NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

zurück  
Druckversion

Inland
Werden im Helmholtz-Zentrum Berlin nur alte Bilder und Knochen untersucht?
Hinweise auf Vorbereitung für einen Atomkrieg
Von Dietrich Antelmann

Seit Jahr und Tag werden die Anwohner eines der größten Forschungsreaktoren der Welt und des gefährlichsten Atomreaktors Deutschlands (1) von der Propagandaabteilung des Helmholtz-Zentrums Berlin (HZB) – eines von 18 Großforschungsinstituten der Helmholtz-Gemeinschaft - darüber „informiert“, dass ihr Reaktor im Vergleich zu einem Kernkraftwerk eine 400-fach niedrigere Leistung hat und wie ein großes Mikroskop funktioniert. Mit ihm könne man die Echtheit von Gemälden prüfen und das Alter von Dinosaurier-Schädeln bestimmen. Zur Veranschaulichung werden Aufnahmen eines 260 Millionen Jahre alten Paräosauriers abgebildet. Unterschlagen wird dabei, dass sich das Betriebsrisiko nicht nach der thermischen Leistung eines Atomkraftwerks bemisst, sondern nach der radioaktiven Last, die bei einem Unfall freigesetzt wird und, dass hier von Anfang an militärisch nutzbare Fusionsforschung betrieben wird.

Von "Anti-Atom-Berlin" angemeldete Demo am 3. März 2012 vor dem HZB
Alle Fotos: Dietrich Antelmann
 
Aus alten noch nicht geschönten Geschäftsberichten des Hahn-Meitner-Instituts für Kernforschung Berlin GmbH – Vorgänger des HZB – und der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Sylvia Kotting-Uhl, Kai Gehring, Beate Walter-Rosenheimer, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (siehe Drucksache 18/2294 "Betriebsunterbrechung am Berliner Forschungsreaktor BER II" vom 08.09.2014 http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/18/025/1802507.pdf), geht hervor, dass bis heute u.a. mit den US-Nuklearwaffenschmieden Los Alamos und Oak Ridge National Laboratory zusammengearbeitet wird.

Für Forschung im HZB, aber nicht per Atomreaktor!
 
Zurzeit entsteht für rund 20 Millionen Euro am HZB in Zusammenarbeit mit dem „National High Magnetic Field Laboratory“ Florida ein neuer, international einzigartiger Hochfeldmagnet mit einer Feldstärke von 25 bis 30 Tesla – etwa eine Million Mal stärker als das Erdmagnetfeld und der stärkste Magnet für Neutronenexperimente weltweit. Auf der Homepage der "National High Magnetic Field Laboratory" ist nachzulesen, dass die amerikanische Atomwaffenschiede „Los Alamos Laboratory“ beteiligt ist. Extra für dieses Vorhaben sind Neu- und Erweiterungsbauten errichtet worden. Zusammen mit dem experimentellen Fusionsreaktor in Greifswald, der auch mit hohen Magnetfeldern arbeitet, sind das deutliche Indizien, für das Ziel die Fusionstechnologie weiter voranzutreiben. Da kein irdischer Werkstoff den bei einer Fusion entstehenden Gasen von Millionen Grad Celsius standhält, müssen diese Gase mit starken Magneten eingeschlossen bleiben und neuartige Materialien entwickelt werden.
 
Dass das militärische Interesse an der Fusionstechnologie nach wie vor groß ist, erklären unter dem Link http://www.helmholtz.de/artikel/ein-erster-schritt-auf-dem-weg-zur-zuendung-2299/ freimütig die damit befassten Wissenschaftler: „Warum wird die laserinduzierte Fusionsforschung dann so intensiv betrieben? Diese Forschung hat auch eine militärische Komponente. Die Kapseln sind so etwas wie Modelle für kleine Wasserstoffbomben. Das ist auch kein Geheimnis. Dieser Hintergrund macht es verständlich, dass in diese Forschung auch beträchtliche finanzielle Mittel aus dem Militärbereich fließen."
 
In diesem Zusammenhang stehen auch die Ausführungen des Physikprofessors Wolfgang Liebert in der von IPPNW, INESAP und ausgestrahlt herausgegebenen Broschüre „Bombenrisiko Atomkraft“: „Die Experimente erlauben detaillierte Einblicke in den Ablauf der Kernfusion. WaffenforscherInnen und Militärs, z. B. in Frankreich und den USA, sehen darin eine Möglichkeit, ihre Atomwaffen trotz des weltweiten Verbots von Atomtests weiterzuentwickeln“. „Fusionsreaktoren sind zudem prinzipiell geeignet, um bestes Waffenplutonium (Plutonium-239) zu erbrüten“.
 
