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Aktueller Online-Flyer vom 27. Juli 2016  

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Fotogalerien
Zum Tod des NRhZ-Herausgebers Peter Kleinert
Der Tag der Freiheit steht bevor
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Eine Welt frei von Faschismus und Krieg. Eine gerechte und friedliche Welt. Eine Welt frei von Kapitalismus und der Raffgier einiger Weniger. Eine sozialistische Welt. Eine Welt frei von Nationalsozialismus, Zionismus und anderen Formen des Rassismus. Eine Welt, in der Menschen welcher Herkunft auch immer mit gleichen Chancen und Rechten zusammenleben. Dass der Tag kommen kann, an dem eine solche Vision von Freiheit Wirklichkeit wird, dessen war sich Peter Kleinert, der bis Mitte Januar 2016 Herausgeber der Neuen Rheinischen Zeitung war, sicher. Karl Marx, der die Neue Rheinische Zeitung 1848 gründete, gehört zu denen, die ihm diese Zuversicht gegeben haben. Am Samstag, dem 6. Februar 2016, hat uns Peter Kleinert verlassen. Nun ist es an uns gemeinsam, dieses Vermächtnis fortzuführen – in einer Zeit, in der die globalen und lokalen Auseinandersetzungen sich zuspitzen und es uns schwer machen, die Vision von Freiheit im Auge zu behalten. Peter Kleinert zu Ehren dokumentieren wir hier Interview und Fotografien, die in Zusammenhang mit dem Projekt "68er-Köpfe" der Gruppe Arbeiterfotografie Köln entstanden sind, sowie eine Würdigung von Peter Kleinerts Wirken aus der Quartalsschrift DAS KROKODIL.


Peter Kleinert – alle Fotos aufgenommen 2009 in der Kölner Palmstrasse, in der er in einer Wohngemeinschaft viele Jahre gelebt hat (arbeiterfotografie.com)


Wenn wir den Kampf weiter führen, dann steht der Tag der Freiheit bevor


„Das war und ist heute noch der Kampf gegen das Kapital, für Frieden…“


Auf der Suche nach einer Welt des Friedens


„Das war und ist heute noch der Kampf gegen die Unterdrückung der Informations- und Meinungsfreiheit und deren Profiteure in Wirtschaft und Politik.“


Parkplatz: Reserviert für den Golfclub-Vorstand – Die Welt: reserviert für die Reichen?


„Regierung, Parlament – Justiz, die drei Gewalten – Sind, was man Diebstahl nennt – In drei Gestalten.“ (Peter Hacks)


„Wählen ist Unfug“


„Ich denke, die konsequent gebliebenen Linken, die ‚junge Generation’ und vor allem die hierzulande Ausgebeuteten sollten mal nach Lateinamerika schauen. Aber nicht durch die schmierigen Fensterscheiben der ‚großen Medien’.“


Texte und Bilder für Gerechtigkeit, Friedenspolitik und Sozialismus


„Gerechtigkeit, Friedenspolitik und Sozialismus haben wir noch immer nicht…“


„Eine wesentliche Ursache scheint mir… die ideologische Zersplitterung der ‚Linken’ zu sein“


„Politisch Verfolgte genießen Asyl“ – So heißt es im deutschen Grundgesetz


„Betreten der Kulturen verboten“ – So bestimmt „Der Eigentümer“


„Der Staat will deinen Schaden nur – Er möge säuseln oder toben – Er bleibt dein Gegner von Natur – Der Feind steht oben.“ (Peter Hacks)


„Große sozialistische Oktoberrevolution“


Ein Buch, das die Vergangenheit verklärt: "M. DuMont Schauberg – Der Kampf um die Unabhängigkeit des Zeitungsverlags unter der NS-Diktatur" – Ein Buch über einen Medienkonzern, der Peter Kleinert loswerden wollte


Zeitungsstreik – Unter dem Motto „Wir gehen in die Betriebe“ kam es zu Erfolgen wie dem “illegalen“ Bremer Zeitungsstreik beim “Weser-Kurier“ 1977


Peter Kleinert – getragen von der Idee des Sozialismus


Ein Buch, das die Vergangenheit verklärt: "M. DuMont Schauberg – Der Kampf um die Unabhängigkeit des Zeitungsverlags unter der NS-Diktatur" – Ein Buch über einen Medienkonzern, der Peter Kleinert loswerden wollte


