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Aktueller Online-Flyer vom 26. Juli 2016  

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Globales
Zum 83. Jahrestag eines Treffens, das dem Hitler-Faschismus den Weg ebnete
US-NS-Verbindungsmann Kurt Freiherr von Schröder
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Am 4. Januar 2016 erstrahlt die Villa Schröder am Kölner Stadtwaldgürtel in vollem Glanz – wie schon seit Wochen. Es ist ein Jahrestag. 83 Jahre sind seit dem 4. Januar 1933 vergangen, als in der Villa ein Treffen stattfand, das eine der letzten Weichen in Richtung Hitler-Faschismus stellte. Aus diesem Anlass bringt die NRhZ erneut einen Artikel mit umfangreichem Quellenmaterial, den sie zuerst im Oktober 2014 mit dem Titel "Wer war Kurt Freiherr von Schröder? – Auf den Spuren des Hitler-Faschismus und seiner Finanzquellen" veröffentlicht hat – angereichert mit aktuellen Fotos.


Villa Schröder am Stadtwaldgürtel in Köln – 83 Jahre danach
(Fotos: arbeiterfotografie.com)

Lesen Sie diesen Artikel nicht! Es lohnt sich nicht. Schröder war ein unbedeutendes Bindeglied, ein bloßer Statist. Kurt Freiherr von Schröder war lediglich der Mann, in dessen Kölner Villa am 4. Januar 1933 die Machtübernahme Hitlers vorbereitet wurde. Sonst nichts! „Der amerikanische Historiker Henry Ashby Turner stellt... fest, dass Schröder nur ein 'Teilhaber einer mittelgroßen Provinzbank' war, der kaum für die Wirtschaft sprechen konnte. Er sei nur ein Bindeglied in einer zufälligen Kette persönlicher Beziehungen gewesen; ein bloßer Statist.“ Das sagt alles. Das steht bei wikipedia über das Treffen vom 4. Januar 1933. Also können Sie das Lesen an dieser Stelle tatsächlich beenden. Schröder: ein Mann fast ohne Bedeutung!


Arbeiterfotografie-Aktion vor der Villa Schröder – 83 Jahre danach

Für diejenigen, die immer noch weiter lesen, sei die Frage gestellt: Was trieb diesen Mann, das Treffen am 4. Januar 1933 zu arrangieren? Welches Interesse hatte er an einer Machtübernahme Hitlers? In dem 1996 bis 1999 entstandenen Arbeiterfotografie-Projekt "Die Liebe höret nimmer auf" über Grabstätten von Persönlichkeiten der deutschen Wirtschaft ist Kurt Freiherr von Schröder wie folgt charakterisiert:

Die Liebe höret nimmer auf

„Kurt Freiherr von Schröder lebte von 1889 bis 1966. Er ist Mitglied einer hanseatischen Bankiers- und Kaufmannsfamilie mit Großgrundbesitz in Schleswig-Holstein, ist von 1909 bis 1919 Berufsoffizier, von 1918 bis 1919 Hauptmann im Großen Generalstab, heiratet 1913 die Teilhaberin des Kölner Bankhauses J.H. Stein, Edith von Schnitzler, wird 1919 von Industriellen und Bankiers in den Wirtschaftsausschuss zur Vorbereitung eines rheinischen Separatstaates gewählt, wird 1921 Teilhaber und später Leiter des Kölner Bankhauses J.H. Stein, gehört 1932 zu den Industriellen und Bankiers, die fordern, Hitler zum Reichskanzler zu machen, wird 1933 NSDAP-Mitglied 1475919, 1936 SS-Mitglied 276904, ist Verbindungsmann zwischen Großindustrie und NSDAP, Mitglied im 'Freundeskreis beim Reichsführer SS Himmler', dem u.a. Vertreter folgender Firmen angehören: Bosch, Flick, IG-Farben, Oetker, Quandt, Rheinmetall-Borsig, Siemens, Commerzbank, Deutsche Bank, Dresdner Bank. Schröder ist zwischen 1933 und 1945 Präsident der Industrie- und Handelskammer Köln, Beirat der Reichsbank und der Reichswirtschaftskammer, Mitglied der Akademie für Deutsches Recht, Mitglied bzw. Vorsitzender in über 30 Aufsichtsräten, u.a. bei der Dynamit AG, der Felten&Guilleaume Carlswerk AG, der Braunkohle-Benzin AG (Brabag) sowie bei Rheinbraun, Verwaltungsratsvorsitzender der Siemens&Halske AG.“


