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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Kultur und Wissen
Vortrag bei einer Tagung zur Arbeiterkultur im Bildungszentrum HVHS Hustedt
Arbeiterfotografie: Weiterentwicklung eines Erbes – Teil 3
Von Anneliese Fikentscher

In einer Hochzeit der Arbeiterkultur – in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts – entstand die Arbeiterfotografen-Bewegung. Sie lebt bis heute weiter – zurzeit in einer Situation, in der die Arbeiterfotografie als „das bild-gewordene Gewissen eines untergehenden Sozialstaates“ bezeichnet worden ist. Vom 29. bis 31. Januar 2014 fand am gewerkschaftsnahen Bildungszentrum Heimvolkshochschule Hustedt in Celle bei Hannover in Kooperation mit der Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel e.V. und der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Tagung über das kulturelle Erbe der Arbeiterbewegung und die politische Kulturarbeit heute statt. „Von der Arbeiterkultur zur Kultur der Arbeit?“ war sie betitelt. Im Rahmen dieser Tagung hielt Anneliese Fikentscher den Vortrag „Arbeiterfotografie – die Weiterentwicklung eines Erbes“, den wir in drei Teilen wiedergeben – nachfolgend der abschließende Teil 3.


Anneliese Fikentscher im Bildungszentrum HVHS Hustedt am 30.1.2014
Foto: arbeiterfotografie.com

Die Königsdisziplin der historischen Arbeiterfotografie war die Reportage, die in ansprechendem Layout in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung weithin Verbreitung fand. Fotomontage für die A-I-Z-Titelseiten, die abstrakte Zusammenhänge mit Witz und Satire auf den Punkt brachten, besorgte der Künstler John Heartfield. Den Arbeiterfotografen wurde damals dringend nahe gelegt, sich nicht mit künstlerischen Verfahren zu befassen – bis auf die Ausnahme der handwerklich und gestalterisch angestrebten technischen Perfektion. Fahren wir also fort mit einer Form der Weiterentwicklung des arbeiterfotografischen Schaffens: Inszenierung, Portrait und konzeptionelles Vorgehen.


Damian J., seit 12 Jahren in Köln, wohnhaft in 50765, 21 Jahre, Student BWL, Deutscher, Herkunft Polen sagt in Anneliese Fikentschers und Frank Schöggls Projekt "Gesichter einer Stadt" 2000: „Köln ist die beste Stadt, die ich bisher gesehen habe...“

„Gesichter einer Stadt“ ist ein soziologisch motiviertes Projekt, bei dem wir Menschen unterschiedlichen Alters, Stellung und Herkunft über ihre Beziehung zur Stadt befragt haben. An mehreren Standorten in Köln (Eigelstein, Domvorplatz, Nähe Bauwagenplatz, Bankenviertel Untersachsenhausen) haben wir ein Set mit neutralem Hintergrund aufgebaut und zufällig vorbeikommende Passanten gefragt, ob sie bereit seien, sich portraitieren zu lassen und ein paar Fragen zu beantworten – mit dem Ziel einer Ausstellung. Fotografiert wurde bei vorhandenem Licht, lediglich ein Reflektor zur Aufhellung und ggf. Akzentuierung kam zum Einsatz. Ausgestellt wurde es u.a. im Rahmen von Kongress und Ausstellung „Glaubwürdige Fotografie...“ in Köln und in der Künstlerpartnerschaft „Eight Days a Week“ (Faces of a City) in Liverpool, beides im Jahr 2000.


Leni Rief, schon immer in Köln, wohnhaft in Nippes (Bauwagenplatz), 7000 Jahre alt, Architekt? sagt in "Gesichter einer Stadt": „Köln bedeutet für mich Pommes essen, machen tun, sein lassen. Ich wünsche mir 'ne größere Sun-Shine-Bar...“


„Köln ist nicht langweilig. Köln ist Heimat. Köln ist nicht zu vergleichen. Wenn ich mir etwas wünschen würde, dann mehr Freizeitveranstaltungen für die Jugend.“ Vincenza, Carmen und Jessica Sc., deutsch-italienisch, 14, 44 bzw. 21 Jahre alt, Schülerin an der Hauptschule bzw. Hausfrau mit 6 Kindern bzw. Verkäuferin in Drogerie


Bürgermeister-Kandidat von Nippes... (Bauwagenplatz)


„Ich würde Köln ausbauen, kulturell interessierte Leute, Straßenmusiker, fördern... statt zu verjagen...“ – Wolfgang Amadeus Goethe..., geboren in Ratingen, wohnhaft?? am Heinrich-Böll-Platz, 39 Jahre, Darsteller, Nichtsnutz, Trinker. Nationalität? außerirdisch.

