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Aktueller Online-Flyer vom 24. April 2017  

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Kultur und Wissen
Vortrag bei einer Tagung zur Arbeiterkultur im Bildungszentrum HVHS Hustedt
Arbeiterfotografie: Weiterentwicklung eines Erbes – Teil 1
Von Anneliese Fikentscher

In einer Hochzeit der Arbeiterkultur – in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts – entstand die Arbeiterfotografen-Bewegung. Sie lebt bis heute weiter – zurzeit in einer Situation, in der die Arbeiterfotografie als „das Bild-gewordene Gewissen eines untergehenden Sozialstaates“ bezeichnet worden ist. Vom 29. bis 31. Januar 2014 fand am gewerkschaftsnahen Bildungszentrum Heimvolkshochschule Hustedt in Celle bei Hannover in Kooperation mit der Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel e.V. und der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Tagung über das kulturelle Erbe der Arbeiterbewegung und die politische Kulturarbeit heute statt. „Von der Arbeiterkultur zur Kultur der Arbeit?“ war sie betitelt. Im Rahmen dieser Tagung hielt Anneliese Fikentscher den Vortrag „Arbeiterfotografie – die Weiterentwicklung eines Erbes“, den wir in drei Teilen wiedergeben – nachfolgend zunächst Teil 1.


Anneliese Fikentscher im Bildungszentrum HVHS Hustedt am 30.1.2014
Foto: arbeiterfotografie.com

„Politisches Bewusstsein, meine Damen und Herren, ist genau das, was die Arbeiterfotografie seit nunmehr 80 Jahren auszeichnet und deren Bewegung dereinst hier in Erfurt ihren Anfang nahm.“ Das sagte der Schirmherr und Oberbürgermeister von Erfurt, Andreas Bausewein, zum 80sten Jahrestag der historischen Arbeiterfotografie, die 1927 in Erfurt ihren Gründungsort hatte. ... Was sich auch immer in 35 Jahren neuer Verbandsgeschichte (seit Gründung 1978) geändert hat, eins bleibt: Der Auftrag zur Aufklärung über die Zustände, die zur Verelendung führen, und gleichzeitig der Auftrag zur Aufzeigung der Perspektive für ein menschenwürdiges Leben.

Vielen Dank! Und schön, dass Ihr alle gekommen seid zuzuhören. Ich möchte gerne beitragen zum Kraftwerk der Emotionen (bei Alexander Kluge als „Macht der Gefühle“ auf Opernmusik bezogen), in dem Bilder bekanntlich sehr wirksam sind. Mein Vortrag ist kein rein chronologischer Beitrag, ich habe ihn gegliedert in zusammenhängende Blöcke und möchte Euch eine Reihe von Bildern zeigen. Weil wir mit unseren Bildern – mit unseren Ideen – unbedingt auch politisch wirken wollen, widme ich diesen Vortrag speziell Ellen, Bramie und allen gesellschaftlich Ausgegrenzten – und denen, die sich für eine gerechte Gesellschaft engagieren, natürlich auch. Fangen wir an mit einigen Bildern aus der Historie.


Eugen Heilig – Mobilmachung, Bad Cannstatt, August 1914

Das Bild ist im heutigen Jahr 2014 denkwürdig historisch. Denn es zeigt die Mobilisierung zum Ersten Weltkrieg (Bad Cannstatt, August 1914) vor 100 Jahren. Es ist aufgenommen von einem, der später Arbeiterfotograf wurde, von Eugen Heilig. Er ist sehr bekannt geworden. Er war Redakteur des Organs der Vereinigung der Arbeiterfotografen Deutschlands "Der Arbeiterfotograf". Mit John Heartfield zusammen hat er für die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (AIZ) gearbeitet. Eugen Heilig musste mit in den Krieg ziehen, und er hat seine Kamera mitgenommen.


