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Aktueller Online-Flyer vom 23. Juni 2017  

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Glossen
Eine Betrachtung aus dem Blickwinkel der Sieger
Ode an den Imperialismus
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Es ist alles nur eine Frage der Blickrichtung und des Standpunkts. Und wir wollen doch alle zu den Gewinnern und Siegern gehören! Deshalb lasst uns Standpunkt und Blickrichtung entsprechend wählen. Dann können wir nur noch in Bewunderungsstürme ausbrechen. Wahnsinn, was wir alles geschafft haben und immer noch dabei sind zu schaffen! Es tut gut zu erkennen, zu was allem wir in der Lage sind. Ist es nicht wunderbar, wie es uns gelingt, die totale Abhängigkeit von uns als Freiheit anzupreisen und zu verkaufen?


Foto: arbeiterfotografie.com

Ist es nicht wunderbar, wie es uns gelingt, fortschrittliche Organisationen und Organe mit desorientierenden Gedanken und Personen zu durchsetzen und zu spalten, damit entscheidend zu schwächen, wenn nicht gar gänzlich unschädlich zu machen – und das fast unbemerkt. Ein großer Teil der Organe und Organisationen, die sich außerhalb unserer Machtstrukturen zu bewegen scheinen, sind längst von uns vereinnahmt. Und kaum jemand erkennt dies. Ist das nicht phänomenal? Und wenn wir eine „fortschrittliche“ Organisation brauchen, die es noch nicht gibt, dann schaffen wir sie selber. So genannte Menschenrechtsorganisationen sind dafür gute Beispiele.

Und ist es nicht wunderbar, wie es uns gelingt, als diejenigen zu erscheinen, die der Welt Freiheit und Menschenrechte bringen – und das trotz der Millionen Menschen, denen wir zur Wahrung unserer Interessen ihr Leben genommen haben? Und ist es nicht fabelhaft festzustellen, wie wir dies aus dem öffentlichen Bewusstsein fast vollständig herauszuhalten imstande sind? Sogar die mehr als 1,7 Millionen Toten in den Kriegen, denen wir den treffenden Namen „Krieg gegen den Terror“ gegeben haben, bleiben weitgehend im Verborgenen. Sagenhaft!

Ist es nicht wunderbar, wie es uns gelingt, die Menschen nicht nur auszuspionieren sondern auch zu steuern? Neben den herkömmlichen Herrschaftsmedien, PR-Unternehmen, diversen Regierungs- und so genannten Nicht-Regierungsorganisationen und der Kulturindustrie sind die so genannten sozialen Netzwerke wie z.B. Facebook und Twitter Instrumente dieser Steuerung. „Facebook ist eine Art verlängerter Arm des imperialistischen Programms der USA... Es ist schier mega-genial“, urteilt der Guardian.

Ist es nicht wunderbar, wie es uns gelungen ist, die Sowjetunion in wenigen Jahrzehnten zu schwächen und schließlich zum Verschwinden zu bringen? Und wie gerissen wir dabei vorgegangen sind! Erst haben wir Hitlerdeutschland gegen die Sowjetunion kämpfen lassen, und dann – so spät wie möglich – haben wir vermittels unserer Operation Pearl Harbor das Heft selber in die Hand genommen und mit Attacken wie Dresden, Hiroshima und Nagasaki der Welt gezeigt, wer Herr im Hause ist. Nicht zu vergessen die Falle, die wir der Sowjetunion in Afghanistan gestellt haben. Und schließlich stand an der Spitze unseres gegnerischen Machtraums eine Person, die ihm – der Sowjetunion – den finalen Todesstoss versetzt hat. Und die Welt hat ihn als den großen Helden gefeiert. Wahnsinn!

Ist es nicht wunderbar, wie es uns gelungen ist, die ganze Welt mit unseren Militärbasen zu überziehen, so dass wir jederzeit in allen Teilen der Welt losschlagen können. Und von den meisten dürfte kaum jemand jemals erfahren haben. Großartig beispielsweise die Möglichkeiten, die uns unsere Militärbasis auf der Insel Diego Garcia im Indischen Ozean bietet, von der wir die Bevölkerung komplett vertrieben haben. Sozusagen ein Katzensprung zu unseren Einsatzgebieten in Afrika, im Nahen und Mittleren Osten! Grandios!