Die Fragestellung lautete: was würdet ihr an der Stadt verändern wollen. Interessanter Nebenaspekt ist, zu sehen, wo die Leute herkommen, dass Köln z.B. eine zweite Heimat ist. Wünsche und Träume (Einer wollte gern in einem Film mitwirken) kamen zum Ausdruck. Wir haben keine Angaben überprüft: einige Namen sind mit Sicherheit Phantasienamen. Auch bei der Altersangabe von 7000 Jahren haben wir keinen Einspruch erhoben. Einfach nur dokumentiert. In der Selbstdarstellung liegt Witz und Lebendigkeit. Aber auch sehr nachdenklich Stimmendes von Kölner Obdachlosen: „Ich würde Köln ausbauen, kulturell interessierte Leute, Straßenmusiker, fördern... statt zu verjagen...“, sagt der sich selbst als Darsteller, Nichtsnutz, Trinker bezeichnende 39jährige namens Wolfgang Amadeus Goethe. Ein Außerirdischer.








Projekt „Rettet den Reichtum“, 2004 (Ausstellung in der Mediengalerie, Berlin 2005) – Serie „Zur Lage der Nation“ von Manuel Schroeder

Wir fragen uns immer wieder, wie kann man Armut überhaupt noch darstellen. Irgendwo sind Grenzen. Man kann nicht endlos Obdachlose zeigen. Es funktioniert einfach nicht. Hier hat der Fotograf Manuel Schroeder Fotos mit Sprüchen aus der Werbung kombiniert: „Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause“ – „Erfolg ist die Summe richtiger Entscheidungen“ – „Geiz ist geil“ – „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“. Dabei hat er ein sehr striktes formales Konzept gewählt – immer wieder die Horizontale. Das Ganze hat er genannt: „Zur Lage der Nation“. Es zeigt sich, dass oft Witz angebracht ist, um etwas zu verdeutlichen. Wenn das die Lage der Nation ist – dann Gute Nacht!

Mit reiner Betroffenheit erreicht man – je nach Thema – oft nur wenige Menschen. Aber jemanden mit ungewohnten Sicht- und Präsentationsweisen herauszufordern, das macht neugierig und weckt Interesse. Zu keiner Zeit ist es Ziel der Arbeiterfotografie, Mitleid zu erwecken. Mit-Gefühl (das Kraftwerk der Gefühle), ja! Aber es geht immer um die Forderung nach Verwirklichung gesellschaftlicher Gerechtigkeit. Niemals geht es um Almosen. Es geht um Ansprüche. Und es geht darum, die Menschen, die es betrifft zu motivieren, ihre Sache selbst in die Hand zu nehmen. Auf jede/n kommt es an.




Projekt „68er-Köpfe“, 2008, Portraits von 68ern vor neutralem Hintergrund – kombiniert mit kurzen Statements: Klaus der Geiger...