Gedenktafel vor der Villa Schröder

„Am 4. Januar 1933 findet in seiner Kölner Villa ein von ihm arrangiertes geheimes Treffen unter Teilnahme von Hitler, von Papen, Heß, Himmler und Keppler statt, mit dem vermittels eines Bündnisses von Nationalsozialisten und Deutschnationalen die Machtübernahme Hitlers vorbereitet wird. Beim Bankhaus J.H. Stein wird das Sonderkonto 'S' eingerichtet, von dem aus jährlich 1 bis 2 Millionen Reichsmark von der Wirtschaft, indirekt über das Sonderkonto 'R' bei der Dresdner Bank, an die SS fließen. Ein Ausschuss des US-Senats führt Schröder 1945 auf einer Liste von Mitgliedern aus Schwerindustrie und Hochfinanz, die mitschuldig seien an den in der „Sucht nach Weltherrschaft gegen die Völker der Erde verübten Verbrechen“. 1947 wird er von einem britischen Militärgericht zu 3 Monaten Haft und einer Geldbuße von 1500 RM, 1949 in der Revision nach Protesten der Bevölkerung zu einem Jahr Gefängnis und 500.000 DM verurteilt; 1950 wird das Urteil aufgehoben; er wird lediglich zu 60.000 DM Geldbuße verurteilt, wovon ihm 30.000 aufgrund seiner 6-monatigen Internierung erlassen werden; Großgrundbesitz und Teilhaberschaft am Bankhaus J.H. Stein bleiben unangetastet. Schröder zieht sich auf Schloss Hohenstein bei Eckernförde zurück.“

Verbindungsmann zwischen Großindustrie und NSDAP


„Verbindungsmann zwischen Großindustrie und NSDAP“ sei Schröder gewesen. Genannt sind allerdings nur Unternehmen, denen das Attribut deutsch anhaftet. Das entsprach dem damaligen Wissensstand der Autoren des Ausstellungsprojekts. Es entsteht in dieser Darstellung der Eindruck, als sei Schröders Wirkungsfeld auf Deutschland beschränkt. Ausländische Mächte sind lediglich nach Ende der Nazi-Herrschaft genannt – in ihrer Funktion als erstaunlich milde Richter über eine Person, die für die Etablierung der Nazi-Herrschaft eine möglicherweise doch entscheidende Funktion gehabt hat. Dieser Umstand wirft Fragen auf.

Und siehe da – es ist zu erfahren: „von Schröder [war] erklärter Westeuropäer, der ... 1939 die Deutsch-Britische Gesellschaft in Köln gründete.“ Das schreibt Ulrich S. Soénius im Kölner Stadt-Anzeiger am 4.1.2008, 75 Jahre nach dem Treffen in der Villa Schröder. Dagegen ist bei wikipedia zu lesen, dass 1939 eine Deutsch-Englische Gesellschaft, in der Schröder Mitglied war, aufgelöst worden sein soll. Aber wie dem auch sei – ob britisch oder englisch, ob gegründet oder aufgelöst – Schröder sei Westeuropäer, erfahren wir. Was ist denn das?