Eugen Heilig – Tod in Ypern, Belgien 1914

Noch im selben Jahr fotografierte er, wie die Ersten in der Kiste lagen. Also auch das hat er auf seinen Glasplattennegativen dokumentiert. In jener Zeit gab es die Arbeiterfotografie noch nicht. Sie entstand 1926 infolge des Aufrufs von Willi Münzenberg in der Arbeiter-Illustrierte-Zeitung, der einen kleinen Medien-Konzern errichtet hatte – wie man weiß nicht mit rein persönlichen Kräften, obwohl Münzenberg eine große Persönlichkeit war, sondern mit den Kräften der Partei, der KPD.


Walter Ballhause – Hannover, 1930-33 – "Advent – auf Krücken sitzt's sich wärmer" – Opfer des I. Weltkrieges ("Der Dank des Vaterlandes")

Das ist jetzt ein Sprung in die Zwischenkriegs- und nahe Vorkriegszeit. Jetzt sind wir in Hannover zwischen 1930 und 1933. Das ist die Zeit, in der ein junger Fotograf mit etwa zwanzig Jahren zu fotografieren begann – Walter Ballhause. Er hatte keine fotografische Ausbildung und keine eigene Kamera. Er hat sich an grafischen Werken orientiert wie denen von Käthe Kollwitz oder Franz Masareel, der mit starken Schatten gearbeitet hat. Ballhause zeigt die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs. Man sieht, wie die Opfer von ihrem „Vaterland“ gewürdigt werden, wie sie auf der Straße um ihr Überleben betteln müssen.


Walter Ballhause – Hannover, Frühjahr 1932 – "Arbeitslosenschlange beim Stempeln im Hof des Arbeitsamtes Hannover (Wählt Hitler)"

Hier sieht man die weiteren Opfer: die Millionen Arbeitslosen, die heute etwas unsichtbarer geworden sind, indem sie elektronisch verwaltet werden. Aber 1932 standen sie noch auf der Straße.


Walter Ballhause – Hannover, 20.4.1933, „Pennäler marschieren mit“ – 'Führers' Geburtstag

Und dann sieht man die Begeisterung für das, was bald folgt. Wie das immer wieder funktioniert, Menschen, junge Menschen für Gewalt und Krieg zu begeistern, ist die große Frage, die uns auch heute beschäftigt: was können wir dagegen tun? Lassen sich Kriege nicht verhindern? Das erste Ehrenmitglied des Bundesverbands Arbeiterfotografie, der zeitweilige Krupparbeiter Theo Gaudig aus Essen, notierte in sein Tagebuch in Sachen Bewilligung der Kriegskredite am 4.8.1914 zur Zustimmung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion zu den von der kaiserlichen Regierung geforderten Kriegskrediten: „...und sie haben dem wahnsinnigen Völkermorden zugestimmt! Sie haben ihre eigenen Beschlüsse und Entschließungen verleugnet! Sie haben ihre Vergangenheit verleugnet! Sie haben den Stiefel geleckt, der sie 50 Jahre lang getreten hat! Sie liefen zum Kaiser über! Die deutsche Sozialdemokratie war in der II. Internationale die stärkste und einflußreichste Partei. Sie gab das schlechteste Beispiel! Es war die größte Katastrophe der internationalen Arbeiterbewegung.“

Generell sind wir ein Verband, den ich als sanft revolutionär bezeichnen möchte. Wir wollen nicht mit blutigen Messern umherlaufen. Aber wir stellen dringend die Systemfrage.


Andreas Neumann – Internationaler Marsch – Manifestation anlässlich des G8-Gipfeltreffens – Genua, 2001