Es folgt das Beispiel einer Portraitserie von politisch aktiven Menschen. Allen gemeinsam ist, dass ihre ersten Erfahrungen, Anfänge in der Zeit um 1968 lagen. Was machen sie heute? Von allen Dargestellten war ein Kurzstatement gefragt. Und jede/r hatte dieselben zehn Fragen zu beantworten. Hier begegnen wir Ellen, der ich neben dem Liverpooler Docker Bramie meinen Vortrag gewidmet habe. Sie hat lange Jahre intensiv und weltweit Friedensarbeit geleistet. Sie hat in Oberhausen zusammen mit der Sängerin Fasia Jansen das Frauenfriedensarchiv aufgebaut. Sie ist mit der Ehrennadel der Stadt Oberhausen ausgezeichnet worden. Jetzt ist sie davon bedroht, aufgrund der Hartz-Gesetze ihre Wohnung verlassen zu müssen. Ehrennadel hin, Ehrennadel her. Sie kämpft jetzt ums schiere Überleben. Ihr geht der Schweiß den Rücken kalt rauf und runter. Als Intellektuelle mit Soziologiestudium kann sie sich sehr gut – in Radiobeiträgen, Vorträgen, Ausstellungen – ausdrücken. „Wenn es Dir schlecht geht, jammere nicht. Handle.“ verkündet ein Spruch im Frauenarchiv. Aber wie gesellschaftliche Ausgrenzung und Niedergang funktioniert, wie Kräfte schwinden, auch das muss gesagt werden. Wie lautete der berühmte Satz von Martin Niemöller: Du denkst, es trifft immer die anderen. Womöglich sind die auch noch selbst schuld (wollen uns die herrschenden Konzernmedien gerne glauben machen). Aber wenn wir nicht rechtzeitig für die Gesellschaft einstehen, wird es immer schwieriger, Sozialraub aufzuhalten und eine Kehrtwende durchzusetzen. Ellen Diederichs Texte finden sich u.a. auf der website (hinter-den-schlagzeilen.de) von Konstantin Wecker und in unserer (von fünf Arbeiterfotografie-Mitgliedern herausgegebenen) Quartalsschrift DAS KROKODIL.

Viele der portraitierten „68er Köpfe“ sind durch ihre Werke und ihren bis heute währenden Einsatz bekannt: Erasmus Schöfer (u.a. Mitbegründer des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt), Philosoph und Buchautor Werner Rügemer, Klagemauerbetreiber und Friedenspreisträger Walter Herrmann, der Mitbegründer des sozialistischen Selbsthilfeprojekts SSK/SSM Rainer Kippe, die Soziologieprofessorin, Feministin und Globalisierungskritikerin Maria Mies und weitere. Das Projekt ist noch nicht abgeschlossen.


Serie „45 Minuten in der Bonner Innenstadt“ von Gine Willrich, 2004

Hier eine Arbeit einer Arbeiter(-nicht-Berufs)-Fotografin, in der wieder das Konzeptionelle zum Tragen kommt: ein Gang von einer Dreiviertelstunde durch die Bonner Innenstadt. Fotografiert hat sie die Menschen, die versuchen, auf der Strasse ein bisschen Geld zu machen. Auch die Banker sind ihr ins Bild geraten. Und das innerhalb einer Dreiviertelstunde. Eine schöne, geschlossene Arbeit. Sie war 2005 Bestandteil der Ausstellung „Rettet den Reichtum“ in der Mediengalerie in der Berliner Dudenstrasse – kuratiert von Constanze Lindemann, aktiv bei ver.di (Fachbereich Medien), die zur Eröffnung sagte:

„'Es geht uns darum, Deutschland, den Adler, zurzeit eine gebeutelte, gefesselte Kreatur, zu befreien, zu entfesseln, damit er wieder fliegen kann', so BDI-Präsident Rogowski auf dem Kongress des Bundesverbandes der Industrie im September 2003. Die dort verabschiedete Kampfschrift 'Für ein attraktives Deutschland, Freiheit wagen – Fesseln sprengen', war bereits im Januar 2003 mit Bundeskanzler Schröder erörtert worden. Sie lag der Agenda 2010 zugrunde. ...Das bedeutet für uns: Wir sind so eindeutig wie noch nie zuvor aufgerufen, die tatsächlichen Zusammenhänge darzustellen, sie zu erkennen, zu verbreiten und miteinander zu diskutieren, um solidarisch Widerstand zu leisten und unsere Alternativen zu entwickeln. ...Diese Ausstellung ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie so etwas angefangen und gemacht werden kann.“


Projekt „Rettet den Reichtum“, 2004 (Ausstellung in der Mediengalerie, Berlin 2005) – Arbeit von Anneliese Fikentscher

Ein Beispiel für eine Bild-Text-Arbeit: zu sehen sind Situationen aus dem inzwischen geschlossenen Eisenbahnausbesserungswerk in Leverkusen-Opladen, um dessen Erhalt und den Erhalt ihrer Arbeitsplätze die Kollegen jahrelang gekämpft haben. Die Kombination der verschiedenen Fotoformate (Großaufnahme, Halbnah-Gruppe, Übersichts-Totale) mit der Texteinblendung hat filmischen Charakter. Der in die Fotoarbeit eingelassene Satz stammt von der in Frankreich lebenden Politikwissenschaftlerin und attac-Mitbegründerin Susan George: „Der Krieg gegen den Sozialstaat wird generalstabsmäßig geplant und durchgeführt“.


