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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Lokales
Wie der KStA Kölns Geschichte von linken und friedlichen Elementen säubert
Die kleine Zensur nebenbei
Von Werner Rügemer

„Kleine Kölner Lösung“ titelte der Kölner Stadt-Anzeiger, führendes Printmedium des untoten kölschen Bürgertums am 17. Juli 2013. Es ging darum, dass die netten Grünen und die SPD mit ihrer Mehrheit im Kölner Stadtrat den Neubau des Stadtarchivs verzögern. Sie tun das auch dadurch, dass sie die schon beschlossene Unterbringung der Kölner Kunst- und Museumsbibliothek (KMB) in dem Neubau infrage stellen. Die obrigkeitshörigen Stadtratsfraktionen, die sich gewohnheitsmäßig-demokratisch jedem von Bundes- und Landesregierungen aufgezwungenen Kürzungsdiktat beugen, argumentieren fantasielos, beugen, argumentieren mit den weiter sinkenden Haushaltsmitteln. Der Stadt-Anstreicher kommentierte das natürlich nicht so wahrheitsgemäß und despektierlich wie gerade geschehen, aber die Fakten nannte er und soweit machte er nichts falsch.
 

Alfred Neven DuMont
Foto: © Raimond Spekking / CC-BY-SA-4.0
(via Wikimedia Commons)
Dass diese Zeitung des jahrzehnte-langen FDP-Mitglieds und medialen FDP-
Sponsors Alfred Neven DuMont selbst um aggressive Wertungen nicht verlegen ist, zeigten die redaktionellen Hausdiener kürzlich unter anderem dadurch, dass sie eine sogenannte Bürger-Initiative zusammenschoben, um gegen den Bau des jüdischen Muse- ums und anderer Baulichkeiten zu protestieren (Siehe KStA: „Es brodelt in der Bürgerschaft“, 4. Januar 2013 und dazu den Kommentar zu den Kölner Brodel-Bürgern in der Neuen Rheinischen Zeitung vom 16.1.2013 „Sturm gegen das Jüdische Museum“
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=18652).
 
Aber diesmal ging es in dem Artikel „Kleine Kölner Lösung“ erstmal sachlich weiter. Es wurde zutreffend berichtet, dass inzwischen bundesweit die Verzögerung des Neubaus, der das Kölner Stadtgedächtnis nach dem Einsturz des alten Archivs beherbergen soll, heftig kritisiert wird: Verband deutscher Archivare, Verband der Historiker Deutschlands, Gesamtverein der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine und Verband der Geschichtslehrer Deutschlands.
 
Dann erwähnt Martin Oehlen, der Verfasser des Artikels, dass auch die „Interessengemeinschaft der Vor- und Nachlassgeber des Historischen Archivs der Stadt Köln“ gegen die Verzögerung des Neubaus protestiert hat. In dieser Interessengemeinschaft haben sich etwa 25 Personen zusammengeschlossen, die die Archivbestände von Schriftstellern, Künstlern, Wissenschaftlern, Verlagen und Organisationen dem Stadtarchiv vor dessen Einsturz anvertraut hatten. Die Interessengemeinschaft will Auskunft von der Stadtverwaltung über den Umgang mit den geborgenen Materialien und will die Möglichkeit von Schadenersatz klären.
 
Dann heißt es im Stadt-Anzeiger, die Redaktion habe „aus der Vielzahl der Unterzeichner der Protestnote eine kleine Auswahl“ getroffen. Folgende Namen seien genannt, und sie werden hier alle wiederholt, auch um diese Initiative hier bekannt zu machen: Mary Bauermeister, René Böll (Erbengemeinschaft Heinrich Böll), Peter Busmann (Architekten Busmann und Haberer), Anne Dorn, Ingeborg Drews, Renate Gruber (Fotograf Fritz Gruber), Mario und Oliver König (Professor René König), Helge Malchow (Verlag Kiepenheuer & Witsch), Frank Möller (Köln-Archiv), Robert HP Platz, Elisabeth und Leo von Wittgenstein (Familienarchiv).
 
Da fehlen einige Mitglieder der Interessengemeinschaft, die mir, ehrlich gesagt, nicht weiter bekannt sind: Sabine Barth (Literarische Gesellschaft Köln), Liselotte Freusberg (GEDOK), Michael Gerster, Gisela Kutz (Karl Henniger), Hans-Wilhelm Verbeek, und da kann man beispielsweise streiten, ob etwa Hans Verbeek, ehemaliger Leiter des Hochbauamts und Stadtkonservator, verantwortlich für die Kölner Messehallen und den Hafenspeicher, bei einer solchen Auswahl vernachlässigt werden kann oder nicht.
 