Das ist jetzt ein Foto aus einer gewissen Zeitenwende. So möchte ich das nennen. Es ist das Jahr 2001. Wir befinden uns im Juli anlässlich des so genannten G8-Gipfel-Treffens der hegemonialen Staatsmächte in Genua. Dort wurde der 23jährige Student und Demonstrant Carlo Giuliani durch einen Polizisten erschossen. Angeblich war es Notwehr. Aber es hat sich herausgestellt, dass es keineswegs Notwehr war, sondern dass es nach gezielten Maßnahmen aussah. Es gab Polizeiabsprachen. Und es gab eine massive Bedrängung der Presse, zumindest der alternativen Presse wie Indymedia, ein Medienverbund, der damals noch sehr stark war. Die Leute von Indymedia und weitere JournalistInnen waren in einer Schule untergebracht und wurden dort zusammengeschlagen. Demonstranten wurden verfolgt. Das war sehr dramatisch. Dem vorausgegangen war die lebensgefährliche Verletzung eines Demonstranten beim EU-Gipfel in Göteborg. Und das Jahr 2001 hat dann mit dem 11. September noch mehr an „Wende“ gebracht. Es ist ein denkwürdiges Jahr, mit dem wir in die neuere Zeit springen.


Andreas Neumann – Direct Actions – Proteste anlässlich des G8-Gipfeltreffens – Genua, 20.7.2001

Eine weitere Situation aus Genua 2001: das sind Tränengaspatronen. Das war sehr heftig. In Genua haben Andreas Neumann und ich fotografiert. Andreas Neumann arbeitet in der Redaktion, ist Gründungsmitglied des Vereins Arbeiterfotografie. Wir haben einen Presseausweis – einerseits einen Verbandspresseausweis, den wir an diejenigen ausgeben, die für den Verband arbeiten. Als langjähriges dju-Mitglied hatte ich auch einen offiziellen Presseausweis. Damit haben wir uns akkreditiert und sind so auch näher an die „Honoratioren“ rangekommen. Z.B. waren wir am Flughafen, als George W. Bush aus seiner Maschine, der Airforce 1 stieg.


Dave Sinclair – Robocop – Aussperrung der Docker – Liverpool, 1996

Das ist jetzt wieder ein Sprung. Hierbei handelt es sich um eine Arbeit, die im Jahr 2000 in unserer Galerie ausgestellt war. Es ist eine Situation vom Dockerstreik in Liverpool, fotografiert von Dave Sinclair aus Liverpool. Die Kollegen haben jahrelang für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze gekämpft. Dazu ist es nicht gekommen. Heute ist das Dock von Liverpool ein Ort mit Museen und Ausstellungsräumen – mit Kultur. Damit sind wir also bei der Kultur angekommen. Genauer, denn die Zeit schreitet voran, beim Verfall der Kultur. Das Hafenviertel, das im Jahr 2004 zum Weltkulturerbe erhoben wurde, befindet sich seit 2012 auf der Liste der gefährdeten, vom Zerfall bedrohten Stätten.


Dave Sinclair – Liverpool Dockers – Bramie, früherer Hafenarbeiter, 1997

Docker Bramie ist einer derjenigen, dem ich meinen Vortrag gewidmet habe. Das ist Bramie, einer der Docker, die in Liverpool unter aggressiven Bedingungen gestreikt haben. Die ehemals bedeutende Hafenstadt Liverpool – Geburtsstätte der Beatles – zählt zu den ärmsten Städten Großbritanniens. Arbeiterfotografie, in diesem Fall die 1990 gegründete Galerie Arbeiterfotografie wirkt als Vermittlerin von Werken im gesellschaftsrelevanten Kontext. Dave Sinclairs Fotos geben einen Überblick über ein Liverpool der De-Industrialisierung, über Auswirkungen der Arbeitslosigkeit, schwierige Wohnverhältnisse. Sie zeigen Konflikte mit Labour- und Thatcher-Regierung, in deren Folge Bergarbeiter, Drucker und Postbedienstete ihre Arbeit verloren, Streiks und politische Kampagnen einen Richtungswechsel bewirkten. Dave Sinclair: "Während BBC eine Menge Zeit und Geld verschwendete, die 'Adelphi'-Dokusoap zu produzieren, war die zentrale industrielle Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts nur einen Steinwurf entfernt: der Streik der Liverpooler Docker betraf tausende Menschen und ein gesamtes Gemeinwesen. Was für eine Dokumentation hätte das sein können! ...Frage ich mich wirklich, warum das nicht geschah? Weil es politisch ist – was für eine Überraschung!"