Raymond Clement (Antwerpen) – aus der Ausstellung „Glaubwürdige Fotografie in verlogener Zeit“, Köln, 2000

„Wir leben mit unserem zweijährigen Kind auf der Straße. Wir haben Hunger und ich möchte niemandem etwas stehlen. Danke für Ihre Gutherzigkeit.“ Das ist eine Aufnahme von Raymond Clement, Mitglied der Gruppe Brandpunt 23 aus Antwerpen, einer Gruppe, mit der die Arbeiterfotografie schon seit vielen Jahren zusammenarbeitet. Im vergangenen Jahr (2013) waren wir beteiligt an einer Ausstellung im Saal Dacca, einer stillgelegten Textilfabrik in Temse bei Antwerpen, mit unserem Projekt „Arme Stadt – Reiche Stadt“.


Jahresthema-Projekt „Realität der Arbeit“, 2011 – Einsendung von Uwe Pohlitz, Erfurt

Mehrfach hat der Bundesverband Jahresthemen ausgeschrieben, z.B. zum Thema Wohnen. Ein anderes lautete „Ein bißchen Spaß muß sein.“ Hier ist eine Beteiligung am Jahresthema „Realität der Arbeit“ von Uwe Pohlitz aus Erfurt. Zu zeigen gäbe es von diesem und anderen Jahresthemen natürlich viel mehr. – Die Beteiligung ist offen für Mitglieder wie Nichtmitglieder, Berufs- und AmateurfotografInnen, gerne über deutsche Grenzen hinaus. Es gibt nahezu keine technischen Einschränkungen. Foto und Film, Montagen, Plakate etc., alles ist willkommen.


Plakat, 1998 (gezeigt u.a. in der Mediengalerie, Berlin, 2005 im Rahmen der Ausstellung „Rettet den Reichtum“)

Zum Schluss meines Vortrags möchte ich noch eine Reihe von Plakaten zeigen. Bei Montagen ist mitunter die Frage der Urheberschaft einzelner Bildelemente von Bedeutung. Dieses Plakat „Alle Macht geht vom Volke aus“ mit der Fassade der Deutschen Bank beruht auf einem eigenen Foto. Es erschien gedruckt im A1-Format.


Plakat, 2003 (gezeigt u.a. in der Mediengalerie, Berlin, 2005 im Rahmen der Ausstellung „Rettet den Reichtum“)

Auch das Foto der Villa von Friedrich Flick am Wörther-See im Plakat „Die globale Überlegenheit des Kapitalismus“ ist selbst erstellt. Es handelt sich um ein Foto konfrontiert mit der Aussage über die Verteilung des Reichtums auf dieser Welt. Die Angabe entstammt dem Bericht der Vereinten Nationen „Über die menschliche Entwicklung“ von Juli 1996.


Plakat, 2005

Die nächste Angabe „Weniger als 1% der deutschen Bevölkerung besitzt etwa 60% des Geldvermögens“ (in Höhe von 4,1 Billionen Euro) hat zur Quelle den „World Wealth Report" der Investmentbank Merril Lynch. Würde der Staat diesen Superreichen nur 5% wegsteuern, könnte er 120 Milliarden Euro requirieren. Das eine Prozent wird angegeben mit einer Zahl von 756.000 Personen, die als „High Net Worth Individuals“ bezeichnet werden.

