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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
„Hartz 5. Ein Hartz IV-Roman“ - von Peter Hetzler
Der TROTZ der „Schwachen“
Buchtipp von Harry Popow

Tu was dagegen, wenn du zeitweise nur von Brot und Tütensuppen leben musst. Wenn du in einer zum Teil vom Staat bezahlten Mietwohnung sitzt, alleine, langsam an einem Brötchen kaust, zu Mittag eine Kartoffel mit Salz bestreust und unendlich viele Bewerbungen schreibst, um wieder Anschluß ans Erwerbsleben zu finden. Wenn du Absagen bekommst die Menge, wenn du fühlst, du wirst nicht gebraucht, du bist in den Augen mancher Leute der letzte Dreck. Wenn von einem Leben in Würde keine Rede mehr sein kann. Unmerklich verfällst du in Lethargie. Sich gehen lassen. Nichts tun. Böse werden. Faul auf dem Bett liegen. „Auch die sozialen Kontakte“ gehen verloren. „Hartz IV als Entsozialisierungs- und Vereinzelungs-Maschine,“ so Peter Hetzler in seinem Roman „Hartz 5“ auf Seite 20.
 
Der 1955 geborene Autor ist freier Journalist und Mitarbeiter einer südhessischen Erwerbsloseninitiative. Er kennt das Milieu der Erwerbslosen aus eigenem Erleben. Und will sich auch mit dem Buch gegen unhaltbare Zustände wehren. Er versuchte es. Er bot das Buch manchen Verlagen zum Druck an. Doch - wie mitunter üblich - schweigende Antworten. Umso mehr freut es die online-Redaktion der Neuen Rheinischen Zeitung und den Rezensenten, die im Erwerbslosenmilieu angesiedelten lebendigen Berichte auf den 153 Seiten, tatsächliche und fiktive, den Lesern wenigstens auf diesem Wege ans Herz zu legen. 
Sich gehen lassen, sich nicht wehren, wenn man im Recht ist? Nicht so SanSan. Das ist die Hauptgestalt in diesem Roman. Sie hatte, schreibt der Autor auf Seite 13, nach der Mittleren Reife 26 Jahre als Friseurin gearbeitet. Wegen einer Allergie gegen Haarfärbemittel musste sie aufhören, war fünf Monate arbeitslos und bekam eine Umschulung als Online-Redaktionsassistentin. Die Portale, die sie mit Textbeiträgen fütterte, fusionierten mit anderen. Mehr Texter drängten auf den Markt. Die Folge: Aufstocken der Einnahmen durch Hartz IV, bis schließlich nur diese Quelle übrigblieb. „Das war nicht ihre Schuld, aber alle taten so, als ob.“
 
Frau Sandra Sanders, wie sie sich nennt, stattet der Autor mit nicht alltäglichen Charaktereigenschaften aus. Sie ist stark, lässt sich nicht unterkriegen, ist intelligent, kniet sich rein in Gesetze und Bestimmungen, druckt gemeinsam mit den Gleichgesinnten in der Erwerbslosengruppe Flugblätter mit dem provozierenden Satz „Achtung: Das Füttern von Erwerbslosen ist verboten“ und verteilt sie mutig in einer spektakulären Aktion, hilft anderen Erwerbslosen, sich gegen Unrecht zu wehren. Hervorzuheben ist die feinsinnige und warmherzige Art, wie Peter Hetzler die Mitglieder der Gruppe charakterisiert.
 
SanSan erhielt fortan - das kennen leider viele - vom Jobcenter 382 Euro Arbeitslosengeld, außerdem zahlte es Krankengeld und Miete. Das Problem: Ihre Eineinhalbzimmerwohnung kostete 385 Euro, angemessen sei aber nur eine Wohnung für 320 Euro. Also Wohnungssuche. Doch sie erwies sich als ein Schuss ins Leere. Man rümpft halt die Nase, wenn man von einem Arbeitslosen hört. Schließlich bekam sie "Anspruch" auf eine Sozialwohnung. Allerdings standen 431 Personen auf der Warteliste. SanSan gab auf. Bezahlte die 65 Euro Differenz vom Arbeitslosengeld. Blieben zum "Leben“ pro Monat noch 317 Euro. Davon gingen die Gebühren für Strom, Telefon, Internet und andere Festkosten ab. Doch dann klingelte es plötzlich an ihrer Wohnungstür...
 
