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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Glossen
Eine Betrachtung aus dem Blickwinkel der Sieger
Ode an den Imperialismus – Teil 2
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Es ist alles nur eine Frage der Blickrichtung und des Standpunkts. Und wir wollen doch alle zu den Gewinnern und Siegern gehören! Deshalb lasst uns Standpunkt und Blickrichtung entsprechend wählen – wie wir es vor einem halben Jahr schon einmal getan haben. Wir wollen uns die Chance, wieder und wieder in Bewunderungsstürme auszubrechen, nicht entgehen lassen. Ja, es stimmt, es ist Wahnsinn, was wir alles geschafft haben und immer noch dabei sind zu schaffen! Es tut gut, immer wieder die Erkenntnis aufzufrischen, zu was allem wir fähig sind.


Foto: arbeiterfotografie.com

Fassen wir zusammen, womit wir uns vor einem halben Jahr zu Recht gebrüstet haben: Abhängigkeit als Freiheit ausgeben, gefährliche Organisationen desorientieren und schwächen, nützliche Organisationen schaffen, Tod als Freiheit und Menschenrecht erscheinen lassen, Menschenmassen kontrollieren und steuern, Gefängnisse und Folterstätten im Verborgenen betreiben, die Welt mit Militärbasen überziehen, die Sowjetunion zum Verschwinden bringen, Regime-Change herbeiführen, Feindbilder kreieren, verbrecherische Operationen anderen in die Schuhe schieben, unsere Untaten auf andere projizieren, fiktive Nebenschauplätze aufbauen, mit Begriffen Verwirrung stiften, den Finanzsektor jeglicher demokratischer Kontrolle entziehen, Formen von Raub in einen Mantel der Legalität hüllen, andere Staaten sich selbst entmachten lassen, die EU als unseren Gegenspieler erscheinen lassen, unsere Interessen und Strategien hinter Kulissen verschwinden lassen... Das alles können wir, und das alles können wir uns gar nicht oft genug vor Augen führen! Das steigert unsere Kraft und Stärke. Ja, es ist wunderbar, wie eine Tat die nächste inspiriert! Lasst uns ergänzen:

Ist es nicht wunderbar, wen wir in der Lage sind, für uns zu mobilisieren! Faschistische Kräfte kommen wie gerufen, wenn sie erforderlich sind – siehe Griechenland, siehe Portugal, siehe Spanien und heute die Ukraine. Wenn wir sie brauchen, sind sie zur Stelle. Auch Gladio – unsere Geheimarmee faschistischer Kräfte – ist bei Bedarf zur Stelle.

Ist es nicht wunderbar, wie wir den Hitler-Faschismus befördert und für unsere Zwecke instrumentalisiert haben? Erst haben wir es zugelassen und sogar gestützt, dass Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg wieder hochgerüstet worden ist, dass Hitler an die Macht gekommen und in den Krieg gezogen ist, um uns anschließend – als der Krieg mit dem Ergebnis der totalen Unterwerfung Deutschlands und der gravierenden Schwächung der Sowjetunion gewonnen war – als die Retter der Menschheit darzustellen, die den Faschismus besiegt hatten. Sogar die Judenverfolgung haben wir damals billigend in Kauf genommen. Wahnsinn, wie es uns dennoch gelungen ist, als moralische Instanz, als das Gute in dieser Welt zu erscheinen! Das Böse, den Teufel entstehen lassen und dann entsprechend unserer geostrategischen Pläne bekämpfen und besiegen, das ist eine unserer genialen Strategien. Einzigartig, wie wir es auf diese Weise geschafft haben, unser militärisches Eingreifen in den Zweiten Weltkrieg im Bewusstsein fast aller Menschen zum Prototyp des Gerechten Krieges werden zu lassen, so dass die Unterwerfung Deutschlands als "Befreiung" gilt – und selbst die "Linke" beim Feiern der Befreiung vom Faschismus bereitwillig die Unterwerfung unter die neuen Herren übersieht!

Ist es nicht wunderbar, wie wir mittels der Bewegung der Montagsmahnwachen für Frieden eine aufgeheizte Stimmung im Land induzieren, in der weite Teile der "Linken" und der Friedensbewegung ihren Hass statt auf uns, auf die neu entstandene Bewegung lenken? Grandios dabei die Rolle einer Jutta Ditfurth, die in einem Fernsehinterview mit einem unserer Sender von der Entstehung einer "Neuen Rechten" sprechen kann und diese Einschätzung Einzug in weite Teile der Linken findet, als hätte sie schon lange darauf gewartet, dass ihr ein neues Feindbild vorgesetzt wird. Wahnsinn, wie es uns gelungen ist, auf diese Weise eine Querfront entstehen zu lassen, wie es sie kaum jemals gegeben haben dürfte – von zionistischen Rassisten über unsere Herrschaftsmedien wie SPIEGEL und TAZ bis weit hinein die so genannte "Linke"? Sogar eine Zeitung wie "junge Welt" ist zum Teil dieser gegen die neue Bewegung gerichteten Querfront geworden. Wahnsinn!