Dann aber: Alles Un-Bürgerliche, Linke und Friedliche fehlt in der Auswahl: Guido Grünewald (Deutsche Friedensgesellschaft), Franz-Josef Heumannskämper (William Pearsson, schwarzer Bariton aus Tennessee/USA, studierte in Köln, weltberühmt u.a. durch Porgy & Bess, im Nachlass u.a. Briefwechsel mit den Komponisten Hans-Werner Henze und Mauricio Kagel), Christiane Haerlin (Sozialpsychiatrie), Dorothee Joachim (Witwe von Jens Hagen, Kölner Schriftsteller, dessen umfangreicher Nachlass dem Archiv anvertraut worden war), Rainer Kippe (Sozialistische Selbsthilfe Mülheim, SSM), Werner Rügemer (Pahl-Rugenstein-Verlag), Jörg Sädler (Arthur Sädler, Gründer des Rheinischen Motettenchors, komponierte mit kölschen Mundarttexten), Frolinde Weber (Hermann von Berg, DDR-Ministerrat, organisierte das Treffen Brandt/Stoph 1970 und leitete mit der SPD die Anerkennung der DDR und die neue Ostpolitik ein, 1986 ausgebürgert, nach 1990 Lehrtätigkeit an der Humboldt-Unversität Berlin). Pfui! All das gehört nicht zur Kölner Geschichte, beschließt der Redakteur aus dem Verlagshaus des FDP-Herrn.
 
Nun könnte der fleißige Auswähler in der Stadt-Anzeiger-Redaktion noch damit argumentieren, dass wie für jeden Artikel in einer Zeitung nur ein begrenzter Platz zur Verfügung stehe. Aber auch das Argument sticht nicht, denn bei der Zensur unterlief dem Diener seines Herrn noch ein gravierender Fehler. Wenn man schon zensiert, dann kommen leicht weitere Unsauberkeiten dazu.
 
Oehlen druckte nämlich auch Unterzeichner ab, die den Protest gar nicht unterzeichnet hatten: Auch diese Namen seien der Information halber hier genannt: Hans Bender (Schriftsteller), Kurt Groenewold (Hans Mayer), Marcel Odenbach (Nöcker), Annette Pollmann (Gerhard Ludwig), Dorothee Schneider und Erich Schneider-Wesseling (Architektenbüro Schneider-Wesseling), Jürgen Wilhelm (Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit). Wenn Oehlen diese Namen korrekterweise weggelassen hätte, hätte er Platz für alle Unterzeichner gehabt.
 
Was Herr Oehlen sich dabei genau überlegt hat oder ob er diese kleine, zudem handwerklich unsaubere Zensur routiniert-halbschläfrig im Dienste seines Herrn erledigt hat, überlassen wir der Spekulation. Entscheidend ist, wie der gewichtige Vertreter des gesamtdeutschen Bürgertums, Dr. Helmut Kohl, bekanntlich einmal sagte, was hinten herauskommt.
 
Auf der Titelseite der Stadtanzeiger-Ausgabe desselben Tages prangte im Farbfoto Bundeskanzlerin Angela Merkel. Mit Verlagspatriarch Alfred Neven DuMont besuchte sie den neu eingerichteten „Newsroom“ der Zeitung und warb um Stimmen für ihren abgestürzten Koalitionspartner FDP. Da war sie bei Väterchen Alfred richtig. Bei solchen schwierigeren Aufgaben geht’s wohl auch um routinierte Zensur und Unsauberkeiten auf höherem Niveau - worüber wir bei nächster Gelegenheit berichten, falls das noch nötig sein sollte. (PK)

Hinweis der Redaktion:
Als Ergänzung zu dem Artikel von Herrn Oehlen könnte Sie auch ein NRhZ-Artikel der vergangenen Woche interessieren: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19256 
 
Werner Rügemer ist Kölner Schriftsteller, Publizist, Lehrbeauftragter, Berater und hat zuletzt die Bücher Colonia Corrupta, 6. grundlegend überarbeitete und erweiterte Auflage, Westfälisches Dampfboot, Münster 2010, ISBN 3-89691-780-3 (7. Auflage 2012)
»Heuschrecken« im öffentlichen Raum: Public Private Partnership - Anatomie eines globalen Finanzinstruments, transcript, Bielefeld 2008, ISBN 978-3-89942-851-3, 2. erweiterte und aktualisierte Auflage 2011 und
Ratingagenturen - Einblicke in die Kapitalmacht der Gegenwart, transcript, Bielefeld, 2012, ISBN 978-3-8376-1977-5, spanische Ausgabe Januar 2013
 
 


Online-Flyer Nr. 416  vom 24.07.2013

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