Anwalt der Interessen der ITT in Deutschland

„Durch Kurt von Schröder hatte die ITT Zugang zum inneren Kern der Machtelite der Nazis“, ist an anderer Stelle zu lesen. Oder: „Nazibaron Kurt von Schröder [wurde] zum Anwalt der Interessen der ITT in Deutschland.“ Stimmt das? Jedenfalls schreibt das ein Historiker namens Antony C. Sutton 1976 in einem englischsprachigen Buch, das erst 2008 in deutscher Sprache in der Schweiz erschienen ist. Sein Titel: "Wallstreet und der Aufstieg Hitlers". Und weiter Sutton: „Die ITT wollte diese Geschichte der Zusammenarbeit zwischen der ITT und den Nazis im Zweiten Weltkrieg und die Verbindung der ITT mit dem Nationalsozialisten Kurt von Schröder verbergen – und das gelang ihr beinahe auch.“ Aber nur beinahe!

„Baron Kurt von Schröder wurde 1889 in Hamburg in eine alteingesessene deutsche Bankiersfamilie geboren. Ein früheres Mitglied der Familie Schröder zog nach London, änderte seinen Namen in Schroder (ohne Umlaut) und gründete die Bankfirmen J. Henry Schroder in London und J. Henry Schroder Banking Corporation in New York... Schröder handelte als Übermittler von Geldern der ITT, die 1944 an die SS-Organisation Heinrich Himmlers flossen, während der Zweite Weltkrieg bereits tobte und die Vereinigten Staaten sich mit Deutschland im Krieg befanden.“ Auch diese Zitate finden sich in Suttons Buch "Wallstreet und der Aufstieg Hitlers" (Wall Street and the Rise of Hitler) und sind erstaunlicherweise so im englischen wikipedia wiedergegeben.

Aber was heißt das schon? Das, was wikipedia offenbart, war 1944. Kann das in den Jahren davor nicht ganz anders gewesen sein? Kaum! Denn Suttons Forschungen belegen: „Kurz nachdem die Nazis 1933 an die Macht kamen, wurde Schröder zum deutschen Vertreter der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die [Carroll] Quigley [Professor für internationale Beziehungen an der Georgetown Universität] als die Spitze des internationalen Finanzkontrollsystems bezeichnet, sowie zum Leiter der Gruppe von Privatbankiers, die die deutsche Reichsbank beriet.“ Und: Schröder hat „nach 1933… die Interessen der ITT im nationalsozialistischen Deutschland“ vertreten. „Gerade weil Schröder diese exzellenten politischen Verbindungen zu Hitler und dem nationalsozialistischen Staat besaß, berief [ITT-Gründer] Behn Schröder in sämtliche Vorstände der deutschen ITT-Firmen ein: Standard Elektrizitätswerke AG in Berlin, C. Lorenz AG, Bremen, und Mix & Genest AG (bei der die Standard eine Beteiligung von 94 Prozent besaß).“

Und als Schröder im Januar 1933 das Treffen mit Hitler in seiner Kölner Villa am Stadtwaldgürtel arrangierte: wessen Interessen vertrat das „unbedeutende Bindeglied“ zu diesem Zeitpunkt? Womöglich auch bereits die des anglo-amerikanischen Kapitals? Wenn ja, aber doch wohl nur die von ITT, des US-Konzerns, ohne dessen Informationstechnologien – wie Werner Rügemer es charakterisiert – Hitlers Blitzkriege, die Transportplanungen im besetzten Europa und die Judenerfassung so nicht möglich gewesen wären?

Schröder, Warburg, Rockefeller

Nur ITT? Auch zu dieser Frage hat Sutton etwas anzumerken. Er schreibt über das „unbedeutende Bindeglied“: „Mitte der dreißiger Jahre wurde eine weitere Verbindung zwischen der Wall Street und Schröder geschaffen: dieses Mal durch die Rockefellers. 1936 wurden die unterzeichneten und allgemeinen Geschäftssicherheiten, die durch die J. Henry Schroder Banking Corporation in New York abgewickelt wurden, zu einer neuen Investmentbankfirma zusammengeführt – Schroder, Rockefeller & Company, Inc., an der Wall Street 48.“