Die Künstlerin und Galeristin Marianne Tralau


Im Treppenhaus in der Palmstraße hängt ein Zeitungsartikel: „Vermieter riß Dachgarten ab… Acht Uhr morgens: eine Motorsäge heult auf, Holz splittert, Blumentöpfe fliegen vom 3. Stock in den kleinen Hof…Peter Kleinert glaubt den wahren Grund für die Abrißaktion zu kennen: nachdem das ehemalige Rotlichtviertel um den Friesenplatz eine attraktive Wohngegend geworden ist, will der Vermieter und rausschmeißen und das Haus luxussanieren…“ (Express, 25.2.1993)


Es ist der Dachgarten des Hauses in der Palmstraße, in dem Peter Kleinert gelebt hat.


VORHANG AUF für Peter Kleinert und die NRhZ (aus DAS KROKODIL, Ausgabe 15)


„Es ist die Zeit des Ideenkampfes. Journale sind unsere Festungen,“ schrieb der 1831 ins französische Exil getriebene Heinrich Heine. Ihm widerfuhr es regelmäßig, dass in seine spitzfindigen Texte, die er als Journalist der damals größten Tageszeitung Deutschland, der Augsburger Allgemeinen Zeitung, aus Paris zusandte, zensorisch eingegriffen wurde. Auch sein Name als literarischer Autor fiel unter den Tisch. In Paris begegnen sich Heinrich und Karl. Genau der Karl (Marx), der der in Köln 1848/49 erscheinenden Neuen Rheinischen Zeitung ihren Namen gab. Es mutet kühn an, 2005 an das quasi revolutionäre Zeitungsprojekt anzuknüpfen. Aber: „Gemeinsam wollen wir dem schleichenden Verlust der Meinungs- und Informationsfreiheit durch die fortschreitende Konzentration der Medien in wenigen Händen und staatlicher Einflussnahme etwas entgegensetzen. Auch in den öffentlich rechtlichen Medien dominiert die Anpassung. Dagegen kann man nichts tun? Doch! Wir können – Sie können! Unterstützen Sie uns – gegen die Bevormundung durch das Monopol der herrschenden Medien!“ Der Herausragende im Team ist kein unbeschriebenes Blatt. Als Redakteur im DuMont-Pressehaus verliert Peter Kleinert seine Anstellung nach einem Bericht über die (mangelnde) Pressefreiheit per Kündigung, die nach langem Weg durch die Instanzen zurückgenommen werden muss. Peter Kleinert bevorzugt allerdings eine hübsche Abfindungssumme, mit der er 1977 zusammen mit Freunden und Kollegen die freie Fernseh-Produktion KANAL4 gründet. Mit dem “KAOS Film- und Video-Team Köln“ gewannen die Medienrebellen sechs Fernsehpreise vom Adolf-Grimme-Preis in Gold für „Hungerstreik in Duisburg. Der Kampf um den Erhalt der Rheinpreußensiedlung“ bis zum Preis der Internationalen Jury in Leipzig. Als 68er (portraitiert von Arbeiterfotografie) war ihm wichtig, zu erreichen: „Das war und ist heute noch der Kampf gegen das Kapital, für Frieden – damals in Vietnam –, gegen die Unterdrückung der Informations- und Meinungsfreiheit und deren Profiteure in Wirtschaft und Politik.“ Peter Kleinerts große Leistung besteht in der Ausübung der Vierten Gewalt durch verantwortlich zeichnende Bürger der Demokratie im besten Brecht’schen Sinne. Dies über fünf Jahrzehnte mit Rückschlägen und Neuanfängen durchzuhalten, verdient einen Ritterschlag der besonderen, pazifistischen Art. Sagen wir es mit Harry Heine: „Ein Schwert sollt Ihr mir auf den Sarg legen; denn ich war ein braver Soldat im Befreiungskriege der Menschheit.“


Für Pressefreiheit, nicht nur gegen Springer!
(Interview aus dem Projekt 68er-Köpfe der Arbeiterfotografie Köln)


Was war damals (um 1968) persönlicher Auslöser, Dein Umfeld und Deine Hauptaktivität?