Ist es nicht wunderbar, wie es uns gelungen ist, die ganze Welt mit unseren weitgehend geheimen Gefängnissen und Folterstätten zu überziehen, von denen nur eine einzige einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hat: Guantanamo auf Kuba? Kaum jemand ahnt, wo all die anderen liegen. Wer beispielsweise weiß schon von der vom Inselstaat Mauritius beanspruchten Insel Diego Garcia – dem militärischen Sperrgebiet, mitten im Indischen Ozean?

Ist es nicht wunderbar, wie es uns gelungen ist, die Verhältnisse in einem Land nach dem anderen in unserem Sinne zu kippen, ohne dass irgendeine Kraft auf der Welt uns daran gehindert hätte? Regime-Change ist dafür der Schlüssel-Begriff. Wahnsinn, welche Palette von Möglichkeiten uns dafür zur Verfügung steht – von innen heraus geschürten Unruhen über Söldnereinsatz bis hin zum offenen Krieg von außen – und wo überall wir sie zum Einsatz gebracht haben! Afghanistan, Irak, Chile, Haiti, Grenada, Sudan, Somalia, Mali, Libyen, Syrien, Jugoslawien, Ukraine – um nur eine kleine Auswahl zu nennen.

Ist es nicht wunderbar, wie es uns gelingt, Feindbilder in einer Weise in die Köpfe der Menschen hineinzutragen, dass unsere Eroberungskriege plausibel erscheinen? Sogar in der so genannten Friedensbewegung fallen unsere Feindbildkonstrukte auf fruchtbaren Boden. Grandios ist es beispielsweise, wenn wir es schaffen, jemanden, der gerade für seine "Friedensarbeit" geehrt worden ist, die Rüstungsindustrie als Waffentod geißeln und dabei aber in eindringlichen Worten geschickt fragen zu lassen: „War es hilfreich, dass wir 36-Gewehre... in das diktatorische [Gaddafi-]Regime gelangen ließen, fragt die Kanzlerin. Aber Ja! antwortet der Waffentod. Mein Freund Muammar brauchte die hochpräzise tötenden Sturmgewehre im Vernichtungskrieg gegen die Aufständischen.“ Solche Könner sind unentbehrlich. So konnten wir unseren Gegenspieler Gaddafi innerhalb weniger Monate entsorgen.

Ist es nicht wunderbar, wie es uns gelingt, kriminelle Operationen, die wir durchführen lassen, so erscheinen zu lassen, als würde jemand anderes dahinter stehen, gegen den sich dann der Unmut fast der ganzen Welt richtet, so dass wir – basierend auf dem geschaffenen Feindbild – unsere nächsten geplanten Raubkriege in die Tat umsetzen können? False-Flag-Operations heißen solche Operationen. Pearl Harbor und 9/11 gehören zu den bedeutsamsten. Aber wir schaffen es, diejenigen, die dies erkennen, als so genannte Verschwörungstheoretiker zu brandmarken. Ist das nicht fabelhaft?

Ist es nicht wunderbar, wie es uns gelingt, das, was uns vorgeworfen werden könnte, auf andere zu projizieren – wenn wir es beispielsweise über geschicktes Agenda- und Frame-Setting schaffen, den Eindruck zu erwecken, ein Land wie der Iran wolle Israel von der Landkarte tilgen, während wir ungestört über Jahrzehnte genau das mit Palästina praktizieren – es Stück für Stück von der Landkarte verschwinden zu lassen?

Ist es nicht wunderbar, wie es uns gelingt, fiktive Nebenschauplätze aufzubauen, auf denen sich Protest austoben kann, ohne uns Schaden zufügen zu können? Es ist immer wieder eine Genugtuung zu beobachten, welches Protestpotenzial gebunden wird, wenn wir irgendwo eine Partei wie die NPD aufmarschieren lassen. Und wir können uns auf die Schulter klopfen, wenn wir sehen, wie die Menschen auf das von uns geschaffene NSU-Konstrukt abfahren.

Ist es nicht wunderbar, wie es uns gelingt, Begriffe in Umlauf zu bringen, die die Menschen vollkommen desorientieren – mittels derer, wir beispielsweise unsere Raubzüge als Revolutionen erscheinen lassen? Der Begriff "Arabischer Frühling" gehört zu unseren genialen Einfällen. "Revolution" in Tunesien, "Revolution" in Ägypten und dann unser Überfall auf Libyen – alles unter dem Label "Arabischer Frühling"! Sogar der UN-Sicherheitsrat hat sich blenden lassen, als es um die so genannte Flugverbotszone, also um den Krieg gegen Libyen ging.