1988 haben wir eine (inzwischen vergriffene) Zeitschrift, Ausgabe 60, zum Thema Fotomontage produziert, u.a. mit dem langjährigen Gestalter der Gewerkschaftszeitschrift Metall, Wilhelm Zimmermann. Darin haben wir herausgearbeitet, welche unterschiedlichen Formen der Montage es gibt. Die neueren, von uns hier vorgestellten Montagen haben Plakatcharakter in der Art von Klaus Staeck. Das heißt, es handelt sich um Bild-Text-Kombinationen – im Gegensatz zu Wilhelm Zimmermann, der real montiert, d.h. vielfach inszeniert hat. Montagen im Stil von John Heartfield sind demgegenüber typische Bild-Bild-Montagen, d.h. Heartfield hat neue, teils unwirkliche Bilder entstehen lassen. Dazu hat er vielfach auch Fotomotive gestellt. Vielfach spielte er mit der Umkehrung von Größenverhältnissen (Typisch in: „Millionen stehen hinter mir“, die Wilhelm Zimmermann einmal nachgestellt hat und die – work in progress – Titelbild unserer Zeitschrift war). Aber in fast allen Fällen fügt Heartfield (bzw. sein Bruder Wieland Herzfelde als Texter) noch einen markanten Satz hinzu (bekannt ist: Adolf, der Übermensch. Schluckt Gold, redet Blech).






Plakat-Serie, 2004 (gezeigt u.a. in der Mediengalerie, Berlin, 2005 im Rahmen der Ausstellung „Rettet den Reichtum“)

Der Plakat-Serie „Elite-Bildung“ liegen Fotos von Studentenprotesten zugrunde. Der Titel „Elite-Bildung“ fungiert als Wortspiel. In einem technischen Verfahren der Bildbearbeitung sind die Personen freigestellt, d.h. der Hintergrund wurde weg retouchiert. Das geht heute elektronisch. Aber zu Dunkelkammerzeiten ging das auch. Da hieß das Verfahren Abdecken. John Heartfield, der auch Grafiker war, hat in seinen Montagen bei Bedarf munter gemalt und retouchiert.






Plakat-Serie, 2004 (gezeigt u.a. in der Mediengalerie, Berlin, 2005 im Rahmen der Ausstellung „Rettet den Reichtum“)

Eine Plakat-Serie zur Problematik der Hartz-Gesetze mit dem SPD-Superminister Wolfgang Clement, ab 2002 Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit im Kabinett Schröder, der dann irgendwie abtaucht. Das Logo APD, das in zahlenreichen weiteren Plakaten Verwendung findet, steht für Asoziale Partei Deutschlands. Satire darf nach Tucholsky „alles“ und Kunst kann provozieren. Es dürfte schwierig sein, die Provokation abzuschaffen.




Plakate, 2004 (gezeigt u.a. in der Mediengalerie, Berlin, 2005 im Rahmen der Ausstellung „Rettet den Reichtum“)

In den beiden Plakaten „Kapitalismus Kannibalismus“ kommen Zahlen aus verschiedenen Quellen zum Tragen. Die zweiteilige Arbeit zeigt in einem Fall, in welchen Dimensionen Arbeitsplätze verschwinden, insbesondere im Handwerk. Das Foto ist bei Opel Bochum entstanden, einem Werk, das heute dabei ist abgewickelt zu werden. Die Zahlen auf dem zweiten Plakat befassen sich mit Kriegs- und Hungertoten, deren Opfer ins Unermessliche steigen.

Es sind politische Themen, mit denen wir uns beschäftigen – auch solche grundsätzlicher Art. Die Systemfrage wird permanent gestellt.


Plakat, 2013 (von Gine Willrich)

Hier eine aktuelle Arbeit von Gine Willrich: ein Gruß an die neue Bundesverteidigungsministerin, noch vor kurzem Bundesfamilienministerin. Irgendwo muss das Kanonenfutter ja herkommen. Die Montage spielt an auf die Heldentat des damaligen Oberst – später zum Brigadegeneral beförderten Georg Klein – vom 4. September 2009 in Kunduz mit der Folge des Todes von 142 afghanischen Zivilisten, überwiegend Bauern, Kinder, Schüler.


Plakat, 2011 (von Henning Günther)

Eine originelle, elektronisch erstellte Arbeit von Henning Günther aus Krefeld mit dem ehemaligen Verteidigungsminister von und zu Guttenberg, der 2011 nach zeitweiligem Untertauchen wieder an die Öffentlichkeit tritt. In einem Artikel der NRhZ-Ausgabe 336 vom 11.01.2012 schrieben wir (Andreas Neumann und ich): „Das neue Tätigkeitsfeld des Ex-Ministers Freiherr von und zu Guttenberg. Seine Aufgabe heißt Umsturz. Seine Aufgabe war eine zeitlang die Verwaltung der deutschen Kriegspolitik und der Umbau der Bundeswehr zu einer Berufsarmee. Heute heißt seine Aufgabe Destabilisierung und Umsturz weltweit. Am 12. Dezember 2011 hat er dies höchstpersönlich in einer vom deutschen Fernsehsender Phoenix übertragenen Pressekonferenz in Brüssel kundgetan. Seine Partner sind nach seiner eigenen Aussage insbesondere die US-Regierung und die Geheimdienste.“




