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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Big-Brother-Award 2013 für den Steakhaus-Konzern Maredo?
Überwachen, bespitzeln, entlassen
Solidaritätskomitee für die Maredo-Mitarbeiter

Am 26. November 2011 entledigte sich der Steakhaus-Konzern Maredo fast der gesamten Belegschaft der Filiale in der Frankfurter Freßgass (1). Dabei wendete er die Methode „Schock und Entsetzen“ an. Am 26.11.2011 gab es in dieser Filiale „zufällig“ einen Stromausfall. Nachdem alle Gäste aus dem dunklen Lokal verschwunden waren, kamen etwa ein Dutzend Manager (2), Rechtsanwälte (3) und Sicherheitskräfte. Die verängstigten Mitarbeiter blieben stundenlang im dunklen Lokal, ohne Erlaubnis zu telefonieren, ohne Kommunikation miteinander. Einzeln wurden sie verhört und vor die Alternative gestellt: Eigenkündigung schreiben und keinen Stress mehr haben, oder stattdessen Kriminalisierung und fristlose Kündigung.
 

Solidaritätskundgebung für die Maredo-
Belegschaft in Frankfurt
NRhZ-Archiv
Etwa ein Dutzend KollegInnen hielt dem Druck nicht stand, wollte nichts wie raus, schrieb die eigene Kündigung. Ein Kollege ist bei der Aktion kolla-biert, mehrere Kolle-ginnen sind immer noch traumatisiert. 14 KollegInnen erstatteten Strafanzeige gegen Maredo wegen Frei- heitsberaubung und Nötigung. Die Staats-anwaltschaft ermittelt immer noch (4).
 
Der Vorwand für die Aktion: Alle Mitarbeiter hätten angeblich gestohlen. Um dies zu „beweisen“, hatte Maredo im Vorfeld – natürlich gesetzeswidrig ohne Zustimmung des Betriebsrats – die KollegInnen monatelang durch zwei „verdeckte Ermittler“ (= professionelle Spitzel und Provokateure) ausgeforscht, und über mindestens vier Wochen mit drei geheimen Kameras durchgehend beobachtet. Nachdem jede Bewegung aufgezeichnet war, wurde dies monatelang ausgewertet und interpretiert. Jede Kaubewegung wurde als Diebstahl bezeichnet; dicke Aktenordner mit angeblichen Dokumentationen wurden zusammengestellt. Das Frankfurter Arbeitsgericht hat sich in erster Instanz weitgehend auf Seiten Maredos gestellt (5).
 
Niedriglöhne
 
Tatsächliche Gründe für die Massenentlassung sind allerdings: Die KollegInnen in Frankfurt waren zu alt, zu teuer und zu eigenwillig. Die meisten kannten Maredo noch von Anfang an. Sie haben noch alte unbefristete Verträge. Und sie sind deshalb zu teuer. Maredo stellt heute seine Mitarbeiter mit 7,50 Euro brutto ein, ein Niedriglohn, der die Kollegen zwingt, zusätzlich Hartz zu beantragen. Die KollegInnen waren zu 80 Prozent gewerkschaftlich organisiert, ein für die Gastronomie hoher Prozentsatz. Und sie unterstützten ihren Betriebsrat, der auch in der Tarifkommission gegen die Niedriglöhne antrat (6).
 
Maredo will: betriebsrats- und gewerkschaftsfreie Zonen (7), verunsicherte Mitarbeiter, die alles mit sich machen lassen, und noch billigeres Personal. Dies auch deshalb, weil Maredo seit 2005 dem Private-Equity-Unternehmen ECM (8) mit Sitz in Frankfurt gehört. Solche Kapitalgesellschaften kaufen „mittelständige Unternehmen“ wie Maredo, um sie nach fünf bis sieben Jahren gewinnbringend weiter zu veräußern. Das stünde jetzt wieder an.
Ist der Ruf erst ruiniert …
 