Damit beginnt der Autor seinen Roman - mit dem unerwarteten Besuch eines „Sozial-Detektivs“ und seiner Begleiterin vom Jobcenter. Man wolle Sozialbetrug aufdecken, sagte der Mann. Er wühlt in Schränken und im Kühlschrank, findet Langnese-Honig, Eier von freilaufenden Hühnern, Litschi- und Pitahayafrüchte. Von welchem Geld sie denn diese teuren Sachen kaufe, wollte der Schnüffler wissen. SanSan verweist empört auf Garten- und geschenkte Produkte und bittet den Ordnungshüter, die Wohnung zu verlassen.
 
So geht das nicht, sagt der Kontrolleur und weist seine Kollegin an: „Notieren Sie: Frau Sanders wird aufgefordert, ihrem Fallmanager eine Liste mit allen im vergangenen Monat geschenkt bekommenen Lebensmitteln aufzustellen.“ Eine Woche später. Ein Brief vom Fallmanager. Da sie keine Liste angelegt habe, werden ihr im kommenden Monat 70 Euro vom Arbeitslosengeld einbehalten... Blieb also von den 140 Euro, die für die Ernährung vorgesehen waren, nur noch die Hälfte. Da brauchte man morgens doch gar nicht mehr aufzustehen. (S. 14) Bei der Tafel für einen Euro einkaufen ginge ebenfalls nicht, denn einer Frau wurde bereits das Arbeitslosengeld mit der Begründung gekürzt, „dass sie bei der Tafel einkaufe“. (S. 19)
 
Der Trotz in ihr bäumt sich auf. SanSan informiert die Erwerbsloseninitiative, die sich "Hartz5“ nennt und sich jeden Dienstagabend trifft. Man solidarisiert sich mit ihr, zumal es bereits ähnliche Fälle im Kreis gibt, und die Mitstreiter raten ihr, die Sache öffentlich zu machen und schlagen eine Demonstration vor. SanSan lehnt ab: „Ich will diese Schweinerei stoppen, und zwar gleich und jetzt. Wir brauchen etwas mit Sofortwirkung“.(S. 17) Eins der Gruppenmitglieder witzelt: Am Ende bestimmen sie noch, wie oft wir die Klospülung betätigen dürfen.
 
Der Hartz 5 – Gruppe gelingt es mit unermüdlichem Fleiß, mit Tricks und akribischen Recherchen im Internet so manche ungehobelten Dinge der Behörden aufzudecken. Es gehe u.a. um die Phrase, man solle sich eine billigere Wohnung suchen. (Nach Recherchen der SanSan im Internet stünden in den letzten zwei Monaten von insgesamt 752 inserierten Wohnungsangeboten für Erwerbslose nur siebzehn zur Verfügung - für insegesamt 1600 Hartz IV-Haushalte!!! „Jeder vierte Hartz IV-Haushalt im Kreis zahlt damit drauf“. (S. 92) Ins Visier nehmen die ruhelosen Erwerbslosen unzumutbare Jobangebote, so zum Beispiel einen Hausmeisterposten für einen Euro die Stunde. Scharf gehen sie ins Gericht mit einer Zeitarbeitsfirma, die „vom Jobcenter Geld dafür bekommt, dass sie ausbildet". „Für jeden, den diese Zeitarbeitsfirma qualifiziert, bekommt sie 650 Euro pro Monat vom Jobcenter“ und nochmals 28 Euro pro Stunde und Arbeitskraft. Damit verdiene die Firma an jedem gut 4100 Euro im Monat netto. Bei zwölf Leuten seien das rund 50.000. (S. 63) Das heißt, die Zeitarbeitsfirma kassiere doppelt. Im Fokus auch deren sieben Wochen Praktikum für Erwerbslose, wo nur vier erlaubt sind. Eine Entdeckung per online: Dabei würden auch Schmiergelder fließen. „Die Schweinerei“, so Peter Hetzler, „war nicht das Schmiergeld. Das war nur Beiwerk. Die Schweinerei war, dass bundesweit mehr als eine halbe Million Erwerbslose in solchen Maßnahmen verpulvert wurden.“ (S. 122) Eine schier endlose Kette von Verstößen nimmt die Erwerbsloseninitiative aufs Korn und eckt an und kämpft und kämpft...
 
