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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

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Lokales
Die schwierige Suche eines Kölner Obdachlosen nach einer neuen Wohnung
Der lange Spießrutenlauf
Von Harald Schauff

Es heißt, wir leben in einem demokratischen und sozialen Rechtsstaat. Politik, Medien und alle anderen, die nicht direkt darauf angewiesen sind, loben das Sozialsystem in den höchsten Tönen. Vorbildlich sei es. Jedem, der es beanspruche, werde umfassende Hilfestellung zuteil. Doch es gibt genügend Fälle, welche diese hehren Ansprüche Lügen strafen. Einer davon ist Frank Blumenfeld. Die Begründung für seinen Satz "Erst wenn man mich in den Sarg legt, hat man mich das letzte Mal hereingelegt" werden Sie in dem folgenden Artikel aus der Kölner Obdachlosenzeitung Querkopf kennen lernen. – Die Redaktion
  
Seit März 2010 befindet sich Frank in Köln auf Wohnungssuche. Er hat alles Erdenkliche versucht, um an eine neue Wohnung zu gelangen, hat Politiker, Presse und Fernsehsender kontaktiert. Bislang vergeblich. Frank ist keiner, der rasch aufgibt und sich leicht unterkriegen lässt. Er hat einen langen Atem, auch sportlich: Regelmäßig nahm und nimmt er an Laufwettbewerben in und außerhalb Kölns teil. Insgesamt absolvierte er über 880 Wettkämpfe, von 100 Meter bis Ultra-Marathon (über 42 km).
 
Vor einigen Jahren begann sein Dilemma: Frank erleidet mehrere Bandscheibenvorfälle und ist gezwungen, seinen Job als Pflasterer im Garten-Landschaftsbau aufzugeben. Medizinisch wird 'Skoliose' diagnostiziert, ein Verschleiß der unteren Lendenwirbelsäule. Obwohl erst 45, ist seine Wirbelsäule so verschlissen wie die eines 65jährigen. Er ist seitdem auf Hartz IV angewiesen. Als wäre er mit dem kranken Rücken nicht genug gestraft, kommen Probleme mit seiner Wohnung dazu: Da die Vermieterin keine Renovierung durchführte, breitet sich schwarzer Schimmel aus. Außerdem funktioniert die Heizung nicht. Im Winter liegt die Innentemperatur bei ganzen 7 Grad. Zeitweise trägt er drei Rollkragen-Pullover übereinander. Weil kein Wasser aus der Leitung kommt, ist er jahrelang gezwungen, in Hallenbädern zu duschen. Das i-Tüpfelchen sind neu hinzu gezogene Nachbarn, die rund um die Uhr Lärm machen und ihm u.a. die Post aus dem Briefkasten stehlen. Gegen diesen Albtraum von Mobbing setzt er sich zur Wehr, indem er selbst gezielt Krach macht.
 
Es folgt die Kündigung durch die Vermieterin. Das Ganze geht vor Gericht. Der zuständigen Richterin liegen sämtliche Unterlagen vor, um sich ein genaues Bild des Falles zu machen. Darüber hinaus werden ihr Vergleichsurteile mit Aktenzeichen von ähnlichen Fällen zugesandt. Letztlich entscheidet sie jedoch auf Basis der Vertrauenswürdigkeit der Vermieterin, die in Köln mehrere Häuser und Geschäfte besitzt. Die Richterin schlägt einen Vergleich vor: Frank soll die Wohnung bis Ende Juni räumen. Ist seine Suche nach einer neuen Wohnung bis dahin erfolglos, gibt es bis Ende September keinen Räumungstitel. Sein Rechtsanwalt rät Frank zur Annahme des Vergleichs. Er vergisst dabei, in den Akten 'Unter Vorbehalt' vermerken zu lassen. Somit ist das Urteil rechtskräftig und für Frank nicht mehr anfechtbar.
 
Frank geht auf Wohnungssuche, der Beginn des Spießrutenlaufs. Er besichtigt über 300 Wohnungen. Zu 90 % erhält er Absagen, weil er Hartz IV-Empfänger ist. Er sucht über 50 Makler persönlich auf. Er kontaktiert mehrere Fernsehsender wie RTL und den WDR, wendet sich u.a. an 'Akte 2010' (SAT 1) und 'Monitor' (ARD). Er bekommt keine Antwort oder nur den Hinweis, man erhalte zahlreiche Post, so dass nicht auf jeden einzelnen Brief eingegangen werden könne. Er schreibt den bekannten Kölner Schriftsteller Günter Wallraff an. Ohne Ergebnis.
 
Auch Kontaktversuche zur Politik tragen keine Früchte. Weder bei Bezirksbürgermeistern noch bei Landtagsabgeordneten noch bei Vertretern des Bundestags lässt sich Hilfe finden, die zur Vermittlung einer Wohnung führt. Immerhin gelangt er über einen Freund an Kontakte zu Politikern, die in der Wohnungsbaugesellschaft GAG sitzen. Er bewirbt sich dort in ausführlichen Schreiben um eine Wohnung. Dreimal sind seine Unterlagen, die er persönlich abgegeben oder per Einschreiben verschickt hat, verschwunden. Angeblich aufgrund von 'Umstrukturierungen'. Endlich werden ihm auf Nachfrage einige Wohnungen angeboten. Allerdings handelt es sich dabei um komplette Bruchbuden. Frank nennt sie 'Abwrackhütten'. Mit solchen hoffnungslosen Sanierungsfällen möchte er sich zu Recht nicht abspeisen lassen. Seitdem lautet die wiederholte Ausrede von Politikern, es seien ihm ja genügend Wohnungen angeboten worden.
 