Alles genauestens vorbereitet
 
Was bringt nun Maredo dazu, solch eine Aktion wie am 26. November durchzuführen? Musste der Konzern denn nicht gewahr sein, dass dies schlechte Presse geben wird? Nein, musste er nicht. Maredo ging gar kein Risiko ein. Alles war genauestens vorbereitet. Schon im Vorfeld hatte man die Kollegen befragt: Was haben sie für eine Schulbildung, Ausbildung, Studium? Angeblich wollte „der Staat“ das wissen; „Neues Modell“, wie so oft. Niemanden hat dies gewundert. Nur wenige Kollegen haben geantwortet, doch schon daraus wurde klar: hier gab es keine Jura-Studenten, d. h. keine Gefahr. Vor normalen Arbeitern hat man keine Angst.
 
Mit Gegenwehr war so eigentlich gar nicht zu rechnen: Der Betriebsleiter Pantelis Markou hatte die Aktion von vornherein unterstützt, sein Stellvertreter war in Familienzeit und somit außen vor; dem einen Assistenten hatte man einen Wechsel anempfohlen, denn hier würde er schließlich schwerlich Karriere machen; der hatte dann auch schon zuvor gekündigt. Der zweite Assistent allerdings war ein unsicherer Kantonist: zwar hatte er sich in den Betriebsrat wählen lassen, doch ging man davon aus, dass er sich unsolidarisch verhalten werde. Das „Personal“ – oder: Wer alles hatte ein Interesse an einer erfolgreichen Aktion am 26.11.11?
 
Ausschaltung des Betriebsrats
 
Die Ausschaltung des Betriebsrats war schon lange beschlossene Sache. War er zuvor nur unbequem, war er jetzt unhaltbar, schließlich fiel er in der bundesweiten Tarifkommission mit ernsthaften Forderungen auf, für die Arbeitgeberseite negativ.
 
Der Regionalleiter Joachim Amend arbeitete längst darauf hin. Bisher hatte es aber nie geklappt. Für ihn wäre es eine Erfolgsmeldung gewesen, er hätte davon ablenken können, dass seine Region die mit den schlechtesten Zahlen ist.
 
Der Personalchef Michael Glowig aus der Düsseldorfer Maredo-Zentrale, der vor wenigen Jahren von Gate Gourmet kam, hatte auch noch keine ersichtlichen Erfolge im Personalwesen vorzuweisen. Selbst bei den Tarifverhandlungen zur Systemgastronomie saß er auf Seiten der Arbeitgeber-Organisation DEHOGA im Abseits.
 
Der Innenrevisor von Maredo, Olaf Richter, war mit großer Freude bei der Aktion am 26.11.2011 dabei, und auch bei der Auswertung der Videoaufnahmen. Immer noch weiß keiner, was die Aufgabe eines „Innenrevisors“ ist. Aber sicher ist, durch seinen Einsatz wurde aus einem Niemand ein Jemand mit einer gewissen Bedeutung.

Uwe Büscher (links) - "Vater" des gesamten Unternehmens
Foto: Maredo Handels GmbH
 
Der Geschäftsführer von Maredo in Düsseldorf, Uwe Büscher, ist nicht nur in der Konzernzentrale für sein cholerisches Temperament bekannt. Jetzt konnte er endlich mal sein Mütchen kühlen, wenn auch nur aus der Ferne. Für alle diese Menschen war der 26. 11. 2011 ein Tag, auf den sie hin fieberten. Sie hatten lange genug warten müssen.
 