Damit sind wir am Ende des ersten Blocks.


Anneliese Fikentscher – Trauerfeier für die Opfer des rassistischen Anschlags von Solingen auf dem Gelände der Zentralmoschee DITIB, Köln, 3.6.1993

Im Folgenden geht es um die Darstellung von Betroffenen, die der sozial engagierten Fotografie im englischsprachigen Raum die Bezeichnung „Concerned Photography“ eingebracht hat.

Wir tauchen ein in eine Situation: Köln, 1993, kurz nach den rassistischen Anschlägen von Solingen mit fünf Todesopfern. Im vergangenen Jahr wurde der 20. Jahrestag begangen. Im Bild zu sehen ist die Trauerfeier an der ehemaligen DITIB-Moschee, die inzwischen als Neubau entstanden ist, um den es allerhand politischen Wirbel gegeben hat. Die Kölner CDU sagt Nein zum Neubau, der damalige CDU Bürgermeister Schramma sagt Ja. Es entsteht ein aufgeheiztes Klima, in dem der Schriftsteller Ralph Giordano sich zu Wort meldet: „Es gibt kein Grundrecht auf den Bau einer Großmoschee“. Dieser Satz wird von der als rechtsextrem eingeordneten so genannten Bürgerbewegung Pro Köln dankbar aufgegriffen.


AF Köln – Grundsteinlegung für den Neubau der Moschee (entworfen von Architekt Paul Böhm), Köln, 7.11.2009

Das ist eine Aufnahme am Rande des festlichen Akts der Grundsteinlegung des Moschee-Neubaus im Jahr 2009. Es war keineswegs selbstverständlich, dass diese Moschee gebaut werden konnte. Heute steht sie (nach einem zwischenzeitlich technischen Baustopp) kurz vor der Fertigstellung.


Aus dem Arbeiterfotografie-Projekt "Die Früchte des Baumes mitten im Garten – kurdische Flüchtlinge im Kirchenasyl", 1998

Wir kommen den Menschen näher: Portraits. Flüchtlingsthematik. Hier zu sehen ist eine fotografische Arbeit von 1998. Es ging um kurdische Flüchtlinge im Kirchenasyl. Wir sind ganz nah an die Leute rangegangen, um die Gefühle der Menschen zu vermitteln, die unter ungewissen Bedingungen lebten, von der Abschiebung einzelner Familienmitglieder bedroht. Sorge und Angst: „Kraftwerk der Gefühle“. Die Fotos sind in mehreren Ausstellungen und Städten gezeigt worden. Als Großformate schwebten sie in der Ausstellung „Lebst Du noch oder wohnst Du schon?“ im Oktober 2003 im freien Raum über den Bänken der Frankfurter Katharinenkirche.


Aus der Serie "names no names" aus der Ausstellung "Wacht auf, Verdammte dieser Erde" zum 35jährigen Bestehen des Bundesverbands Arbeiterfotografie im Jahr 2013

Ein ganz wesentlicher Begriff für die abgebildeten und dargestellten Menschen aus der Historie heraus ist die Bildwürdigkeit. In den Anfängen der Fotografie war es nicht üblich, Menschen im Arbeitsprozess oder – in der Folgezeit – engagierte, politisch kritische Menschen neutral geschweige denn kraftvoll und positiv darzustellen. Die Bilder sind weitgehend auf der Strasse entstanden – bei Protesten, beim öffentlichen Eintreten für eine gerechte Sache wie Bleiberecht für Flüchtlinge. Es sind Roma-Kinder dabei. Die einzigen Aufnahmen, die nicht bei Protesten entstanden sind, sind in der oberen Reihe die ältere Dame, die sehr stolz aussieht – das Foto von Senne Glanschneider ist 2009 auf Kuba entstanden – und im Bild rechts oben ein ehemaliger Zwangsarbeiter, der im Rahmen eines Besuchsprogramms der Stadt Köln und des NS-Dokumentationszentrums nach Jahrzehnten (u.a. von HistorikerInnen begleitet) seine alten Wirkungsstätten aufsucht.


