Politik und Konzernherrschaft“ begleitend zur Kampagne gegen das M.A.I (Multilateral Agreement on Investment / Multilaterales Investitionsabkommen), einem Vorläufer des TTIP, das erfolgreich abgewehrt werden kann. Die Strategie der „Infobriefe“ besteht in Information, Analyse und Widerstand, denn nicht anders als heute sollten diese Verträge geheim verhandelt werden. In einem Vortrag „Von der Lizenz zum Plündern zur Lizenz zum Töten. Den Zusammenhang zwischen globalem Freihandel und Krieg“ (auch Buchtitel) legt Maria Mies im November 2001 (also unmittelbar nach 9/11, dem „Anti-Terror-Krieg“ rechtfertigenden 11. September 2001) zum wiederholten Male offen:

„Es ist eine Ironie der Geschichte, dass sich die WTO (Welthandelsorganisation / World Trade Organisation), die bei ihrem letzten Gipfeltreffen 1999 in Seattle (USA) ein Fiasko erlebte, sich nun ausgerechnet auf der Halbinsel Katar im Persischen Golf treffen will, aus Angst vor Protesten der Zivilgesellschaft. Wahrscheinlich fühlen sie sich sicherer dort, wo von amerikanischen Flugzeugträgern täglich Hunderte von Bombeneinsätzen gegen das geschundene Land Afghanistan geflogen werden. Wirtschaftsverhandlungen im Schatten von Bombern und Kampfhubschraubern. Der Krieg gegen den ‘weltweiten Terrorismus’, der Kampf um die Erweiterung des globalen Freihandels, die Unterdrückung demokratischen Widerstandes gehören offenbar zusammen.“


Farida Akhter (Gründerin der Neuen Bauern- und Saatgutschutzbewegung "Nayakrishi Andolon“) und Maria Mies umarmen die durch Privatisierungspläne bedrohte Platane am Eingang des Kölner Bürgerzentrums Alte Feuerwache, 2011

Als global agierende Widerstandskämpferin betreibt und unterstützt sie unermüdlich die Bildung von (vielfach feministischen) Netzwerken (1985: internationales Frauennetzwerk gegen Gen- und Reproduktionstechnik / Feminist International Network of Resistance to Reproductive and Genetic Engineering FINRRAGE), (Zur Vorbereitung der FAO-Konferenz / Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen / Food and Agriculture Organization of the United Nations in Rom 1996 mit Vandana Shiva das internationale Netzwerk DWD / Diverse Women for Diversity), (2003 Vereinsgründung von "Women and Life on Earth, Frauen in internationaler Zusammenarbeit für Frieden, Ökologie und soziale Gerechtigkeit e.V.").

Teile ihres Werkes und Originalschriften sind im Kölner Frauengeschichtsverein archiviert. Aber auch hier ist es vordringlich, die internationale Bedeutung der wissenschaftlichen und gesellschaftskritischen Modelle, die Maria Mies (mit ihren wichtigsten Mitstreiterinnen und Buch-Co-Autorinnen Claudia von Werlhof, Veronika Bennholdt-Thomsen und Vandana Shiva) entwickelt hat, zur weltweiten Nutzung offensiv zur Verfügung zu stellen. Ihre zahlreichen Bücher lesen sich aus aktuellem Blickwinkel mit verblüffendem Erkenntnisgewinn, wie scheinbar unaufhaltsam und rücksichtslos die kapitalistische Bedrohung mit Krieg und Gewalt voranschreitet. Das von Maria Mies angestrebte permanente Ziel ist – was sie in vielen Etappen bereits erfolgreich errungen hat – die Krise als Chance zu begreifen und sich mit Neuem Denken an Neue Lebensformen heranzuwagen: „Heute kann es nicht mehr nur um Gleichberechtigung aller Entrechteten gehen, sondern um die Erhaltung unseres Planeten. Dazu müsste eine neue Bewegung den Lebensstil in den reichen Ländern grundsätzlich in Frage stellen und nach einer wirklichen Alternative zu diesem System suchen. Ob Junge und Alte dazu bereit sind?“


Literatur / Auswahl:

„Frauen, die letzte Kolonie“, „Patriarchat und Kapital“, „Ökofeminismus“, „Die Subsistenzperspektive“, „Lizenz zum Plündern“, „Globalisierung von unten“, und „Krieg ohne Grenzen“.

2008 ist ihre Biographie „Das Dorf und die Welt – Lebensgeschichten, Zeitgeschichten“ erschienen. Maria Mies fördert die deutschen Ausgaben von Rosalie Bertell „Kriegswaffe Planet Erde“ und von Farida Akhter "Samenkörner sozialer Bewegungen"

2015 wurde ihr „wichtigstes Buch“ „Patriarchat und Kapital“ mit aktuellem Vorwort neu aufgelegt. Claudia von Werlhof schreibt dazu: "Dieses Buch entstand zunächst auf Englisch mitten in der Phase der internationalen feministischen Bewegung und ihres Aufbruchs in eine nicht mehr kapitalistische und nicht mehr patriarchale Gesellschaft in den 70er und 80er Jahren des 20. Jhs. Es ist ein wahrer Klassiker dieser Zeit, indem es die eurozentrische Perspektive, die Unsichtbarmachung von Frauenarbeit und der Gewalt gegen Frauen und die Tabuisierung der historischen Wurzeln des darauf basierenden Systems der Moderne hinter sich lässt.“


Beziehbare Bücher:

Maria Mies: „Krieg ohne Grenzen“.
Maria Mies: „Das Dorf und die Welt – Lebensgeschichten, Zeitgeschichten“
Maria Mies: „Patriarchat und Kapital“ (Neuauflage)
Rosalie Bertell: „Kriegswaffe Planet Erde“
sind beziehbar über
Galerie Arbeiterfotografie
Merheimer Straße 107, 50733 Köln
arbeiterfotografie@t-online.de


Siehe auch:

Göttinnen im Zorn
Besprechung des Buches "Patriarchat und Kapital" von Harry Popow
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22493

Isabella Greif interviewt Maria Mies
13 Jahre Aufklärung über neoliberale Politik
Über die Ursachen der Krisen
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=17646

Aus dem Dorf in die Welt – und zurück
Die streitbare Ökofeministin und Globalisierungskritikerin Maria Mies wird 85
Unsere Zeit, 5. Februar 2016
http://unsere-zeit.de/de/4805/theorie_geschichte/1802/Aus-dem-Dorf-in-die-Welt-%E2%80%93-und-zur%C3%BCck.htm

Farida Akhters Buch über fruchtbringende Formen des Widerstands
Samenkörner sozialer Bewegungen
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16802

Buchvorstellung mit Farida Akhter aus Bangladesh
Samenkörner sozialer Bewegungen
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16632


Online-Flyer Nr. 548  vom 10.02.2016

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