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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Lokales
Die schwierige Suche eines Kölner Obdachlosen nach einer neuen Wohnung
Ende des langen Spießrutenlaufes III
Von Frank Blumenfeld

Dies ist der dritte Teil meiner Geschichte, die Fortsetzung der in der Kölner Obdachlosenzeitung "Querkopf" und in der NRhZ veröffentlichten Berichte vom Oktober 2012 und Mai 2014. Diese beschrieben meinen Kampf gegen die Obdachlosigkeit, in welche ich 2010 schuldlos hinein geraten war. Zur Erinnerung: Die Wohnung verlor ich infolge eines Formfehlers meines damaligen Rechtsanwaltes.

Frank Blumenfeld
Foto: Arbeiterfotografie
 
Weil ich über fast 8 Jahre die Miete wegen eklatanter Wohnungsmängel (Heizungsausfall, kein Wasser in den Leitungen) mit Hilfe einer Anwaltskanzlei gekürzt hatte, war es zum Gerichtsverfahren gekommen. In einem vom Gericht vorgeschlagenen Vergleich, versäumte es der Anwalt den Zusatz ‚Unter Vorbehalt’ aufnehmen zu lassen. Deshalb musste ich die Wohnung, in der ich mehr als ein Viertel meines Lebens verbracht hatte, Ende 2010 räumen. Später stellte ich in meiner neuen Wohnung beim Auspacken meiner Kartons fest, dass viele persönliche Dinge von mir verschwunden waren, u.a. eine Sammlung von 120 CD’s.
 
Nach der Wohnungsräumung 2010 begann für mich der jahrelange Spießrutenlauf der Suche nach einer neuen Wohnung. In diesen ganzen Jahren war ich nicht untätig, um auf meine Situation als Obdachloser aufmerksam zu machen. Ich kontaktierte mehrere Reportage-Magazine, u.a. die Sendung ‚Akte’ von Pro 7 Sat1. Zudem zahlreiche Politiker, u.a. den Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters, Katrin Eckhardt-Göring (MdB) von den Grünen, Matthias W. Birkwald (MdB) von der Linken, Martin Dörmann (MdB) von der SPD und Ludwig Eierhoff von der AfD, um nur einige zu nennen. Alles ohne Erfolg.
 
Die vergebliche Mühe bei der Wohnungssuche und die Verzweiflung über die schwierige Situation brachten mich zwischenzeitlich an den Rand des Selbstmordes. Bereits 2011, wenige Wochen nach dem Verlust meiner Wohnung, hatte ich kurz davor gestanden. Am 20.7. 2014 hing ich in einem Landschaftsschutzgebiet im wahrsten Sinne des Wortes am Strick, brachte es jedoch letztlich nicht fertig. Vorausgegangen waren zwei Klinikaufenthalte in der LVR Klinik über je 4 Wochen zwischen Anfang Mai und Anfang Juli 2014. Diese halfen mir in keinster Weise weiter, weil dort nicht die richtigen Therapien stattfanden. So bekam ich anstelle eines von mir erbetenen Medikamentes zur Erhöhung meines Serotonin-Spiegels Mittel, durch welche sich bei mir Depressionen und Selbstmordgefahr verstärkten. Mein Verdacht: Bei den verabreichten Medikamenten handelte es sich um reine Placebos, sprich Scheinmedikamente ohne Wirkstoff. Auf geäußerte Kritik meinerseits bekam ich von der zuständigen Oberärztin nur zu hören, die Klinik sei kein Hotel.
 
Nach Klinikaufenthalt und Selbstmordversuch wandte ich mich an die Anlaufstelle Rheinland für Psychiatrie-Erfahrene von Psychiatrie Erfahrenen. Eine Freundin hatte mich darauf aufmerksam gemacht, man könne dort bis zu drei Monate in einem „Notzimmer“ aufgenommen werden. Bei mir scheiterte die Aufnahme jedoch wegen meines Suizidversuches vom 20.7.14. Man hatte Angst, ich könne mir in dem Zimmer etwas antun. Mir erscheint dies als faule Ausrede. Schließlich hatte ich mir für den Suizidversuch damals ein Landschaftsschutzgebiet ausgesucht, um nicht gefunden zu werden.
 
In Deutschland begehen jährlich schätzungsweise 12.000 Menschen Selbstmord. Meiner Ansicht nach liegt die Dunkelziffer deutlich darüber. Ich selbst bekam Ende 2014 zwei erfolgte Selbstmorde mit. Beim ersten handelte es sich um einen 17jährigen, der aus einem Fenster des Kölner Domes gesprungen war und zwischen Souvenir Shop und Brunnen zum Liegen kam. Der zweite war ein 33jähriger, der aus einer der oberen Etagen des Amts- und Landesgerichts Köln gesprungen war und vor Ort verstarb. Mit dem Handy machte ich Fotos von den Tatorten. Diese sollten dokumentieren, dass solche Erfahrungen, wie ich sie in den letzten Jahren machte, jeden mental und emotional an den Rand des Abgrundes bringen können.
 
Zu allem Überfluss ereigneten sich 2014 in meinem näheren Bekanntenkreis mehrere Todesfälle: Barbara, die Partnerin eines Freundes, starb mit 53 an Herzversagen. Micha, ein guter Bekannter, der obdachlos war, starb an den Folgen einer Lungenentzündung. MIT NUR 25 JAHREN! Januar 2015 verstarb eine Freundin eines Bekannten an einer Überdosis Medikamente, mit gerade einmal 33. Zudem erfuhr ich vom Tod eines Jugendfreundes.
 