Mit Fanatiker Hitler arbeiten

Weiter Sutton: „Wir wissen aus den Tagebüchern William Dodds, des amerikanischen Botschafters in Deutschland, dass 1933 ein Strom von Bankiers und Industriellen aus der Wall Street nacheinander durch die US-Botschaft in Berlin kam und ihrer Bewunderung für Adolf Hitler Ausdruck verlieh…“ Dodd am 1. September 1933: „Henry Mann von der National City Bank berichtete von einer Unterredung, die er und Mr. Aldrich [Winthrop W. Aldrich von der Chase Bank] vor etwa zehn Tagen mit dem Kanzler [Hitler] auf dessen Sommersitz führten. In der Judenfrage ist Hitler ein Fanatiker… Trotz Hitlers Einstellung sind diese Bankiers der Meinung, sie könnten mit ihm arbeiten [work with him].“ Dodd am 22. Januar 1934 über Rockefellers Public-Relations-Vertreter Ivy Lee: „Ivy Lee zeigte sich als Kapitalist und Verfechter des Faschismus.“

Im Buch eines Autors, der sich in Anlehnung an das Bankhaus Warburg den fiktiven Namen "Sidney Warburg" gegeben hat, wird – so Sutton – der Vorwurf erhoben, „Financiers der Wall Street (speziell die Rockefellers und die Warburgs wurden beschuldigt) Hitlers Machtübernahme 1933 direkt geplant und finanziert [zu] haben“.

Sutton zitiert Franz von Papens "Memoirs" (englische Fassung der 1952 in Deutschland erschienenen Memoiren "Der Wahrheit eine Gasse"): „Die am meisten dokumentierte Darstellung des plötzlichen Geldflusses zugunsten der Nationalsozialisten befand sich in einem Buch, das 1933 in Holland von dem alt-eingesessenen Amsterdamer Verlagshaus Van Holkerna & Warendorf mit dem Titel 'De Geldbronnen van het Nationaal-Socialisme' unter dem Namen 'Sidney Warburg' veröffentlicht wurde“. Gemäß New York Times vom 24. November 1933 werde darin – so Sutton – ausgeführt, „dass führende Amerikaner, darunter John D. Rockefeller, Hitler von 1929 bis 1932 in einem Ausmaß von 32.000.000 Dollar finanziert haben.“

Das Buch verblieb nur wenige Tage in den Buchregalen Hollands, dann wurde es entfernt und die entfernten Exemplare vernichtet. Dem Journalisten Jan Gustaaf Schoup, der das Buch dem Verlag angeboten hatte, wurde Fälschung vorgeworfen. Bankier James Paul Warburg gab 1949 eine eidesstattliche Erklärung ab, in der er darlegt, es gebe keinen 'Sidney Warburg' und er habe nie jemandem Material zwecks Veröffentlichung übergeben, insbesondere nicht einem J. G. Schoup. Papen bedankt sich bei „Herrn Warburg“ für dessen „Abrechnung“ und bezeichnet die im Buch aufgestellten Behauptungen als „bösartige Verleumdung“. Es „sei vermerkt, daß J. G. Schoup sein Unterfangen anscheinend mit dem Leben bezahlen mußte. Er wurde 1944 getötet“, schreibt Hermann Lutz 1954 in einem Artikel der "Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte", der sich mit dem Buch und dem Fälschungsvorwurf befasst.

Hitler für amerikanisches Geld zugänglich?!

Sutton: „Wir haben unwiderlegbare Beweise dafür, dass einige der Warburgs, u.a. der Vater von James Paul, der Widerrufer des Buches von 'Sidney Warburg', Direktoren der IG Farben waren. Und die IG Farben sind dafür bekannt, dass sie Hitler finanziert hatten. 'Sidney Warburg' war ein Mythos, doch die IG-Farben-Direktoren Max Warburg und Paul Warburg waren keine Mythen.“ Die IG Farben sind „als Hauptfinancier und Geldgeber Hitlers ermittelt.“