Übrigens sind Fusionsvorgänge auch mit den inzwischen stillgelegten
Forschungsreaktoren des Helmholtz-Zentrums Geesthacht erforscht worden. Vermutlich bei Experimenten, die Eigenschaften von Kernfusion und Kernspaltung zu kombinieren, kam es 1986 zu einem folgenschweren Unfall, der bis heute vertuscht wird (2).

"Anti-Atom-Berlin"-Demo am 3. März 2012.jpg
 
Bereits in den 50er Jahren wurde mit der Planung eines Fusionsreaktors begonnen. Der Physiker Erich Bagge (früher am Atomprojekt der Nazis beteiligt) und der Ingenieur Paul Schmidt (er hatte während des Krieges das Triebwerk der V1-Rakete mitentwickelt) sollten schon 1957 ein Fusions-Forschungszentrum gründen. Doch der Einspruch Carl Friedrich von Weizsäckers konnte das verhindern: Es lägen „gesicherte Erfahrungen“ vor, dass „ein Fusionsreaktor für friedliche Zwecke nicht hergestellt werden könne. Allenfalls könnten die Ideen... im militärischen Bereich nutzbar gemacht werden.“ (3)
 
Heute nimmt die deutsche Fusionsforschung eine Spitzenstellung in der Welt ein. Von Anfang wird am Nuklearstandort Wannsee der Fusionsforschung zugearbeitet. Nach den Worten der früheren Wissenschaftsministerin Schavan wird diese Technologie für die Energieversorgung der kommenden Jahrzehnte sicher keine Rolle spielen, aber immerhin handele es sich um ein großes Abenteuer.
Abenteuerlich kann auch die Politik genannt werden, mit der eine tödliche Wissenschaft angetrieben wird. Kurze Zeit nach dem übereilten Anschluss der DDR an die BRD ist das Kriegswaffenkontrollgesetz dahingehend geändert worden, dass den Deutschen die völkerrechtlich geächtete Entwicklung und Herstellung von Atomwaffen gestattet wird, wenn sie nur der Verfügungsgewalt des aggressivsten Militärbündnisses der Welt, der NATO, unterstellt würden (4).
 
Ende 1995 hat die BRD versucht, ein Gutachten des Internationalen Gerichtshofs über Atomwaffen und Völkerrecht zu verhindern. Nach Auffassung der Bundesregierung ist die Frage der Legalität eines Atomwaffeneinsatzes eine politische Angelegenheit und müsse daher auf politischer Ebene entschieden werden (5). Zu dieser Zeit verfügte Deutschland mit mindestens 2,5 Tonnen über eine der größten Mengen an waffenfähigem Plutonium in der Welt – genug für den Bau von 250 Atombomben (6).
Anfang 2006 brachte Ex-Verteidigungsminister Rupert Scholz (CDU) zur Frage, wie wir auf eine nukleare Bedrohung durch einen Terrorstaat angemessen reagieren können, die Antwort „…im Notfall also sogar mit eigenen Atomwaffen“... ins Spiel (7).
Polizei schützt das HZB vor den Demonstranten
 
Mit Hilfe der Großforschungsinstitute ist Deutschland auf dem Weltmarkt der Militärtechnik teilweiser Marktführer. Die vom Vorgänger des HZB entwickelte strahlenresistente Mikroelektronik ermöglicht in einem Nuklearkrieg wenigstens die Überlebensfähigkeit moderner Waffensysteme. Im Karlsruher Institut für Technik (KIT) wird an geräuscharmer Reaktorkühlung gearbeitet, die sich für nicht mehr zu ortende Atom-U-Boote eignet (8). Das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) forscht mit Drittmitteln einer australischen Militärforschungsorganisation an Hyperschallflugkörpern, die sich auch zur Verkürzung der Vorwarnzeiten für einen nuklearen Erstschlag eignen (9). Bei soviel „Fortschritt“ auf militärischem Gebiet ist es nicht verwunderlich, dass es bereits 2006 in dem Vorschlag für ein Weißbuch der europäischen Verteidigung hieß, dass sich die EU für die Verteidigung des Wohlstands dafür rüsten müsse, Kriege zu führen und zu gewinnen (10). In dem 2008 vorgestellten 150 Seiten umfassenden „Manifest zur Reform des westlichen Militärbündnisses“ stellten General a. D. Klaus Naumann und Kollegen nukleare Präventivschläge auch gegen Nichtatomwaffenstaaten in Aussicht (11). Unterdessen ist unter deutscher Führung die EU von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt zur zweitstärksten Militärmacht der Welt aufgestiegen (12).
 