Die Suche nach einer neuen Wohnung verlief auch im August und September 2014 weiter vergeblich. So misslang der Versuch, mithilfe des Sozialpsychiatrischen Dienstes des Gesundheitsamtes der Stadt Köln ein Zimmer im ‚Hotel Plus’ zu bekommen. Dies ist ein spezielles Hotel für Obdachlose mit einer psychiatrischen Erkrankung wie Depression und Suizidgedanken. Nachdem ich einen mehrseitigen Fragebogen ausgefüllt hatte, hörte ich von den zuständigen Stellen bis zum heutigen Tage nichts mehr. Ende August hatte ich bereits eine Gesprächsrunde zum Thema ‚Obdachlos’ im Crux-Cafe in der Südstadt besucht, wo u.a. auch der Geschäftsführer der Überlebensstation Gulliver sprach. In der Hoffnung, dort Hilfe zu erhalten, meldete auch ich mich zu Wort. Der Pfarrer, dem ich danach eine E-Mail schickte, meldete sich jedoch nie zurück. Zu dieser Zeit schlief ich mit Schlafsack auf dem Krankenhausgelände in Merheim in einem Wartehäuschen.
Unverhofft nahm das Jahr 2014 vor seinem Ausklang doch noch eine Wende zum Positiven. Über eine Freundin gelangte ich an eine neue Wohnung, die ich Anfang Dezember 2014 bezog. Nach 490 Besichtigungen, die erfolglos blieben, weil ich in der Hauptsache als Hartz IV-Empfänger abgelehnt worden war, klappte es endlich bei der 491sten. Der anfänglichen Erleichterung folgte allerdings bald die Ernüchterung. Denn die neue Wohnung erwies sich auf Grund mehrerer Mängel als ‚Abwrackhütte’. Sie hat einen Durchlauferhitzer, so dass das heiße Wasser eben so über den Strom abgerechnet wird wie eine Elektro-Heizung im Bad. Die Folge ist ein Stromverbrauch von 1000 Kilowattstunden im Monat. Soviel habe ich sonst in einem gesamten Jahr verbraucht, und das über Jahrzehnte!
 
Die Wohnung, wenn man sie so nennen kann, ist Baujahr 1963. Gespräche aus der Nachbarwohnung über mir kann ich fast 1 zu 1 wiedergeben. Aus dieser Wohnung über mir hört es sich so an, als würde jemand mit Holzclocks Walking-Runden auf Parkett veranstalten. Dazu Möbelrücken bis in die späte Nacht! Toilettengänge der Nachbarn erinnern an das Rauschen der Niagarafälle. Ein stundenlang kreischender Nymphensittich aus der Nebenwohnung bringt zusätzlich meine Nerven zum Tanzen! Im Bad befand sich bei meinem Einzug Schimmel, der inzwischen beseitigt wurde. Eine Notwendigkeitsbescheinigung für einen Umzug in eine günstigere Wohnung, vor allem im Hinblick auf die Stromkosten, wurde jedoch abgelehnt.
 
Obendrein machte mir zu dieser Zeit die unglückliche Beziehung zu einer Frau, die ich während meines Klinikaufenthaltes in Merheim kennen gelernt hatte, psychisch zu schaffen. Und so bin ich trotz Wohnung bzw. ‚Abwrackhütte’ immer noch am Scheideweg. Ich denke nach wie vor, dass alles andere nur besser sein kann als auf diesem Höllenrost zu schmoren. Und damit meine ich nicht, auf der Straße zu leben.
 
Zum Erstaunen bringt mich immer wieder das Jobcenter. Dieses schickte mir an meine neue Adresse einen Barscheck über 6 Euro 14. Dabei betragen die Gebühren für das Einlösen des Schecks bereits 5 Euro! Während meines Aufenthalts in einem Obdachlosenhotel im August 2012 ließ man mir einen Barscheck von sage und schreibe 94 Cent zukommen. Kein Wunder, dass allen Jobcentern in Deutschland insgesamt über 5,2 Milliarden Euro an Verwaltungskosten entstehen. Wenn nur in jedem dritten Fall solche geringen Summen nicht eingelöst werden, kann man sich ausrechnen, was den Menschen an Geld unterschlagen/vorenthalten wird bei 7,2 Millionen Leistungsbeziehern nach dem SGB 2 (Quelle: Bundesanstalt für Arbeit).
 
An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Freunden und Gutwetter-Freunden bedanken, die mir halfen, mich durchzubeißen. Kurz vor Schluss noch eine Bitte: Ballert meine Facebook-Chronik nicht mehr zu mit Ankündigungen über Protestaktionen gegen Rechts! In 30 Jahren, seit ich an Protestaktionen teilgenommen habe, ist mir nicht einmal die Überschrift begegnet: ’Steht auf für Obdachlose, die erschlagen oder in Brand gesetzt wurden!’ So wie am 1.März diesen Jahres, als jemand in der Zwischenebene der U-Bahn-Station ‚Neumarkt’ in Köln um 2.30 Uhr nachts die Decke eines Obdachlosen anzündete (Quelle: BILD Köln). Ganz zum Schluss noch ein Satz: ‚Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu’.(PK)
 
Wer mehr erfahren möchte, hier meine Homepage: http://flowerfie1.square 7.ch/
 
NRhZ Teil I
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=18221
NRhZ Teil II
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20323
 
Auch diesen Artikel von Frank Blumenfeld haben wir mit Dank an Harald Schauff aus der Mai-Ausgabe der Kölner Arbeits-Obdachlosen Selbsthilfe-Mitmachzeitung "Querkopf" übernommen.
 


Online-Flyer Nr. 512  vom 27.05.2015

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Von Kostas Koufogiorgos
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