Plakate, 2011 (entstanden für den Arbeiterfotografie-Stand mit dem Motto „Die Rolle der Feindbilder – sie sind Teil der Kriege – wir nehmen sie unter die Lupe“ auf dem evangelischen Kirchentag in Dresden, 2011)

Und noch einmal Provokation, die Herausforderung zum selbständigen Denken und Abwägen von Information. Die zwei Montagen sind entstanden für den evangelischen Kirchentag 2011 in Dresden, die wir für unseren Stand „Die Rolle der Feindbilder – sie sind Teil der Kriege – wir nehmen sie unter die Lupe“ großformatig (ca. 90 x 140 cm) produziert haben. Abgebildet sind der iranische Präsident Mahmud Ahmadineschad bzw. der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi. Wir haben uns inhaltlich intensiv damit auseinandergesetzt, was an Informationen vorlag. Speziell in Bezug auf Libyen kann man sagen, dass selten so schnell in einem Staat ein Regime-Change (im Rausch und Kontext des angeblichen, so genannten „arabischen Frühlings“) herbeigeführt worden ist. Innerhalb von nur wenigen Monaten war Libyen erledigt. Wobei man wissen sollte, dass der ermordete Präsident Gaddafi mit anderen afrikanischen Staaten daran gewirkt hat, sich unabhängig vom Internationalen Währungsfonds IWF zu machen – durch Etablieren eines Afrikanischen Währungsfonds AWF. Auch die Stellung der Frauen, der Lebensstandard in Libyen war für Afrika, ja selbst im Vergleich zu europäischen Staaten vorbildlich. Hervorzuheben ist die beispiellose Erschließung der riesigen Wasserressourcen unter der libyschen Wüste, die das Interesse einiger (französischer) Energie-Multis weckte.


Plakat, 2013 (entstanden für die Demonstration „Wir sagen Nein zum Krieg gegen Syrien“ am 31.8.2013 in Köln anlässlich der Drohung, den verdeckten in einen offenen Krieg zu überführen)

Zum Schluss ein aktuelles Plakat mit dem Titel „Feindbild“. Man könnte ein Fragezeichen dazusetzen. Ohne Feindbilder sind Kriege nicht führbar. Es geht darin um den Krieg gegen Syrien – eine Arbeit von Andreas Neumann, die dazu anregt, sich mit dem, was in Zusammenhang mit Syrien vor sich geht, genauer auseinanderzusetzen. „Opposition“ oder doch Söldnerbanden und Terroristen führen einen Krieg gegen die gewählte, laizistische Regierung und die Zivilbevölkerung. Es ist ein Beispiel für ein Plakat, das wir selbst auf die Strasse getragen haben und mit dem wir uns in die ein oder andere Demonstration eingereiht haben.

Das war's soweit, das waren nur einige Ausschnitte aus dem aktuelleren Verbandswirken.

Wir wissen, wir haben ein großes Erbe übernommen und angenommen. Vieles, was unsere Vorgänger bewegte, ist aktuell wie selten zuvor. Eines aber steht über allem: die AUFKLÄRUNG über die herrschenden Zustände – so wie sie nicht jedem offenbar werden – ist von zentraler Bedeutung. Zeigen und auch sagen, was niemand sonst wagt. Auf kaiserliche Kleider können wir leider keine Rücksicht nehmen. Nach unseren Möglichkeiten werden wir aufdecken, was Manipulationen und Spins durch Ablenkung und Desinformation, Medien- und Konsumrausch erreichen wollen: das Hurrah zum nächsten Krieg nach innen und außen, gegen jede und jeden. Diese Aufklärung betreiben wir auf vielschichtige Weise – wie es schon Willi Münzenberg gelehrt und gefordert hat: mit Bild und Text und Ton und Film – mit allen uns zur Verfügung stehenden kreativen Mitteln.