„Bei Beratungen der Präsidenten der Federal-Reserve-Banken, des eigentlichen Finanzzentrums der Wallstreet, der fünf unabhängigen Banken, Vertreter der Royal Dutch, der Standard Oil, Rockefeller jun. u.a. im Sommer 1929 wurde Warburg schließlich gebeten zu prüfen, ob Hitler für amerikanisches Geld zugänglich sei.“ Das schreibt Karlheinz Deschner 1992 in "Der Moloch – Eine kritische Geschichte der USA“

Weiter Karlheinz Deschner „Im Oktober 1944 hatte US-Senator Claude Pepper, Florida, geäußert, zu jenen, die Hitler zur Macht verhalfen, habe auch John Foster Dulles gehört, »denn es waren Dulles’ Firma und die Schröder-Bank, die Hitler das Geld beschafften, das er benötigte, um seine Laufbahn als internationaler Bandit anzutreten«… Der ehemalige amerikanische Botschafter in Berlin, William E. Dodd, notiert in seinem Tagebuch, dass die von Dulles vertretenen Banken schon Ende 1933 Deutschland Anleihen im Wert von einer Milliarde Dollar gewährt hatten…“ Ob das stimmt?

Sutton ergänzt: „Die ITT hatte durch den deutschen Rechtsanwalt Dr. Gerhard Westrick noch eine weitere Verbindungsleitung nach Nazideutschland… Zu dieser Gruppe zählten nicht nur Kurt von Schröder und Westrick, sondern auch Franz von Papen und Dr. Heinrich Albert… Nach dem Ersten Weltkrieg gründeten Westrick und Albert die Anwaltskanzlei Albert & Westrick, die sich auf die über die Wall Street abgewickelten Reparationskredite spezialisierte... Die Firma Albert & Westrick betreute die Kredite der J. Henry Schroder Banking Corporation auf deutscher Seite, während John Foster Dulles' Firma Sullivan und Cromwell in New York das auf amerikanischer Seite tat.“

Und wieder Deschner: „Erstaunt es, dass ausgerechnet John Foster Dulles sich derart engagierte, der nachmalige US-Außenminister und Adenauer-Freund? Doch war damals, 1932/33, nicht auch Adenauer selbst dafür eingetreten, dass die Hitlerpartei »unbedingt führend an der Regierung vertreten« sein müsse? Er war. Und agitierte dafür nicht mit aller Kraft auch Adenauers Glaubens- und Parteigenosse Franz von Papen, der baldige Stellvertreter Hitlers und Päpstliche Kammerherr? Er agitierte. Und Papen kannte natürlich auch den Bankier und Parteigenossen Baron Schröder, der seinerseits… in ständiger Verbindung stand… mit einem amerikanischen Banken-Konzern, den John Foster Dulles juristisch beriet. Nach US-Presseberichten nahm Dulles auch an jener, so Papen später, 'nun geschichtlich gewordenen Unterredung' im Hause von Schröder teil, bei der, wie man annehmen darf, Papen Hitler die Unterstützung des Papstes zugesichert hat… Die New York Times berichtet im Januar 1933 über den Dulles-Besuch in Köln und erinnert noch einmal am 11. November 1944 daran. Beide Artikel sollen aber aus den amerikanischen Bibliotheken verschwunden sein…“ Auf dem Mikrofilm… an der Universität von Kalifornien in Los Angeles ist die Ausgabe vom 11. November 1944 erstaunlicherweise 14 Seiten kürzer als gewöhnlich.

Halbwahrheiten

„US-Sprecher tun sich schnell hervor, einen für sie missliebigen Politiker mit Hitler zu vergleichen. Dabei hat kein anderer Staat als die Vereinigten Staaten von Amerika so viel zum Aufstieg Hitlers beigetragen.“ Das schreibt – als wolle er die hier gewonnenen Erkenntnisse resümieren – Werner Rügemer 2014 in der Tageszeitung "junge Welt" zu einem Buch mit dem Titel "Big Business avec [mit] Hitler".

