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Aktueller Online-Flyer vom 10. Dezember 2016  

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Aktuelles
Der Lotse geht von Bord
Wird die junge Welt jetzt zur jungen Titanic?
Von Hartmut Barth-Engelbart

Rainer Rupp: “In der Friedensfrage, der ich – besonders im aktuellen Kontext – höchste Priorität beimesse, hat die 'junge Welt' versagt, und ich kann keine Aussicht auf Besserung erkennen.” Rainer Rupp, der Spion TOPAS in der NATO-Zentrale, der Anfang der 1980er Jahre mit seiner Arbeit den dritten Welt- und Atomkrieg verhindert hat, trennt sich von der "jungen Welt" (jW). Einer der klarsten analytischen Köpfe in der "jungen Welt" verlässt nach jahrelangem Ringen kurz nach dem stellvertretenden Chefredakteur Rüdiger Göbel (der jetzt für die LINKE Bundestagsabgeordnete Savim Dagdelen arbeitet) die linke, 68 Jahre junge Tageszeitung, die nach dem Tod Werner Pirkers ziemlich schnell ziemlich alt geworden ist.


Rainer Rupp: Neocons sind keine Linken (Foto: arbeiterfotografie.com)

Die dazugehörige Korrespondenz zwischen junge-Welt-Geschäftsführer Dietmar Koschmieder und Rainer Rupp folgt hier am Ende, wofür mir Rainer Rupp ausdrücklich seine Veröffentlichungsgenehmigung gegeben hat (siehe unten).

Der Lotse geht von Bord. Wird die junge Welt jetzt zur jungen Titanic? Diese Frage beinhaltet eine grobe Übertreibung. Die junge Welt hat als kleines Schiff auch auf den Grafiken von Thomas Richter immer einen guten linken Dis-Kurs gehalten, bis vor einigen Jahren. Es war die Zeit des viel zu frühen Todes meines Freundes Werner Pirker und der beginnenden Hetze gegen die Montags-Antikriegs-Mahnwachen, gegen die erfrischend junge und immer stärker werdende neue Friedensbewegung, der beginnenden Hetze gegen Ken Jebsen, die jüngst ihren vorläufigen Höhepunkt im Zentral-Organ jener Vereinigung erreicht hat, vor deren Wende mich Werner Pirker schon seit Längerem gewarnt hat.

„Die VVN/BdA hat sich mit der feindlichen Übernahme durch die imperialistisch-zionistische Lobby zum verlässlichen Atlantikbrückenpfeiler in der Linken entwickelt.“

Nun bereits vor seinen Warnungen bekam ich das in der Rhein-Main-Region vom Café Exzess über Club Voltaire bis zum Offenbacher Heinrich-Heine-Club, in Sachsen und Thüringen, bei Radio CORAX, in Berlin, in Aachen beim usurpierten Friedenspreis, in Hamburg, Marburg, Giessen und München und Kassel zu spüren: Absage von Lesungen, Kabarett-Abenden, Konzerten, Interviews, Radiosendungen, Ausschluss aus mailinglisten bei attac FFM, Ausschluss bei dem von mir mitgegründeten Kultur-attac, Boykott in der Ladengalerie der jungen Welt und immer dabei der Hinweis, ich sei "antisemitisch", "tendenziell völkisch", "verkürzt antikapitalistisch", "notorisch antiamerikanisch", "verschwörungstheoretisch" und so weiter. Alles Sprüche, die sich dann auch in der berüchtigten 3SAT-Kulturzeit-Sendung mit Jutta Ditfurth gegen die neue Friedensbewegung wiederfanden.

Das Schlimme an dieser Entwicklung ist unter anderem, dass die Hetze in der Linken gegen die neue Friedensbewegung gerade in dem Moment der schärfsten Kriegsentwicklung in der Ukraine, bei der stärksten US-NATO-Mobilisierung gegen die russische Föderation und gegen Syrien, gerade bei den blutigsten Attacken der westgeführten Faschisten gegen die Donbass-Republiken in der jungen Welt begonnen hat mit einem Artikel von Dietmar Koschmieder und es folgten weitere von Carlens, Bratanovic usw...

Aber besser, ich lasse Rainer Rupp hier selbst reden bzw. schreiben.


eMail von Rainer Rupp an Hartmut Barth-Engelbart:

Lieber Hartmut,

nach Ultimatum von Koschmieder habe ich mit jW gebrochen. Siehe unten. Von unten lesen. Das kannst Du weiter verbreiten, wenn Du willst.

Grüsse vom Kap der Guten Hoffnung,
Rainer


eMail von Rainer Rupp an junge-Welt-Geschäftsführer Dietmar Koschmieder, 6. Februar 2016

Lieber Dietmar,

Ich bin derzeit für 3 Wochen in Südafrika und meine Gedanken sind woanders. Dennoch möchte ich kurz antworten.

Eine schriftliche Vereinbarung zwischen mir und der jW hat es nie gegeben. Als ich vor etlichen Jahren noch regelmäßig für ND und UZ geschrieben hatte, hatte Dich das nicht gestört. Ich kann mir aber denken, warum Du diesmal ein großes Geschütz auffährst.