Er versucht es bei den Medien, wendet sich an 'Bild kämpft für Sie'. In seinem Fall beschränkt sich der Kampf von 'Bild' auf einen Anruf beim Wohnungsamt. Erwartungsgemäß ohne Erfolg. Über einen Freund knüpft er Kontakt zu einem Internet-Radiosender. Dieser veröffentlicht seine Geschichte, über 100.000 Zuhörer bekommen sie mit. Da der Bericht an befreundete Internetsender weiter gereicht wird, vergrößert sich der Wirkungskreis. Dennoch lässt der Erfolg bei der Suche weiter auf sich warten.
 
Nach erfolgter Räumung seiner alten Wohnung, kommt Frank zunächst für ein halbes Jahr bei einem Freund unter. Problem: Dieser ist ein Messie, der nichts wegschmeißt. Entsprechend schaut die Bude aus. Frank hilft ihm aufzuräumen. August 2011 muss er dort ausziehen. Davor kommt ein Klinikaufenthalt. Die Situation macht ihm zu schaffen. Er greift zur Flasche, hat Selbstmordgedanken. Er wird zwei Wochen in der Psychiatrie behandelt. Die eigentliche Ursache, die Wohnungslosigkeit, lässt sich nicht mit Medikamenten bekämpfen. Deshalb folgt die Entlassung.
 
Seitdem tingelt Frank von einem Obdachlosenhotel ins nächste. In einem teilt er sich mit einem Alkoholiker das Zimmer, der nachts, ständig betrunken, unter voller Beleuchtung, Fernsehen schaut. Außerdem wird der Nachtschlaf durch eine schlechte Draht-Matratze beeinträchtigt, auf welcher er mit seinem kaputten Rücken liegen muss. Die gebrauchten Matratzen stammen vermutlich aus Gefängnissen und Altenheimen.
 
Frank entschließt sich, die erlebten Zustände in einem der Obdachlosenhotels öffentlich zu machen. Er wendet sich an die 'Bild'-Zeitung. Diese schießt für einen zweiteiligen Bericht (erschienen am 21. + 24. Jan.2012) über 150 Bilder von einem Zimmer, worin 4 erwachsene Männer auf 16 qm leben. Die Kabel der Deckenbeleuchtung im Bad sind mit einer Heißklebepistole angebracht und zudem überaltert: Seit den 60er Jahren werden derartige Kabel nicht mehr verbaut. Das ist allein schon sicherheitstechnisch bedenklich. Dennoch werden für Elektrizität und Reinigung 28 Euro und 8 Cent vom monatlichen Hartz IV-Satz abgezogen. Für eine Übernachtung in einem dieser Hotels zahlt die Arge inzwischen 23,50 Euro pro Nase.
 
Aufgrund des 'Bild'-Berichts setzen die Besitzer des betreffenden Hotels Frank vor die Tür. Nun wird er politisch aktiv: Er wendet sich an die Erwerbsloseninitiative 'Die Linke', demonstriert eine Woche vor dem Wohnungsamt, sammelt Unterschriften und verteilt Flyer. Er möchte auf die unhaltbare Situation aufmerksam machen, der man als Wohnungsloser ausgesetzt ist. Viele verbringen Jahre in Notunterkünften und Obdachlosenhotels, bevor man ihnen endlich eine Wohnung zuweist. Frank erlebt es bei seinem Zimmerkollegen Janusz, der erst nach 9 1/2 Jahren in solchen Hotels an eine Wohnung kommt. Die Zeit in den Hotels ist nur durch Klinikaufenthalte unterbrochen worden. Zudem wurde Janusz mehrmals von 'Kollegen' zusammengeschlagen. Im Hotel, wo Frank zurzeit wohnt, lebt eine Familie bereits in der zweiten Generation.
 
In den Obdachlosenhotels herrschen Regularien, die an offenen Strafvollzug erinnern: Es besteht Anwesenheitspflicht über Nacht. Ansonsten erfolgt bei der Stadt die Abmeldung durch den Vermieter, also der Rauswurf.
 
Nach über zwei Jahren vergeblicher Wohnungssuche fühlt Frank sich als Heimatloser und Mensch dritter Klasse. Er hat alles Mögliche versucht, Politiker und Medien unzählige Male um Unterstützung gebeten. Er hat es satt, sich mit leeren Versprechungen abspeisen zu lassen. Auf seinen Wunsch hin haben wir unten folgende kleine Annonce geschaltet.
 
Ein Letztes zur allgemeinen Situation: In Deutschland wurde der soziale Wohnungsbau in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt. Offiziell fehlen landesweit über 4 Millionen Sozialwohnungen. In der Großstadt Köln wohnen nur ganze 7 % der Haushalte in sozial geförderten Wohnungen. Anspruch darauf hätten einer Rechnung zufolge 45 %. So weit ist es inzwischen mit der Armut gekommen. Laut LBS und LEG fehlen in Köln 50.000 Wohnungen. Das allein ist schon happig genug.     
 
                                                                                        
 
Wohnungsannonce
45 Jähriger (Hartz IV-Empfänger), Wohnberechtigungsschein mit Dringlichkeitsstufe 2, Maklerschein, sucht dringend Wohnung in Köln, RR (rechtsrheinisch), 30 -50 qm, bis 450 Euro Warmendmiete, sollte nicht in einem sozialen Brennpunkt liegen (wie Finkenberg, Kölnberg, Chorweiler usw.)
Tel.: 0163/ 2091342 ab 16 Uhr


Online-Flyer Nr. 372  vom 19.09.2012

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Von Kostas Koufogiorgos
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