Erste Erfahrungen mit der “Pressefreiheit“: 1962, als Augstein, der uns damals noch ein Vorbild war und wegen „Bedingt abwehrbereit“ ins Gefängnis musste, haben wir uns mit ein paar Studenten für ihn und Ahlers auf die Straße gesetzt. 1964, als ich in der Lokalausgabe der “Kölnischen Rundschau“ als “freier“ Journalist nicht über Korruption im Kreis Bergheim berichten durfte und deshalb zum KStA wechselte, dort aber sehr bald merkte, dass Alfred Neven DuMont auch nicht besser war, als er sich mit Rücksicht auf die großen Anzeigenkunden von unseren Chefredakteur Dr. Joachim Besser “verabschiedete“. Drum Eintritt in die dju/IG DruPa und bis zum Rausschmiß durch Neven aktive Gewerkschaftsarbeit.

Was ist für Dich ein für die 68er-Zeit besonders typisches persönliches Erlebnis?

Als KStA-Reporter hab ich 1967 linken aber ratlosen Schülern des Bensberger Gymnasiums Dieter Süverkrüp für eine Abendveranstaltung empfohlen, auf der der dort in den Bundestag gewählte Notstandsminister Paul Lücke auftreten wollte. Überschrift meines Artikels war tags drauf „Lücke aus dem Saal gesungen“. Ich wurde nach einem Drohanruf von Lückes persönlichem Referenten in der Chefredaktion von Dr. Besser zwar wie gewünscht „aus der Lokalredaktion entfernt“ aber Politik-Redakteur in der “Zentralredaktion“ und konnte dort bis zu meinem Rausschmiss 1976 Gewerkschaftsarbeit machen, z.B. das später von Neven gekippte “Redaktionsstatut“ zusammen mit anderen KollegInnen entwerfen und mich im “Redaktionsbeirat“ eine Zeit lang für “innere Pressefreiheit“ einsetzen.

Was war damals das Wichtigste, was es Deiner Meinung nach zu erreichen galt?

Das war und ist heute noch der Kampf gegen das Kapital, für Frieden – damals in Vietnam –, gegen die Unterdrückung der Informations- und Meinungsfreiheit und deren Profiteure in Wirtschaft und Politik.

Was hat die 68er-Bewegung tatsächlich erreicht?

Aufklärung über den Hitler-Faschismus und dessen “Erben“ in Wirtschaft und Politik. Durch die Gründung von Kinderläden eine wesentliche Verbesserung der Kindererziehung. Die Emanzipation der Frauen wurde vorangetrieben. Unter dem Motto „Wir gehen in die Betriebe“ kam es zu Erfolgen wie dem “illegalen“ Bremer Zeitungsstreik 1977, mit dem sich die Gewerkschaftsführung solidarisierte. 

Welches sind wesentliche Ziele, bei Denen Du ein Scheitern der 68er-Bewegung siehst? Und wie kam es dazu?

Gerechtigkeit, Friedenspolitik und Sozialismus haben wir noch immer nicht, weil wir die meisten der arbeitenden Menschen nicht erreicht haben, nicht mal eine wesentliche Zahl der gewerkschaftlich Organisierten. Dabei spielten – neben den Medien - die Sozialdemokraten in den Gewerkschaftsführungen eine Rolle. Eine wesentliche Ursache scheint mir aber auch die ideologische Zersplitterung der “Linken“ zu sein: Jede Gruppe meint heute wie damals, sie allein wisse den richtigen Weg. Es fehlt an Solidarität.

Womit ist damals versucht worden, die 68er-Bewegung zu Fall zu bringen?


Vor allem durch die Medien, nicht nur die privaten, sondern auch die so genannten öffentlich-rechtlichen. Benutzt wurden dafür vor allem die RAF und “die da drüben“, der Antikommunismus der Nazis und des Vatikan. Durch massive Gewalt. Und durch die Korrumpierung von nicht wenigen 68ern wie Fischer u.a.

Womit wird heute im nachhinein versucht, die Auswirkungen der 68er-Bewegung kaputt zu machen?


Aktuell durch so verlogene Filme wie den “Baader-Meinhof-Komplex“ des ehemaligen 68ers Stefan Aust und durch das Verhalten der übl(ich)en Medien zum 40sten Jahrestag 2008.

Wo und wie siehst Du für heute die Notwendigkeit einer ähnlichen Bewegung wie 1968? Was möchtest Du der heute jungen Generation vermitteln?

Warum eine „ähnliche Bewegung“, nachdem wir 68er die wichtigsten Ziele nicht erreicht haben? Ich denke, die konsequent gebliebenen Linken, die “junge Generation“ und vor allem die hierzulande Ausgebeuteten sollten mal nach Lateinamerika schauen. Aber nicht durch die schmierigen Fensterscheiben der “großen Medien“. Es gibt ja einiges an Gegenöffentlichkeit.