AF – Schülerproteste gegen den Irak-Krieg (basierend auf 9/11) am Tag X, dem Beginn des Kriegs, Köln, 20.3.2003

Proteste gegen den Irak-Krieg: das ist der Tag X des heißen Kriegsbeginns. Den SchülerInnen war es unter Strafandrohung verboten, während der Schulzeit auf die Strasse zu gehen. Sie haben sich diesem Verbot aber nicht unterworfen. Es stellt sich die Frage: in welchem Verhältnis steht eine Strafe zu dem, was ich bewirken kann oder will. Kann ich mir leisten, einen Protest zu äußern? Was steht auf dem Spiel. Gibt es eine höhere moralische Verpflichtung, die Widerstand erfordert?


Andreas Neumann – 60 Jahre NATO, Kehl und Straßburg, 4.4.2009

Hinter den Helmen stecken auch Menschen, die manchmal sogar ängstlich sind. Das Foto ist beim 60. Jahrestag der Nato entstanden – begangen in Straßburg und Kehl. Es ging heftig zu. Die Proteste wurden unterbunden. Es wurde neuartige Munition gegen Demonstranten eingesetzt: Schockgranaten und seltsames Feuer, das vom Himmel fiel.


Karl-Reiner Engels – Proteste gegen Neonazis, Dortmund, 4.8.2010

Zu dem Foto sage ich nur: Gewaltenteilung. So etwas kommt vor. Das sind Einsatzbereiche, in denen wir uns als FotografInnen – nicht alle mit einer beruflich fotografischen Ausbildung, aber alle leidenschaftliche AmateurInnen – in eine heikle Situation begeben – der ein oder andere etwas mehr oder weniger mutig. Wir sind engagiert in der Sache, wir sind selbst engagiert und nicht von jemandem engagiert, beauftragt oder bezahlt. Kürzlich ist einem unserer Fotografen bei Protesten um die Rote Flora in Hamburg die Kamera zerdeppert worden. Und man kann auch sonst schon mal was abkriegen. Eines der Transparente bei der dargestellten Protestsituation trug die Aufschrift:  Malcom X: "You can't have capitalism without racism".


Andreas Neumann – Drohender Arbeitsplatzverlust bei der Gerresheimer Glashütte, Düsseldorf, 2.6.2005

Jetzt kommen wir den Menschen im Bereich Arbeitswelt näher. Und das ist eine Arbeitswelt, die auf unterschiedliche Weise gefährdet ist. Menschen geraten in Bedrängnis. Dann ist uns ganz wichtig, die Emotionen darzustellen, Gefühle zu zeigen. Hier sind Kollegen der Gerresheimer Glashütte im Jahr 2005 zu sehen. Immer gehen solchen Situationen lange Kämpfe und Prozesse voraus – mit Hoffnungen, Enttäuschungen und allem, was damit verbunden ist.


AF – Der Rolltreppenhersteller Kone macht dicht, Hattingen. 17.5.2005

Ein paar Monate zuvor läuten die Alarmglocken beim Rolltreppenhersteller Kone in Hattingen im Ruhrgebiet. Die Aufnahme entstand wenige Tage vor der Landtagswahl in NRW, die für die SPD (und deren Kandidat Steinbrück) nicht besonders glücklich ausgegangen ist. Es gab den Wechsel von der rot-grünen zur schwarz-gelben Landesregierung.


Andreas Neumann – Veranstaltung von "Die Linke" anlässlich des Bundestagswahlkampfs, Köln, 7.9.2005

Auch bei diesem Bild gilt die Aufmerksamkeit der Betroffenheit der Menschen. Das Foto ist im Wahlkampf bei einer Veranstaltung der Partei DIE LINKE entstanden.