Über kleine Erfolge des Widerstandes freuen sich die Hartz 5-Leute ebenso wie die Leser. Einerseits werden die unbotmäßigen Forderungen nach Listen geschenkter Lebensmittel zurückgenommen und das abverlangte Geld zurückerstattet, zwei Mitarbeiter der Behörden werden gefeuert, einem droht ein Strafverfahren. Andererseits sei man beim Problem der Erstattung von angemessenen Mieten für Erwerbslose nicht vorangekommen. (S. 153) Man verlange zum Beispiel eine Erhöhung der Mietobergrenzen um zwei Euro. Doch die Vertreter des „Gesetzes“ schütteln den Kopf: „Die Mietobergrenze für die Kunden des Jobcenters werden nach Recht und Gesetz festgelegt. Daran gibt es nichts zu deuten.“ (S. 115)
 
Bei Kommentaren zu Systemfragen lässt Peter Hetzler zumeist SanSan und die Mitglieder der Hartz5-Gruppe zu Wort kommen. So die Forderung nach einem Mindestlohn, (S. 35), die richtige Feststellung, dass Ein-Euro-Jobs reguläre Arbeitsplätze verdrängen, dass Artikel drei des Grundgesetzes für Erwerbslose außer Kraft gesetzt sei, in dem es heißt, alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Den Mitarbeitern der Jobcenter werden in bestimmten Fällen Unfähigkeit und Ahnungslosigkeit vorgeworfen. Auf die Mahnung eines Angestellten, beim Billigjob leiste man doch etwas für die Gesellschaft, dadurch bekomme man einen ganz anderen Status, kontert SanSan: „Ja, den eines braven Sklaven“. (S. 41)
 
Was tun, wenn man nicht ein noch aus weiß? Wenn man mit allzu kleinen Schritten nicht vorankommt? Wenn man nicht erhört wird? Wenn einem die Schulden über den Kopf wachsen? Wenn man genötigt ist, auf der Straße zu leben? Kopfschüttelnd wird der Leser dann die letzten Seiten dieses Roman-Protokolls verschlingen, auf denen der Autor Unglaubliches schildert. Nur soviel: Es handelt sich um keinen Dumme-Jungen-Streich...
 
Zuletzt fragt man sich ebenso wie SanSan: Weshalb zwingen sie einen, selbst um jede noch so kleine Selbstverständlichkeit zu kämpfen? Was war der Grund? Blödheit? Desinteresse? Schikane? Schlamperei oder Größenwahn? SanSan ist pfiffig genug, um sich selbst eine Antwort geben zu können: Arbeitslosigkeit und die unverschämte Kluft zwischen Reich und Arm - sind sie nicht systembedingt? Es liegt doch auf der Hand: Jeder ist sich selbst der Nächste - trotz zahlreicher sozialer Maßnahmen des Staates. Aufstieg oder Fall - du bist selbstbestimmt und letztendlich für dich allein verantwortlich. Und wer Kraft hat wie SanSan und ihre Mitstreiter, der trotzt den Unwägbarkeiten. Mit mehr oder weniger kleinen Erfolgen. Wer aber gar nicht aus dem Topp kommt, der bleibt halt auf der Strecke. So einfach ist das mit der Moral... „Hartz 5“ - ein notwendiger Roman des Autors, der in viele Hände gehört, um nicht den Boden unter den Füssen zu verlieren... (PK)
 
Peter Hetzler: „Hartz 5. Ein Hartz IV-Roman“, Taschenbuch, 153 Seiten, Verlag: Books on Demand; Auflage: 1 (26. April 2013), Paperback, 9,90 Euro, ISBN 978-3-7322-3790-6, BoD, E-Book: 5,49 Euro, ISBN 9783848282784
 
"Mehr Infos und eine Leseprobe gibt es auf der Website des Autors unter
http://www.peter-hetzler.net/hartz5/."
 
Erstveröffentlichung der Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung
 
Mehr über den Rezensenten: http://cleo-schreiber.blogspot.com
 


Online-Flyer Nr. 418  vom 07.08.2013

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