Den bisherigen Höhepunkt dieser unheilvollen Entwicklung bildet das von den Medien ausgeblendete US-Gesetz (H.Res.758), das am 4. Dezember vom amerikanischen Repräsentantenhaus verabschiedet wurde. Es gibt dem amerikanischen Präsidenten und den Oberkommandierenden der Streitkräfte grünes Licht, ohne weitere Zustimmung des Kongresses in einen Prozess der militärischen Konfrontation mit Russland einzutreten (eine entsprechende Abstimmung im Senat steht zwar noch aus; die Zustimmung dürfte jedoch feststehen). Das schon seit mehr als zehn Jahren von Planungsabteilungen des Pentagon vorangetriebene Szenario eines Dritten Weltkriegs gegen Russland ist nun auf die "operationelle Ebene" gesetzt worden (13).
 
Bleibt mir nur noch der Hinweis auf Art. 20 (4) des dem Frieden und Völkerrecht verpflichteten Grundgesetzes: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist“. (PK)
 
(1) Lt. Wortprotokoll des Berliner Abgeordnetenhauses, Ausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt, 17/6, vom 7. 3. 2012 besteht bei dem betriebsunsicheren und völlig ungeschützten Reaktor die Gefahr, dass bei einem Unfall eine radioaktive Last von 72 000 Terabecquerel (TBq=eine Billion Bq) an die Umgebung abgegeben wird - ungefähr 10 Prozent der Radioaktivität, die in Fukushima von drei verunglückten AKW`s freigesetzt worden ist.
(2) Junge Welt vom 3. 11. 2004 „Da wurde wohl an einer A-Bombe gebaut“ von Sebastian Pflugbeil
(3) Vereinigung Deutscher Wissenschaftler e. V. Atomtechnik als Instrument westdeutscher Nachkriegs-Außenpolitik“ von Roland Kollert im Jahr 2000
(4) Zeitfragen vom12. 11. 2007 „Dunkle Schatten über der Elbe - bisher keine stichhaltigen Auskünfte der Verantwortlichen zu den Leukämien der Kinder“
(5) taz vom 3.11.1995 „Der Gerichtshof soll schweigen“ von Hermann-Josef    Tenhagen und Frankfurter Rundschau vom 3. 11. 1995 „Atomwaffeneinsatz eine Sache der Politik“
(6) Frankfurter Rundschau vom 23. 1. 1995 „Greenpeace, Deutschland als latente Atommacht bezeichnet“
(7) Zeitung gegen den Krieg Nr. 32, Herbst 2011 „Kern- und Waffenforschung unter einem Dach beenden! Kein Atomausstieg ohne Stopp der Atomreaktorforschung! Keine Militärforschung an Hochschulen! Beispiel KIT Karlsruhe von Dr. Dietrich Schulze
(8) Neue Rheinische Zeitung vom 3. 12. 2014 „Gesetzesbruch mit „Kriegs“ansage von Dietrich Schulze, http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=21053
(9) NDR Info „Das Forum“ vom 3. 5. 2014
(10) Wissenschaft & Frieden Nr. 27/2007 „ Die EU auf dem Weg zur Militärmacht?“
(11) junge Welt vom 24. 1. 2008 „Atomkrieg als Option“ von Rainer Rupp
(12) NDR Info „Das Forum“ vom 17. 5. 2011
(13) Bündnis für Soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde e. V. Nr14.147 vom 16. 12. 2014 „Amerika auf dem <Kriegspfad>: Repräsentantenhaus ebnet Krieg mit Russland den Weg“


Online-Flyer Nr. 489  vom 17.12.2014

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP


Männerbünde
Aus dem KAOS-Kunst- und Video-Archiv
FOTOGALERIE


Schwarzer Freitag für H&M
Von Arbeiterfotografie