Ist es nicht wunderbar, wie flexibel wir sind? Wen wir gestern noch als unsere Hilfstruppe aufgebaut haben, können wir schon heute zum Feind erklären und gegen ihn unsere Waffen zum Einsatz bringen. Waffen sind nicht dazu da, dass sie gehortet werden. Sie müssen zum Einsatz kommen. Das ist uns klar. Und fast jeder begreift es!

Ist es nicht wunderbar, wie wir verschleiern können, wie weitgehend die linke Szene mit unseren Kräften durchsetzt ist? Kaum übersteigt beispielsweise der Bekanntheitsgrad der so genannten Antideutschen einen kritischen Punkt, gelingt es uns zu verbreiten, dass diese Antideutschen ihren Zenit längst überschritten haben, so dass sie uns – allenfalls in anderem Gewand – weiterhin unbehelligt zu Diensten sein können.

Ist es nicht wunderbar, wie perfekt wir immer wieder die öffentliche Stimmung im Griff haben. Kaum droht sie sich gegen uns wenden und kaum droht der Völkermord, den wir in Gaza begehen, als solcher ins Bewusstsein von immer mehr Menschen einzudringen, da gelingt es uns, die Aufmerksamkeit abzuleiten auf einen „Völkermord“ im Irak, den dort angeblich eine Organisation begeht, der wir den bezeichnenden Namen „Islamischer Staat“ (IS) gegeben haben. Wahnsinn auch, wie es damit gelingt, im Handumdrehen ein neues Feindbild zu schaffen, auf das sich die Öffentlichkeit stürzen kann. Und auch die Linke haben wir zu einem beträchtlichen Teil wieder im Boot. Es gehe darum, „ein Zeichen gegen den Terror der Dschihadisten des Islamischen Staates zu setzen“, hören wir aus ihren Reihen. Und auch unsere Spitzen-Politiker spielen wie gewohnt unser Spiel. Eine Sekretärin für Agitation und Propaganda wie die Bundeskanzlerin weiß, dass es unsere Verbrechen in Gaza zu decken gilt und deshalb ein Satz wie „Es ist ein schreckliches Gräuel; man kann von einem Völkermord sprechen“ niemals in Sachen Gaza ausgesprochen werden darf, sondern sich auf einen Schauplatz beziehen muss, auf dem wir unsere nächsten Aktivitäten planen.

Ist es nicht wunderbar, was für Instrumente wir uns geschaffen haben, um unseren Reichtum zu schützen, nein, um ihn ins Unermessliche anwachsen zu lassen? Mit der Schaffung der Federal Reserve, unserer Notenbank in den USA, deren privaten Charakter kaum jemand erkennt, ist uns ein Geniestreich sondergleichen gelungen. Mehr als hundert Jahre existiert sie jetzt schon – seit Ende 1913, dem Vorabend des Ersten Weltkriegs gewissermaßen. Sie gibt uns eine Macht, die jeden Versuch, uns diese Macht zu nehmen, zu einem aussichtslosen Unterfangen werden lässt. John F. Kennedy kann davon ein Lied singen – wenn er denn noch leben würde.

Ist es nicht wunderbar, wie es uns gelingt, diejenigen, die das Prinzip der Verzinsung als ein ungemein wirkungsvolles Mittel unserer Bereicherung erkennen, als "rechts" zu verunglimpfen? Sogar weite Teile der "Linken" sind uns dabei behilflich. Grandios, wie wir uns mittels des Prinzips von Staatsverschuldung und Schuldendienst – wie die staatlichen Zinszahlungen in Deutschland genannt werden – mehr und mehr bereichern? Und was für ein Sprung nach oben in Sachen Schulden durch die so genannten Bankenrettungen vollzogen werden konnte! Immer schneller kann so die Umverteilung ihren Lauf nehmen. Genial!

Das alles ist wieder nur eine kleine Auswahl aus dem nahezu unerschöpflichen Arsenal unserer Fähigkeiten, die uns mit Stolz erfüllen. Wir haben die Macht. Und wir haben das Denken im Griff. Hoch lebe der US-Imperialismus!


Veröffentlichung aus der Quartalsschrift DAS KROKODIL, Ausgabe 10 (September 2014) – Grundsatzschrift über die Freiheit des Denkens – bissig – streitbar – schön und wahr und (manchmal) satirisch.



Mehr dazu und wie es sich bestellen lässt, hier: http://www.das-krokodil.com/

Der erste Artikel der Reihe "Ode an den Imperialismus" ist in KROKODIL, Ausgabe 8 (März 2014), und in der NRhZ Nr. 452 vom 02.04.2014 erschienen.


Online-Flyer Nr. 478  vom 01.10.2014

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