Findige Rechtsanwalts-Kanzlei
 
Möglich gemacht hat dies die Findigkeit der Rechtsanwalts-Kanzlei Buse, Heberer und Fromm (9) in Essen. Deren Arbeitsrechtsabteilung musste endlich wieder höhere Umsätze einfahren: Da kann man nun darauf warten, bis einem etwas durch Zufall in den Schoß fällt, oder man kann ein Ereignis provozieren. Die Vorbereitung eines Massenrauswurfs mit Erfolgsgarantie versprach schon im Vorfeld erhebliche Tantiemen. Bei Erfolg war ein neues Geschäftsmodell geschaffen, und Aufträge ohne Ende wären an Land zu ziehen. Jan Tibor Lelley war federführend bei der Vorbereitung und Durchführung der geplanten Aktion, Hilfe erhielt er in der eigenen Agentur durch die Rechtsanwältin Bianca Brier, Anregungen von Jürgen Masling.
 
Die Zeit bis zum 26. November haben Maredos willige Helfer sinnvoll genutzt zur theoretischen und praktischen Untermauerung ihrer Konstrukts: So schufen sie eine Argumentationslinie basierend auf ihren Vorwürfen, untermauert mit ihren „Beweisen“, die wiederum den illegalen Einsatz von Video und Spitzeln (ohne Genehmigung des Betriebsrats, unter Umgehung des BetrVG) rechtfertigen sollte. Dafür wurde sogar ein „Notwehrrecht“ des Eigentümers reklamiert.
 
Kommandoaktion völlig normal
 
Die ursprüngliche Frage des Risikos haben wir bereits gestreift: Das Risiko, durch eine Kommandoaktion wie am 26. November 2011 in der Öffentlichkeit das Image eines schlimmen, bösartigen Unternehmens zu erhalten. Gerade in einer Branche, die stark von ihrem Ruf lebt, und als ein Unternehmen, das geradezu krampfhaft versucht, Wettbewerbe als „bester Arbeitgeber“ zu gewinnen (10).
 
Also zurück: Eigentlich war es kein Risiko: Gegenwehr war nicht zu erwarten. Doch dies war eine Fehleinschätzung. Maredo wurde von der Öffentlichkeit überrascht, der juristischen und politischen Gegenwehr, der Solidarisierung, und dem Engagement der Gewerkschaft NGG. Zudem von der Dauer des Widerstands (11).
 
Maredo, das seine Aktion am Rande des Legalen als gerechtfertigt und völlig normal betrachtet, hat sich an der Medienfront professionelle Hilfe geholt (12), seine eigene Darstellung firmenintern und gegenüber der Presse gegeben (13) und gegen unliebsame Berichterstattung juristisch vorgegangen, (z.B. gegen TV-Sender und die Frankfurter Linken), auch hier mit den besten und teuersten Anwälten (14).
 
Eindeutige Parteinahme einiger Medien
 
Verhielten sich die bürgerlichen Medien (15) in den meisten Fällen neutral bis ausgewogen, fielen einige Medien durch eindeutige Parteinahme auf (16): Die als liberal geltende „Süddeutsche Zeitung“ überschrieb ihren Artikel am 15.5.2012 mit „Grillen und Stehlen“; nicht unbedingt überraschend verhielt sich die „Bild“-Zeitung Frankfurt; Und in einem Kommentar in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ gibt Volker Rieble seinen Lesern die Erlaubnis, wieder guten Gewissens bei Maredo Steaks essen zu gehen. Maredos „klammheimliche Freude“, so schreibt er, „die ist erlaubt“.
 
Auch von diesen Rückschlägen lässt sich die Frankfurter Maredo-Solidarität nicht schrecken. Jetzt im Januar 2013 haben sie zum 50sten Mal in Folge vor der örtlichen Filiale in der Fressgass demonstriert, sie sind dabei bei der internationalen Kundgebung mit Kollegen der unterschiedlichsten europäischen Gewerkschaften am 23. Januar in Brüssel. Und sie haben Maredo als Kandidaten angemeldet für den Big-Brother-Award 2013. Die Chancen stehen nicht schlecht. (PK)
 