„Während die Halbwahrheit, dass der Hitlerismus mit Hilfe der amerikanischen Streitkräfte 1945 besiegt wurde, in alle Köpfe gehämmert wurde, bleibt die andere Hälfte der Wahrheit, dass derselbe Hitlerismus nur mit Hilfe westlicher (britisch-amerikanischer) Kapitalhilfe überhaupt aufgebaut werden konnte, bis heute ein Tabu akademischer Geschichtsschreibung.“ Das steht auf der Rückseite des 2008 erschienenen Buches "Wall Street und der Aufstieg Hitlers" des Historikers Antony C. Sutton. Nun wissen wir auch, was Ulrich S. Soénius im Kölner Stadt-Anzeiger unter "westlich" versteht und zwischen welcher Großindustrie und der NSDAP Schröder der Verbindungsmann war.

Drei Monate Haft hat ihm 1947 ein britisches Militärgericht dafür zugedacht. Denn er war ja nur ein unbedeutendes Bindeglied, ein bloßer Statist. Es ließe sich die Frage stellen: warum auch sollten diejenigen Mächte, die das Dritte Reich haben entstehen lassen, einen Mann verurteilen, der einer ihrer Agenten war? Nun ließe sich einwenden: viele Agenten, die ihr Werk vollbracht haben, sind zum Schweigen gebracht worden. Aber das gilt nicht für alle. Mit den Worten von Gerhard Wisnewski ist zu unterscheiden zwischen Zirkuspferden und Zirkusdirektoren. Welcher der beiden Kategorien im Zirkus der Macht Kurt Freiherr von Schröder zuzurechnen ist, möge als Frage im Raum stehen bleiben.

Was für eine ungeheuerliche Behauptung, es habe ausländische Mächte gegeben, die Interesse an der Entstehung des Dritten Reiches gehabt haben! Wie ist das denkbar? Darauf gibt Guido Giacomo Preparata in seinem Buch "Conjuring Hitler – How Britain and America made the Third Reich" (Hitler heraufbeschwören – Wie Großbritannien und USA das Dritte Reich haben entstehen lassen) eine Antwort: Preparata legt dar, wie die Strategie der USA und insbesondere Großbritanniens darauf ausgerichtet war, Deutschland und die Sowjetunion gegeneinander in die Schlacht ziehen zu lassen – beginnend in den 20er-Jahren damit, die Aufrüstung Deutschlands, den Aufstieg der NSDAP und dann die einzelnen militärischen Schritte Hitler-Deutschlands hin zur Operation Barbarossa, des Feldzugs gegen die Sowjetunion, zuzulassen und zu fördern – mit dem Ziel, beide sich weitgehend gegenseitig schwächen oder gar vernichten zu lassen.

Tabubruch

Sollten Sie diesen Artikel bis hierher gelesen haben, sind Sie selber schuld. Sie wissen offensichtlich nicht, dass es Forschungsergebnisse gibt, die es nicht geben darf. Denn sie würden ein Weltbild zerstören, das mit großem Aufwand aufgebaut worden ist. Die USA müssen weiterhin als der große Befreier vom Faschismus gelten, nicht als dessen Initiator. Totschweigen und tabuisieren heißt deshalb die Devise. Und Tabubrechern ist Stigmatisierung zugedacht. Für sie stehen im Arsenal der Herrschaftsstrategen diffamierende Begriffe und weitere Mittel zur Verfügung, mit denen sie zur Strecke gebracht werden sollen. Deshalb vergessen Sie alles Gelesene und gehen davon aus, dass Kurt Freiherr von Schröder am 4. Januar 1933 in seiner Kölner Villa als unbedeutender Teilhaber einer unbedeutenden Provinzbank einem unbedeutenden Treffen beigewohnt hat, das nur zufällig Hitler und dem Zweiten Weltkrieg den Weg geebnet hat.

Veröffentlichung aus der Quartalsschrift DAS KROKODIL, Ausgabe 10 (September 2014) – Grundsatzschrift über die Freiheit des Denkens – bissig – streitbar – schön und wahr und (manchmal) satirisch.