Publikationsbeispiel

Es handelt sich um ein Bild, das von der Intention, vom Ausdruck her verstanden wird. Hinzu kommt die knappe aber deutliche Textbotschaft „Widerstand...“. Dieser Widerstand soll aber nicht allein auf die Mitwirkung in Parlamenten beschränkt sein. Der wichtigste Widerstand findet gemäß der US-Wissenschaftlerin Jean Grossholtz ohnehin auf den Straßen statt. Das Foto wurde mehrfach abgedruckt – hier im Socialist Worker, London, 2005.


AF – Streik – Nach AEG-Electrolux Nürnberg – unbefristeter Streik bei Electrolux Dormagen, 30.1.2006

Weiterhin Arbeitskampf. Fotografisch finden sich einzelne Agierende jetzt als Bestandteil von Gruppen und im Rahmen einer Szenerie. Hier in Dormagen: Elektrolux-Zulieferer. Auch hier gilt für ArbeiterfotografInnen: das sind Situationen, bei denen wir präsent sind – bei denen wir nicht beauftragt sind – wo wir einfach hingehen, wo wir sagen: das ist uns jetzt wichtig, das sehen wir als unser Thema an. Wir wollen damit unseren Beitrag zur Sozialgeschichte leisten. Seit dem Jahr 2000 gibt es ein digitales Archiv der Arbeiterfotografie – vorher war es auf Film. Das digitale Archiv ist zu großen Teilen im Netz auf der website der Arbeiterfotografie (mit durchschnittlich 350.000 pageviews im Monat) einsehbar.


AF – Problem der Privatisierung als Thema zum 1. Mai, Köln, 1.5.2003

Zum 35jährigen Bestehen des Bundesverbands Arbeiterfotografie meinte Hans Voß von attac Remscheid: „Ihr seid das Bild-gewordene Gewissen eines untergehenden Sozialstaates.“ Und weiter: „Wer, wenn nicht Ihr, sollte seine Finger in die offenen Wunden des geschundenen Rechtsstaates legen? Bitte bleibt am Ball und legt offen, was offen zu legen ist!“ Das haben wir als großes Kompliment und Bestätigung unseres Selbst-Engagements aufgefasst. Wir hoffen natürlich und setzen uns dafür ein, dass der Sozialstaat nicht weiter untergeht. Der SPD-Politiker und Publizist Albrecht Müller spricht vom grundgesetzlich garantierten „Sozialstaatsversprechen“.


AF – Kone, fünf Tage vor der Landtagswahl NRW, Hattingen, 17.5.2005

Landtagswahlkampf – Peer Steinbrück – Hattingen. „Wir wollen die Zukunft gewinnen, ohne das Herz zu verlieren.“ Den Wahlkampf hat er mit diesem „Spruch“ nicht gewinnen können. Menschen wissen, dass Werbung manipulativ ist. Wenn sie nicht authentisch ist, kann der Schuss nach hinten losgehen.


AF – Gerresheimer Glashütte, nach der Landtagswahl NRW (22.5.) übernimmt Schwarz-Gelb, Düsseldorf, 31.5.2005

Und noch einmal die Gerresheimer Glashütte. Für uns FotografInnen stellt sich stets die Frage, wie etwas prägnant (und überzeugend) ins Bild gebracht werden kann. Das ist immer auf’s Neue eine Herausforderung. Das gelingt sicher mal mehr und mal weniger gut. Und jeder Fotograf und jede Fotografin hat eine eigene Handschrift. Eins zeichnet die Verbands-Mitglieder alle aus. Wir sind nicht (!) unparteiisch. Gemäß unserer Satzung fotografieren wir im Interesse der arbeitenden Bevölkerung.


AF – Deutschland auf Halbmast – Gerresheimer Glashütte, Düsseldorf, 31.5.2005

Der untergehende (Sozial-)Staat. Die Frage ist immer wieder: wir lange hält diese Republik noch durch bis zum Crash? Was ist zu tun? Was bricht alles ein? Das Handwerk bricht ein. Uns sind Zahlen von hunderttausenden Arbeitsplatzverlusten bekannt. Ich denke: es gibt was zu tun...