Anmerkungen
(1) Michael Brächer: Freiheitsberaubung – Schwere Vorwürfe gegen Steakhaus-Kette Maredo, Handelsblatt, 5.12.2011
Felix Helbig: Maredo-Prozess in Frankfurt. Kündigung für ein Steak und eine Olive. Frankfurter Rundschau, 18.6. 2012
Daniel Behruzi: Wildwest bei Maredo, Steakhauskette feuert fast komplette, gewerkschaftlich gut organisierte Belegschaft und Betriebsräte in einer Filiale in Frankfurt am Main wegen angeblichen Diebstahls. junge Welt, 3.1.2012
(2) Unter anderen der Personalchef Michael Glowig, der Revisor Olaf Richter und der Regionaldirektor Joachim Amend.
(3) Dr. Jan Tibor Lelley: http://www.buse.de/rechtsanwaelte-steuerberater/rechtsanwaelte-steuerberater-details/lawyer/dr-jan-tibor-lelley-llm-rechtsanwalt.html
(4) Christian Scheh, Steakhaus-Streit geht weiter. Frankfurter Neue Presse, 28.11.2012
(5) Elmar Wigand: Enttäuschende Urteile und überraschende Durchsuchung. http://arbeitsunrecht.de/?p=597#more-597
(6) Volkhard Mosler: Unkonventionelle Methoden der Gewinnsteigerung. http://marx21.de/ content/view/1701/32/
(7) Aussage von Maredo-Seite während der Frankfurter Prozesse: „Wir haben keine Probleme mit Betriebsräten“. Anfang 2012 hat Maredo den sehr aktiven Betriebsrat in Osnabrück de facto zerschlagen, indem er die fristlose Kündigung der Betriebsrats-Vorsitzenden Jacqueline Fiedler betrieb. Maredo ist die Kollegin inzwischen los, die in einen Vergleich eingewilligt hat.
(8) Vgl. Web-Auftritt von ECM
(9 ) http://www.buse.de
(10) http://www.maredo.de/maredo-gruppe/ aktuelles/details/article/maredo-ausgezeichnet-als-bester-gastronom.html, Webauftritt Maredo
http://arbeitsunrecht.de/?p=175, 27.3.2012, PR-Agentur pimpt Maredo: “Berlins bester Arbeitgeber” junge Welt, 21.3.2012, Daniel Behruzi, »Bester Arbeitgeber« des Tages: Maredo
(11) Seit einem Jahr, - bei Schnee und Sonne, bei Hitze und Kälte, bei gutem oder schlechtem Wetter - steht das Solidaritätskomitee jeden Samstags am frühen Nachmittag vor der Maredo-Filiale in der Frankfurter Fressgass‘, um die Öffentlichkeit zu informieren. Im Komitee engagieren sich auch etliche der ehemaligen Mitarbeiter.
(12) http://altcramer.com
(13) Arbeitsunrecht, 21.6.2012, Maredo-Prozess erhitzt Gemüter / Kleine Presseschau http://arbeitsunrecht.de/?p=454; food-service, 27.3.2012, Maredo: Fall demnächst vor Gericht
(14) Anwaltskanzlei ScherzBergmann
(15) siehe Anmerkung 1, aber auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung, RTL und ARD.
(16) Maredo-Prozess erhitzt Gemüter. Kleine Presseschau, http://arbeitsunrecht.de/?p=454, 21.6.2012; Helga Einecke und Sibylle Haas: Grillen und Stehlen, Süddeutsche Zeitung 15.5.2012; Volker Rieble: Verfehlung, FAZ 9.9.2012
 
NRhZ-Artikel über die Vorgänge bei Maredo im vergangenen Jahr:
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=17948
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=17926
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=17849
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=17774
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=17714
 
Solidaritätskomitee für die Maredo-Mitarbeiter, Frankfurt
Kontakt: Volkhard Mosler, 0157 – 7185 – 9219, volkhard.mosler@gmx.de
Spendenkonto: Volkhard Mosler
Frankfurter Sparkasse von 1822,
Kto-Nr. 124 637 8815, BLZ 500 502 01
Kennwort: Maredo-Solidarität


Online-Flyer Nr. 390  vom 23.01.2013

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