Die Situation, dass wir vor Ort sind und „die Medien“ weithin nicht in Sicht, zeigt uns, wie wichtig unsere eigene Sozial-Geschichtsschreibung ist. Heute wirken wir in und mit zahlreichen Organisationen und Bewegungen, haben Auftritte bei Pressefesten, Messen, Kirchentagen, Konferenzen. Wir betreiben seit den technischen Anfängen eine website, die u.a. als digitales Archiv wirkt. Seit 1972 (vor der Verbandsgründung 1978 in Essen) erscheint die Zeitschrift Arbeiterfotografie, deren Logo entworfen und deren grundlegende Umgestaltung der damals junge, und heute hier anwesende Grafiker Michael Rasch vorgenommen hat. Schön, dass wir uns bei dieser Gelegenheit begegnen. Über die 1990 in Köln gegründete Galerie halten wir international Kontakt zu zahlreichen Künstlern.

Arbeiterfotografie ist auch Bildungseinrichtung durch die Vermittlung bedeutender Bildwerke anderer KünstlerInnen und FotografInnen, die nicht Mitglied im Verband sind. Wir begrüßen sehr, dass viele Künstler sich angezogen fühlen, als MusikerInnen, GrafikerInnen, TheatermacherInnen in unserem Verband mitzuwirken. Gemeinsam werden wir neue Gestaltungsformen entwickeln. Als Veranstalter organisieren wir Kongresse und Konferenzen. 2015 sind wir Mitveranstalter des sechsten Linken Liedersommers und Kulturseminars des Deutschen Freidenker-Verbandes auf Burg Waldeck. Wir sind in ständigem Kontakt zu PhilosophInnen, WissenschaftlerInnen, SchriftstellerInnen, Intellektuellen und ExpertInnen in eigener Sache, die uns in unserem aufklärerischen Bestreben unterstützen.

Im Gegensatz zu unserer Vorväter-Organisation (über mitwirkende Frauen ist so gut wie nichts bekannt) können wir im Jahr 2013 auf einen Entwicklungszeitraum von mehr als 35 Jahren zurückblicken. Aus diesem Anlass haben wir eine Grundsatzerklärung zu den heute und in naher Zukunft anstehenden Aufgaben für den Bundesverband Arbeiterfotografie und seine Mitglieder verfasst (hier ein Auszug):

Im Geiste Willi Münzenbergs, des Gründers der historischen, von 1926 bis 1933 existierenden Arbeiterfotografenbewegung, gilt es, sich alle Mittel anzueignen und für den Kampf um eine menschenwürdige Zukunft nutzbar zu machen. Zunehmender Verelendung und Entwürdigung durch Armut, Kinderarmut, Ansammlung von Millionen Menschen in Arbeitslosenheeren, Bildungsnotstand und fehlender Zukunftsperspektive junger Menschen, dem Bankrott von Staaten, Ländern, Städten und Gemeinden, der Aushöhlung der errungenen demokratischen Freiheiten insbesondere durch das Vorantreiben unumkehrbarer „neoliberaler“ Prozesse, der Beteiligung an (völkerrechtswidrigen) Kriegseinsätzen gilt es entschieden mit dokumentarischen, künstlerischen und journalistischen Mitteln – auch medienübergreifend – entgegenzuwirken. Die unantastbare Menschenwürde ist Voraussetzung auf dem Weg zu einer besseren Gesellschaft. Arbeiterfotografie hat die Aufgabe, an der Entwicklung dieser Perspektive mitzuwirken. (PK)


Anmerkung:

Bei dem hier wiedergegebenen Text handelt es sich um die verschriftlichte Fassung auf der Basis eines frei gehaltenen Vortrags mit anschließender Diskussion.

Hinweise:

Teil 1 des Vortrags „Arbeiterfotografie: Weiterentwicklung eines Erbes“
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19989

Teil 2 des Vortrags „Arbeiterfotografie: Weiterentwicklung eines Erbes“
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20025

Arbeiterfotografie-Ausstellung bei der Tagung „Von der Arbeiterkultur zur Kultur der Arbeit?“
http://www.arbeiterfotografie.com/verband/2014-arbeiterkultur/ausstellung.html

Online-Flyer Nr. 446  vom 19.02.2014

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Von Kostas Koufogiorgos
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