AF – Die Kumpels haben ein Gedächtnis – Gerresheimer Glashütte, Düsseldorf, 2.6.2005

Immer stecken betroffene Menschen dahinter. Und heute denke ich, dass man sie nach all den vergangenen Jahren noch einmal aufsuchen, porträtieren und befragen könnte, um zu erfahren, was aus ihnen geworden ist.


Florian Aicher – Der lange, zähe und verlustreiche Kampf um AEG-Nürnberg – "Der Unternehmer trägt das Risiko – meistens zur Bank" – Nürnberg, 7.2.2006

Das ist eine Aufnahme von Florian Aicher aus Nürnberg. „Der Unternehmer trägt das Risiko – meistens zur Bank“ steht auf einem Transparent geschrieben. Vom „katastrophalen Arbeitsmarkt“ der Region Nürnberg ist die Rede. Die IG-Metall hatte (im Flugblatt der IG Metall, metallnachrichten Januar 2006, Nr. 1) zum Aktionstag gegen die Werkschließung aufgerufen: „Der Streik der 1750 Kolleg/innen ist unvermeidlich geworden. Das Electrolux/ AEG-Management ist in den zwei Verhandlungen seiner Verweigerungshaltung treu geblieben. Statt ein Angebot zu machen, stellten die Herren ein Ultimatum: Sofortige Beendigung der Protestaktionen. Man wollte der Belegschaft das Kreuz brechen und diese sollte das stumm, ohne Aufschrei hinnehmen. Öffentliches Aufsehen um jeden Preis vermeiden, das war die Taktik des Managements.“ Damit der Aufschrei der Beteiligten innerhalb unserer Gesellschaft nicht stumm bleibt oder verhallt, sorgt die Arbeiterfotografie mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln für öffentliches Aufsehen – und hinterfragt die Grundlagen des derzeitigen Systems der ungebremsten Verzerrung der Wirtschaftslage.

Aufklärung und „Klassenbewusstsein“

Im Geiste Willi Münzenbergs, des Gründers der historischen, von 1926 bis 1933 existierenden Arbeiterfotografenbewegung, gilt es, sich alle Mittel anzueignen und für den Kampf um eine menschenwürdige Zukunft nutzbar zu machen. Zunehmender Verelendung und Entwürdigung durch Armut, Kinderarmut, Ansammlung von Millionen Menschen in Arbeitslosenheeren, Bildungsnotstand und fehlender Zukunftsperspektive junger Menschen, dem Bankrott von Staaten, Ländern, Städten und Gemeinden, der Aushöhlung der errungenen demokratischen Freiheiten insbesondere durch das Vorantreiben unumkehrbarer „neoliberaler“ Prozesse, der Beteiligung an (völkerrechtswidrigen) Kriegseinsätzen gilt es entschieden mit dokumentarischen, künstlerischen und journalistischen Mitteln – auch medienübergreifend – entgegenzuwirken. Die unantastbare Menschenwürde ist Voraussetzung auf dem Weg zu einer besseren Gesellschaft. Arbeiterfotografie hat die Aufgabe, an der Entwicklung dieser Perspektive mitzuwirken. (Aus der Grundsatzerklärung anlässlich des 35jährigen Bestehens des Bundesverbands Arbeiterfotografie 2013) (PK)


Anmerkung:

Bei dem hier wiedergegebenen Text handelt es sich um die verschriftlichte Fassung auf der Basis eines frei gehaltenen Vortrags mit anschließender Diskussion.


Hinweis:

Teil 2 des Vortrags "Arbeiterfotografie: Weiterentwicklung eines Erbes"
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20025

Teil 3 des Vortrags „Arbeiterfotografie: Weiterentwicklung eines Erbes“
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=20053

Arbeiterfotografie-Ausstellung bei der Tagung „Von der Arbeiterkultur zur Kultur der Arbeit?“
http://www.arbeiterfotografie.com/verband/2014-arbeiterkultur/ausstellung.html

Online-Flyer Nr. 444  vom 05.02.2014

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