Der Artikel, den Du meinst, war nicht zuvor in der j.W. erschienen. Er war nicht einmal ähnlich, obwohl er ein Thema behandelte, über das ich eine Woche zuvor bereits in der JW geschrieben hatte. Aber der Artikel, der auf der Webseite von KenFM erschienen ist, war anders aufgebaut, bedeutend umfangreicher und hatte aktualisierte Informationen, etc.

Das löst jedoch nicht Dein Problem der Exklusivität. Und genau dort liegt der springende Punkt. Obwohl ich mir in den vergangenen 16 Jahren große Mühe gegeben habe, zum Profil der jW beizutragen, ist seit über einem Jahr der Elan dahin, genauer gesagt, seit unserer Auseinandersetzung beim letzten UZ-Pressefest, bei der Du Dir angemaßt hast, mich lautstark wegen meines Umgangs mit Ken Jebsen zurecht zu weisen und mir quasi Denkverbot erteilt hast. Den Rest der Geschichte kennst Du, einschließlich des Verbots, dass ich zur Auseinandersetzung über die Friedensbewegung in der einseitig berichtenden jW nichts schreiben durfte. Ich hatte Dir damals gesagt, wenn diese Entwicklung nicht korrigiert wird, wird es mir immer schwerer fallen, mich mit der jW weiterhin zu identifizieren. Und genau das ist eingetreten. Aber angesichts der langjährigen, guten Zusammenarbeit, bei der mir viele Kollegen in der Redaktion ans Herz gewachsen waren, hatte ich die Zäsur immer wieder hinausgeschoben. Daher bin ich Dir dankbar, dass Du mich jetzt mit Deiner Mail zu einer Entscheidung zwingst, also Nägel mit Köpfen zu machen. Auf Grund der jüngsten Veränderungen in der Redaktion und meiner tiefen Enttäuschung über die totale Kehrtwende eines vermeintlich guten Freundes, fällt mir der Schritt, meine Beziehungen zur jW aufzukündigen, heute nicht mehr so schwer.

In der Friedensfrage, der ich – besonders im aktuellen Kontext – höchste Priorität beimesse, hat die jW versagt und ich kann keine Aussicht auf Besserung erkennen. Dennoch ist die jW in vielerlei Hinsicht immer noch eine wichtige linke Zeitung.

Deshalb mit besten Wünschen für die Zukunft
Rainer Rupp

 
eMail von junge-Welt-Geschäftsführer Dietmar Koschmieder an Rainer Rupp, 3. Februar 2016

lieber rainer,

wir müssen dringend über unsere weitere zusammenarbeit reden.

zunächst: wir alle halten dich für einen wichtigen jW-autor, der das profil der zeitung mitprägt.

gerade deshalb wollen wir an unserer zusammenarbeit festhalten. dabei sind allerdings einige regeln zu beachten.

generell sollte klar sein, daß beiträge in der jungen Welt nicht zeitgleich oder zeitnah in anderen überregionalen medien erscheinen sollten, schon gar nicht ohne ansage bzw. absprache. das gilt auch für zeitnah erscheinende ähnliche artikel.

darauf müssen wir uns verlassen können.

unabhängig davon geniesst du – aus gutem grund, wie ich betonen möchte – eine sonderstellung unter unseren autoren.

du erhältst ein monatliches vorabhonorar, unabhängig von der gelieferten textmenge. dies ist historisch entstanden, zum einen als anerkennung deiner lebensleistung und in einer für dich sehr schwierigen situation, zum anderen aber auch als gegenleistung dafür, daß du exklusiv für uns berichtest bzw. analysierst. was uns sehr wichtig ist. das schließt nicht gelegentliche beiträge für andere medien aus, trotzdem sollten wir erfahren, wenn du auf diese exklusivität künftig keinen wert mehr legst.

branchenüblich ist es zudem, daß stammautoren nicht ohne rücksprache in konkurrenzprodukten publizieren. auch hierzu brauchen wir eine verständigung.

lieber rainer, es ist deine entscheidung, auf welcher basis wir weiter zusammenarbeiten. wir möchten einfach nur wissen, ob du uns künftig wie andere autoren auch texte anbietest (oder wir welche nachfragen) und den dann abgedruckten beitrag wie üblich honorieren. dann entfällt allerdings das sonderhonorar.

am liebsten wäre es uns natürlich, wenn wir bei der bisherigen praxis bleiben und wir unsre langjährige gute zusammenarbeit wie bisher fortsetzen könnten. diese anfrage an dich erfolgt nach rücksprache mit der chefredaktion und verlags- und redaktionsrat.

mit roten grüßen
dietmar


Dem Schreiben Rainer Rupps möchte ich mich voll anschließen und selbst mit seinen Worten hier enden: In der Friedensfrage, der ich – besonders im aktuellen Kontext – höchste Priorität beimesse, hat die jW versagt und ich kann keine Aussicht auf Besserung erkennen. Dennoch ist die jW in vielerlei Hinsicht immer noch eine wichtige linke Zeitung. Deshalb mit besten Wünschen für die Zukunft.


Siehe auch:

Rainer Rupp: Neocons sind keine Linken
Filmclip von der Veranstaltung der Europäischen Linken, Berlin, 9. Januar 2016
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22516

Online-Flyer Nr. 548  vom 10.02.2016

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