Mehr dazu und wie es sich bestellen lässt, hier: http://www.das-krokodil.com/



Bücher:


Antony C. Sutton
Wall Street and the Rise of Hitler
GSG, USA, 2002 (Originalausgabe: Bloomfield, England, 1976)


Antony C. Sutton
Wallstreet und der Aufstieg Hitlers
Perseus Verlag, Basel, 2008


Guido Giacomo Preparata
Conjuring Hitler – How Britain and America made the Third Reich
(Hitler heraufbeschwören – Wie Großbritannien und USA das Dritte Reich haben entstehen lassen)
Pluto Press, London, 2005


Guido Giacomo Preparata
Wer Hitler mächtig machte
Wie britisch-amerikanische Finanzeliten dem Dritten Reich den Weg bereiteten
Perseus Verlag, Basel, 2010


Jacques R. Pauwels
Big business met Nazi-Duitsland
Niederlande, Epo, 2009


Jacques R. Pauwels
Big Business avec Hitler
Les Èditions Aden, Brüssel, 2013


Karlheinz Deschner
Der Moloch – Eine kritische Geschichte der USA
Heyne, München, 2002


William E. Dodd and Martha Dodd
Ambassador Dodds Diary 1933-1938
Victor Gollancz, London, 1941


Dodd – Diplomat auf heißem Boden
Tagebuch des USA-Botschafters William E. Dodd in Berlin 1933-1938
Verlag der Nation, Berlin, 1967


Franz von Papen
Der Wahrheit eine Gasse
List, München, 1952


Franz von Papen
Memoirs
Andre Deutsch, London, 1952


Weitere Quellen:

Arbeiterfotografie-Projekt "Die Liebe höret nimmer auf"
http://www.arbeiterfotografie.com/verband/die-liebe-hoeret-nimmer-auf

Wikipedia über das Treffen mit Hitler in der Villa Schröder in Köln am 4.1.1933
http://de.wikipedia.org/wiki/Treffen_Papens_mit_Hitler_im_Haus_des_Bankiers_Schr%C3%B6der

Wikipedia England über Kurt Baron von Schröder
http://en.wikipedia.org/wiki/Kurt_Baron_von_Schr%C3%B6der

Historisches Datum: Adolf Hitlers Kölner Treffen
Ulrich S. Soénius am 04.01.2008 im Kölner Stadt-Anzeiger
http://www.ksta.de/politik/historisches-datum-adolf-hitlers-koelner-treffen,15187246,13125764.html

Wikipedia über die Deutsch-Englische Gesellschaft
http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsch-Englische_Gesellschaft

Fälschungen zur Auslandsfinanzierung Hitlers
Hermann Lutz in Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 1954, Heft 4
http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1954_4_4_lutz.pdf

Eidesstattliche Erklärung von James P. Warburg
in Holocaust-Referenz – Argumente gegen Auschwitzleugner
http://www.h-ref.de/literatur/w/warburg-bericht/warburg-affidavit.php

Kein Blitzkrieg ohne USA
Werner Rügemer am 28.04.2014 in junge Welt über das Buch "Big Business avec Hitler"
http://www.jungewelt.de/2014/04-28/005.php
(veröffentlicht auch in DAS KROKODIL, Ausgabe 9: Werner Rügemer – Über den unvergleichlichen Beitrag der USA zum Aufstieg Hitlers)


Siehe auch:

Befreiung vom Faschismus – Aktionen anlässlich des Kriegsendes vor 69 Jahren und der aktuellen Kriegsgefahr
Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann in NRhZ Nr. 458 vom 14.05.2014
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20340

FED – das absolute Tabu
Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann in NRhZ Nr. 464 vom 25.06.2014
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20484
(Veröffentlichung aus DAS KROKODIL, Ausgabe 9)

US-Imperialismus schießt auf Anthroposophen – Warum?
Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann  in NRhZ Nr. 544 vom 06.01.2015 anlässlich des am 13.11.2015 in Paris begangenen Verbrechens
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22418
(Veröffentlichung aus DAS KROKODIL, Ausgabe 15)

Online-Flyer Nr. 544  vom 06.01.2016

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Von Kostas Koufogiorgos
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