Ist es nicht wunderbar, wie es uns gelingt, den ganz überwiegenden Teil des Finanzsektors jeglicher demokratischer Kontrolle zu entziehen? Privatisierung und Deregulierung sind die entscheidenden Stichworte. Die Schaffung der Welthandelsorganisation WTO mit einer eigenen Gerichtsbarkeit und die Erfindung der so genannten Hedgefonds sind geniale Beispiele, die zeigen, wie es gehen kann. Mit unseren Hedgefonds haben wir die großen Banken zur zweiten Liga degradiert – weitab jeder Öffentlichkeit und weitab jeder Kontrolle.

Ist es nicht wunderbar, wie es uns gelingt, die Staaten Gesetze verabschieden zu lassen, mittels derer wir legal schalten und walten können, wie wir wollen, und sie bei Bedarf ausrauben können? In Deutschland sind die Steuerreform 2000 oder das Vierte Finanzmarktförderungsgesetz exorbitante Beispiele dafür. Mit der Verabschiedung der Gesetze, denen die Bezeichnung Steuer-„Reform“ gegeben wurde, sind die Erlöse aus Firmenverkäufen steuerfrei, und wir können uns über Kauf und Verkauf von Unternehmen mit einhergehender Zerstörung von Arbeitsplätzen nahezu ungehemmt bereichern. Ganz zu schweigen von dem Vierten Finanzmarktförderungsgesetz – dem „Gesetz zur weiteren Fortentwicklung des Finanzplatzes Deutschland” vom 21. Juni 2002, das unseren Finanzinstituten wie Investmentfonds und Hypothekenbanken „mehr Flexibilität“ bringt. Wir können es selber kaum glauben!

Und ist es nicht wunderbar, wie es uns gelingt, die Staaten sich selbst entmachten zu lassen, indem sie sich unseren so genannten Ratingagenturen unterwerfen? Genial, wie wir das im Griff haben! Ausgehend von der EU gelangen „Verordnungen“ – die Verordnung (EG) Nr. 1060/2009 über Ratingagenturen beispielsweise – in die Parlamente der Mitgliedsstaaten, zu denen diese dann so genannte Ausführungsgesetze verabschieden. Und über die Ratingagenturen können wir dann Staaten, indem wir sie auf- oder abwerten, unter Druck setzen und dazu bringen, sich unseren Forderungen zu unterwerfen. Griechenland ist dafür ein blendendes Beispiel.

Ist es nicht wunderbar, wie es uns gelingt, die EU als unseren Gegenspieler erscheinen zu lassen und zu verbergen, dass sie ein von uns geschaffenes Vehikel ist, um unsere Interessen in Europa besser zur Entfaltung kommen zu lassen. Wer hat denn schon bemerkt, dass wir es waren, die im Rahmen des so genannten Marshall-Plans unter dem Slogan „European unity“ und „single market“ Institutionen geschaffen haben, die Vorstufen der Europäischen Union wurden: Europäische Zahlungsunion, CEEC, OECD, CoCom? Wer weiß denn schon von dem 1948 gegründeten „American Committee for a United Europe“ (ACUE), einem wichtigen Geldgeber der Europäischen Bewegung, und der „European Conference on Federation“, die wir vom 8. bis 10. Mai 1948 in Den Haag veranstaltet haben und womit alles losging.

Ist es nicht wunderbar, wie es uns gelingt, mit dem tagtäglichen Polittheater unsere Interessen und Strategien hinter den Kulissen verschwinden zu lassen und die Wenigen, die es zu einem gewissen Einfluss bringen, aber bei diesem Spiel trotz aller Anreize und Drohungen nicht mitspielen wollen, auszuschalten – ohne dass jemand ahnt, wer dahinter steht. Kaum jemand geht der Frage nach, warum Persönlichkeiten wie Detlev Karsten Rohwedder, Alfred Herrhausen oder Enrico Mattei, Slobodan Milosevic oder Olof Palme sterben mussten – um nur einige wenige zu nennen.

Das alles ist nur eine kleine Auswahl aus dem nahezu unerschöpflichen Arsenal unserer Fähigkeiten. Wir können stolz sein auf uns. Wir haben die Macht. Und wir haben das Denken im Griff. Hoch lebe der US-Imperialismus! (PK)


Veröffentlichung aus der Quartalsschrift DAS KROKODIL, Ausgabe 8 (März 2014) – Grundsatzschrift über die Freiheit des Denkens – bissig – streitbar – schön und wahr und (manchmal) satirisch.



Mehr dazu und wie es sich bestellen lässt, hier: http://www.das-krokodil.com/


Online-Flyer Nr. 452  vom 02.04.2014

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