Was gibt es sonst noch, was Dir wichtig ist, zum Ausdruck zu bringen?


Weil ich so viel von der “vierten Gewalt“ geredet habe, hier ein Gedicht von Peter Hacks:

DIE DREI GEWALTEN

Der Staat will deinen Schaden nur,
Er möge säuseln oder toben,
Er bleibt dein Gegner von Natur.
Der Feind steht oben.

Regierung, Parlament,
Justiz, die drei Gewalten,
Sind, was man Diebstahl nennt,
In drei Gestalten.


Peter Kleinert: Geboren 1937 im Bahnhof des damals schlesischen Maltsch an der Oder (heute wieder Malczyce in Polen), weil mein Vater “Bahnhofsvorsteher“ und als solcher dann sechs Jahre später im “oberschlesischen“ Bahnhof Tarnowitz für die letzten “Transportkilometer“ nach Auschwitz “zuständig“ war. Das erfuhr ich erst von meiner Mutter, seinem katholischen “Polenmädchen“, nachdem er gestorben war. Erste “Politisierung“ als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr, danach “strafversetzt“. Die zweite durch Karlheinz Deschners kirchenkritisches Buch “Abermals krähte der Hahn“, danach aus der Kirche ausgetreten. Die dritte durch die Erfahrungen mit “Pressefreiheit“ (siehe oben). Deshalb in die Gewerkschaft (dort einige Jahre Landes- und stv. Bundesvorsitzender der dju) und in den “Republikanischen Club“ in Köln und mit den GenossInnen dort auf die ersten Ostermärsche und Vietnam-Demos. +++ Nach meiner ersten Kündigung 1972 beim KStA – wegen einer Solidaritätsaktion für fünf beim SPIEGEL gekündigte 68er Redakteure –, die durch einen spontanen Streik der Setzer abgewehrt wurde, 1976 die zweite Kündigung wegen eines Fernsehfilms über “Pressefreiheit“, die in allen drei Instanzen bis zum BAG für rechtswidrig erklärt wurde. 1977 Gründung von “KAOS Film- und Video-Team Köln“. Mit dem Team gewannen wir sechs Fernsehpreise vom Adolf Grimme-Preis in Gold bis zum Preis der Internationalen Jury in Leipzig (mehr Infos über die Filmarbeit unter www.kaos-archiv.de). +++ 1975 Gründung einer Wohngemeinschaft in der Palmstraße 19 zusammen mit meiner zweiten Frau, der Künstlerin Marianne Tralau, Freunden und unseren Kindern. +++ 1985 zusammen mit Marianne Gründung der “KAOS Galerie, die KünstlerInnen, die in den kommerziellen Galerien nicht akzeptiert wurden, einen Ausstellungsplatz bot. +++ 1988 mit fünf anderen Dokumentarfilmteams und einem Redakteur der “Welt der Arbeit“ Gründung des “unabhängigen Fernsehfensters KANAL 4“ auf RTL und Sat1, das unter Wolfgang Clement auf Druck der beiden Sender 1998 wieder geschlossen wurde. +++ 1998 Gründung der “Kölner Woche“, mit der wir es 1999 schafften, dem Oberstadtdirektor und SPD-OB-Kandidaten Klaus Heugel Insidergeschäfte beim Verkauf des Kölner Anteils bei F&G nachzuweisen und so der CDU die Kommunalwahl gewinnen halfen. +++ Seit 2002 Rentner, Gründung des “KAOS Kunst- und Video-Archiv e.V. “ und des “Praxiteles-Stipendium“ für KünstlerInnen aus Köln und Istanbul auf der türkischen Datca-Halbinsel, wo wir neben der WG in Köln einen zweiten Wohnplatz haben. +++ 2005 zusammen mit ehemaligen KollegInnen der 2001 eingestellten “Kölner Woche“ Gründung der “Neuen Rheinische Zeitung“ (www.nrhz.de) +++ bis Januar 2016 Herausgeber und verantwortlicher Redakteur der Neuen Rheinischen Zeitung +++ gestorben am 6. Februar 2016.


Siehe auch:

In Erinnerung an meinen verstorbenen Freund Peter Kleinert!
Von Evelyn Hecht-Galinski
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22521

Peter Kleinert ins Grab nacherzählt
Von Hartmut Barth-Engelbart
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22539

Online-Flyer Nr. 548  vom 10.02.2016

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